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Samstag, 16. Dezember 1916.

Morgen-klusgabe.

Nr. 612. . 64. Jahrgang.

Lehnen die Feinde ab?

Wenn die Meldung zutrifft, daß Lloyd George und Brianü gegenseitig die unerschütterliche Ent- fchlossenheit, den Krieg bis zum siegreichen Ende wer- terzusühren, zugesichcct haben, dann ist das Friedens­angebot unseres Vierbundes schon ab ge lehnt. Wir müssen uns also fragen, warum die feindlichen Regie­rungen gar nicht erst den Wunsch nach den Einzel­heiten unserer Friedensbedingungen' äußern. ^Offen­bar tun sie cs darum nicht, iuetl ne nur einen Frieden »vollen, der unsere Vernichtung bedeutet. Das ist ja nichts Neues, das haben Trepow, Lloyd George und Briand, neuerdings auch Boselli, wiederholt ausge­sprochen, und wie die Ersetzung Stürmers durch Trepow, so sind der Sieg Lloyd Georges über Asquith und auch die straffere Zusammenfassung des französi­schen Kampfgeistes durch die Veränderungen in der obersten Heeresleitung ebensoviele Beweise dafür, daß hinter den Regierungen ein zum äußersten ent­schlossener K r i e g s w i l l e der feindlichen Völker und ihrer Parlamente steht. Warum aber ver­schärft sich dieser Kriegswille noch, statt sich unter der Wirkung unserer militärischen Erfolge zu dampfen? Um hieraus eine Antwort zu erhalten, müssen wir die Lage vom feindlichen Standpunkt aus betrachten, sie also nicht nach unseren unzweifelhaften und gesicher­ten Gewinnen auf den Hauptkrieas'chauplatzen beur­teilen, sondern unS eben, so weit das möglich ist, in die Seele unserer Gegner »ersetzen. Die Feinde bleiben unerschütterlich bei dem Glauben daß wir wohl zeit­weilig Vorteile erringen, sie aber nicht aus die Dauer werden behaupten können. Die Feinde pochen auf die Überlegenheit ihrer Zahl, auf die schranken­lose Beschaffung von Kriegsmaterial jeder Art und auf die nach ihrer Meinung unvermeidlichen Wir­kungen der H a n d e l 3 b I o ck a d e. Sie glauben immer noch, uns militärisch überwinden, minde­stens aber uns die Wage halten zu können, so daß un- . fere Siege nicht zum Ziele zu führen vermögen, weil sie nicht vollständig und vernichtend werden sein, können. Sodann und hauptsächlich geht die Rechnung dös Vicr- verbandes auf die Aushungerung aus. Diese Rechnung ist der stärkste Trumpf der Feinde, immer von ihrem Standpunkte aus angesehen, und darum wollen sie heute keinen Frieden, der ihnen, auch wenn er für den Vierverband gar Nicht so ungünstig wäre, 'immer nur einem Bruchteil boit dem bringen könnte,

was sie mit unserer endgiiltigen Nieder.',wingung er- . streben. Der Vierverband führt gegen uirs einen E r- oberungs- und Berge waltigungskrieg, wir führen einen Verteidigungskrieg. Ge- ' wiß wollen wir'reale Garantien" erkämpfen, die uns gegen eine Wiederholung des Überfalls schützen, aber wir wollen, wie es der Reichskanzler gesagt hat, nie­mand zerschmettern. Deshalb konnten wir den Frie- . den anbieten. Die Feinde lassen die Hoffnung nicht fahren, daß sie uns tödlich schlagen werden, und da .ihre Ziele so unendlich viel weitergehen, als es selbst .die höchstgespannten Forderungen auf unserer Seite je­mals getan haben, so wäre ein Friede auf der Grund­lage der' Verständigung für sie eine Niederlage. Ruß­land bekäme nicht Konstantinvpel, Frankreich nicht Elsaß-Lotb ngetl, England nicht unsere Kolonien und unsere F.' i. Nun sind wir Deutschen ja der psycho­logisch nic... bloß begreiflichen, sondern auch berechtig­ten Meinung, daß aller Trotz '.rnd alle Anstrengungen der Feinde nutzlos verpuffen werden, weil wir n'fti- tärisch so biel besser als jene steheii. Hätten die Feinde dieselbe Ansicht, so wären wir dem Frieden um ein gutes Stück näher. Sie ermangeln aber dieser Einsicht, und wenn wir unsere eigene Psychologie zu . rechtfertigen wissen, so müssen -vir auch objektiv genug sein, die der Feinde zu verstehen, die sich auf die Zu­kunft stützt und unseren Sturz von der Weiter- d a u c r des Krieges, namentlich von der vermeintlich sicher eintcctenden Aushungerung erwarten. Dia . Folge von alledem wird sein, daß wir weiter- kämpfen müssen. Allerdings brauchte weder in London noch in Paris und Petersburg das letzte Wort schon gesprochen zu sein, und der Austausch der Er­klärungen zwischen Lloyd George und Briand würde gleichwohl nicht verhindern, daß unter der Hand doch wohl eine Fühlungnahme durch die Neutralen versucht und der hingehaltene Faden irgendwie weiterge­sponnen wird. Aber hierauf zu rechnen, ist nrcht ge­raten. Ein Nichtsieg bedeutet für unsere Feinde, so fassen sie es wenigstens auf, die tatsächliche Besiegung. Der kürzlich verstorbene französische Volkswirtschaftler Leroy-Beaulieu schrieb imEconomift» ftanyais":Ge­länge es Deutschland, auch nur aus der Grundlage des Status quo' ante einen Frieden zu erlangen, so hätte es doch einen an geheureu Pt a chtz uwachs be­kommen durch die Oberhoheit, die es rücksichtslos über feine Verbündeten ausüben toürde. Das deutsche Europa würde aus D e u t s ch l a n d, D ft e r r e i ch - U n garn.

