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Montag» 18. Dezember 1916.

Voreilig oder abgekartet?

pokrowslqs vuma-ttomödie.

Das Auftreten des neuen russischen Außenministers Pokrowsky hat eine Überraschung gebracht. Am Diens­tag will Briand die Grundzüge der Antwort auf die Friedensnote bekanntgeben. Bis Dienstag wird auch Lloyd George angekündigterweise wieder ganz ge­sund sein — und am Samstag vorher bricht dieser Pokrowsky kurz und glatt über die Friedensnote den Stab. Liegt da ein M i ß v e r st ä n d n i s zwischen 'unseren lieben Gegnern vor? Ist der russische Gaul vorzeitig durchgegangen? Oder handelt es sich um ein abgekartetes Spiel? Will man wie bei Kriegs­ausbruch zuerst den Russen vorschieben, um nachher zu sagen, daß man nun auch nicht anders könne? Ruß. land hat mehrere Tage gebraucht, um sich die Friedens. Note zu Gemüts zu führen. Langsam und spärlich fließen die Preßstimmen. Das ist zu erklären aus den politischen Zuständen eines Landes, in dem es eine öffentliche Meinung im west- oder mitteleuropäischen Sinne nicht gibt und die Knute der Zensur ja schon in Friedenszeiten jede selbständige Besinnung niederhält. Die „Meinung" wird eben erst gemacht von den wenigen, die maßgebend sind, mögen sie nun in Peters, bürg oder in — London sitzen. Das dauert einige Zeit. Unerklärlich bleibt aber, daß die russische Regierung mit einem förmlichen Entschluß unter Zuhiffe- nahme einer Dumakomödie vorgeht, ehe London und Paris gesprochen haben. Soll das heißen: Wir

Rüsten holen uns das, was wir zu sagen haben, noch lange nicht bei unseren Freunden und Geldgebern, o nein, wir bleiben wir? Das würde allerdings über­einstimmen mit der Haltung des bisherigen Reichs- kontrolleurs Pokrowsky im Konzert des Pierverbands. Pokrowsky war das f ü h r e n d e Mitglied der russischen Vertretung auf der P a r i s e r W i r t s ch a f t s k o n f e° r e n z und inachte sich bei jeder Gelegenheit durch einen gewissen Widerspruchsgeist bemerkbar Er vertrat, wie zweifelsfrei bekannt geworden ist, einen Standpunkt, der im großen und ganzen zu dem englisch-französischen Programm des Wirtschaftskrieges nach dem Kriege im direkten Gegensätze stand. Er tat das gewiß nickt aus Deutschfreundlichkeit, sondern im Interesse Ruß­lands, aus nüchtern realpolitischen Erwägungen her­aus. Aber ist es im Interesse Rußlands realpolitisch, vor den anderen aus dem Kreise der Alliierten zu treten und sich auf einen Entschluß festzulegen, der nach, her mit den Vorwürfen der Neutralen, mit der Rachc des Gegners teuer bezahlt werden muß? Pokrowsky scheint übrigens auch noch gar nicht recht im Bilde zu sein. Er spricht von dem „Ansuchen" der Mittel­mächte. Bei Ssasonow oder Stürmer wärs eine kleine Niedertracht gewesen, bei Pokrowsky ist es noch eine Unklarheit, denn im weiteren Verlauf seiner Erklärun­gen sagt er richtig: Vorschläge. Dann wieder

