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Verlag Langgasse 21

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Zrsitag. 29. Dezember 1916.

Morgen'Kusgabe.

Nr. 632. ♦ 64. Jahrgang.

Die Zrredensfrage.

O Berlin, 27. Dezember.

Wilsons Note ließ es mit vermutlich nicht unbeab­sichtigter Dunkelheit im Unklaren, wie der Anregung zu einem Gedankenaustausch über den Frieden weitere Folge gegeben werden könnte. Unsere Ant­wortnote macht einen Strich durch diese Unklarheit und legt Wilsons Aktenstück dahin aus, daß der Präsident die Wahl des Weges offen lasse. Das tut er ja schließlich auch, jedoch mag man fragen, ob ihm nun gerade die Folgerung, die wir und unsere Ver­bündeten aus diesem Offenlassen ziehen, die will­kommenste sein wird. Unsere Folgerung ist, daß Wilson ganz selbstverständlich einverstanden mit dem vorge­schlagenen Zusammentritt von Bevollmächtigten der kriegführenden Staaten an einein neutralen Orte sein werde. Stimmt Wilson zu, so würde sich also eine Mög­lichkeit der unmittelbaren Fühlungnahme ohne irgendwelche Mitwirkung einer neutralen Macht darbieten, und das ist gerade das. was wir wollen und auch wollen müssen. In ungemein geschickter Weise legt unsere Note die Anregung des amerikanischen Prä­sidenten so aus, daß sie sie in zwei bestimmt getrennte Teile zerlegt, von denen der eine die Friedensver­handlungen umfassen soll, der andere die Her-- stellung einer überstaatlichen Organisation nach Abschluß des Friedens. Die Friedens- Verhandlungen sollen, so teilt unsere Note nach Washington mit, ohne das Hinzntun von nichtkrieg­führenden Mächen geführt werden, die späteren Bemühungen, um zur Verhütung künftiger Kriege zu gelangen, sollen von allen Staaten gemeinsam, also auch von den neutralen, verwirklicht werden. Ob sich Wilson den Verlauf der Dinge nun gerade so gedacht hat, wie ihn unsere. Note vorzeichnet, das mag dahin­gestellt bleiben; vielleicht wird er finden, daß wir ihn zu schnell bei einem Worte genommen haben, das er etwas anders meinte, als wir es nunmehr verstehen. Aber wer sagt uns denn, daß die Ereignisse gerade in der Richtung verlaufen werden, die durch unser Frie­densangebot, durch die Wilson-Note und durch unsere Antwort auf sie umschrieben wird? Es bleibt nun doch einmal so, daß auch die Feinde das Wort haben und daß ihr Wort darum mehr bedeutet als das unsrige, weil erst ihre Zustimmung oder aber ihre Weigerung eine klare Grundlage für das weitere schaffen kann. Unser Wille zu Friedensverhandlungen nützt nichts, auch Wilsons Anregung kann nichts nützen, wenn der V i e r v e r b a n d nein sagt. Freilich liegt die Ant­wortnote des Vierverbandes noch nicht vor, aber was kann sie wohl bestenfalls enthalten? Nach den wider­wärtigen Schimpfrede n der Pokrowsky, Lloyd George und Brian d schwerlich mehr als das Ersuchen, unser Vierbund möge feine Friedens- bedingungen bekanntgeben. Und da wir nun schon zur Genüge vernommen haben, ivelches Schicksal uns die Feinde zugedacht haben, gehört ein starker Glaube dazu, wenn man annehmen Null, daß selbst unsere maß­voll st e n Friedensbedingungen aus der Gegenseite anders als mit Hohn und Spott werden empfan­gen werden. Man ist ja gern geneigt, von der Ein­leitung der Friedensfrage, zu der unser Vierbund sich entschlossen hat, die Wirkungen zu erwarten, wie sie unseren im Bewußtsein unserer Stärke möglich gewor­denen Voraussetzungen und Forderungen entsprechen, aber der Vierverdand will offenbar nicht, wobei es zunächst gleichgültig bleibt, ob er sich in der seltsamen Hoffnung, doch noch siegen zu können, oder in der sinnlosen Verzweiflung über seine festgefahrene Lage weigert. Jedenfalls weigert er sich. Die vom französischen Senat angenommene Tagesord­nung, wonach die Republik „mit einem Feinde, der sein Gebiet besetzt hält, nicht Frieden schließen kann", be­deutet denn doch mehr als beliebige Zeitungs­artikel. Er drückt den unerschütterlichen Willen zum Weiter kämpfen öis zu „einem siegreichen Ende" aus, und wenn die Kammerkommission für die auswärtiaen Angelegenheiten den Präsidenten gleich­zeitig aufforderte, Wilsons Note üb e r h a u p t nicht zu beantworten, so haben wir einen Zustand vor uns, der schwerlich als Vorbote von Frie­densneigungen im gegnerischen Lager verstanden werden kann. Es wird gewiß noch manches Hinundher in den Künsten und Kunstfertigkeiten der Diplomatie geben, und da der Friedenswille unseres siegreichen Vierbundes ehrlich ist, so brauchen wir selbst inmitten der Intrigen und Winkelzüge der Feinde die Erwar­tung auf eine Fortsetzung der Unterhaltungen über den Frieden nicht ganz a n f z u q e b e n. Aber immer wieder müssen wir uns darauf einrichten/ daß der Krieg fortdauern soll, und wir glauben, ec w i r d s ort­dauern. Darum bleibt es aber nichts weniger als gleichgültig, wie dazu Amerika und wie Amerika zu uns steht. Es darf uns eine Genugtuung sein, daß unser Friedensangebot von Herrn Wilson unmöglich

