Nr. 302.
) Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagbiatlr. r -' j===a
Mittwoch, 27. Dezember.
1916.
(6. Fortsetzung.)
Oer Bojar.
' in Roman aus Rumänien von Mit» Kremnitz.
(Nachdruck verboten.)
„Daraus wird das Gerede entstanden fein. Er ist wahrscheinlich wütend. Hatte schon überall von dir als seinem Schwiegersohn gesprochen und zieht sich nun auf diese Weise aus der Affäre."
„Er ist gemein genug dazu, und da es skandalös klingt, werden es alle glauben."
„In vier Wochen spätestens ist es vergessen", tröstete Rosco.
„Aber. Paula! Ihren Ruf vom ersten Lage an zu untergraben!"
„Du weißt ja, bei uns wird über die ehrenhafteste Frau geredet. Dem wäre sie keinesfalls entgangen."
George stand auf: „Mir ist der Appetit ver
gangen. . .
«o empfahl er sich und ging langsam nach Hause.
Konnte er sich ettvas vorwerfen? Nein, er hatte nichts getan. Es war ihm klar, warum gerade er derjenige sein mußte, der emen Schatten aus den Ruf der geliebten Frau warf. Das Schicksal ist immer grausam — so sann er — ich hätte sie mit meinem Herzblut bor Leid schützen mögen, die Fügung hätte doch mich auserwählt, es ihr zuzufügen! Ich muß versuchen, es wieder gut zu machen. Wie? Betrete ich ihr Haus Nicht mehr, so heißt es. Navru habe mir die Schwelle verboten; bin ich oft bei ihm, so sagt man: ganz wie bei Berts! Der Mann ist imrner intim mit dem An- öeter der Frau! —
So überlegte Georgs Belescu — und es schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: Sofie Petru zu heiraten ..... um alles Gerede zu ersticken! Aber er schämte sich.
Sein Leben war bisher wahr rmd würdig gewesen. Sollte er jetzt, wo er damit umging, seine Stelle aufzugeben und politisch tätig zu sein, das neue Leben mit einer Feigheit und Gemeinheit beginnen? Er war unter der Jugend dieses Landes eine Ausnahme, war einer, dem noch daran lag. in den eigenen Augen Wert zu behalten; er war überzerlgt, daß er nur mit reinen Händen an der Wohlfahrt des Landes arbeiten könne. .... Er war eben noch wirklich jung!
Warum strebte er, den regierenden Fürsten zu entfernen? Was denn war es, was er ihm nicht verzeihen konnte? Seinen Zynismus! Und nun sollte er, George Belescu, ein Mädchen heiraten, ohne daß die Liebe es verlangte . . .? Oder . . . oder . . . weil die Liebe zu einer anderen es verlangte?
Ihm war so elend zumute, daß er sich unfähig kühlte, in dre Versammlung zu gehen: auch wollte er Navru nicht begegnen. Der würde ihn dringend ein- laden. und er sehnte sich zu sehr nach Paula, um sich die Freude, sie zu sehen, zu gestatten. . . . Seine Liebe war in eine neue Phase getreten, seitdem er Paula als junge Frau wiedergesehen. Unbewußtes war bewußt
« eworden. Und nun die Verleumdung ihre beiden kamen zusammen nannte, war ihm bange vor sich selbst. —
Um Navru zu vermeiden, hatte er nicht durchaus' zu Hause bleiben müssen. Denn Navru hatte schließ- sich vorgezogen, seine Frau nicht allein zu lassen. Auch Verr war rn dieser Versammlung nicht erschienen.
Als Fürst Demeter sich von den zu Hause ge- bliebenen Stützen seiner Partei verlassen sah, hielt er einen stummen Monolog: „Wie! Ich sollte sie nicht verachten, diese Leuchten unserer rumänischen Gesellschaft?! Sie haben nicht Ernst noch Ausdauer! Alles ist Spiel bei ihnen, alles Gaukelei! Mit denen kann ich ja machen, was ich will! Sie nutzen nichts als Ge- nossen und schaden nichts als Gegner. Den Belescu bin ich schnell los geworden — ein Paar braune Augen und schon ist aller patriotische Enthusiasmus ver- raucht!" —
Acht Tage später war der große Ball beim Fürsten Demeter. Cleopatra Veri strahlte als Königin des Festes. Sie hatte sich in einen rosa Schleier gehüllt, alles war rosig an ihr. „Die Farbe der Feen" — sagte der fürstliche Hausherr, als er sie in den Saal führte.
Aber auch Sofie Petru war schön — in ihrem phantastischen Kostüm. Ihr weißes Kleid trug türkische Goldfaden-Stickerei, und türkische Goldmünzen schmück- ten ihr schwarzes Haar. Das Auge, kalt wie immer,
a länzte nur, als Frau Navru mit einem freundlichen !ruß an ihr vorbeiging.
, Paula, in Lichtblau gekleidet, trug Mohnblumen rm Haar. Als das Gedränge sie einmal in George Belescus Nähe brachte, winkte sie ihn heran und fragte: „Bin ich nicht schön? Weißt du, warum ich Mohn- blumen trage?"
Sie schaute ihn kindlich zuversichtlich an. Kokett war sie nicht . . . und doch hatte sie sich geschmückt, um ihm zu gefallen. „Meine Mohnblume" — das war ernst sein Kosewort gewesen, in kindlichen Tagen.
George nickte ihr schweigend zu. Spielte sie wissentlich mit dem Feuer?
, Als er sie zum letzten Mal besucht, da schien sie gedrückt und hatte verweinte Augen. Damals hätte er gerne gefragt: Warum? Er konnte es nicht. Er furch- rete ihr Geständnis.
Jetzt lächelte sie glücklich: „Ich habe dir einen Tanz aufgehoben!"
Er notierte den Tanz und ging dann aus ihrer Nähe. Ihm war, als höre er überall von Paula sprechen. Einmal irrte er sich nicht. Es war Zoe Navru, die zu seiner Tante Golnof sagte: „Ich habe es immer gewußt! Kannte ich doch die Mutter! Nicu hörte leider nicht auf uns. Allerdings, daß Paula so bald anfangen würde . . . Dabei behauptet Nicu, fein« Frau habe Grundsätze! O! O!I" Die Damen lachten.
Fürst Demeter richtete an George die Frage, weshalb er an der Versammlung mcht teilgenommen. „Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn nicht auch Navru gefehlt hätte", setzte er lächelnd hinzu.