passiert es ihm, daß er dem deutschen Vorschlag den Vorwurf macht, er enthalte keine tatsächlichen Angaben über das Wesen des Friedens. Natürlich nicht. Dar­auf kommt es ja erst an, ob die Herren Gegner bereit sind, tatsächliche Angaben anzuhören. Dinge, die jeder Zeitungsleser hüben und drüben längst' begriffen lind verdaut hat. Was Pokrowsky voni „siegreichen Ende" für Rußland von der „Vernichtung des Fein­des", von dessen innerer Schwäche faielt, ist geradezu papageienhaft ' sinnloses Nachgeplapper aus Reuter-Waschzetteln. Wo bleibt da die russische Selbständigkeit? Das Verdächtigste an der Aktion Pokrowskys ist aber der bestellte Duma­beschluß, der natürlich in einem Regierungs­bureau verfaßt und nun zum Beschluß erhoben wurde. Angeblich einstimmig. Wer lacht da nicht? Aber jedenfalls ist die Komödie geglückt. Zar, Kabinett und Duma stehen scheinbar aut der Plattform unentwegten Kriegsdurstes und „schließen sich einmütig der k a t e g o r i s,h e n Ablehnung der alliierten Regierungen an, unter den jetzigen Verhältnissen sich m irgendwelche Friedensverhandlungen emzu- lassen', eine Fassung, die höchst rätselhaft und geheim­nisvoll anmutet und sich am Dienstag, wenn die ande­ren gesprochen haben, entweder als eine lächerliche Vor­eiligkeit oder als eine t r a n r i g e K o m ö d i e ent­puppen wird; höchstwahrscheinlich als das letz­tere: denn der wirkliche Znsamnienhang Ivird doch wohl der sein, daß die ganze Rede Pokrowsky aus Eng­land b e st e l l t war, weil England erst die Bun­desgenossen mit ihren Ablehnungen v o r z u s ch i ck e n mcht, um die moralische V e ra n t iv o r t u n g der Ablehnung, obwohl es selber die treibende Kraft ist, nachher von sich abwälzen zu können. Das wird sich wohl morgen schon ans Llovd Georges Rede ergeben.

klbend-klusgabe.

Die mts London bestellte scharfe russische Absage.

Berlin, 18. Dez. (zb.) Über die englische Regierung heißt es in der „Voss. Ztg.": Sie arbeite ausgezeichnet. Wäh­rend Lloyd George sich auf die deutsche Friedensnote noch immer nicht geäußert habe und Briand nur ein paar provi­sorische Worte sprach, weil er ecst am Dienstag gemeinsam mit seinem englischen Kollegen die endgültige Antwort er­teilen :voüe, während Sonnino recht zurückhaltend sich ge­äußert habe, habe der neue russische Minister des Aus­wärtigen eine schroffe Absage an die Mittelmächte erteilt. Warum konnte nicht auch er sich nach Briands Vorbild mit einer kurzen vorläufigen Ansprache an die Duma begnügen? Er durfte liicht, weil die englischen Staatsmänner wollten, daß die erste klare und scharfe Absage von Petersburg ausgesprochen würde.

Keine Friedenshoffnungen in den englischen Schützengräben.

W. T.-B. London, 16. Dez. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) Aus dem britischen Hauptquartier in Frankreich wird vom 14. Dezember berichtet: Die Nachricht von dem deutschen Friedensangebot drang erst gestern spät abends bis in die britischen Laufgräben durch. Man hatte in vielen Fällen schon vorher von deutscher Seite davon erfahren, und zwar dadurch, daß die Neuigkeit mit Kreide auf Bretter geschrieben und so den britischen Soldaten mitgeteilt worden war. Als die Nachricht von britischer Seite bestätigt wurde, wurde sie natürlich mit dem größten Interesse ausge­nommen, die Offiziere und Mannschaften schienen aber absolut kein Vertrauen zu haben, daß die Vor­schläge wirklich zum Frieden führen würden.

Englische Städte und Gewerkschaften zn dem Friedensangebot.

