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Verlag Langgaffe 21

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Sonntag, 24. Dezember 1916.

lNorgen-Kusgabe.

Nr. 627. 64. Jahrgang.

Dritte ttriegsweihnacht 1916 .

Bon Geh. Äcrnfiftoriolrcrt Dr. Paul Conrad»

I. Pfarrer an der Kaifer-Withelim-Gedächtmskirche in Bevkn.

Da stehen sie dicht nebeneinander: Weihnachten, das Fest der Liebe und des Lichts und des Famitrenglücks und das Jahr, das wohl bisher das dunkelste und tränenreichste war in der deutschen Geschichte, mit seinem Riesensterben, seinem Todesernst und seinem namenlosen Jammer. Wie eme schrille Dissonanz klingt es' Weihnachten 1916, und doch soll und muß cs eine Harmonie werden. Vielleicht sagt mancher: Wäre das Fest doch erst vorüber! Nicht doch ein traurig-ernstes, aber auch ein heilig-großes Fest soll cs uns sein, diese Weihnacht 1916.

Matthias Claudius hat einmal gesagt: wer die

Bibelworte recht verstehen wollte, müßte sie auf den Grabsteinen im Friedhof lesen. Ob es nicht init Weih­nachten ähnlich ist? Wer es recht feiern will, muß es in tiefer Trauer erleben. Da erst merkt er, wieviel Kraft und Trost von diesem Fest aus gehen kann. Je dunkler die Nacht, desto heller leuchten die Sterne. Je dichter das Gewölk, das sich über unserem Haupt zu­sammenballt, desto strahlender das Weihnachtslicht. Ge­rade darum, weil es uns so tieftraurig um das Herz ist, weil unser Gemüt aufgewühlt ist in seinen letzten Tiefen, gerade darum feiern wir ja Weihnachten mit um so größerer innerer Bewegung. Was sollte jetzt aus uns werden, wenn es kein Weihnachtsfest für uns gäbe!

Kindesaugen grüßen uns heut aus der Krippe zu Bethlehem, und diese Kindesaugen verkünden uns die Liebe Gottes und überbringen eine Botschaft wie sie nie wieder gehört wurde, und »nie sie heißer nicht be- gehrt werden kann als in diesen Tagen, wo in dieser von Haß und Not und Sorge aufgewühlten Welt jedes Herz aufschluchzt nach Trost und Halt und Liebe.

Mit dem Weihnachtsfest kommt ein großes und heiliges Erbarmen auf die Erde. Und jedesmal, tvenn die Weihnachtsglocken läuten, schimmert ein helles Licht über diese Welt:Es treibet weg der Trübsal Macht, der Siinüe und des Todes Nacht". Wo dies Licht hinkommt, da muß das Leid schwinden und das Herz stark werden, mitten in aller Angst und in allem Zit­tern, und auch in verwüsteten Seelen ringt sich die Sehnsucht empor nach Reinheit und nach Güte, und über den Gräbern liegt es wie ein stilles Leuchten aus der ewigen Heimat: Es gibt Gemeinschaft mit der

oberen Schar!

Fast wie ein Hohn klingt die Weihnachtskunde in die ckvn Kriegslärm angefüllte Welt, wenn, wir auch wissen, daß der Friede, von dem die Engelsbotschaft redet, jene innere Geborgenheit der Seele bedeutet, die ein Mensch auch haben kann im Schlachtengetöse und die er entbehren kann, auch wenn ttefer Friede ihn um­gibt. Und doch steigt gerade an diesem Weihnachts- fest die Erinnerung in uns auf an die Zeit, als wir in Frieden unser Fest feiern konnten, und ein tiefer heißer Wunsch beseelt uns alle gerade an diesem Tage: wenn es doch endlich wieder Friede würde und die Waffen ruhen, des Krieges Stürme schweigen mögen. Um so mehr sollte es unser Gelübde werden, so viel an uns ist, Frieden zu hatten mit allen Menschen und dafiir Sorge zu tragen, daß all das kleinliche und in dieser großen, ernsten Zeit doppelt nichtige Prozessieren und Klagen nufhöre, das die Volksgenossen zerreißt und iin Innern den Streit schürt, wo der Feind vor den Toren steht.

