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Verlag Langgaffe 21

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Dienstag» 19. Dezember 1916.

Morgen-klusgabe»

Nr. 617. . 64° Jahrgang.

Der Regkrungrwechftl in Cstrneich.

Für uns Deutsche ist gegenüber dem Rücktritt des Herrn v. Koerber mit der Ernennung des Herrn von Svitzmüllei zu seinem Nachfolg°r Zurückhaltung Pflicht. Mir vernehmen aus Wien mancherlei Stimmen, aber kein.' dringt lo klar zu uns, daß wir ihr bedenkenlos zuhören mögten. Diese innerösterreichischen _ Fragen sind ja immer ein dornenvolles Gebiet gewesen, jetzt sind sie es noch mehr als je zuvor, und dre enger ge­wordene Zusammengehörigkeit zwischen den Mittel- nwchten bedingt ein erhöhtes Bedürfnis, taktvoll bei­seite zu treten, solange drüben nicht alles geordnet ist. So ungefähr läßt sich freilich -erkennen, auf welche Ur­sachen der schnelle Sturz des Ministeriums Koerber zu­rückzuführen ist. Einmal und es die Fragen des Aus­gleichs zwischen beiden Reichshälft-m, an denen Koerber scheiterte, und sodann sind, es die Probleme der end­gültigen Befreiung Österreichs von den nationalen Parteikämpfen. Würden wir unser Bedauern darüber ausdrücken, daß Österreich durch das Feblschlagen der von Herrn v. Koerber vertretenen Politik in den Ver­handlungen mit Ungarn getroffen wird so würden wir damit eine gewisse Parteinahme gegen Ungarn aus- sprechen, wozu wir doch aber auch keine Veranlassung haben. Umgekehrt liegt es uns natürlich fern, nun etwa den vom Grafen Tisza erstrittenen Erfolg mit Genugtuung zu begrüßen. Alle diese Probleme dürfen und müssen uns ternbleiben, nicht freilich nach ihrem sachlichen Inhalt, der ja auch auf die Beziehungen der Donaumonarchie zu uns zurückwirkt, wohl aber von der «Gemütsseite her. Für uns Deutsche ist Österreich- Ungarn eine untrennbare Einheit, deren Glieder unter­einander den bestmöglichen Weg zur Führung der ge­meinsamen Großmachtpolitik auffinden mögen und denen wir auch, unbeschadet der Kritik im einzelnen, die Fähigkeit zubilligen können, die zweckmäßigsten Mittel anzuwenden. Etwas anders steht es mit der zweiten der beiden Ursachen, aus denen Herr v. Koerber seine Stellung nicht halten konnte. Wir erfahren aus den Wiener Mitteilungen, die in den letzten Tagen ja reichlich genug geflossen sind, trotz mancher Widersprüche untereinander, doch jedenfalls dies, daß Herr v. Koer­ber sowohl das Ausscheiden Galiziens ans dem engeren Reichsverband wie den Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen am parlamentarischem Wege durch­führen wollte, während ansehnliche Gruppen der deut­schen Parteien die Anwendung des Artikels 14 der Ver­fassung forderten, so daß also diese wichtigen Neuord­nungen durch kaiserlich-.Verfügungen erfolgen sollten. Die Wirkung wäre gewesen, daß. wenn der Reichsrat demnächst wieder ei--berufen werden wird, das Abge­ordnetenhaus eine Mehrheit gehabt hätte, in der nach dem Ausscheiden der Polen und Ruthenen die Deut- scheu die Entscheidung in der Hand gehabt haben würden.