Br. Haag, 18. Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die „Times" veröffentlicht Äscherungen der Lordmayors großer englischer Städte zn dem Friedensangebot. Der Lordmahor von Liver­pool sagt: Deutschland wird stolze Gesichter schnei den, bis es zusammen bricht. — Ter Mayor von Manchester äußert' Deutschlands Vorschläge sind nicht wert, daß man sie berücksichtigt: derjenige von Sheffield: Das Angebot ist ein Beweis beginnender Angst. — Der Mayor von Newcastle sagt: Die Nation fordert, daß der Friede auf dem vollkommenen Siege der verbündeten Waffe beruhe. — Der Mayor von Cardiff- Frieöensvorschläge, die den Alliierten nicht vollständig Genugtuung geben, kommen nicht m Betracht. Alle verwüsteten Länder müssen wieder aufge­baut und ein dauernder Friede garantiert werden. — Der Mayor von Glasgow- Es gibt keine Verständigung mit einem Feind, der auf alle Verträge gepfiffen hat. Die Alliierten müssen ihre eigenen Bedingungen diktieren, wann es ihnen paßt. — Der Sekretär der englischen Lrade-Unions äußerte: Wir können keinerlei Vorschläge entgegennehmen, bevor sie nicht im einzelnen auseinandersehen, was Deutsch­land will. Bei der Überlegung muß man außerordentlich vor­sichtig sein, weil der deutsche Schritt vielleicht irgendwelche militärischen Maßnahmen, die in der Zwischenzeit er­folgen könnten, decken soll. 90 Prozent des englischen Volkes meinen das auch. Das einzig Notwendige ist, daß Deutschland seine Karten auf den Tisch legi; es soll uns erzählen, was es meint, wenn es über den Frieden spricht.

Eine gewisse Besinnung in manchen Kreisen der Entente.

Bf. Kovenliagen, 18. Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) In Widerspruch zu den Meldungen der letzten Tage berichtet der Londoner Berichterstatter der „Berlingske Tidendc" anläßlich der Überreichung der deutschen Friedensnote durch die Ver­einigten Staaten, daß sich in England die Ansicht über den Friedensvorschlag zu ä’toern scheine, daß Verhandlungen lacht möglich seien, so lange die Deutschen Belgien und die eroberten französischen Gebiete besetzt hielten. Es scheine eine ivachsende Stimmung dafür vochanden zu sein, daß der deutsche Friedensvorschlag die Behandlung finden inüsse, auf die er Anspruch habe, daß er also ernsthaft erwogen zu werden verdient.

Haag, l'8. Dez. (zb.) Holländische Blätter stellen fest, daß in der Haltung der kriegführenden Länder eine gewisse Änderung zugunsten einer genaueren Erwägung der Note der Mittelmächte zu bemerken sei. Die schroffe Ablehnung, die in den e fiten Tagen sowohl in der Presse wie in den Äußerungen der führenden Staatsmänner allge­mein war, wird jetzt hier und dort von anderen Meinungs­äußerungen durchbrochen. Der frühere britische Justiz, minister Lord Loreburne erklärte, daß England seine Männer, seinen Handel, seine Schiffe, seine ganze Wohlfahrt weiter opfere, um Rußland die Dardanellen, Rumä­nien Her mann st adt, Italien Triest zu verschaffen. Auch die Nationen, die weiter eine ablehnende Haltung eiw- nehmen, seien sich offenbar über oas Problem des zu schaffen­den Friedens noch nicht bewußt Aber es wäre Selbstbetrug, dem Drängen der Stimme sich nicht zu beugen, die einen ge­sicherten Weltfrieden wolle und Selbsttäuschung, daß eine der beiden Parteien schließlich in der Lage sein würde, der anderen ihre Bedingungen zu diktieren. Viele Journa­listen, unverantwortliche Staatsmänner und Klubseffel- strategeu dächten allerdings anders.

Nr. 616. . 64. Jahrgang.

Genf, 18. Dez. (zb.) Die heute nach Paris gelangte, offensichtlich von Sonnino gut gehaltene „TribuncT-Note be­findet sich in scharfem Gegensatz zu den von Briand in der Kammer geäußerten Worten: „Hundertmal n e i n." Briands Unterstaatssekretär für Auswärtiges, Denis- Cochin, hatte eine längere Konferenz mit allen Ententebotschastern.

Friedensneigung der Sozialistenvereinigung des Seinedepartcments.

•W. T.-B. Paris. 18. Dez. (Drahtbericht. Hcktzas.) Der Kongreß der sozialisfischen Vevetmyung des SeineÄeparte- m-Lnts hatte eine lange Besprechung über die Frage der Wiederaufnahme der internationoLen Beziehungen zwischen den iriegführeniden und den neutralen Ländern. Sr nahm nrit 1026 gegen 408 Stnnmen eine Entschließung an, die die Möglichkeit der Wieiderausnahme der internationalen Bezie­hungen und besonders der Verhandlungen für den Frieden in Betracht zieht, unter der Bedingung, daß klare Vor­schläge auf genau umschriebenen Grundlagen von Deutschland und seinen Verbündeten vorgekegt würden.