Don ewigen Liebesgedanken. die der himmlische Vater mit uns armen Menschen hat redet das Fest der Liebe. Wer, diese Liebesgedanken können nur da Wur­zel schlagen und Segen bringen, wo die Herzen bereit sind, sie in sich aufzunehmen. Nur dann kann der Weih- nachtsfrieden, nach dem wir alle verlangen, zu uns kommen, wenn unser Volk Neid und Streit aus seiner Mitte hinaustut und, in wahrer Einigkeit stark, sich von dem Kind in der Krippe segnen lassen will mit dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft und stärker als alle Not. Nicht Tod und Teufel können den Menschen schrecken, der als Ritter Gottes ini Weihnachtsfrieden lebt und iin Lichte der Weihnacht wandelt!

Die Wiedergeburt de; Geistes.

Zur geistigen Krise der Gegenwart.

Von Geh. Regierungsrat D. Dr. Rudolf Kucke», ord. Professor an der Universität Jena.

Dringend wünschen und hoffen wir, daß aus den ungeheuren Erschütterungen der Gegenwart eine innerste Erneuerung des Lebens, ein Hervorbrechen ur­sprünglicher Tiefen bei uns hervorgehen werde. Denn eine solche Zeit bekundet deutlich, daß sich der Aufbau der Kultur nicht auf einem fest gegebenen Grunde und in stetigem Fortgang vollzieht, sondern daß immer Wieder Lagen kommen, wo die bisherige Leistung als

unzulänglich und der Gesamtstand als ungesichert emp­funden wird, wo sich zugleich aber ein starkes Verlan­gen regt, einen neuen Standort zu erringen und Lebensguellen zu voller Wirkung zu bringen, die der gewohnheitsmäßige Verlauf der Dinge mit einer stac­ken Kruste überzogen hatte. Eine solche Lage emp­fängt uns heute:. Wir haben schwere Enttäuschungen er­lebt, aber auch viel Neues hat-sich geregt, unter wider­streitenden Eindrücken gilt es neue Wege zu suchen und auf die letzten Wurzeln unserer Kraft zurückzugehen.

Die Bedeutung der Kultur, wie sie uns vor dem Kriege einnahm, zu beinäkeln, wäre eine Torheit, sie hat uns nicht nur im einzelnen Unermeßliches, errungen, sic hat den Gesamtstand des Lebens gehoben, sie hat dieses unvergleichlich reicher, kräfttger, bewegter gemacht. Aber bei aller Größe litt sie an starker Einseitigkeit, sie baute von außen nach innen, von der materiellen und tech­nischen Steigerung des Lebens erwartete sie eine durch­gehende Hebung auch des ganzen und inneren Men­schen. Mit den glänzenden Erfolgen der Arbeit sollte sich zugleich die Gesinnung und die moralische Haltung veredeln, die überströmende Mannigfaltigkeit der Leistungen aber schien sich mühelos zu einer Einheit zusammenzufinden. Ein starkes Selbstgefühl des Men­schen trug dieses Streben, seine Kraft schien den Auf­gaben voll gewachsen, und die Steigerung seines Wohl­seins dünkte ein vollgenügendes Ziel. Nun haben die Eindriicke und Erfahrungen des Krieges ims dahin be­lehrt, daß die Sache minder einfach liegt, daß unser Leben schwere. Verwicklungen in sich trägt, Verwicklun­gen nicht nur aus starren Grenzen nach außen hin, sondern auch aus harten Widersprüchen im eigenen Wesen. Mit unheimlicher Größe erhebt sich jetzt vor unseren Augen die Macht eines undurchdringlichen Schicksals. An ihm hängt nicht nur das Wohlsein und Leben des einzelnen, auch das Ergehen ganzer Völker erscheint bedingt durch Faktoren, die unserem Willen gänzlich entzogen sind. So wird mehr als zuvor das Leben zu einem Kampf zwischen Freiheit und Schicksal.