Großbulgarien und der Türkei mit 150 Millionen Einwohnern bestehen. Diese unge­heure Masse, die seinem Einheitlichen Willen militärisch, politisch und wirtschaftlich unterstände, würde durch die Macht der Einschüchterung auch Belgien. Holland, Skandinavien und die Schweiz mit 80 Millionen Men­schen kontrollieren. Eine Macht, wie sie die Welt selbst zur Zeit des römischen Weltreichs nicht gesehen hat, würde sich von der Nordsee bis zur A d r i a, dem Ägäischen Meer und dem Persischen Golf erstrecken. Es wäre die völlige Unterwerfung Europas und der Anfang zur Unterwerfung der Welt; selbst die Vereinigten Staaten wären, woran sie gar nicht zu denken scheinen, nicht in der Lage, diesem europäischen Ti tauen re ich Trotz zu bieten." Wir Deutschen wissen, daß das törichte Über­treibungen sind, aber int feindlichen Lager sieht man die Entscheidungsfrage zwischen den beiden Mächte­verbänden nun einmal so an und läßt dadurch seine grundlegende Politik bestimmen. Wenn die Fran­zosen schon so urteilen, welche Beängstigung muß dann erst den Engländern ein solches Zukunftsbild bereiten, neben, den Engländern aber auch den Russen! Trotz­dem müßten die Feinds sich fügen, sobald sie die Un­möglichkeit ihres Steges erkannt haben. Dies haben sie, wenn sie jetzt ablehnend antworten, aber noch nicht getan, und somit müßten wir unsere Anstrengungen, um sie fühlen zu machen, wo sie nicht hörett wollen, vervielfachen, was denn auch mit herzerhebender Sicherheit nicht bloß erbofft, sonderit als ntoralische wie sachliche und rechnungsmäßige Gewißheit in unseren opferbereiten und unserer unerschütterlichen Stärke be­wußten Willen schon' ausgenommen werden kann.

Zur Vorgeschichte des Friedeltsangebots.

Br. Basel, 15. Dez. (Etc,. Drahtbericht. jtjk) Zur Vor­geschichte des Friedensangebots vernimmst die hiesige .Rationalzeitung" von unterrichteter diplomatischer Seite, daß die russische Regierung sich vor einiger Zeit unter der Bedingung, daß eine Verständigung mit den übrigen Entente­regierungen möglich sei, bereit erklärt hat, sich auf einen Meinungsaustausch über eine Verhandlungsgrund­lage einzulasseu. Di? weiteren Besprechungen zwischen den Regierungeit der Ententeländer führten zu Mcinitngs- Verschiedenheiten, welche unmittelbar den Sturz Stürmers zur Folge hatten. Nachdem die Entente alle Friedensverhandlungen ans Grund der gegenwärtigen Kriegs­karte abgelehn t hakte, beschloß die deutsche Regierung, ihr Friedensangebot o f f i zielt bekannt zu geben. In diplo­matischen Kreisen ist man den, Basler Blatte zufolge der An­sicht, daß die in scharfem Gegensatz zueinander stehenden Forderungen der Zentralmächte und der Entente sich zurzeit n i ch t a u ö g l e i ch e n ! a s s e ». Es sollen von der Entente Andeutungen gemacht worden sein, daß der Vicrverband nicht nur die Wiederherstellung des Status quo auf dem Balkan, sondern dazu noch Zugeständnisse fordere, durch welche die europäische Türkei vollständig von' der Karte ge­strichen werde.

mephistophelischer streich."