anders denn als nützliche Vorarbeit für seine eigenen Bemühungen ausqefaßt werden kann. Wie' der Präsident im letzten Ende über den Frieden denkt und wem er den Sieg und den Gewinn wünscht, das steht auf einem anderen Blatte; aber ftlbst, wenn die schwärzesten Farben in dieser Hinsicht znträfen, und ge­rade dann, wenn sie wirklich zutreffen sollten, ist es unser Vorteil, daß die Tinge bisher einen Ver­lauf genommen haben, durch den unsere Feinde jetzt auch diplomatisch in eine Lage voller Ver­legenheiten gebracht worden sind.

*

Kaiser Karls Vertrauen auf nuten Ausgang der Friedcnsaktion.

iDratztvericht unseres k^i.-Sonderberichterstatters.)

Ni. Budapest, 23. Dez. (ab.) Kaiser Karl sagte in einem Gespräch mit dem Grasen Julius Andrassy, er glaube, daß die Friedensakticm uns bald dem Frieden näher­bringen werde.

Eine fchweizerischc Kundgebung an Wilson.

Eine Anzahl hervorragender schweizerischer Politiker und Regiernnyslente haben laut der „Köln. Zdg." an den Präsidenten Wilson ein Delsgramm gorichtst, worin sie ihn für die hochherzige und entschlossene Initiative, mit der er «inem aussichtslosen Ringen zweier annähernd gleichstarker Mächtegruppen sin Ziel zu setzen sucht, ihrer herzlichen Dankbarkeit nnd vollen Sympathie ver­sichern. Sie gehen der Hoffnung und dem heißen Wunsch Ausdruck, >datz dieser Schritt nicht umsonst sein möge, daß vielmehr die -kriegführenden Völker und Regierungen einisehcn möchten, daß es im gegenwärligien Krieg keinen Sieger und keinen Besiegten gehen könne, und daß dtejeni- gsn, die der Einladung des Präsidenten WWson keine Folge leisten, «ine furchtbare Verantwortung auf sich Ltden. Jur schweizerischen Volk findet der Schritt des Bundesrats tiorbehaMofe -und freudige Zustimmung.

Holländische Sympathie-Kundgebungen für Wilsons Schritt.

W. T.-B, Amsterdam, 23. Dez. (Drahtbericht.) Zahl­reiche holländische 3t atio naiverbände haben gestern dem Präsidenten Wilson telegraphisch ihre freudige Sympathie mit seinem Schritt zur Anbahnung von Frie­densverhandlungen ausgedrückt, so u. a. der Antiorlograad, die freisinnig-demokratische Partei, der nationale Frauen­bund, der allgemeine Protest nitenbund, der christliche Arbei­terverband, die Vereine Patrimonium, Friedensbund, Friede durch Recht und das internationale Frauenkomitee für einen dauernden Frieden.

