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Mittwoch. 27. Dezember 1916. Nr. 629. ^ 64. Jahrgang.

Oie Zriedensfrage.

Die Politik kennt, wie die Kriegführung, keine Feiertage, darf sie auch am allerwenigsten zu einem Zeit­punkte kennen, wo die Frage der Anbahnung von Frie­densverhandlungen auf die Tagesordnung der Welt ge­setzt ist. Darum überrascht es nicht, wenn Wilsons Friede ns note vom 21. 'Dezember am zweiten Weihnachtsfeiertage von Deutschland beantwortet worben ist. Aber ganz abgesehen von der Selbstver- ständlichkeit, eine weltbewegende Angelegenheit durch Feiertage kamen Aufschub erdulden zu lassen, entspricht die schnelle Beantwortung der amerikanischen Note dem Wesen des Schrittes, den Deutschland mit seinem Friedensangebot am 12. Dezember getan hat. Dieser Schritt trägt in den Augen jedes unbefangenen Beur­teilers den Stempel der Offenheit und Ehrlich­keit so deutlich an sich, daß es als ihre natürliche Wirkung erscheint, wenn er durch rasche Antwort auf die Friedensnote bekräftigt wird.

Der Sache nach kann die deutsche Anttvort gleichfalls nicht überraschen. Steht doch der Zweck der Wilson- Note im Einklänge mit dem deutschen Vorschläge vom 12. Dezember, eine Aussprache unter den sich be­kämpfenden Staaten herbeizuführcn. Ta Wilson das gleiche anregt, wird seinein freundschaftlichster Ge­sinnung gemachte Anregung" von Deutschlandin freundschaftlichem Geiste" ausgenommen. Nennt die deutsche Antwort Wilsons Anregungy o ch h e r z i g", so hält sie sich damit aus derselben Linie, die in der Friedensnote des schweizerischen Bundesrates einge­nommen wird, der von der ..überaus verdienstlichen persönlichen Initiative" Wilsons spricht. Eine der- artige Initiative des amerikanischen Präsidenten ist mit der gleichzeitigen W a h r n e h ra u-n gderJnter- essen Amerikas vollkommen vereinbar: Wilson

selbst hat in der Friedensnote wiederholt hervorgehoben, daß-er in der Friedensfrage das Wort ergriffen habe, weil die Interessen der Union dies erheischten. Der -»deutsche Hinweis auf die Unmittelbarkeit des zlvischen den Kriegführenden angestrebten Meinungsaustausches spricht dafür, daß Deutschland aus der Anerkennung der Großherzigkeit Wilsons keine übertriebenen Schlüsse ableitet. Deutschlands Bereitwilligkeit, an der Verhütung künftiger Kriege mitzuarbeiten, wird naturgemäß der Beendigung des jetzigen Krieges n ach- geordnet. Daß letztere vorher erfolgt sein muß, ehe sich die Welt mit der Verhütung künftiger Kriege befaßt, leuchtet ohne weiteres ein und wird auch in der amerikanischen Friedensnote ausdrücklich anerkannt. Von sachlicher Tragweite ist in der deutschen Antwort endlich die Kundgebung der Geneigtheit, an einem neutralenOrte mit den Vertretern der feindlichen Mächte zusammen zu kommen. Vom Boden des diplo­matischen Brauches aus betrachtet, erhärtet diese Ge­neigtheit die in: deutschen Friedensangebot vom 12. De­zember ausgesprochene Überzeugung, daß die eigenen Rechte und begründeten Ansprüche der Mittelmächte in keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Natio­nen stehen. Die Richter-Pose, in der Llohd George die Mittelmächte vor das englische Tribunal ladet, sticht von dem neuen Beweis der versöhnlichen Haltung Deutschlands grell genug ab.

