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Alorgen.Zeilage -er Wiesbadener Tagblattr. l-' i
ttr* 293. Sreitag, 15. Dezember. 19iö.
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(3. Fortsetzung.)
Oie Zabelhafte.
Novelle von L. Dissens (Wiesbaden).
(Nachdruck verboten.)
Als Brigitte das Frühstück auftrug. hütete sich -Dr. Raugraff, irgendwelche Neugier wegen ihrer Nachfolgerin zu äußern. Er sah, sie brannte darauf, überzusprudeln, aber er vergrub sich unnahbar in seine Briese. Mochte sie doch merken, daß er ihr grollte, weil sie ihn nach zwölf Jahren gerade, nachdem er sie endlich richtig nach seinem Geschmack eingedrillt hatte, verließ, um eines schnöden Bäckers willen, voraussichtlich roch dazu, um in ihr Unglück zu rennen.
Aber auch Brigitte trotzte. Sie hatte 'ich Mühe für ihn gegeben. Ihre Schuld war es nicht, daß seine Ferienpläne zu Wasser geworden waren, da brauchte er nicht wie eine Wetterwolke vor seinem einladenden Frühstück zu sitzen. Mit weiblicher Schlauheit schwieg sie nun auch, als ob sie die anreizende Macht des Schweigens kannte, wenn ein Mann neugierig ist. aber zu stolz oder zu borstig, um zu fragen. Sie reichte ihm still olles, was er brauchte und glitt lautlos durch das Zimmer, soweit man bei ihrer rundlichen Person von Gleiten sprechen konnte.
„Wann kommt das von Ihnen anqekündigte Geschöpf?" schrie er ihr nach, als sie eben die Tür offnen wollte.
„Sie ist schon im Haus" sagte Brigitte mit gekränktem Ton. „Ich gebe mir die -größte Mühe, ihr alles zu zeigen, damit Sie keine Unannehmlichkeiten haben."
. „Nun, das dauert mindestens, Brigitte, hören Sie, mindestens zwei Wochen. Also vor vierzehn Tagen wird nicht geheiratet) Verstanden, Brigitte?"
„Nächsten Samstag ist unsere Hochzeit, wie Sie wissen, Herr Doktor. Eine Hochzeit kann man nicht gerade so nach Belieben bin- und herschieben. Es ist ja ein Glück, daß Kate kommen konnte: üe ist sehr anstellig. und vielleicht fahren Sie mit ihr noch bester als mit nur." Bei dieser gar nicht willkommenen Vorstellung wischte sie eine Trane ans den Augen, und Dr. Raugraff beeilte sich, fortzukommen.
Brigitte dankte jeden Tag der Vorsehung, daß sie ihr Käte in den Weg geführt hatte. In zwei Tagen war ihr die ganze Arbeit vertraut und sie konnte sich fast die ganze Zeit mit ihren eiocnen Vorbereitungen beschäftigen. Das schulentlassene Mädchen, das hauptsächlich zur Bedienung von Fräulein Gabriele im Haus war. erzählte ihrer Gebieterin, wie schön alles in der Küche zugehe, und sogar der sehr schwierige Genius Monatsfrau fand sich mit der neuen Regierung gut ab.
Ulrike batte zuerst etwas gebangt vor dem Zusammentreffen mit Fräulein Gabriele. Dem scharfen Wahrnehmungsvermögen einer Frau konnte nicht so leicht der Bildungsgrad und die gesellschaftliche Stellung weggetäuscht werden: aber die alte Dame war in diesen Tagen besonders leidend, mußte im verdunkelten Zimmer liegen und nahm in stiller Dankbarkeit die wenigen Hilfeleistungen entgegen, die in Abwesenheit Brigittens Ulrike übernahm.
Fünf Tage vor Brigittens Hochzeit waren vergangen, und Dr. Raugraff hatte seine neue Errungenschaft
noch mit keinem Auge gesehen. Ulrike iah so viel besser! aus, daß sie Jahre von sich abgeschüttelt zu haben schien, Farbe war wieder auf ihre Wangen zurückgekehrt, ihv Gesicht schien voller: die Tage richtiger, nahrhafter Mahlzeiten und sorgloser, durchschlafener Nachte hatten Wunder bei ihrer elastischen Natur bewirkt. Brigitte fing an, Bedenken über die Bedingung mit ben Lieferanten zu hegen.
„Wie kam ich nur darauf, diese Käte für eine Vogelscheuche zu halten?" dachte Brigitte: „die blüht ja wie eine Rose!"
Am Donnerstag kam Dr. Raugraff unerwartet früher nach Haus. Ulrike war gerade in der Halle beschäftigt, neue Blumen in die verschiedenen Vasen zu ordnen. Sie trug ein hellblaues Waschkleid und eine große, weiße Schürze.
„Brigitte ist ausqegangen. Soll ich Ihnen Tee bereiten?" fragte Ulrike mit so farblosem Ausdruck wie möglich Ihr Herz pochte doch etwas in diesem Augenblick. Sie sorgte dafür, daß nicht gerade starkes Licht auf sie fiel.
„Ja, ich möchte Tee haben", erwiderte er kurz. „In meinem Arbeitszimmer, bitte."
„Sehr gut, gnädiger Herr."
„Brigitte hat alles mit Ihnen geordnet? Sie sind zufrieden mit den Bedingungen?"
„Vollkommen."
Dr. Rauqrafff ging in sein Arbeitszimmer. Er wußte nicht, was rhu so eigentümlich an Brigittens Nachfolgerin berührt hatte. Es war durchaus nichts Auffallendes an ihrer Erscheinnng: sie sah peinlich
sauber ans, aber im übrigen war nichts Bemerkenswertes an ihr.
„Es ist ihre Stimme, die so ganz anders klingt als die Brigittens. Ihre Aussprache — eine ähnliche Stimme habe ich schon einmal gehört —" Er sann. Dann aber schalt er sich einen Toren, daß er zwei Gedanken an Brigittens Nachfolgerin, an deren Bleiben er doch nicht glaubte, verschwendete.
Bald war er ganz in ein Buch versunken, das ihm ein befreundeter Verleger znaeschickt hatte nnt der Bitte, es persönlich eingehend zn begutachten. Es war von einem Anfänger, das war offenkundig, aber von einem Anfänger, der mit feuriger Seele nach der Meisterschaft rang, der noch voll Idealismus daran glaubte, auf seinem Gang durch die Erdenwelt sie da und dort bester znrücklossen zu können. Die Frische de>' Auffassung^ die Schöpfung lebenswahrer, köstlicher Gestalten und die von keiner Sachkenntnis getrübte Sicherheit in Behandlung der Liebe gefielen Dr. Raugraff ungemein. Eine seiner liebenswürdigen Schwächen war, der Welt neue Talente anfzudecken, und einiaen hatte er schon den Weg zur Sonnenhöhe erleichtert. Der ehrgeizige oder bescheidene Verfasser dieses Romans wünschte feinen Namen nur dann auf dem Titelblatt, wenn sei» Buch eine zweit? Auflage erlebt: war es nicht lebenS, fähig, so wollte ec im Dunkel bleiben.