Ein holländischer Sozialdemokrat zur Fricdcussrage.

Amsterdam, 27. Dez. (zb.) In der gestern hier abge- baltenen Weihnachtsversammlung der sozialdemokratischen Partei führte der Abg. S k h a p e r aus, daß Deutschland zwar noch nicht Sieger sei; aber daß es den efften Schritt zum Frieden gemacht habe, stehe in der Weltgeschichte fest. Seinen mit ihren Sy mpathi en fast durchweg im Lager des Vier­verbandes stehenden Parteigenossen legte er dringend ans Herz, daß die holländische Sozialdemokrate neutral bleiben müsse und daß es töricht sei, fortwährend nur für die eine Seite Partei zu ergreifen. Der Redner warnte vor Professoren und gewissen Journalisten, die gern mit dem Vierverband los- jchlagen möchten. Man blicke doch auf Rumänien. Selbst die verlierende Partei könne Holland noch leicht Niederschlagen. Fortwährend kritisiere und greife man die Regierung an, aber obwohl diese nicht demokratisch sei, begreife sie ihre Aus­gaben und Pflichten wahrend des Krieges gut.

Oer Nrieg Rumäniens.

Die Durchbrechung der russischen Zront bei Mmnicul-Zarat in der Gstwakachei.

Zu unseren jüngsten Genecalstabsberichten wird uns ge­schrieben: Unsere 9. Armee hat neue Lorbeeren rm Kampfe gegen die Russen und Rumänen um ihre Fahnen gewunden. Während am Tage vorher in Richtung auf Brarla von dem Zentrum der 9. Armee ein großer Erfolg erzielt worden war, sind jetzt die Kämpfe unseres linken Flügels zum siegreichen Abschluß gelangt. Schon vorgestern erfuhren wir, daß diese zum Teil im Gebirge kämvf-ende Truppe rm schwersten Ringen stand, das für unsere verbündeten Heere be^its recht erfolgreich verlausen war. Wir haben auf dem rechten feind­lichen Flügel den Russen oen Widerstand gegen unsere vor­dringende Armee genommen. Die Russen batten südlich vom Rimnicul-Sarat mehrere stark befestigte Stellungen auf langer Front errichtet, um hier dem siegreichen Vordringen unserer Truppen erfolgreich Widefftand leisten zu können. Unsere ruhmgekcönten Scharen wurden ber weder durch die Anzahl des Feindes noch durch seine Befestignngswerke daran gebindert, auf der vorgeschriebenen Straße vorwärts; wringen. Bei dem zähen und starken Widerstande des Feindes war das Ringen schwer und langandauernd. Um so erfreulicher ist es, daß es unseren Truppen jetzt gelungen ist, die starken Stellungen des Feindes mehrfach zu durchbrechen und den Feind zu schlagen. Aie Gefangennahme von über 10 000 Mann und einer stattlichen Anzahl von Maschinengewehren

ist das beste Zeugnis für die Größe unseres Sieges. Auch weiter östlich in der Dvbrudscha sind neue Erfolge erzielt worden. Der Kampf um den Brückenkopf Marin ist in bestem Gange und erfolgreichem Fortschreiten. Auf der ganzen rumänischen Front, vom Gebirge im Westen bis zur Küste im Osten, konnten nunmehr unsere Linien weiter gegen den Feind vorgeschoben werden, was um so bedeutsamer ist, als der Feind sich immer mehr seiner starken Festungs­linie nähert und dadurch an Widerstandskraft durch die Möglichkeit des schnellen Nachschiebens von Reserven und Kriegsmaterial aus den Festungsgebieten ge­winnt. Auch das nahe Rußland trägt jetzt offenbar nach besten Kräften zur Stärkung deS Feindes bei, ohne daß allerdings alle diese Maßnahmen den Siegeszug unserer Truppen Niederhalten können.

Die Kmnmando-Verhältnissc im rumänisch» russischen Heer.

J»i-. Genf, 28. Dez. (Eig. Drahtbericht? zb.) Wie fran­zösische Blätter aus Petersburg melden, bleibt das Kommando über die rustisch-rumänische Front in der Hand des Generals S a ch a r o w. Die Leitung des rumänischen Heeres über­nimmt General Averesru. Nach einer Meldung des „Echo de Paris" sind 359 090 Mann in der Moldau zusammen» gezogen und in russische Verbände eingeteilt worden.