W. T.-B. Rom, 15. Deg. (Agencia Stefcrm.) In einer Besprechung der deutschen Friödensvorschläge schreibt Giornale d'Jtalia": Es ist ein m e p h i st o p h e l i s ch c r

Streich, und doch ist er nicht raffiniert genug, daß der ge­sunde Sinn der Rationen, welche gegen die Vorherrschaft der Mittelmächte kämpfen, ihn nicht gleich erkannt und zurückge- wiesen hatte, wie irgend eine andere unredliche Kriegswasse. Corviere d'Jtalia" bemerkt: Die Rote des Kanzlers gibt keine Einzelheiten. Erwägt man jedoch die in letzter Zeit von deutschen Politikern und Journalisten geäußerten Worte und die deutschen Aneignnngsgvlüste, so kann man von vornherein sagen, daß Friedensdevhandlungen unmöglich sind. Solche Pläne sind nämlich von den berechtigten Forderungen der Entente ykmmÄweit entfernt. DieTribuna" schreibt: Die Rede und Rote des Kanzlers erwecken trotz der pcunpösen Ver­sicherung den Eindruck, als oll' irgend etwas am Stürzen sei, irgend etwas, das Deutschland und seine Ver­bündeten hinter der Schutzwand des leichten rumäni­schen Sieges zu verbergen trachtet. Der vor dem Reichstag cmsyesührte Streich hat eintn doppelten Zweck, einer, inneren, der darin besteht, die Völker zur Übernahme noch größerer Entbehrungen und Opfer zu bewegen, und einen äußeren in der Absicht, aus die Stimmung der feind­lichen Völker entmutigend zu wirken. Hierüber gibt sich jedoch Deutschland einer Täuschung hin.Jdea Razionale" meint' Deutschland hat den Frieden infolge seiner be­drohlich eit inneren Z u st ä n d e (!) nötig. Eine Fort­setzung des Krieges kann seine Erolberungen riur gefährden, der Friede hingegen würde sie befestigen, und damit die K>>i- lition lder Gegner auflösen. In ähnlicher Weise äußern sich die übrigen Blätter.

Der inisitoniqe Widerhall in der entente- freundlichen Presse Amerikns.

W. T.-B. New York, 13. Dez. (Funkspruch vom Vertreter des 3g. T.-B.) Die amerikanische Presse zeigt bisher wenig Befrixdigung über die Feststellung des Kanzlers, daß Deutschland bereit'ist, den Krieg zu beenden. Die leitenden

New Uortw Blätter, besprechen hauptsächlich den Sah:Ein Friede, der unser Dasein und unsere Zukunft gew'ihrteistet." «Wörtlich; so heißt es weder in der Rote, noch in der Rede des Reichskanzlers. Anmerkung des Wölfischen Bureaus.) DieEoeni ng Sun" weist darauf hin,-daß gleiche Gac-rn- tien für die anderen Länder offenbar nicht in Betracht ge­zogen werden und sägt: Der Friede, den Deutschland erstrebt, ist etn Friede, der ihnt ermöglichen soll, in fünf oder zehn Jahren einen neuen Krieg mit der Gewißheit zu bc- ginlien, die Oberherrschaft über Europa, wenn nicht gar ii b e r Amerika vollständig erkämpfen zu können. Je w t! ott SB o r Tb" sagt in einem Leitartikel: Der Kanzler braucht Worte, um Gedanken zu verbergen. Wenn Deutsch- land bereit ist, den Krieg zu beenden, io muß Deutschland zuerst, bestimmte Friedensvorschläge machen, die der ganzen Welt vorgelegi werden könnten. Ter Kanzler könnte im Reichstag die Bedingungen b c k a n n t g e b c n , unter denen Deutschland seinen Bestand und seine Zukunft als ge­sichert ansehen würde. Deutschland hat beit Stic g begonnen. Es gehört sich, daß cs auch den ersten Schritt tut, um ihn zu beenden. Aber etwas mehr als uttbeftimnt'te Allgemeinheiten ist nötig. Bisher ist noch nicht bewiesen wor­den, daß die verschiedenen Friedensvorschlägc Deutschlands in gutem Glauben gemacht worden sind. Daher wird sie niemand ernst nehmen, bis wenigstens versuchsweise die Bedingungen genannt werden. Wenn das geschehen ist, werden die verantwortlichen Minister der anderen krieg­führenden Mächte gezwungen sein, sie in Betracht zu ziehen. Der Friede kann nicht nur ein Friede der Diplomaten und Regierungen sein, er mutz ein Friede sein, in dem das VolkS- empsind«« ein entscheidendes Wort hat, und das Volksemp- finden kann sich erst äußern, wenn es etwas Greifbares zu besprechen gibt.

