Morgen.Veilage der Wiesbadener Tagblattr. ir~ = at
Nr. 296. Dienstag. 19. Dezember. 1916.
v«r Bojar.
Ein Roman aus Rumänien von Mit« Krem»Itz.*>
(Nachdruck verboten.)
Motto: An rollenden Steinen wächst kein Moos.
I.
Warum eigentlich Nicu Navru sich verheiratet hatte, wußte niemand in der Gesellschaft der Provinzial- Hauptstadt zu sagen. Seines Freundes Veri bescheiden geäußerte Ansicht, er habe sich vielleicht verliebt, war von allen seinen Cousinen mit einem solchen Sturm der Entrüstung zurückgeschlagen worden, daß keiner mehr an diese Möglichkeit dachte. Nicus Schwester ging in der Empörung über den Schritt des Bruders so weit, zu behaupten, er habe eine Frau genommen, nur um die Schwester zu ärgern. Denn Frau Zoö hatte für ihren ältesten Jungen auf Nicus Gut Navreschti gerechnet. Nicu habe ihr oft versprochen, nicht zu hei> raten — so sagte sie ungescheut — und es wäre auch ein Unsinn, jetzt noch, nachdem er die besten Partien ausgeschlagen!
Nicu war ein Mann von noch nicht achtunddreißig Jahren: seine Frau eine im Ausland ausgewachsene Landsmännin, aus guter Familie, nicht unvermögend, jung. So schien doch alles dazu angetan, diese Heirat zu billigen! Indessen die Gesellschaft hatte sich daran gewöhnt, in Nicu Navru den Anbeter von Frau Cleopatra Veri zu sehen und einen stets zur Verfügung aller Damen stehenden Junggesellen. Man verlor etwas cm ihm: einen ausgezeichneten Tänzer und eine geheime Schwiegermutter-Hoffnung.
„Ich begreife die Frauen nicht", saqre Veri zu seinem und Nicus jüngerem Freunde George Belescu — beide Herren saßen im Salon von Frau Petru —, „hatte Nicu nicht wie jeder andere das Recht zu heiraten?"
„Ein Mann mit so stürmischer Vergangenheit hätte allerdings besser getan, nicht ein halbwüchsiges Kind an sich zic reißen", entgegnete George. „Jedenfalls aber geht es uns nichts an! .... Fürst Demeter erwartet uns heute abend, Veri, wir wollen aufbrechen. ... Ich fürchte, der Fürst sprelt kein offenes Spiel, ec wird uns kompromittieren. . "
„Ihm sind die Hände gebunden, so lange er nicht ohne uns vorwärts kann", meinte Veri. Sie verließen den Saal zugleich mit dem Hausherrn.
Außer der Dame des Hauses und ihrer schönen Tochter Sofie blieben nur noch Frau Veri. Zoö Navru, die Schwester Nicus, die nach der Scheidung ihren Mädchennamen wieder angenoinmen hatte, und einige ältere Damen im Salon zurück. Die Herren hatten sich ohne Abschied empfohlen, da sie ausnahmsweise bald wiederkchien wollten.
Sofie fühlte, bevor sie sich noch in dem großen, elegant möblierten Zimmer umsab, daß George Belescu fortgegangen war. Es sah jetzt alles verfallen auS, die Stimme von Frau Veri klang so alltäglich, und die große Lampe schien plötzlich so dunkel. Sie
*) Sich« den Artikel über Miete Kremnitz im Feuilleton unserer Freitag-Morgen-Au?gabe.
mußte sie näher an sich rücken, um an ihrer Tapisserie- Arbeit sticken zu können.
„Wenn Navru nur ums Geld geheiratet hat", sagte Frau Petru, „hätte er ja Sofie nehmen können, der gibt mein Mann mehr mit."
„Mama!" unterbrach das Mädchen, kreideweiß.
„Mein Gott, Sofie, dein Vater ha: es neulich selbst gesagt, und wir sind ja unter Freunden."
Das Mädchen schwieg. Es verging doch keine Stunde, in der sie nicht durch irgend ein Wort der Mutter verletzt, beschämt wurde. Sie wollte sich nur Mühe geben, nichts weiter von den Gesprächen der Damen zu hören.
„Ach, Sie vergessen die Familie, meine Liebe!" entgegnete die alte Frau Golnof rücksichtslos, — Petrus waren Emporkömmlinge. „Ich wundere mich nicht, daß er heiratete. Schließlich verfallen ja alle darauf. Aber daß er sich gerade eine so Junge ausaewcht, die noch nichts vom Leben kennt, also natürlich Prätentionen macht, das ist blödsinnig! Ein" Witwe hätte besser zu ihm gepaßt. Schließlich — freilich, freilich — er wird sich eben verliebt haben!"
Das ging Cleopatra Veri über den Spaß. Man wagte es, vor ihren Ohren zu behaupten, Nicu habe sich in eine andere Frau, — in die Frau, die er zufällig heiratete, verliebt!
„Navru war lange im Zweifel, ob er Paula heiraten solle, ich entschied für sie", sagte sie mit beherzter Lüge. „Ihre Mutter soll ja eine so nette Dame gewesen sein!"
„Ihre Mutter?" piepst? Zoö Navru. „Ich bin wahrhaftig nicht schwierig, doch die trieb es mir zu arg. Die Geschichte mit dem Obersten ..."
„Liebe Sofie", unterbrach Frau Petru. die sich für feinfühlig hielt, weil sie gewisse Drnge nicht vor ihrer Tochter sprechen ließ, „hole mir mal die gelbe Seide aus dem Korb, der an meineni Bett steht."
Das junge Mädchen war "s gewohnt, von der demonstrativen Sittsamkcit aus dem Zimmer geschickt zu werden. Sie ging ins Schlafzimmer der Mutter, setzte sich dort an den Kamin und blickte ins hellflackernde Feuer. Sie tjjhlte sich unglücklich und ae- langweilt. Die tägliche Routine des Lebens wurde ihr schwer, die Vergnügungen waren ihr eine Qual, und sie war nie auf den Gedanken gekommen, sich andere, höhere Genüsse zu suchen. Selten las sie ein Buch. Das war nicht Sitte in diesem Hanse, in ihren: Kreise. Sie war unmusikalisch und hatte das Klavierspielen aufgegeben, sowie sie aus der Pension gekommen. Auch das bißchen Zeichn-n war bald vergessen. Sie tat nichts anderes mehr, als was alle taten, arbeitete an Stickereien fuhr spazieren und machte oder empfing mit der Mutter Besuche. Der Arzt erklärte sie für sehr anämisch und verschrieb Eisen. Das nahm sie regelmäßig, ohne die geringste belebende Kraft zu spüren. Für die pikanten Klatschereien ihrer Mutter hatte sie ebenso wenig Verständnis wie tür die Politik, auf die sich ihr Vater, ein reich gewordener Pächter, mit Verden-
