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Samstag, 23. Dezember 1916.
Die Note Wilsons.
Trau, schau» wem.
(Von unserer Berliner Abteilung^
Wir wiederholen: Die in weihnachtlicher Zeit unw schnell erfolgte Anregung des Präsidenten WLsrm, die „Ansicht über die Bedingungen", unter denen Frieden geschlossen werden soll, mitznteilen, soll uns Ivillkommoii sein, wenn dam i erreicht wird, daß der Bi er der band ebenso, wie wir es schcn getan haben, sich bereit zeigt, „Vorschläge" KU machen.
In Erwartung der Antwortnote des Bierverban'S, die am Samstag den Mttelmächten mitgeteilt werden soll, können wir heute nur sagen, das; es nicht an uns liegen wird, wenn die Tür zu weiteren Verhandlungen geschlossen wird. Die Borarlieit, die geleistet werden mutz, um zu einem Meinungsaustausch zu gelangen, lätzt die guten Dienste der Neutralen wünschenswert erscheinen, vorausgesetzt, datz die Vermittlung in vollkommen unparteiischer Weise ersotgt. Nach den bisheivigsu ganz allgemein gshalie- ncn Noten (auch die des Vier-Verbands dürfte keine bestimm- ten Forderungen aufstellen) könnte von Deutschland zunächst nur erwartet werden, datz es einige Punkte genau nennt, über die es jede Verhandlung ab lehnen möchte; so jede Forderung, die es als eine Schwächung seiner militärischen Lage vor dem Friedensschluß oder als eine Verletzung seiner Würde und Eingriffe m seine inneren Fragen betrachten müßte. Von einer Räumung der besetzten Gebiete vor Eintritt in eine Friedenskonferenz kann natürlich unter keinen U m st ä n d e u die Rede sein. Es würde dem Verlauf der FriedensaktMU am nützlichsten sein, wenn Präsident Wilson zuerst England zur Bekanntgabe seiner Vorschläge bringen könnte, das mindeste aber, was seine Diplomatie erreichen sollte, wäre eine gleichzeitige Veröffentlichung der Vorschläge sowohl der Mittelmächte wie des Bierverbands.
Sehr auffällig ist der Wunsch Wilsons, daß die Neutralen bei den Verhandlungen beteiligt und verantwortlichen Anteil haben sollen. Daß wir die Mitwirkung der Neutralen bei den Verhandlungen nicht ablehnen, geht schon daraus hervor, daß wir durch sie unser Fri-cdens- angebot an den Feind gelangen ließen. Mer es wäre der -Verständigung nicht förderlich, wenn der neutrale Anteil etwa in der Form einer Konferenz und in der Art der von Algeciras gedacht wäre Um einen so großen grünen Tisch herum käme dieser Krieg nicht zu einem Abschluß. Wir wollen damit nicht Mißtrauen in die Unparte'- lichkeit der Neutralen ausdrücken, man darf aber nicht vergessen, daß solche Unterhandlungen stets ..freundschaftlichen" Geistes entbehren werden. Die Unterhändler werden gewissermaßen in alten Rüstungen erscheinen. Sie werden ihre Vorschläge, ihre Bedingungen unmittelbar aus die Macht ihrer Heere -und die Stärke der errungenen Positionen stützen. Da wird eS hart auf hart gehen. Statt zu nützen, könnte die „verantwortliche" Mitwirkung der Neutralen nur Schaden stiften, zumal, wenn die Neutralen eine Sprache führen würden, wie sie L a n s i n g nach einem allerdings sehr verdächtigen Reutertelegramm geführt haben soll. Spricht einer der Neutralen davon, -daß er sich durch die Fortdauer der Feindseligkeiten mehr und mehr an den Rand des Krieges gezogen sieht, dann hot er sel-oft schon aufgehört, lden nötigen Geist von Unparteilichkeit mitzubringeii.