Weil Herr v. Koerber diesen W-w nicht gehen wollte, ist er gefallen. Wir hören vielen heftigen Tadel über die Deutschnationalen und die Christlichsozialen, die durch ihre unvernünftige Forderung, daß die Notver­ordnung angewendet werden solle, den Sturz Koerbers herbeigeführt haben. Wir wollen diesem Tadel nicht widersprechen, aber gar so klar, daß man abschließend urteilen und verurteilen konnte, liegen die Verhältnisse doch wohl auch nicht. Zuni mindesten haben sich in den letzten Tagen die deutschen Parteien, und dazu gehört auch die Fortschrittspartei, ziemlich einstimmig für eine außerparlamentarische Erledigung der 'Neuordnung in Böhmen wie der Sonderstellung Galiziens ausge­sprochen. Das ist kein geringfügiges Faktum. Es soll ja unser Urteil, wie gesagt, nicht bestimmen, aber in ernste Erwägung ziehen müssen wir cs doch. Herr v. Koerber war der Meinung, daß das Arbeiten, mit dem Artikel 14, das deni alten Kaiser noch einiger­maßen angestanden hatte, für den jungen Kaiser ein unwillkommener Beginn seiner Regierung sein müßte. Das läßt sich hören, jedoch ist zu fragen,-ob der ausge­schiedene Ministerpräsident, wenn der Reichsrat wieder beisammen war. die Mittel bewß oder besitzen konnte, uni in dieser Körperschaft, in der die Deutschen nur eine Minderheit bilden, die galizische und die böhmische Frage so zu erledigen, wie es geschehen muß. Wenn er nun Schiffbruch gelitten hätte, was dann? Aller­dings konnte auch dann die Notverordnung abhelfen, aber um wieviel schwerer wäre ihre Anwendung ge­worden und wieviel Erbitterung hätte sich auf allen Seiten aufgehäuft!

Die natürliche Konsequenz des Ministerwechsels trird, so sollte man meinen, jetzt sein, daß in der Tat mit der Notverordnung vorgeganqen werden soll. Darum kann man den Rücktritt Koerbers gewiß be­dauern, aber wir wollen, da der Blick immer in die Zukunst zu richten ist, doch erst abwarten, welche tief- «-ingreisenden Veränderungen in der inneren Struk­tur Österreichs jetzt kommen können und aller Voraus­

sicht nach auch kommen werden. Sollte es vor allem gelingen, in Böhmen einen Ausgleich zu schaffen, bei dem die Tschechen nicht zu leiden brauchten, während den Deutschen ihr Anspruch auf Bestand und Entwick- lungsfreiheit gesichert wäre, so würde es zwar nicht gleichgültig sein, wie das große Werk zustande käme, aber auf das Werk selbst käme es zuletzt doch entschei­dend an. Wir wissen nicht, wie es» in Österreich wer­den wird, wir wollen jedoch bei der Erwartung ver­harren, daß es gut werden wird.

*

Eine Konferenz v. Svitzmnllers bei Kaiser Karl.

W. T.-B. Wien, 18. Dez. (Tcahtbericht.) Der Kaiser empfing den mit der Kabinettsbildung be­trauten Geheimrat v. Svitzmüller vormittags in einstündiger Audienz und nahm seinen Bericht _ über den Stand der Kabinettsbildung sowie über die ge­samte politische Lage entgegen Der Kaiser beauf­tragte hierauf Spitzmüller die Kabinettsbildung, die sich in einem vorgeschrittenen Stadium befindet, fort­zusetzen. _

Neue Angriffe der Russen im Uz-Tale.

Hsterreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 18. Dez. (Dcahtbericht.) Amtlich ver­lautet vom 18- Dezember, mittags:

Östlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen.

Lage unverändert.

Heeressront des Generalobersten Erzherzog Joseph.

Beiderseits des Uz-Tales griffen die Russen unsere Stellnngen nach heftiger Artillerievorbereitung im. Dir Kämpfe sind noch nicht abgeschlosien.

Heeresgruppe des Generalfcldmarschalls Prinz Leopold von Bayern.

Russische Borstöße gegen unsere Feldwachlinien bei Augustowka blieben erfolglos. Ebenso scheiterten schwäch­liche feindliche Angriffe gegen unsere neuen Stellungen bei Bol. Porsk.

Italienischer nnd südöstlicher Kriegsschauplatz.

Keine besonderen Ereignisse.

Der Stellvertreter des Chefs des Grneralstabs: v. Hofer, Feldmarschallentnant.