Bei der blinden Vernichtungs- und Eroberungssucht .der Entente ist es trotzdem nach wie vor zweifelhaft, ob >die Bemühungen zur Herbeiführung eines Ansichten- siustausches zwischen den Kriegrührenden Erfolg haben iwerden. Der lärmende Widerspruch, den die französi­sche Presse, wie wir in der Morgenausgabe mit- iteilten. wie auf Kommando gegen die schweizeri­sche Friedensnote eingelegt hat, muß in dieser Beziehung als ein weiteres Anzeichen erscheinen. Legte -sich die französische Presse Wilson gegenüber noch eine merkliche Rücksicht auf, io glarchte sie gegenüber der kleinen" SchweizEuropas übertünchter Höflichkeit" lentraten zu dürfen. Eine derartige Unterscheidung zwi­schen dem großen Bruder Jonathan und dem kleinen Nachbar, der dem hochurütig-verrannten Franzoientum !in der Friedensfrage wohl als aufdringlich werdender .Savoyardenknabe" vorkommt, ist für die französische Ritterlichkeit kennzeichnend. Wer inmitten des inter­nationalen Zusammenbruches sich einen. Rest der Fähig­keit bewahrt hat, das Handeln einer ausländischen Re­gierung gerecht zu beurteilen muß in dem würdig- biederen Anschluß der Eidgenossenschaft an die amerikanische Friedensaktion einen Schritt sehen, der seine Urheber als die mannhaften .Vertreter einer Politik echter Menschlichkeit und berech- itigter Wahrnehmung eigener Lebensinteressen ehrt.

Berliner Pressestinrmen zur Antwort der Mittelmächte nn Wilson.

W. T.-B. Berlin, 27. Dez. Zur deutschen Antwort auf Wilsons Friedens note heißt es imBerliner Tageblatt": Die deutsche Regierung hat nicht ecst gewartet, bis zu ihrem «geuen KriedeMantzebot die Antwor-t der Entente

vorläge, sondern hat unabhängig von diesemI a' oderRein" der Entente die ihrige sofort nach Washing­ton geschickt. Die Note der deutschen Regierung an den Prä­sidenten der Vereinigten Staaten zeichnet sich durch die Wärme und durch die Klarheit der Sprache aus.

DerBerliner Lokal-Anzeiger" meint: Schon aus der Tatsache, daß die deutscki: Regierung die Weihnachtsfeiertage nicht vorübergehen lassen wollte, ohne dem Präsidenten der Bereinigten Staaten auf die aus seiner eigensten Initiative bervorgegangene, aber sich in der Richtung unseres Friedens­angebots bewegende Note zu antworten, müssen selbst unsere Feinde die Überzeugung gewinnen, daß wir es mit unserem Friedensangebot erasc gemeint haben. Sollte der Präsident der Vereinigten Staaten durch unsere Note veranlaßt wer­den, unsere Feinde zur Entsendung von Vertretern zum Zwecke von Friedensverhandlangen nach einem neutralen Orte zu bewegen, so sind wir doch weit entfernt davon, uns der Hoffnung hinzugeben, daß dieser Schritt in London, Paris, Petersburg oder Nom Erfolg haben wird.

DieTägliche Rundschau" sagt: Die Willenskundgebung unserer Regierung, den Streit mit unseren Feinden ohne mitraten oder mittaten von Neutralen in klarer Verhandlung zum Austrag za bringen, sei sehr er­freulich, denn sie gebe uns die Gewähr, daß wir eine Ein­mischung am Kriege Nichtbeteiligter in Mi:. Forde­rungen eines unfete Interessen sichernden Friedens mit Ent­schiedenheit a ö l e y n e n.

Berlin, 27. Dez. (zb.) DieBossische Zeitung" bemerkt zu der deutschen Antwortnote an Wilson: Wir konnten die Äußerung des Oberhauptes einer großen Macht nicht ver­achtungsvoll beiseite schieben. Aber wenn wir auch dem Präsi­denten der Vereinigten Staaten freundschaftlich antworteten, so dürfen wir uns nie über die Gefahr im Unklaren sein, die aus der amerikanischen Anregung für uns hervorgehen kann. Nimmt man an, daß der Beschluß des französischen Senats, sich auf Friedensverhundlungen nicht einzulassen, be­reits die Rote unserer Feinde auf die deutsche Note vorweg nimmt, so wäre damit unsere Anregung und die des ameri­kanischen Präsidenten illusorisch und der Krieg geht weiter. Dann hat das amerikanische Volk die Möglichkeit, darüber zu befinden, wie es seine Interessen schützen wird, und dann werden wir ja sehen, ab die amerikanischen Jnter- ess'en sich mit den Interessen irgend einer kriegführenden Partei enger berühren, als wir bei uns anzunehmen geneigt waren.