Der zunehmende Flüchtlingsstrom nach Südrußland.

(Drahtbericht unseres L.-Soiiderberichterstatters.)

L. Kopenhagen, 28. Dez. (zb.) Aus allen Teilen Ruß­lands gehen Nachrichten über den nicht mehr einzudämmenden Flüchtlingsstrom ein. der sich einesteils aus Rumä­nen, zum anderen Teil ans Russen zusammensetzt, und sich unaufhörlich ins Land ergießt. Nach einer amtlichen Meldung aus Kitschinew ist dieser Strom täglich im Wachsen be­griffen. Die Gouverneure von Beßarabien und Podolien ordnen umfangreiche Maßnahmen an zwecks Unter­bringung der Flüchtlinge. Anfangs befanden sich unter ihnen gebildete und gutgestellte Personen, jetzt sind es beson­ders Arbeiter und Bauern.

Französische Sorgen zur (Eroberung der Dobrndscha.

Genf, 28. Dez. (zb.) Die Pariser Presse sieht sich zu sehr ernsten Erörterungen über die Folgen der russisch-rumänischen Niederlagen in der Dobrndscha veranlaßt. Der „Temps" und der „Matin" sprechen die Ansicht aus, daß die freigewordeneu Kräfte der Mittelmächte nickt nur gegen die russisch-rumä­nische S e r e t h f r o n t eingesetzt werden, sondern auch zur weiteren Verstärkung der Deutschen und Bulgaren in Maze­donien Verwendung finden könnten. Der „Matin" findet das um so bedenklicher, als die Heeresleitung von Saloniki gegen­wärtig nur auf französischen Zuzug angewiesen ist.

Deutschlands wirtschaftliche Leistungen

im Jahre 1816.

Kon Geh. -ReWevU'ivgSvat Prof. Dr. Hermann Schumacher.

- Schon vor dem Kriege stand Deutschlands Volks­wirtschaft, wie keine andere, unter dem Zeichen der Organisation. Sie hatte durch zielbewußte Zu­sammenfassung gut vorgebildeter Einzelkräfte ihre Ge- samtkrast weit über das Verhältnis der Bevölke- r u n g s z a h l e n hinaus gesteigert und gerade dadurch ringsum den Neid erregt, der so viel zum Ausbruch des Krieges beigetragen Hai. Aber der Krieg ist zum Verbreiter deutscher Organisationsgedanken geworden. Sein für unsere Feinde ungünstiger Verlaus hat bei ihnen viele bisher unüberwindlich scheinende Wider­stände niedergerungen und insbesondere das auf seinen Individualismus einst so stolze England immer mehr genötigt, wirtschaftlich wie militärisch das Vorbild der geschmähten „B a r b a r e n" zu befolgen. Zivar können aus Haß geborene Energie und Hartnäckigkeit an erzogene Disziplin und Organii itronskraft nicht voll ersetzen; aus dem Stegreif Geschaffenes ist nicht so wirksam wie langsani Gewachsenes. Aber damit darf sich Deutschland nicht begnügen; will es den alten Vorsprung, dem es bisher seine Erhaltung dankt, wahren, so muß es im stürmischen Sieqeszug des Or­ganisationsgedankens weiter kraftvoll die Führung be­halten. Der Vorsprung darf sich nicht mindern, er muß noch wachsen. Diese Erkenntnis gab vem deut­schen Wirtschaftsleben des vorigen Jahres fern einzig­artiges Gepräge, wie hat das Jahr 1916 in Deutsch­land zum Jahr der gewaltigsten Organisation gemacht, das bisher je ein Volk erlebte.

Zunächst ist der Ausbau der Kriegswirtschaft ver­vollständigt und verbessert worden. Unter den vielen Beweisen unserer Friedensliebe wird später die Tat­sache eine besondere Rolle spielen, daß wir auf wirt­schaftlichem Gebiet fast unvorbereitet in den Krieg gegangen sind. Plötzlich, wie das Bedürfnis auf­tauchte, mußte die gereiste Organisationskrast unseres Volkes die vielen Lücken ohne einheitlichen Plan, so gut es ging, aussüllen. Aus dem Augenblick geboren, reichten diese zahllosen Zufallsgründungen lür den