Die militärische Lage.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

I-. Berlin, 18. Dez. (Eig. Drcrhtbericht. zb.) Die er­freulichste Nachricht, die von den Kriegsschauplätzen während der letzten 48 Stunden eingetrofscn ist, betrifft die D o b r u d s ch a, wo die verbündeten Truppen unter Macken­sen ganz beträchtliche Fortschritte gemacht haben. Unser Borstoß hat den weichenden Feind um etwa 58 Kilo­meter über die zuletzt gehaltene Stellung südlich Harsova- Coraharmon bis ins Waldgebiet von Babagab zvrückgetrieben, also über die Frontlinie'hinaus, die wir vor dem Einsetzen russischer Verstärkungen nach der Eroberung von Constantza einnahmen und freiwillig räumten, um hinter starke Ber- schanzungen, auch über die Donau weg die Operationen gegen die kleine Walachei durchführen zu können. Es entspricht die­ses Bortreiben unserer Stellungen in der Dobrudscha dem siegreichen Bormarsch der Truppen über die Jalomita -nach dem nördlichen Rumänien. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Russen im ansteigenden Gebirge hinter Babagad Widerstand zu leisten suchen. Die Gefangenenziffer am 17? Dezember betrug in Rumänien 658 Mann.

Von der O st f r o n t wird berichtet, daß die Russen zur Vorbereitung eines Angriffs bei Jlluxt 8888 Schuß auf un­sere Stellungen abfeucrten, ohne merklichen Schaden anza- richten. Am 17. Dezember suchten die Gegner die vom Referve-Jnfanterie-Regiment Rr. 52 gewonnene Stellung zurückzuerobern, was jedoch fehlschlug. Bei Mestecanesci, 13 Kilometer nördlich von Dorna Watra, wurden österreichisch- ungarische Sicherungstruppen etwas znrückgedrückt. Die Stellnngen sind aber zum Teil schon zurückgenommen wor­den. Bei Augustowka, nordöstlich von Brzezany, scheiterten russische Borstöße.

Im W e st e n herrschte am 16. Dezember an der Somme nnr mäßig starkes Artilleriefeuer. Allein beiderseits der Ancre beim St. Baastwald, südwestlich von Peronne, erreichte die Beschießung größere Stärke. Gestern war wegen der trüben Witterung die Gefechtstätigkeit recht gering, und In­fanterie wurde nirgends angesetzt. Im Maasgebiet setz­ten die Franzosen auf dem Ostufer ihre Angriffe fort. Im Abschnitt von Hardaumont gelang es ihnen bekanntlich, das Torf Bezonvaux zu nehmen. Unsere Truppen eroberten es zwar zurück, vermochten es später doch nicht zu halten. Die Vorstöße gegen den Foffes-Wald brachen zusammen. Auch unsere Front ans dem westlichen MaaSnfer lag unter heftigem

Feuer, ohne daß dort Infanterie eingriff. Gestern war nach einer Rächt, in der gegenseitiges Streufeuer hinter dir Fronten gelegt wurde, auch im Maasgebiet der Kampf abgc flaut.

An der italienischen Front am Isvnzo Regen; im Gebirge klares Wetter, aber w-gen des h o h e n S ch n e c s auf beiden Seiten viel Arbeit mit Ausbesserung der Schützen­gräben.

Unser Friedensangebot.

Die Stimmung in England.