Noch nicht das letzte Wort?

Berlin, 18. Dez. (zb.) So bestimmt die russische Ab­lehnung klingt, so seher, wir in ihr, sagt die „Tägl. Rund­schau", noch nicht das letzte Wort der Entente. Wahrscheinlich wird es lauten: Ab lehne n, aber Verhandeln.

Berlin, 18. Dez. (zb.) Im „B. T." wird gesagt: Es scheint in England eine wachsende Stimmung dafür vor­handen zu sein, daß der deutsche Friedensvorschlag die Be­handlung finden müsse, auf die er Anspruch habe, daß er also ernstlich erwogen zu werden veftnene.

Die Mehrzahl der italienischen Parteien doch für Verhandlungen.

Berlin, 18. Dez. (zb.) Daß das italienische Volk den Frieden wolle, wird von verschiedenen Blättern neuerdings lerichtet. Als feststehend betrachtet werde, so heißt es, daß sich die Mehrzahl der pcliti'chen Parteien Italiens für einen E i n t r i t t der Friedensverhandlungen mit den Mittel­mächten erkläre.

Surückweichen der Rumänen -auf vralla.

Kbgewiesene russiche Vorstöße.

Der Tagesbericht vom 18. Dezember.

W. T.-B. Großes Hauptquartier, 18. Dezember,

(Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Keine besonderen Ereignisse; im Somme- und Maas- gebiet nur geringe Gefechtstätigkeit.

Östlicher Kriegsschauplatz.

Heeresfront des Generalseldmarschalls Prinz Leopold von Bayern.

Nordwestlich von L u ck versuchten die Russen, die von »ns am 16. Dezember bei Bol. Porsk gewonnenen Stellungen zurückzuerobern; ihre auch nachts wiü»crholten Angriffe wurden abgewiesen.

Ebenso scheiterten russische Vorstöße bei Augustowka (südlich von Zborow) in unserem Abwehrfeuer.

Front des Generalobersten Erzherzog Joseph.

Im Abschnitt von Mestecanesri, östlich der Goldene«

B i st r i tz, war der Artilleriekampf heftig.

Im Uz-Tale örtlicher Kampf bei wechselndem Erfolg. Heeresgruppe des Gcneralfeldmarschalls von Mackensen. Die Lage hat sich nicht geändert.

Auf Braila zurückweichendc feindliche Kolonnen wur­den durch unsere Flugzeuggeschwadcr mit beobachteter Wir­kung angegriffen

Mazedonische Front.

Zeitweilig lebhaftes Feuer im C e r n a b o g c n.

Der erste Generalquartiermeistcr:

Ludendorfs.

# » .

weiter voran in der Dobrudscha.

Der amtliche bulgarische Bericht.

W. T.-B. Sofia, 18. Dez. (Drahtbericht.) Amtlicher Heeresbericht vom 17. d. M.:

Mazedonische Front: An der ganzen Front schwaches feindliches Arrilleriefeuer und an manchen Stellen Patrouillengefechte.

Rumänische Front: Ja der Dobrudscha dauert der Bormarsch an. Die verbündeten deutschen, bulgari­schen und türkischen Truppe» erreichten die LinieGolovih- see-Testemel-Doiran-Dokuzacea. In der öst­lichen Walachei rücken unsere Divisionen ist Richtung auf den Unterlauf des C a l m a t u i»l - F l u s s e s vor.

Die Verteilung der rumänischen Beute.

(Drahtbericht unseres dli.-Sonderberrchterstatters.) dli. Wien, 18. Dez. (zb.) Österreich-Ungarn und Deutsch­land treffen gegenwärtig Vereinbarung» über die Ver­teilung der rumänischen Beute. Die Abmachung«! erfolgen in Wren in einer gemeinsamen Ministerberatuirg.