Wilspn wind von englischer «eite iAnaktivität suggeriert.

W. T.-B. London, 15. Dez. (Dra-Lbericht.)Daily News" melöct. aus Washington: Wenn Lloyd George am 19. Dezember die Worte Briandü bestätigt, so werde Wilson es unterlassen, sich irgendwie mit dem 8 e u t- schen Friedensangebot zu identifizieren. Es bestehe in den Vereinigten Staaten nicht die Ab­sicht, sich.mit anderen Neutralen zusammen zu tun, um über die Lage zu beraten oder sich na die Entente zu' wenden.

kanadisches Täbclgerassel.

W. T.-B. London, 15. Dez. Das Reut-ericho Buren« mel­det ans Montreal: Die kanadische Presse betrachtet be? deutsche Angebot nur als ein Manöver, dessen Ziele durch­sichtig seien. Der Goneralgonverneur Herzog von Devons bi re erklärte in einer Rede in Montreal, die Alliierten seien entschlossen, den Krieg f o r t z n s e tz c u, bis ein Friede erkämpft sei. der jede fernere Ausschreitung gegen die Zivilisation verhindere; sie wurden dgs. Schwert 'nicht eher in die Scheide stecken, bis ein Friede errungen fei, der ans eigener Machtvollkornmenheit ziittande gekommen ist.

Auch die Japaner auf hohe«; Pferd.

W. T.-B. London, 15. De;. Das Rentersche Bnreau ntel'- det mis Tokio: Die Zeitungen veröffentlichen Unterredun­gen M't leitenden Persönlichkeiten der Politik, der Finanz und des Handels, in ivekchen e i n m ü t i g der Meinung ?!us- druck gegelben iv:vd, daß die Alliierten cs ab lehnen, ,'Irgend einen Vorschlag in Erwägung zu ziehen, der Deutsch- l.nid in die Stellung vor dem Krieg oder einer dieser Iialie-. kommende., znlassen wüvde.

ver Krieg Numaniens.

Tie Bedeutung von Buzcu.

Zu der GeneralstabSmeldung, daß wir Buzeu geitonunen haben, sei folgendes mitgeteilt: Buzeu, auch Buzeo genawit, hat, am Nordrande der rumäniicheu Tiefebene gelegen, in militärischer Beziehung, eine sehr, erhebliche Be­deutung. Im Frieden befindet sich hier außer einem Divisionskommando ein Regiment. Jnfmiterie und ein Regi­ment Feldartillerie. Als rechter.Fkügelstützpuutt der Linie Buzeu-Braila stellt diese Stadt einen wichtigen Brücke n- k o p f dar, durch den die Eisenbahnstraße über den Buzeu- ftutz geschützt iotrd. Dec Bnzeufluß entspringt in den trano- sylvanischen Alpen und fließt anfangs nach Südoften Vis Rusovazu, wo er einen Knick nach Osten macht. Nachdem er fast rechtwinklig die Eisenbahnlinie Bukarest-Plocsti-Bnze!!- Roman geschnitten hat, fließt er weiter in geringer.Neigung nordöstlich in den Sereth, durchzieht so in ganzer Breite den nach Norden gerichteten Teil Rumäniens an der schmälsten Südgrenze und'legt .sich einem nach Norden und Nordosten vormarschierenden Feinde als gewaltiges Hindernis tu den Weg. Die beiden Festungen Galatz und Braila bilden an diesem Abschnitt, der durch Feldbefestigungen aller Art verstärkt worden ist, wie russische Zeitungeu berichten, einen starken linken Flügelitühpunkt. Die Bedeutung von Buzeu ist durch diese ganze Anlage gegeben und wird noch da­durch erhöbt, baß diese Stadt der 'Ausgangspunkt eines gut au.sgebild-'tei! Eiseubaha- und Str ißensystems ist, das den Aufmarsch rumänischer Truppenteile aus der Moldau früher aus der Dabrudscha dienen sollte, In ven Bea- kchrsknotenpunkt Buzeu fallen alle Fäden für die Krnzcn-

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