Die Interessen der Neutralen müssen gewiß gewahrt werden, aber es gibt zunächst Lebensfragen, die allein zwischen den Kriegführenden beigelegt werden müssen, wenn nicht das Streitobjekt noch verwickelter werden soll. Dabei wollen wir nicht verheimlichen, daß die b i s- heriae Haltung des Präsidenten Wilson keineswegs für uns so ermutigend war, äls daß wir ihm das Recht eänrä-umen könnten, bei gewissen europäischen Streitfragen an der Wage den Ausschlag zu geben. Das deutsche Volk und die ihn: verbündeten Völker haben s c l b st Urte'lskraft genug, um die mit kostbaren Kriegsopfern bezahlten Voraussetzungen eines DauerftiedenS zu erkennen. Sie sind ebenso entschlossen, maßlose Wünsche einer Minderheit abzu-lehnen, wie gewillt, auch um den Preis einer Verlängerung, zu verhüten, -daß die als unumgänglich nötig erachteten Friedenssicherungen uns entrissen werden. Auch eine Kriegsdrohung von heute neutraler Seite würde darauf keinen Einfluß hab-m. Insbesondere Amerika darf nicht vergessen, welche bedeutende Zuge st änd nisse wir ihm zur See gemacht haben, und daß ihm von seiten Englands nicht das mindeste Zugeständnis fiir feine freie Handlunys- weffe gemacht worden ist.
Wir begrüßen, um den Eindruck, den man hier zur Stunde -hat, znfammenzufasien, den Schritt .des Präsidenten Wilson, weil er, wenn auch unabhängig beschlossen, doch zu der Stunde kommt, die wir selbst für unser Friedensangebot in einer für ums günstigen Kriegslage, nach der Einnatjme von Bukarest. gewählt haben. Wir begrüßen ihn doppelt, wenn er in einem für alle Teile freunidschaftllchen Geiste gemacht wurde. Der Eindruck, daß man uns Deuffchen in den Vereinigten Staaten weniger g ü n st i g sei, kann oer- scheucht werden. Erringt sich Präsident Wilson das und«-
Morgen-klusgabe.
gänghiche Verdienst, das Blutvergießen abgekürzt zu haben, dann wollen wir ihm gern einen Ehrenplatz bck einer Haager Friedenskonferenz einräumcn, die zusammentreten kann, um weitere äb-nliche entsetzliche Katastrophen zu verhüten und den Völkerrechtsprinzipieu die Sicherheiten zu geben, -denen der Reichskanzler im Reichstag die volle Unterstützung zugesagt hatte. Aber diese Konferenz im Haag wird erst m ö g l i ch, nach ein e m Friedens vertrag zwischen den Kriegführenden und nach der Neuordnung der europäischen Frage.
Ein großer Sieg Vernstorffs?
Die deutsch-amerikanische Auffassung.
Hi». Rotterdam, 22. Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) Zu der Aufforderung Wilsons wird aus New Jork gemeldet: Leute, die mit Deutschland sympathisieren, frohlocken über Wilsons Note, die sie als einen großen Sieg Bernstorffs begrüßen. Die deutsch-amerikanischen Blätter schreiben vor allem in diesem Geiste. Unter den englisch-amerikanischen Blättern ist die Auffassung geteilt. Einige Presjeartikel nennen den Schritt des Präsidenten verfrüht, andere meinen, er dürfe die europäischen Staatsmänner veranlassen, ihre Ziele und Bedingungen bekannt zu geben.
Überwiegend mißtrauisclie Beurteilung des Wttsonschen Schrittes in der Berliner Presse
Nr. Berlin, 22. Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die F r i e d e n s n o t c Wilsons löst den Mitwissendeu von Geheimnissen, die in diplomatischen und politischen Kreisen Berlins seit einigen Wochen nur leise geflüstert werden, den Mund.
