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Nr. 294,

Morgen.Seilage der Wiesbadener Tagblatts.

3J

Srmstog, 16. De ember.

1916.

(4. ftocisetzung.)

Die Zabelhafte.

Novelle von L. Liffenö (Wiesbaden).

Machdrilck verboten.)

VI.

Dr. Trendelburg war aus dem Krankenhaus ent­lassen, und Dr. Raugrakf hatte darauf bestanden, daß er noch mindestens vierzehn Tage zur Erholung ans M-eer gehe, hatte ihm zu diesem Zweck sogar eine Zu­lage gegeben. Dr. Trendelburg war starr vor Er­staunen darüber gewesen, hatte iich aber königlich dabei erholt. Er hatte das Gegenteil erwartet, hatte ge­glaubt, er werde gedrängt, kaum aus dein Gröbsten heraus, sofort lvieder an die Arbeit zu kommen, damit Dr. Rangraff seine verschobene serienreife nachholen könne. ...

Er war nicht der einzige, den „das Rauhbem" m Erstaunen sehte. Das Personal im Verlagshaus zer­brach sich den Kopf dariiber, wem sie die rosige Stim­mung von Dr. Raugraff zu verdanken hätten. Er schien gegen schlechtes Wetter und Ärger gefeit.. Was für ein Wunder war geschehen? Dr. Rangraff war um seine Ferienreise betrogen, saß bei der größten Hitze an der Arbeit, und doch sausten die Bände dem unver­besserlichen Franz nicht um den Kopf. Man munkelte von verschiedenen scheuen Liebesgaben, die bedürftigen Ungehörigen gerade zu rechter Zeit zuteil geworden waren, und die nur auf das Oberhaupt zurückzuführen ; gewesen waren.

„Freut mich, Sie wieder heil zu haben", sagte Dr. Raugraff herzlich zu Dr. Trendelburg, als sein Mit­arbeiter im September ihm gegenüber saß.

„Nun können Sie ausspannen."

„Nein, ich habe jetzt andere Pläne. Ich gehe mit Kühlental im Dezember ans zehn Tage nach Grindel­wald Skiläufen; das kräftigt noch mehr. Und Sie und ich, Trendelburg, machen manchmal an Sonntagen lange Wanderungen zusammen."

Dr. Trendelburg kam auf die gleichen Gedanken tote das übrige Personal. Nur der eivig gleiche Grund konnte einen solchen Umschwung hervor gebracht haben. Welches Weib umgarnte diesen Stärken? Für welche Delila hatte er seine Borsten geopfert?

„Ich bin so glücklich, wieder bei meiner Arbeit zcc

! ein", sagte Trendelburg warm, seinen Gedankengang äh unterbrechend, damit Dr. Raugraff nicht zu deut- ich in seinen Augen lese, „man brummt ja manchmal, wenn man (u,t zu ununterbrochen in der Tretnrühle

K , aber wenn's einmal an den Kragen gegangen nt man einsehen, daß haute Arbeit bei tüchtiger Gesundheit die Höhe des erreichbaren irdischen Glücks ist. Übrigens, ich wollte fragen, haben Sie Fräulein Ulla Linde eine kleine Anstellung gegeben? Ich hatte eine Unterredung mit ihr auf die Mbkliste des Tags gesetzt, an dem ich nach dem Krankenhaus gekarrt wurde." . ....

„Sie kam, Trendelburg, Ihr Fräulem Ulla Lmd, sagte Dr. Raugraff kleinlaut, „brachte auch. eine gut­geschriebene, eigenartige Novelle, über die ich in da­maliger unbegreiflicher Stimmung sehr schnöde ur­teilte. Als ich die Geschichte nachträglich las, gefiel sie

mir sogar sehr gut; ich hätte der Verfasserin geschrieben, aber sie hatte mir keine Adresse angegeben, und sie kam nicht wieder."

„Wenn Sie nicht sehr entgegenkommend waren, glaube ich es wohl", sagte Trendelburg bekümmert. „Und sie sah ans, als hätte sie Freundlichkeit und Hilfe so nötig. Sie konnten natürlich nicht wissen, mit wem Sie es zu tun hatten, da ihr ganzes Wesen so. an­spruchslos ist —; und sie hatte mich gebeten, nur ihren Schriftstellernamen zu gebrauchen."

„Was für eine Bewandtnis hat es denn mit ihr? Stauiint sie von den Karolinern ab? Habe ich un­wissentlich Fürstenblut beleidigt?" fragte Dr. Rau­graff mit gut gespielter Ängstlichkeit.

„So schliniin ist es nicht", entgegnete Trendelburg lachend, „aber vornehm ist sie, das können Sie ncic glauben. Ihre Familie besaß mehrere Rittergüter, und auf einem davon war mein Pater Inspektor. Kin­der zahlreich bei uns, Mittel gering. Ich wurde als einigermaßen hoffnungsvoll angesehen und teilte mit deni Sohn des Hauses die Ausbildung. Aber ein Rittergut nach dem anderen perlte ab. Was der anßer- ordentlich liebenswürdige, aber leichtsinnige und ver­schwenderische alte Freiherr nicht vertan hatte, lief in unglaublich rascher Zeit durch die Hände des Sohnes. Ich war zum Glück von meinem einundzwanzigstcn Jahr an durch Stipendien und Abenöarbeit imstande, meiice Studien zu vollenden; der Freiherr konnte nicht mehr helfen, der hatte nichts mehr außer Schulden. Gerhard, der Sohn, ging frischen Muts zur Schutz» truppe, und der Freiherr verschwand mit Ulla von der Bildsläche. Ich hörte, daß sein älterer, unverheirateter Bruder sich gelveigert hatte auch nur einen Groschen für seinen leichtsinnigen Bruder zu opfern. Auch, daß Ulla alle ihre lieben Wertsachen und kostbaren Familien- stücke verkauft habe, und nach unablässiger Arbeit so weit gekommen sei, die drückendsten Schulden abzu­tragen. Als ihr Vater starb und ich imstande gewesen wäre, ihr ein wenig beizustehen, war sie nirgends mehr zu entdecken. Sie gehörte zu den seltenen Menschen, die in der Not vor ihren Freunden fliehen und selbst anfassen. , „ , ,

„Am Tag von meiner plötzlichen Erkrankuiig , fuhr dann Trendelburg nach einer kurzeic Pause fort, „sah ich sie zufällig in der Leipziger Straße. Ich erschrak. Sie sah aus wie ein Gespenst. Durch Kummer, Über­arbeitung und Entbehrungen war sie lebensgefährlich krank geworden, war erst seit einigen Tugen Wieder­aus dem Krankenhaus und suchte eie kleine dauernde Anstelliing bei einem Schriftleiter. Da ihre Fähig­keiten über das gelvöhnliche Maß gehen, versprach ich ihr, mich bei Ihnen zu vertuenden, denn ich zweifelte keinen Augenblick, daß Sie ihr ein? Arbeit Übertrager, würden. Danic wurde ich krank, und nun ist sie ver- schollen."

„Das ist ja eine nette Geschichte", klaate Dr. Rau­graff mit umwölkter Stirn, „eine nette Geschichte! Ich