Noch größere Probleme aber enthält der innere Stand der Menschheit, es erscheint hier nicht eine bloße Unvollkommenheit, nicht, ein bloßes Zurückbleiben hin­ter notwendigen Zielen, sondern eine völlige Verkehrung der Gesinnung,, ein Anfsteigen wilder, dämonischer Mächte. Wo die wachsende Fülle äußerer Beziehungen und das unablässige Reden von Jnternationalität uns eme innere Solidarität der ganzen Menschheit hoffen ließ, da ist jetzt Neid und Haß, Grausamkeit und Zer­störungswut in abschreckendster Gestalt ersichtlich ge­worden. Wo wir das Zusammenleben der Völker durch Recht und Moral geleitet glaubten, da überzeugen wir uns jetzt von der Ohnmacht dieser Mächte im Völker­leben, ja Treubruch und Verrat, sonst allgemein ver­achtet, sind dort jetzt tagesüblich geworden, unverkenn­bar ist eine sittliche Verwilderung.

Über das Verhältnis der Völker untereinander weist die Verwicklung vielfach auch in ihren inneren Stand hinein: Wir glaubten früher wohl, in der

öffentlichen Meinung einen sicheren Prüfstein der Wahr­heit zu haben, es glaubten viele von uns Frieden und Freundschaft der Nationen gesichert, wenn die breiten Massen des Volkes die Enffcheiduna polittscher Fragen teilten. Die Erfahrung des Krieges hat uns eben die Massen oft als die wildesien Hetzer gezeigt und zugleich l»e Abhängigkeit der sogenannten öffentlichen Meinung von kleinen selbstischen Kreisen oft reckt bedenklicher Art. Heute wird kaum jemand wagen, Volksstimme und Gottesstinime einander gleich zu setzen.

Solchem Verblassen überkommener Ideale verbindet' sich freilich vielfach ein überraschendes Servorbrechen von Tüchtigkeit. Wir überzeugen uns. daß die heutige Menschheit keineswegs entnervt, keineswegs dekadent ist, wir überzeugen uns, daß in jedem der kämpfenden Völler viel Kraft der Hingebung und Aufopferung wirkt, auch daß technisches Geschick sich sowohl in der Anpassung an die eiqenttimlicke Lage als in der Er­zeugung von Verteidigungs- wie Ängriffswaffen in hervorragendein Maße erweist. Namentlich vetdient in all diesen Stücken unser deutsches Heer und Volk Stolz und Bewunderung. Aber sobald wir die Menschheit als Ganzes betrachten und die Gestaltung der Zukunft ins Auge faffen, finden wir uns in einem ungeheuren Kon­flikt: Gutes und Böses scheint untrennbar miteinander vermengt, die Menschheit in völliger Zerspaltung und ohne ein gemeinsames Ziel, das die Gemüter heben und das Leben aller erfüllen könnte.

So auf die Grundfragen unseres Daseins zurück- geworfen, sehen wir einstweilen, keinen Weg, das Gute vom Bösen, Vernunft und Unvernunft zu scheiden und das Gute zur Herrschaft zu bringen. Ohne eine gründ­liche Weiterbildung, ja ohne eine völlige innere Er­neuerung kommen wir dabei nicht weiter. Das aber vollauf anerkennen, heißt zugleich erkennen, daß wir lenes nicht unmittelbar aus eigenem Vermögen, sei es durch kluge Reflexion, sei es durch kühnen Entschluß, zu erzwingen fähig sind: Wir erfahren deutlich die

Schranken der Menschheit, und dein stolzen Selbst­gefühl, welches alles durch den Menschen und für den Menschen ausrichten wollte, wird jeder Boden entzogest. Alle Hoffnung beruht darauf, daß das nienschliche Leben in größeren, unsichtbaren Zusammenhängen steht und daß von ihnen uns Kräfte geistiger Art zugeführt wer­den, die uns über das eigene Vermögen erheben und dern Streben sichere Ziele weisen. Bei wlchem Umschlag der inneren Haltung mögen wir der Worte Pindars gedenken:

Was ist einer, was ist erner nickt?

Des Schattens Traum ist der Mensch.

Doch wenn ein Strahl von Gott auf ihn fällt,

Dann Iicat Heller Glanz auf dem Mann Und ein seliges Lehen."

Die Anerkennung dessen ist aber keine Aufforderung, die Hände in den Schoß zu legen und geduldig auf ein Wunder zu warten. Vielmehr müssen wir der Erneue­rung und Erhöhung mit eifriger Arbeit entgegen- kommen, entgegenkommen durch ein energisches Be­kämpfen aller Verworrenheit und Verschwommenheit, durch ein mutiges Angreifen aller Surrogate, die das Leben verfälschten, aller Gespreiztheit, die es ver- künstelte, aller täuschenden Mittelgebilde, die wahr nnd unwahr. Tag und Nacht als gleichberechtigt behandel­ten und miteinander ausgleichep wollten; durch ein Austreiben endlich jener selbstbewußten Flachheit, welche emsig alle Metaphysik aus dein Leben Vertrieb, ohne zu ahnen, daß sie ihm zugleich seine Seele raubte.

