—
-. . .
--
Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. >- s
Nr. 303.
Donnerstag, 28. Dezember.
1916.
(7. Fortsetzung.)
, begann er, „rch habe dir eine romantische Geschichte zu erzählen, ich hoffe, daß du mich dann ab- solvierst
»Ich weiß schon alles", fiel die Tante nickend ein.
„So, hat Sofie es d.ir schon gesagt?"
„Nein, Sofie nicht, aber . . ."
„Dann laß es dir lieber erzählen: Ich habe mich soeben verlobt!"
„Du? Verlobt? Das ist ja nicht möglich!"
„Mit dem schönsten Mädchen im Saal, mit Sofie Metru. Aber sag' es noch keinem heut abend! Die ^Eltern wollen nicht einwilligen, darum komme ich zu 'mr. Geh' du morgen hin und wirb für mich!"
„Die! — Sie wollen nicht? Aber Unsinn! Du, aus einer der ältesten Familien! Laß mich nur machen!"
„Ja, Tante, ich hoffe auf dich, ich lege mein Glück m deine Hände. Jetzt kann ich hier nicht bleiben. Du wrrst begreifen: sie immer zu sehen und nicht mit ihr sprechen zu dürfen . . . .1"
Keiner weiß, ehe er es nicht ausgeprobt, welche Fülle von Verstellungskunst in ihm liegt!
George war starr vor sich selbst, als er durch die bden Straßen nach Hause fuhr. Dort warf er sich auf ern Sofa und — hätte weinen mögen.
Sofie glaubte im Traum zu wandeln. Wie Schup- Pen frei es ihr von den Augen. Er war hoch und edel, thr Reichtum hatte ihn bisher ferngehalten. Sie aber, sie hatte sich von der Kleinlichkeit der Eltern beein- flussen lassen. Wer weiß, löcfäfye Schwierigkeiten die tfjrn bereitet hatten! Und sie >elbst, in ihrer niedrigen Eifersucht, war sie nicht fast unhöflich gegen seine Cou- sine gewesen? Das mußte sie gut machen! Sie wollte mit Frau Navru reden. Doch was ihr sagen, das nicht erst recht beleidigend wäre?
Zögernd machte sie einige Schritte, — da wurde sie von Fürst Demeter eingeholt, der ihr den Arm bot.
„Ich möchte Sie um etwas bitten", sagte Sofie — ihr war, als müsse sie dem Tanzsaal entflieheil. „Lassen Sie mich hinunter in Raouls Zimmer gehen!"
, „Er wird schlafen", entgegnete der Fürst kalt. „Es tst Mitternacht vorbei. Doch — wenn Sie es befehlen . . . ."
Sofie ließ sich von einem Diener zu Raouls Zimmer rühren, wo sie leise anklopfte. Die Gouvernante war noch nicht schlafen gegangen und öffnete.
. Raoul erwachte und richtete sich im Bett auf: „Wie schön sind Sie, Sofie!" sagte er ganz bestürzt.
Sie kniete an seinem Bett nieder. Solch Bedürfnis stach Liebe hatte sie in diesem Augenblick. Sie um- schlang den Knaben. Er berührte die türkischen Gold- Münzen in ihrem krausen, schwarzen Haar und sagte langsam: „Ich möchte Sie gar zu gern eininal tanzen sehen!
„Das sollst du auch!" — Sie richtete sich auf, und, Fen Knaben mit strahlenden Augen anblickend, rief sie: i«n meinem Hochzeitstage sollst du mit mir tanzen!"
Der Bojar.
Ein Roman aus Rumänien von M te «remnktz.
(Rachdruck vrrbolkN.1
,_»Ach nein, Sofie, heiraten Sie nicht. . . gehe«
Sie nicht fort!"
»Ich gehe nicht fort... im Gegenteil, dann werden wir uns öfter sehen . . ." Mit einem Abschieds- kuß entfernte sie sich.
Die Gouvernante hotte alles mit cmgehört: „Also das ist deine neue Strefmama?" — sagte sie.
Raoul blickte sie starr an. Seinen Vater wollte Sofie heiraten? Nein! Das ging nicht! Sie kannte rhn nicht. O, der Vater, der ist schrecklich. . . . Neulich . . . neulich ließ er den Koch peitschen, weil ihm das Essen nicht behagte. Der Koch selbst hatte es Raoul erzählt und hinzugefügt, er würde den Fürsten noch umbringen . . . Raoul konnte vor Angst zwei Nächte nicht schlafen. . . .
Auch jetzt konnte er nicht einschlafen. Er sann nach, was er denn tun könne? Morgen dürfe er gewiß nicht zu. Sofie — aber, wenn er ihr schriebe? Der Stall- knecht würde ihm schon den Brief besorgen . . .
In diesem Gedanken fand er endlich Ruhe.
. Sofie fuhr unterdes mit ihrer Mutter nach Hause. Dm Mutter begann: „Ich habe es diesem Belescu
ordentlich gegeben! Wenn der noch nicht gemerkt hat, daß er bei der Wahl durchfallen wird, weil wir gegen ihn arbeiten, dann ist er düminer, als ich geglaubt!"
Sofie schwieg. Sie lehnte sich an ihre Mutter und küßte sie.
Dann sprach sie: „Meine liebe Mama, du meinst es so gut!"
Frau Petru war Zärtlichkeiten von ihrer Tochter nicht gewohnt.
„Laß nur, mein armes Kind, wir werden dir schon einen anderen Mann finden!" entgegnete sie sehr ge- rührt.
Sofie war nicht imstande, ihrer Mutter zu sagen, daß sie den gefunden, den sie liebte. Er würde ja mor- gen selbst kommen, und es war süß, ein Geheimnis mit ihm zu teilen.
Als sie in ihrem Zimmer allein war, entkleidete sie sich vor dem Spiegel und betrachtete aufmerksam all ihr Eigen . . . Dann sagte sie laut: „Ja, er ist mein, für immer mein!"
Tante Golnof hatte ihre Rolle aus dem Ball gut gespielt! Wer bis nach dem Souper geblieben, erfuhr, daß George Belescu längst mit Sofie Petru verlobt sei, daß die jungen Leute nur noch warteten, weil die Eltern nicht genug Mitgift geben wollten . . . Diese Darstellung wäre ihrem Neffen nicht die angenehmste gewesen, aber sie schien Frau Golnof.die natürlichste.
Fürst Demeter zuckte die Achseln, als man es ihm erzählte. Die anderen alle hatten jetzt plötzlich immer geglaubt, daß an der Geschichte mit Frau Navru kein wahres Wort sein . . .
Paula merkte den Umschwung der Stimmung zu ihren Gunsten nicht mehr. Sie war, nachdem sie der--
