Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i» -a
Nr. 297.
Mittwoch, 20. Dezember.
1916.
(1. Fortsetzung.)
Der vojar.
Ein Roman aus Rumänien von Mite Kremnitz.
(Nachdruck verboten.)
Sofie quälte sich die halbe Nacht mit den Worten vb, die sie ihm gesagt hatte. Bald glaubte sie, er habe sie recht verstanden; bald meinte sie, er würde sie für anmaßend halten! Noch im Traume führte sie ihren Wortwechsel mit ihm.
Ihre Eltern besprachen unterdes, wen sie beauftragen sollten, Pelescu direkt zu fragen, ob er Sofie heiraten wolle. Herr Petru äußerte: „Ich brauche ihr nur 30 000 Dukaten mitzugeben, wenn er sie nimmt, weil Belesen selbst wenig hat, und sie für ihn immernoch eine gute Partie ist."
„Wir können ja nachher immer noch zulegen", er- gänzte Frau Petru, „falls es ihm zu wenig wäre, an- vreten solltest du jedenfalls nicht mehr. Und wenn Belescu dein Schwiegersohn wird mußt du dich für die Bojaren-Partei entscheiden. Deine Mittelstellung war zwar recht angenehm, die Weißen wie die Roten machten mir vor den Wahlen den Hof, doch auf die Dauer könnt' es dir schaden."
Ihr Gatte lächelte schlau. „Liebes Kind", sagte er wohlgefällig, „es bildet sich so etwas wie eine Mittelbarster, in der ich eine der Hauptrollen spielen werde, dre für die Freiheit, wie die Roten, und für die Bojaren, wie die Weißen ist. Fürst Demeter führt sie, und hauptsächlich .... aber das kann ich dir nicht sagen! Will nur andersten, daß es bunt zugehcn kann in diesem Winter. Ja, ja, wir werden etwas erleben!"
Frau Petru interessierte sich nur für die Personen, nrcht für die Bestrebungen der politischen Parteien. Sie unterbrach ihren Mann:
„Halte dich nur immer an Fürst Demeter! Was war heute abend bei ihm los?"
, „Nichts, er war nicht recht bei Laune und erklärte teure neueste Erfindung."
Frau Petru seufzte: „So einer wäre mir ein er
wünschter Schwiegersohn, mit hundert Ahnen, d«n Fürstentitel, nicht mehr jung —"
„Nächstens wirst du für Sofie an den regierenden Fürsten denken!"
„Nein! an den nicht, das versichere ich dir, lieber gäbe ich sie einem Pächter!" — Pächter — das war die Menschengattung, die Frau Petru am meisten verachtete, weil sie dieser Kaste selbst einmal augehört hatte.
n.
„Fürst Demeter hauste einsam in seinem Palast. Der gröbere Teil der Säle war unbewohnt und unmöbliert. Durch zerbrochene Scheiben fiel das helle Licht des Ostens und belebte dad Gewürm, das sich ungestört gegenseitig verzehrte. Nachts wüteten die Mause dort, die sich auch in die Gemächer wagten, in denen der Fürst wohnte.
Demeter war der Abkömmling eines hohen Hauses, und alle seine Ahnen hatten ihr Bestes aus ihn vererbt; eine riesige Körperkraft und eine unbezähmbare Wild- heit; Wildheit — von der modernen Bildung nicht ge-
bändrgt! Sein Lachen glich einem Wiehern und kein« Kunst der Toilette konnte seiner Figur die rohe Stärk) nehmen, die jeder Eleganz Hohn sprach. Er war liebenswürdig in Worten, die Form seines Mundes aber strafte jedes freundliche Wort Lügen, und sein Auge sprach Hohn. Das wußte er und oft fluchte ec der Bildung, die ihn mit sich selbst uneins gemacht habe. Er hätte wie ein wildes Tier sich tummeln mögen über die Steppe. Tage und Nächte lang jagte er dann in den Wäldern seiner Güter.
Viele unheimliche Gerüchte über den Bojaren gingen in Stadt und Land um. Er sollte einmal einen politischen Mord begangen und dann auch ferne Frau vergiftet haben. Nach ihrem Tode war er mehrere ^ahre in Rußland gewesen; wo, das wußte keiner. Niemand hatte innere Teilnahme für ibn. Mit seinem Vater lebte er in Todfeindschaft, Geschwister besaß er nicht.
Seit fast sieben Jahren bewohnte er den großen Palast in der Provinzial-Hauptstadt, nie, auch nacht iin heißesten Sommer, zog er aufs Land. Er konnte nicht verwinden, daß er nicht mehr das Recht hatte, seine Diener zu prügeln, daß der ganze verächtliche Unsinn des Westens sich auch hier breit machte. In seinem Palast hielt er sich noch einige treue Anhänger seines Hauses, die sich von ihm hätten totichießen lassen, Leute, die ihre Existenzmöglichkeiten nur im Dienen und Mißhandeltsein fanden, wie er die seine im Be- fehlen.
Auch sein Kind lebte im Palast... in einein anderen Teil, in Zimmern, deren Fenster auf den wüsten, grünen, hoch mit Gras bewachsenen Fleck gingen, der einst ein Garten gewesen. Alle Bäume. die dort gestanden hatten, waren auf Befehl des Fürsten gefällt worden, als einmal der Drachen des Knaben an einem Aste hängen geblieben war.
Vor neun Jahren hatte der Fürst das Knäblein mit einer französischen Amme und einer Gouvernante aus Paris nach oer Heimat geschickt Die Verwalterin des Palastes, eine verständige Frau, pflegte das schwächliche Kind mit den nervös überregten, großen Augen, so gut sie es verstand. Sein Vater kümmerte sich nicht um den Sohn. Er haßte ihn, wm sein Vater ihn gehaßt hatte. DaS war Überlieferung in der Familie. Außerdem hatte Raoul blaue Augen und gegen die fühlte der Fürst eine besondere Abneigung, die nran sich schnell mit der Behauptung erklärte, Raoul sei gar nicht des Fürsten leiblicher Sprößling.
Seit einiger Zeit zerbrach inan sich dm Kopf, was eigentlich Fürst Demeter bezwecke. Er mußte etwas km Schilde führen, da er nun alöhlich ans keinem Ball fehlte, sich bequemre, den Königinnen der Gesellschaft den Hof zu machen, und auch bei sich Gesellschaft emp- fing. Wollte er regierender Fürst werden? Was konnte einem Mann seiner Art daran liegen? Bestand für ihn überhaupt noch ein Reiz? Was konnte ihm die fragwürdige Herrschergewalt in einem konstitutiv.
