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^ver Roman, i W

Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatir. e

Nr. 291.

Mittwoch» 13. Dezember.

1916.

(1. Fortsetzung.)

Die Zabelhafte.

Novelle von L. DiffenS (Wiesbaden).

(Nachdruck verboten.)

Bei diesen Worten legte er ernen Schrrn vor Ulrike auf den Tisch und zog in nicht nußzuverstehender Werse einen Pack Briefe heran, die er anfzmchlrtzen begann.

Ulrike nohm schweigend ihr ge- und verschmähtes Manuskript und wandte sich zum Gehen.

„Sie haben das Geld vergessen , rief Dr. Maugrass

^»Ich'nehme kein Geld an, für das ich keine Gegen­leistung habe", antwortete Ulrike mit erstickter Stimme. Ihr Stolz hatte sie gerettet, sonst Ware sie über die schwere Enttäuschnng in Tranen ausgeorochen.

Wieder füblte sich Dr. Rauqraff eigentümlich be- wegt von dieser Stimme, die selbst bei Ulrikens Ge- mütsbewegung ihren wunderbaren Klang behielt.

Er sprang auf. . c _, . . . ,..

Dann lassen Sie mrr, bitte das Schriftstück dafür hier", sagte er schnell, beschämt. „Mit ein paar Ände­rungen kann ich es irgendwo unterbringen. Verzeihen Sie, wenn ich unhöflich war. Mir ist heut alles schief gegangen. Es ist sehr schwül, und ich mochte nicht, daß Sie in dieser Sitze mit Ihrem geisterblas,en Ge- sicht noch mehs liebenswürdige Verleger ausiuchen müssen. An einem ist's heute genug."

Ein leichtes Rot flog wieder über Ulrikes Züge. Währe,'d des Bruchteils einer Sekunde zögerte sie, dann ging sie zum Tische zurück und legte die Novelle vor

ihn hin. . . . ,, ..

Er schob den Schern eilig m etneit Umschlag und reichte ihn Ulrike mit einem Blick, der stumme Abbitte

ausdrückte. „ t .

„Ich danke Ihnen", sagte sie und ging fort.

Dr. Raugraff war sich plötzlich bewußt, daß er eS mit einer Persönlichkeit zu tun gehabt hatte, obgleich er nur wenige Worte mit ihr gewechselt. Die Atmo­sphäre seines Arbeitszimmers war eine andere gcwor- Sen. Er war zornig über sich, daß er die angrhaufte Wut d--s Morgens gerade über dieses so unendlich hilfs- kedürftige Geschöpf ausgegossen hatte., hilfsbedürftig — nein, das war nicht einmal das richtige Wort, für sie, denn durch all ihre Zartheit hindurch fühlte er einen bestimmten Willen zur Selbsthilfe' vorübergehend wohl durch Krankheit ihrer Energie beraubt, das war, es, und er, der trotz seiner äußeren Rauheit ein weiches Herz hatte und wirkliche Ritterlichkeit besaß, er hatte sich so vergessen können! Noch schwärzer als zuvor wurde durch die Unzufriedenheit mit sich selbst ferne Stimmung, und nachdem Franz für unschuldige Tor- heiten verschiedene Bände an den Kopf bekommen hatte, riet er dem Personal, sich an diesen! Tage möglichst fern von der Höhle des Löwen zu hnlten, da seine Laune jeder Beschreibung spotte.

H.

Ulrike bezahlte zuerst ihrer kleinen Hauswirtin zwanzig Mark, damit sie einige dringend notige Vor- täte beschaffen könne. Es hatte ihr mehr weh getan als alle anderen mit ihrem Geldniangel zusammenhängen­

den Unannehmlichkeiten, daß sie der treuen, alten Seele in ihren Nöten nicht durchgreifend helfen konnte, im Gegenteil noch zu ihren Sorgen beitragen mußte. Aber für ihr Fräulein Ulla wäre die treue, alte Dienerin durchs Feuer gegangen hätte sich in Stücke hauen lassen. Die kleine Mansardenwohnung, m der sie besckeidene Mieter aufnahm, verdankte sie ja doch nur der Güte Ulrikens, wie hätte sie da nicht jeden Groschen gern mit ihr geteilt? Bei der treuen Barbe hatte Ulrike ihr Heim seit ihrer schweren Krankheit, und sie gelobte sich, der hingebenden Dienerin gründ- sich zu helfen, sobald es ihr wieder besser ginge — und daran zweifelte sie nicht mehr, seit sie das Geld für ihre Novelle in Händen hatte. Unglaublich, welche Kraft von solchem Geld ausgehen konnte' Ihr natürlicher Frohsinn kam zurück, und sie icherztze mit Barbe, wie schon lange nicht mehr. Ihre Schritte, die vorher so blei-rn waren, wurden wieder clasti'ch. Lumpige fünfzig Mark, und die Welt sah aut einmal wieder strahlend aus! Ja, das waren aber auch nicht gewöhn- liche fünfzig Mark das waren Zaube'-scheine, die sich nach Wunsch in Flügel verwandeln konnten, mit denen man die höchsten Luftschlösser erreichte.

Ulrike war vor Hunger und Schwache halb ohn­mächtig. und nur die augenblickliche Freude über das Geld hatte sie darüber hinweggetäisicht. Im Haus« war nichts; der versandete Haushalt mußte erst Wiede« flott gemacht werden. So fuhr Ulrike in einer ihr un- erklärlichen Aufwallung, den Spuren früherer Zeiten folgend, zu einem Bäckerladen, der halb Konditorei war, in der man vernünftige kleine Mahlzeiten haben konnte — sie erinnerte sich noch daran, auch an anderes. Ro­mantisches, und als zufällig ein Orgelmann in der Nähe dasselbe Lied orgelte, das sie schon einmal hier gehört hatte, war der Wahn vollkommen, daß die letz­ten zehn Jahre weggewischt wären. ,

Sie ließ sich irische Eier geben, Graubrot mit kost- sicher Butter, Rahm und dampfenden Tee, der Tote hätte anserwecken können, so würzig war er, und diese Mahlzeit erschien ihr nach dem Hungern der letzten Woche, da sie nur von Stanbt-e, zerbröckeltem stem- bartem Brot gelebt hatte, ein sybaritisches Mahl.

Als sie erfrischt war, sann sie nach. Sie war allein in dem nicht sehr großen, freundlichen Raum; um drei Uhr war hier meistens wenig Verkehr. Ulrike sah sich um. Nicht sehr viel hatte sich verändert. Aber der Laden war nicht mehr in den gleichen Händen. Hinter dem Ladentisch saßen ein Mann und eine Frau, offen- bar sehr niedergeschlagen. Das erinnerte sie wieder an ihre eigene keineswegs glänzende Lage. Die Worte Dr. Raugraffs summten ihr im Kopf herum. Sre konnte sie gar nicht loswerden. Mit seinem Geld konnte sie ungefähr vierzehn Tage auskommen, wenn sie sich alles außer dem Unentbehrlichsten versagte. Mer würde es ihr gelingen, in diesen zwei Wochen irgend welche literarische Arbeit zu vollenden und den richti- gen Markt dafür zu finden? Wäre Dr. Trendelburg