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Nr. 295.
Morgen.Seilage der Wiesbadener Tagblattr. >- :=a
Sonntag, 17. Dezember. Ivl6.
kSchlutz.)
Die Zabelhafte.
Novelle von L. Siffcnö (Wiesbaden).
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(Nachdruck verboten.)
V.
An diesem Lag ging Dr. Raugraff früher als gewöhnlich nach Haus. Trendelburg mochte in seiner Freude und. seinem Glück ruhig doppelte Arb<rit tun, er konnte seine Gedanken heute gar nicht zu vernünftigem Denken zwingen.
Es war ein sehr rauher Tag Anfang Oktober. Sein Studierzimmer war mollig, und alles war für ihn bereitet, wie er es wünschte. Er seufzte. Dieser Stand der Dinge war gewiß zu angenehm, um lange zu dauern. Er fühlte sich sonderbar bewegt und war zornig über sich selbst, daß er Sehnsucht nach etwas Un- ausgesprochenem hatte und daß Empfindungen in ihm erwachten, die er längst für tot gehalten. Es war doch nicht Frühling, Donnerwetterl und man durchkreuzte und durchguerte doch nicht einen jungen Wold — es war ausgesprochener Herbst, und man freute sich über ein warmes Winkelchen in seinem Zimmer. Also!
Hr machte seinen täglichen Besuch oben bei Gabriele. Es ging ihr etwas erträglicher, und in ihrem Halbdunkel saß es sich angenehm bei diesem ungemütlichen Wetter. Wenn es dem feingebildeten alten Fräulein etwas besser ging, wurde sie gleich froh und heiter und nahm an allem regen Anteil. Sie merkte bald, daß Vetter Clemens in trüber Stimmung war und versuchte, seine Schwermut zu vertreiben. Sie sprach über seine letzten Monatshefte, fand mehr Schwung in den von ihm geschriebenen Artikeln, besprach lebhaft alles, was ihn sonst interessierte, aber er blieb einsilbig.
„Käte liest mir manchmal vor, wenn ich sie darum bitte. Das ist ein liebenswürdiges Geschövf, Clemens. Sie hat gewiß besiere Tage gegeben- sie muß gebildet sein. Wenn Brigitte mir zuweilen öorlas, strengte mich das Zuhören an, und was sie aus der Zeitung selbständig wählte, o Gott! Bei Käte ist das Zuhören ein Genuß Obgleich sie mich doch gar nicht kennt, trifft sie immer genau, was mich interessiert. Sie Pflegt auch so schön. Emma sagt, daß alles so viel schöner sei als zu Brigittens Zeit. Ich bin so froh, daß du solch guten Ersah gefunden hast."
„Ja, es ist wohl schön, Gabi aber du kannst dir denken, daß das nicht lange dauern wird."
„Sie scheint sich aber sehr glücklich hier zu fühlen."
„Irgend ein Zufall führt sie doch weg."
„Ich habe das Gefühl, als wäre sie gern hier; und dann läßt man sich nicht von einem Zufall entführen", bestand Fräulein Gabriele fest.
Als er in seinem Studierzimmer über seiner Arbeit saß, fröstelt? er. Es war rhm so einsam zumute, wie noch nie. Ärgerlich über seine wunderliche Stimmung, versuchte er doppelt eifrig zu arbeiten; es ping nicht. Da klingelte er. Vielleicht half Kätes herrlrcher Lee.
Aber sie erschien nicht auf «ein Klingeln. Da fiel ihm ein, daß er ihr gesagt hatte, er käme den ganzen Lag nicht zurück, weil er mit Freunden im Klub speise. v „Bis jetzt ist sie immer zu HauS gewesen", dachte er
bitter, „auch wenn ich unerwartet heimkam. Ich war ihr noch wichtig. Jetzt geht sie schon aus! Der Anfang vom Ende natürlich", griibelte er.
Nun schien ihm das HauS noch öder und einsamer. Sonderbar! Wenn Brigitte mit oder ohne Erlaubnis fortgewesen war, hatte das ihn nie weiter berührt. Kätes Abwesenheit, die er noch da^u selbst veranlaßt hatte, empfand er wie eine persönliche Kränkung.
Es war mit ihr eine neue Atmosphäre in sein Haust gekommen. Er fragte sich, worin eigentlich das Beglückende bestand. War es, weil leine Mahlzeiten iminer vorzüglich, pünktlich rind einladend waren? Oder; weil seine Zimmer aussahen, als wären sie von einen! zärtlichen, intelligenten Weib, nicht von bezahlten Dienstboten in Ordnung gehalten? Er wies diesen Gedanken von sich. Nein, zu seinen zahlreichen Fehlern gehörte nicht der, dem Wohlleben einen zu hohen Platz einzuräumen. An einigen Idealen hielt er fest, und nie hatte er seinem Körper die Herrschaft über die Seele gelassen. Wenn er sich durch die Gegenwart seiner Haushälterin beunruhigt fühlte, konnte dies einen anderen als ihn demütigenden Grund haben? Und doch — sie war so anders, als was man sonst unter dieser Gattung kennt. Er war tatsächlich froh, e§ wurde ihm warm ums Herz, wenn ste in ihrer stillen, heiteren, unaufdringlichen Art seine Mahlzeiten iibcr- wachte, die Emma herbeitrug. Es kam ihm stets dis Anwandlung, sie aufzufordern, sich zu ihm zu fetzen und mit ihm zu plaude-n, und er wagte nicht, sie zu oft anzufehen, weil er fürchtete, ihr liebes Gesicht könne sich zu sehr in sein Her) stehlen. Er sprach auch seltener als am Anfang mit ihr, denn ihre Stimme verwirrte ihn, und er wollte nicht unsicher werden.
Seit Trendelburg mit ihm über seine verschollene Freundin gesprochen hatte, war ibm zun'-silen ein Gedanke gekommen, der ihm das Herz pochen machte — aber er verwarf ihn wieder, als ans Unmöglich? grenzend. Es gab mehr als eine süße Stimme in der Welt.
Seine widerstreitenden Empfindungen wärmten ihn nicht. Ihn fror und hungerte, weil er zu Mittag nur ein belegtes Brötchen gegessen hatte. So stieg er in die Küche hinunter, da auch Emma nirgends aufzutreiben war.
Die Küche mutete ihn geschmückt an. Ein großer Strauß dunkelblarier Astern stand in einem Glas. Nicht nach Brigittens Art mit fsstqefchnürtem Gürtel in die Vase gepreßt — nein, die Blumen standen leicht und lose, als ob jede einzelne liebevoll ins Glas gestellt worden wäre. Nun ja. sie hatte natürlich Geschmack in allen Dingen. Keine unangenehmen Gerüche, kein unappetitlicher Anblick von unbeschreiblichen Pfannen, Resten oder dergleichen. Er hatte die Küche zuweilen in seltenen Zwischenränm-n zu Brigittens Zerten gesehen und war stets entsetzt geflohen. Brigitte hatte dann gutmütig gelacht über einen so unvernünftigen Mann, der von einer Küche erwartete, daß sie schön aussehe zu allen Zelten. KätenS Küche sah schön, wohn-