Georg Bernhard schreibt in der „Bossischeir Zeitung": Selten ist wohl mit gleicher Geschicklichkeit ein diplomatisches R ä n k e s n r e l eiugefädelt und öurchgesührt worden. Die Verabredung dazu rührt noch aus den Tagen von Asquith her, der gleichzeitig auch in Berlin noch Fäden spannt. Deshalb durfte Asquith nicht bleiben. Ihm hätte niemand die starke Ged erde des Zornes geglaubt, daher die angebliche Verschwörung gegen den Weitherzigen. Aus ihr ging Lloyd George, der Starke, hervor. Er tobte sofort, datz er sich niemandes E i n rn i s ch u n g gefallen lassen werde. Und kaum ist Wilsons Friedensangebot bekannt geworden, da tö it auch schon im Eher der gutgeschulten englischen Presse die Klage gegen Wilson, daß er dein starken Albion in den Arm fallen ivolle. So ist alles herrlich vorbereitet, um den Frieden als einen Akt der Vergewaltigung aus den Härroen Amerikas entgegenzunehmen, den Frieden, den in Wirklichkeit England aus Furcht vor einer schwarzen Zukunft h e r b e i s e h n e n muß. Es fürchtet, daß nun endlich einmal die Zeit kommen wird, wo Deutschland von seinen Macht Mitteln energischen Gebrauch macht. Bernhard erinnert daran, daß vor kurzem das amerikanische Bundcsschatzamt in einer längeren Kundgebung an die amerikanischen Banken vor weiteren Anleihen der Entente ivarnte, die nur auf den Glauben an den englischen Staatskredit gestützt seien. Der Höchstpunkt der amerikanischen Rüstnngslieserungen ist überschritten. Dagegen macht sich die Schattenseite des Krieges in Amerika immer mehr bemerkbar. Die Spekulation ist angeschwollen, die Gefahr der Niederlage der Entente ist in greifbare Nähe gerückt und bei der starken Anlage amerikanischer Gelder in den Anleihen des Bierverbandes kann das bei den überspannten Geldverhältnissen Amerikas zu gefährlichen .Zuständen führen. Dazu kommt, daß die amerikanischen Äcker durch den Mangel an Kali geschwächt sind. Diese Dinge -nutz man sich vor Augen halten, um die richtige Stellung gegenüber dem amerikanischen Vermittlungsvor- ichlag zu gewinnen. Amerika will im eigenen Interesse Frieden. Wir wollen heute davon absehen, datz Amerika in England seinen natürlichen Bundesgenossen für die kommende Auseinandersetzung mit Japan steht, aber im Augenblick scheint für die Erkenutais des nrornglischen Interesses der Vereinigten Staaten die Erwägung noch viel wichtiger, datz es Milliarden englischer und französischer — durch England indirekt garantierter — Anleihen in Besitz hat. Weiter sagt Bernhard, Amerika glaubt die Stinimuug in Deutschland zu kennen. Es droht daher in der '
Hoffnung, das? die deutschen Nerven versagen
und daß, vor die angebliche Wahl zwischen Krieg mit Ainertka oder Frieden mit der ganzen Welt gestillt, Deutschland jede Bedingung anneh.nen wird, oie ihm Amerika stellt. Ferner heißt eö in dem Artikel: Unter gar keinen Umständen können wir uns auf eine Konferenz einlaffen, an der die neutralen Staaten aktiv t e i l n e h m e n. Was zwischen uns und unseren Feinden auszumachen ist, muß eben zwischen uns und rnseren Feinden -rusgetcagen werden. Konferenzen mit unbeteiligten Schiedsrichtern müssen wir unter allen Umständen ablehnen. Wir haben die neutrale Gesinnung der Welt genügend kennen gelernt. Wir verkennen gar nicht, baß die Neutralen ein lebhaftes Interesse daran haben, die Regeln für kommende Kriege mitzubestimmen, aber für solche Rechtssähe sind die Friedens- Verhandlungen der Mittelmächte mit ihren Feinden nicht der richtige Ort. Das mag aus der nächsten Haager Konferenz geschehen, die nach deur Frieden zusammenberufen werden kan».
Nr. 624. - 64. Jahrgang.
In der „Täglichen Rundschau" sagt Heinrich Rippler, daß neben den sehr einträglichen und wichtigen politischen Zieleii auch eine gewisse pazifistische Gesinnung Wilson zum Friedensstifter geeignet mache, könne nicht bestritten werden. Nur wußte Wilson seine Friedensgesinnung heroisch zu b em e i stern, als der Weltkrieg für Amerika ein glänzendes Geschäft war. Heilte ist er es nicht mehr. Nach dem deutschen Friedensangebot vom 12. Dezember mußte, wenn es abgelehnt wurde, der Kampf mit Einsetzung aller verfügbaren Mittel, mutzte der verschärfte Unterseeboot s k r i e g kommen. Da meldet sich wieder Wilson, zuerst mit einer Friedensnote und dann, wenn der UntcrseebootS- kricg doch einsetzt, mit einer sehr ernsten Protestnote, denn
England darf nicht besiegt werden. Das ist amerikanisches Dogma.