DieBerliner Morgenpost" sagt: Wir unsererseits können zufrieden sein, daß das von w ihrer Menschlichkeit diktierte Friedensangebot Deutschlands und seiner Verbündeten die deutsche Regierung in Me Lrge versetzt hat, dem Präsidenten Wilson nach so kurzer Frist eine ebenso kurze und er­schöpfende, wie freundliche Antwort zu geben. Es bleibt nun nach wie vor abzuwarten, wie die Antwort der Entente ans unser Friedensangebot ausfalleu wird. Ange­sichts der völligen Übereinstimmung zwischen uns und Herrn Wilson zweifeln wir nicht daran, daß er nunmehr alles tstn wird, um die leitenden Staatsmänner der Entente von der verstockten Bosheit und dem hartnäckigen Trotz, womit sie bis­her unserem Friedensangebot begegnet sind, abzubringen und sie einer Annahme unseres Vorschlages geneigter zu machen.

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Die Antwort der Pforte auf Wilsons Note.

W. T.-B. Konstantinopel, 27. Dez. (Drahtbericht. Meldung der Agence Milli.) Der Minister des Äußern hat heute nach­mittag dem amerikanischen Botschafter Elkus die Ant­wort der Pforte auf die Note Wilsons übergeben, die mit der der anderen Verbündeten gleichlautend ist.

Die bevorstehende Antwort der Entente . an Wilson.

Br. Lugano, 27. Dez. (Erg. Drahtbericht, zb.) ^ie Stampa" erfährt aus guter Quelle- Die Antwort der Entente an Wilson und die Schweiz dürste lediglich in einer Mitteilung der an die Mittelmächte gerichteten Note bestehen. Man frage in Rom mit einer gewissen Besorgnis, cb die Liga der Neu traben tatsächlich existiere und welchen Einfluß sie auf die Verproviantierung der Eutente- staaten ausüben könne.

Auch Spanien sebt sich für die Ariedens- aktiou ein. i

Br. Genf, 27. Deg. (Mg. Drahtbericht. Ab.) Die spani­sche Regierung Meß in Rom eine Note überreichen, die sich dem Gckdwnkengaing der amerWan-iischen unld Schweizer FriÄdensnote anschvießt.

Eine Liga der Neutralen bereits Tatsache?

Br. Lugano, 27.,Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) Dem , Giornale d'Jtalia" zufolge äußerte ein hervorragender Amerikaner in Rom, daß schon heute eine feste Liga der Neutralen bestehe, mit den Bereinigten Staaten an der Spitze. Namentlich die Vereinigten Staaten litten jetzt wirtschaftlich ungeheuer unter dsni Druck des Weltkrieges. Die Liga sei gegen jedwede Hegemonie.

Schweden und die Friede«rskrage.

Stockholm, 27. Dez. (zb.) Wie Lite Pariser Presse be­hauptet, boaüfichtligt Schweben, sich cm der Friedensaktion der Rcuffxile« zu Maiiiyßn. Der schweidisM Gesandte, in Paris

G h ld L n sto p p e «Märte einem Wer kreier !desJournal", es sei muiir selbstverständlich, «daß Schweden und die übrigen nörMchsn Staaten mit Amerika aiuiib der Schweiz zusammeng-ingen. Schweden bsabsichiige indessen n i ob t, irgend einen Druck auf die kriegführenden Mächte aus- zuüben, und wolle nur seine Interessen und seine Unab­hängigkeit wahren.

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Der Nationnlkongrefi der französische« Sozialisten.

Von Henderson und Baudervclde wird die Fortsetzung des Krieges befürwortet.

W. T.-B. Paris, 27. Doz. (Drahtbericht.) Die Agence Havas meldet: Zu der Sitzung des sozialistischen Natio­nalkongresses, der am Sonntag zusammentrat, waren, wie üblich, einige Führer der sozialistischen Parteien des Auslandes eingeladen. Abgeordneter M i st r o l begrüßte die Genossen Vandervrlde, Henderson, Roberts und Rubanowitsch, len Vertreter der Partei der revolutionären Sozialisten Ruß­lands. Der englische Minister Henderson und das Unterbausmitglied Roberts hielten Reden. in englischer Sprache an die Versammlung, die verdolmetscht wurden, und in denen sie erklärten, daß der Krieg bis zur Sicherung eines dauernden Friedens weitergeführt w erden müsse. V a n d e r v e l d e üüerbrachte dem Kongreß Sen Äruß der belgischen Sozialistenpartei, sowohl der Sozialisten, die Zuflucht auf französischem Boden suchen mußten, wie der- lenigen, die in den besetzten Gebieten Belgiens geblieben seien. Der Redner erklärte, man müßte den Kampf fort- setzen bis zur Befreiung Belgiens, Serbiens und der fran­zösischen Provinzen, und bis man einen endgültigen Frieden ohne erzwungene Annexionen haben könnte, der den kleinen Staaten die Freiheit gebe., über ihr Schicksal zu entscheiden, einen Frieden, der die Niederlage des Cäsaren­tums bringen und die Wiederherstellung der Arücrterinter- . nationale ermögliche. Nach dieser von häufigem Beifall auf- aenommenen Rede ging der Kongreß zur Erörterung der finanziellen Berichte über.