Haben wir aber so im Menschenleben ein schroffes Entweder-Oder erkannt, so gilt es auch alle Menschen- furcht abzulegen, wahrhaftig an erster Stelle gegen uns selber zu sein, um es dann auch gegen die anderen sein zu können. Wenn die Menschheit mit ganzer Energie sich des blendenden Scheins erwehrt und einer inneren Erhöhung einen offenen Sinn entgegenbringt, dann dürfen wir hoffen, daß eine solche in Wahrheit ihr zu­gehen, und daß aus dem ungeheuren Wirrwarr eine Erneuerung des Lebens wie der Kultur aus ihren innersten Tiefen heraus ersprießen werde. Und nach der Tüchtigkeit, die das deutsche Volk heute dem wilden Ansturm der halben Welt gegenüber erweist dürfen wir glauben, daß es zu dieser Wiedergeburt im Geiste Wesentliches beitragen wird: Bleibe es nur auch in geistigen Dingen seiner innersten Art getreu und richte es seine ganze Kraft aus das, was schließlich allem das Leben lebenswert macht!

Oie Note Wilsons.

Auch von feiten der Schweiz Sondierung bei den Kriegführenden?

Ur. Bern, 23. Dez.- (Eig. Drahtbericht, zb.) Wie der Berichterstatter derVoss. Ztg." erfährt, steht im Anschluß an die Vermittlungsnote Wilsons ein gleich- lautender Schritt des schweizerischen Bun- d e s r a t s bevor.

Kein Zusammenhang mit den deutschen Vorschlägen.

W. T.-B. Bern, 23. Dez. (Drahtbericht.) DerBund" fcf; reü t zu Lansings Erklärungen: Es ist nicht anzunehmen, daß die amerikanische Note mit i*n deutschen Vorschlägen in einem engeren Insrmmenhang sieht. Das ergibt sich schon aus der scharfen Betonung der Rechte A mer i f as die durch beide Pirteien verletzt wurden. Mit diesen Jnter- efteii begründet Amerika seine Berechtigung für die Frage nach den Kriegszielen. Mt welchem Ernst Amerika auf die eigenen Interessen yinweist, ergibt sich aus der Wendung Lansings: Wir stehen seiner am Rande des Krieges. Nichts wäre daher verfehlter, als das Aus­wärtige amerikanische Amt oder andere neutrale Regierun­gen, die sich vielleicht dem Vorgehen Amerikas anschließen als das Sprachrohr Bethmann Hollwegs anzusehen. Es liegt im Interesse aller Neutralen, dies mit aller Deutlichkeit herbor- zuheben, um so mehr, als die Presse der Entente, besonders die englische, sich recht unwirsch gegen das Vorgehen LansiitgS äußert. Noch viel weniger darf der Versuch zur Einleitung von Verhandlungen etwa als ein unfreundlicher Akt angesehen werden. Das steht schon formell fest. Mag die amerikanische Initiative noch io ausschließlich mit amerikani­schen Interessen begründet werden, so liegt darin doch ein Angebot guter Dienste, mögen sie nun angenommen werden oder nicht.

Teils zünftiges, teils zurückhaltendes Urteil der Wiener Presse.

Ls. T.-B. Wien, 23. Dez. (Dc-ahtbericht.) Die Blätter beurteilen die Aktion Wilsons im allgemeinen i n n st i g ein Sinne, wenngleich sie unter Betonung der großen Be­deutung des Schrittes sich im gegenwärtigen Zeitpunkt einigermaßen reserviert halten. DieNeue Freie Presse" meint- Nunmehr werden unsere Feinde ihre Forderungen auf die Rückgabe von Elsaß-Lothringen nnd die Auslieferung der deutschen Flotte, wie die Absperrung des Deutschen Reiches vom Meere und die Äusliefrung von Kon- skannnopel und der Dardanellen kaum aufrecht