Bi-. Haag, 18. Dez. (Eig. Drahtbericht. zb.) Die Durchsicht der englischen Zeitungen, soweit sie nicht ganz besinnungslos gegen das deutsche Friedensangebot polemisieren, ergibt, daß der deutsche Schritt gegen­über d.e n Neutralen für ä u ß e r st geschickt und für England gefährlich gehalten wird. Einem Eingehen auf die deutschen Vorschläge steht das Gefühl entgegen, daß gerade im gegenwärtigen Augen­blick Englands militärische Lage nicht so g ü n st i g sei, um Verhandlungen mit dem natürlich gewünschten äußersten Nachdruck führen zu können, daß andererseits aber Deutschland den Höhepunkt seiner kriegerischen Erfolge erreicht habe. Man nimmt des­halb allgemein an, daß die praktischen deutschen Vor­schläge für England und seine Vei kündeten, auf die in allen Artikeln bereits ein Teil der Verantwortung für die bis setzt ausgebliebene Antwort abgeichoben wird, unannehmbar sein werden. Die Artikel sagen, daß, theoretisch genommen, das Friedensangebot an­nehmbar sei. Infolge der tatsächlichen Verhältnisse aber sei eine Annahme unmöglich. Das Bedauern dar­über schimmert überall durch. Die Presse selbst stellt gleichzeitig je nach ihrer Meinung den unbefriedigenden allgemeinen Verhältnissen in Deutschland keine glän­zende militärische Lage gegenüber und bezeichnet beson­ders die N a h r u n g s m i t t e l k n a p v h e i t als Grund für den deutschen Vorschlag. Ohne Zweifel läßt sie sich damit eine Tü' für den Fall, daß von Eng­land eine definitive Antwort gegeben wird, . offen. Man würde dann natürlich dem Publikum den Glauben nehmen müssen, daß mit einem überlegenen Gegner verhandelt wird. Man kann feststellen daß man auf vielen Seiten zu Friedensverhandlnngen offensichtlich geneigt ist. Der deutsche Vorschlag hat in England eine derartige Überraschung hervorgerufen, daß die U m o r i-en t ie r u n g einige Zeit in An­spruch nimmt.

Lloyd Georges Antwort.

W. T.-B. London, 18. Dez. „Weekly Dsspatch" schreibt: Die Antwort der englischen Regierung auf den Friedensan­trag wird in einer Rede gegeben loecden, die L l o h d G c o r ge am Dienstag halten wird. Wahrscheinlich wird der Erste Minister in groben Zügen die FciedenSbedingungen der Entente angeben, wodurch De atschland nicht im geringsten im Zweifel gelassen wird übec den Entschluß Englands, den Krieg mit der äußer st e n Kraft fortzusetzen, bis der Sieg erfochten ist, der die Erfüllung dieser Bedingun­gen garantiert.

Der Beschluß der Sozialistenvereinigung des Seinr- depgrtements.

W. T.-B. Paris, 18. Dez. (Dcahtbericht. Agence Havas.) In dem von dem Kongreß der Sozialisten- vereinigung des Sernedepartem-'ntS angenouunenen Beschlüsse heißt es' Die alliierten Regierungen haben die Pflicht, die Vorschläge, zu denen sich die Gegner bereit erklärt haben, nicht ohne deren Kenntnis abzulehnen. Demgemäß fordert die Vereinigung des Winedepartements die alliierten Re- gierungn ans,. bei gleichzeitiger Krastanstrengung für die Landesverteidigung alle Verhandlungen aufzu­nehmen, die notwendig sind, um amtlich von den Frie­densbedingungen Deutschlands unterrichtet zu werden. Die Pereinigung fordert also- 1. keinen Vorschlag, ohne ernste Prüfung desselben abzulehnen, 2 die Vorschläge den Parlamenten vorzulegen. Schließlich lädt die Ver­einigung die alliierten Regierungen nir den Fall ein. t>oß die Vorschläge unannehmbar sein sollten, sie öffent­lich vor den kriegführenden Ländern knndzugeben und selbst sofort durch formelle Gegenvorschläge das Kriegs­ziel bekannt zu geben, das sie für unbedingt erforder­lich erachten.

Widersprechende Meinungen über Wilsons Haltung.

Haag, 18. Dez. (zb.j Reuter meldet aus London: „Weekly Despatch" berichtet vom 16. Dezember aus New Jork. Man schreibt dein Präsidenten zu, er erwarte, daß mit Bezug auf den deutschen Friedensantrag (ich noch die Mög­lichkeit bieten könne, daß Amerika seine guten Dienste andieten werde. Die Persönlichkeiten, die das Vertrauen Wilsons genießen, erklären jedoch, datz Wilson nicht die Ab­sicht habe, einen Schritt zur Vermittlung zu tun, bevor er sicher ist, daß dieser Schritt Erfolg haben werde.