W. T.-B. Paris. 27. Dez. (Drahtbericht. Meldung der Agence Havas.) Der sozialistische Kongreß erörterte vor­mittags die Teilnahme der Mitglieder der sozialistischen Gruppen an den parlamentarischen Arbeiten. Verschiedene Abgeordnete setzten ihre versönliche Stellung zum Parlament auseinander. Der Abgeordnete Compere-Morel kritisieite die Teilnahme von Sozialisten an der Regierung, sprach sich jedoch für die Beibehaltung von Albert Thomas in dem gegenwärtigen Ministerium aus, denn sein Rücktritt würde einen ungünstigen Eindruck auf die öffentliche Meinung machen. Der Redner fügte hinzu, in den: Augenblick, wo sich die diplomatischen Noten mehren, ist es von Wichtigkeit, daß Frankreich nicht entmutigt wird. Die Stimme der Geschütze darf nicht schweigen, oder man darf nicht .stauben, daß sie. nachläßt.

Die Stimmung itt England.

Ein aus England zurückgekehcter und in einem nordischen Hasen gelandeter Neutraler berichtet derKöln. Bclksztg.", er habe bezüglich des d e,i t s ch e n F r i e d e n s a n g e b o t r s van maßgebenden Politikern erfahren, daß es sehr will- k o m m e n gewesen wäre, weil unbedingt der Krieg so nicht weitergehen könne und eine Änderung aus jeden Fall e:n- treten müsse. Wenn der Krieg noch weiter fortgesetzt werde, drohten Schtvierigkeiten in England selbst, die Bevölkerung ertrage nur sehr schwer die mit dem Kriege in Zusammenhang stehenden Beschwerden. Vor allen Dingen aber sei Uneinigkeit unter den Verbündeten selbst zu befürchten, namentlich unter den Führern der verbündeten Armeen. Lloyd George, so äußert der Gewährsmann des Kölner Blattes sich weiterhin, genießt das grüßte Ver­trauen, und man ist fest davon überzeugt, daß er genügend Advokat und Kaufmann sei, um den Deutschen dje bestmög­lichsten Bedingungen schon vor einer etwaigen Konferenz herauszulocken und sie darauf sestzuleqen. Man fühlt sich deutschen Unterhändlern schon im voraus über­legen und hofft selbst bei den eigentlichen Verhandlungen noch bedeutende Vorteile heraus.zuschlageu. Man nimmt an, daß die Verbündeten zunächst das Friedensangebot in schärffter Weise a b l e h n e n werden, dabei aber doch ein Hintertürchen offen lassen, um es doch zu Verhandlungen kommen zu lassen, um, wie gesagt, möglichst viel herauszu­schlagen. Die Stimmung unter der Bevölkerung ist sehr schlecht. Die Preise stad unverhältnismäßig hoch. Im Durchschnitt sind sie um 100 Prozent höher als in Frie­denszeiten, und teilweise sind Lebensmittel überhaupt nicht zu erhalten. So sind z. B. Milch und Zucker sehr selten, ferner Eier und andere Lebensmittel zeitweise gar nicht zu erhalten. Der Unterseebootkrieg wird sehr ge - f ü r ch t e t und Lord Robert Cecil soll geäußert haben, daß auf jeden Fall verhindert werden müsse, daß die Deutschen den verschärften Unterseebootkrieg noch einmal wieder ein­führen. Zu diesem Zweck müsse man 'die sich an den denk- ichen Vorschlag etwa anknüvfenden. Verhandlungen mög­lichst lange hinzieh-on.

Zeichen von Friedenssehnsucht in Russland.

Kopenhagen, 27. Dez. (zd.) Aus den vuWschsn ZeÄAmgM geht lhenvor. daß seit der EMänuny Pokrowsckys in der Reichs-. duiMa und der Zurückweisung des 'deutschen FrivgsanycibMK durch Äie Rsichsdunra in Petersburg, MoAkcm, Kiew auch an»