Graf Rebentloiv geht noch einen Schritt weiter in der „Deutschen Tageszeitung", indem ec sagt, Lansings Erklärung ist angesichts der jetzigen Lage nichts weiter als eine Drohung an das Deutsche Reich: Amerika wirb am Kriege auf seiten ansecer Gegner teilnehnen, wenn das Deutsche Reich sich etwa einfallen laßt, Großbritannien seine Bedingungen nicht vorzulegen, nicht unter allen Umständen in Verhandlungen cinzatreten, sondern zur See ait allen Mitteln, deren Wirksamkeit mau in Washington sehr wohl zu ermessen weiß, den Krieg gegen Großbritannien und damit gegen die anglo-amecikanische Sache unbekümmert und erfolgreich zu Ende zu bringen. Graf Reventlow befürchtet, daß wir dem amerikanischen Druck nachgeben könnten
Sehr zufrieden äußert sich Theodor Wolfs im „Berliner Tageblatt". Dort heißt es: Den Schritt des Präsidenten Wilson heißen wir willkommen, wie jeden Schritt, der zur Herbeiführung des Friedens unternommen wird. Abgesehen davon, daß man Herrn Wilson nicht nach Vorsch.ift derjenigen, die den Krieg mit Amerika herbeiwünschen, zu beurteilen braucht, würde kein Denksähiger und seiner Verantwortung bewußter Politiker eine Friedenstaube nur deshalb zurückschicken, weil sie aus Washington kommt. Es handelt sich einzig und allein darum, zu prüfen, ob die Aktion, die Wilson eingeleitet hat, zu einem praktischen Ergebnis der Vereinbarung einer Aussprache führen kann. Er ist der Meinung und erklärt- Die Bedingungen, auf denen die Krieg- führenden notwendigerweise bestehen zu müssen glaubten, ieien nicht so unvereinbar, wie befürchtet wird. „Der Präsident der Bereinigten Staaten ist nicht nur aus die Erklärung angewiesen, die sich in den Reden der Staatsmänner finden, und nicht auf offiziöse Schauergerüchte, die man der Öffentlichkeit serviert, er hat sehr viele andere Quellen und Gelegenheiten, um die Stimmung zu ergründen und festzustellcn, toie man in vertrauten Kreilen redet und denkt. Nur das eine nicht Unwichtige kann man mit auftichtiger Anerkennung der Wilsonschen Mitwirkung abermals feststellerl: daß die Erörterung über den Frieden begonnen hat und nicht mehr v e r st u m m e n wird."
England und das Aledensangebot der Mittelmächte.
Bonar Law bläst in Lloyd Georges Horn.
W. T.-B. London, 22. Dez. (Drahtbericht. Unterhaus. Router.) Unter Hinweis auf den deutschen Friedens- Vorschlag führte Bouar Law aus: Wir glaubten, datz ein Berbrech en, Wie es von Dsutsckjland an der WÄt begangen wurde, niemals von einem menschlichen Wesen würde begangen werden. Einige Mitglieder -des Hauses sagten: Laßt uns die Bedingungen des Vorschlags wissen, aber kann mau ein bindenderes Friedensversprechen -erlangen, als es der Vertrag war, der die Neutralität Belgiens schützen sollte, können Sie ein Versprechen -erlangen, das -uns eine größere Sicherheit gibt, als wir sie ha-dten, bevor der Krieg ausibuach? Ich hoffe, nicht nur uns«: Land allein, son- dern -in allen neutralen Landern wird das Volk die Lage verstehen, wne sie jetzt -ist. Deutschland hat Fvieiden-sivorschlläge gem-aeht. Auf welcher Grundlage? Aus der Grundlage seiner fieyveichen Armee. Was würde das für eine Lage sein, wenn ein Friebenszusta-nd käme E-f dieser Grundlage einer siegreichen de-utschen Armee? Mbt es irgend jemand in diesem Haute, der ehrlich nicht nur die^ Bedingungen, unter -denen der Krieg der Wolt ausgezwuniaeii wurde, sonidern auch die Art und Weise, wie er geführt wurde, unparteiisch beurteilt, und der ganz ohrlich glaubt, -daß die Gefahre-n und das Elend, unter welchem -die Welt leidet, durch etwas anderes geheilt werden könne als dadurch, daß mau die Deutschen zu der Erkenntnis bringt, daß die Fnrchrüark.'.it sich nicht vezaihlt macbt, wvd daß der Militarismus keine gute Herrschaft bedeutet? Wir kämpfen nicht um ein Gebiet oder- um die größere Stärke -eines Volkes. Wtr kämpfen sür zwei Dinge. Wir kämpfen jetzt für -den Frieden, aber wir kämpfen auch für die Sicherheit der Frieden 8 - zeit, -die konrmsn soll. Ms -die deutschen Vorschläge uns vovgelegt wurden, gumdeten sie sich nicht allein auf die de ätsche Sache, sondern die Deutschen erhoben auch ain-en Anspruch, daß sie es aus Gründen der Menschltchkeit tu-n. Will das Haus bsdenken, was dieser Krieg für Greuel in Belgien, für Greuel zur See -und zu Lande mit sich gebracht hat, was fiir Hinsch-Iachtu n - gen von Menschen in Armenien, denen Deutschland mit
