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Mittwoch, l3. Dezember 1916.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 606. . 64. Jahrgang.

Das Friedensangebot der siegreichen Mittelmächte.

„In Gefühl des Sieges, den ihr durch eure Tapfer­keit errungen habt, halben ich und die Herrscher der treu ver­bündeten Staaten dem Feind ein Frisdensangöbot gemacht, Sb das damit verbundene Ziel erreicht wird, bleibt dahinge­stellt. Ihr habt weiterhin mir Gottes Hilfe dem Feind stand­zuhalten und ihn zu schlagen." Mit diesen kernigen Worten hat Kaiser Wilhelm II. die Armee und die Marine von dem weltgeschichtlichen Ereignis des gestrigen Tages unterrichtet, sie gleichzeitig darauf hinweisend, daß das Vaterland auch noch weiterhin auf ihren unerschütterlichen Heldenfinn bauen muß, da das Friedens a n g e b o t noch keineswegs den Frieden selber 'bedeutet. Und der Kanzler hat in der Rede, die er gestern vor den e'gens einberufenen deutschen Volks­vertretern hielt, um in feierlichster Form der Nation das Ge­schehene zu verkünden, sich der Wendung bedient, wir stünden da „zum Kampfe ent'chlofsen, zum Frieden bereit!" Es kann also auch den blindwütigsten Wortführern der uns feirchlichen Völker nicht beikmnmen, Gläubige für die etwaige Behauptung zu suchen, Deutschland und seine Verbündeten seien am Ende ihrer Kraft und schlügen deshalb Friedensverhandlungen vor. Oder soll man auch solch eine Torheit, solch ein wahn­witziges Unterfangen 'den Schreiern an der Themse und an der Newa, an der Seine und am Tiber zutrauen? Es würde nicht nur bei uns, sondern auch in der neutralen Welt des Hohngelächterö darüber kein Ende fein.

Glänzend stehen wir da. Weite Gebiete Frankreichs und Rußlands sind in unserer Hand, und zwar so fest in unserer Hand, daß wir schon im Einverständnis mit dem: verbündeten Donau-Kaiserreich zur Proklamierung eines unabhängiger Königreichs Polen haben schreiten können, damit den unwider­leglichen Beweis unserer Abgewandheit von Ercbererfinn liefernd. Belgien, Serbien und Montenegro halten wir be­setzt, und weite Gebiete Rumäniens sind unser Siegespreis geworden. Die Engländer, unseren schlimmsten Feind, hüben wir zwar bisher noch nicht in seinem Landbesitz schwächen können, aber täglich muß et' un®«emen furchtbaren Tribut am Schiffsbefitz zahlen, den unsere U-Boote mit unheimlicher Macht einholen. Der Nimbus des „Meerbeherrschers" schwin­det mehr und mehr dahin, und zwar rwch schneller, als das Jnfelvolk sein einst so trügerisches Ansehen als „Beschützer der kleinen Nationen" verloren hat. Und während uns der furchtbarste aller Kriege weder militärisch noch finanziell er­schöpft hat, während unsere Llbfchlietzung vom Ausland, die uns allerdings Unbequemlichkeiten und Einengungen von recht beträchtlicher Größe schuf, doch auch das Gute hatte, daß unser Geld im Lande blieb, daß unfer Nationalvermögen nicht wesentlich verringert wurde, haben England und seine Ver­bündeten eine ganz ungeheure Einbuße an Wohlstand er­litten. Die Rolle des Bankiers der Welt ist von England an Amerika übergegangen, und je länger 'der Krieg dauert, desto ärger werden die Wurzeln der englischen Kraft untergraben. Das sind Faktoren, die nüchterne Rechner nicht übersehen können. Und so mag es wohl sein,»daß in leitenden Kreisen der Ententeländer das stolze Friedensangebot, zu dem sich die Monarchen der Mittelmächte entschlossen haben und das gestern in offiziellster Form unseren Feinden übermittelt wor­den ist, ein Gefühl großer Erleichterung erwecken wird. Es mag so fern, aber keineswegs wird darauf zu rechnen sein, daß dieses Gefühl in ehrlicher Weise bekundet wird.

Nur wenige Tage erst sind es her, daß der neue ruffische Ministerpräsident Trepow eine Rede gehalten hat, die den „unerschütterlichen" Entschluß Rußlands. verkündet, an der Seite seiner Alliierten zu kämpfen bis zur endgültigen Niederfchmetternng Deutschlands. Die Hohlhert und Über­heblichkeit der Ausführungen Trepows, mit denen die hysteri­schen und verlogenen Siegesgewißheitsfanfaven der französi­schen £\ chthaber auf einer Stufe stehen, wird kontrastiert durch die derzeit erfolgenden Umbildungen der Kabinette in London und Paris. Besonders das Ministerium der „starken Männer', das Lloyd George soeben in das Leben gerufen hat, sollte uns darüber belehren, daß England noch weit von jeder Friedensbereiffchaft, die auf unserer Seite doch schon mehr­fach bekundet worden war, entfernt sei. Jetzt finden sich die Trepow und Briand und Lloyd George vor eine Tatsache ge­stellt, die vvch ihren Illusionen einen starken Stotz nach der Seite der Realitäten hin geben wird. Unweigerlich müffen ße letzt Farbe bekenAen. Weifen die Verantwortlichen Männer

der Entente das Angebot zurück, in Friedensverhandlungen einzutreten, so tun sie dar, daß ihre Verblendung, ihre An- klammerung an die Hoffnung, es könne auf den Schlacht­feldern noch eine Wendung za ihren Gunsten eintreten, oder es rönne die Politik der Aushungerung, also der Vernichtung Deutschlands und seiner Verbündeten, noch Erfolg haben, nur damit beseitigt werden kann, daß wir den Kampf bis zum siegreichen Ende führen. Gestählt durch das Bewußtsein, daß wir inmitten der glänzendsten Siege, im Vollbesitz starker militärischer Überlegenheii und trotz des ungeheuren Zu­wachses an Kraft, den wir in Deuffchland durch die Einfiih- rung der vaterländischen Hilsspflicht zu erwarten haben, den redlichen Wellen zeigten, dem Feinde eine Brücke zum Frieden zu bauen, werden wir im Fall der Ablehnung unseres groß­herzigen Angebots erst recht den Furor teutonicus entfalten, der die Unversehrtheit unserer Länder und die Freiheit un­serer wirtschaftlichen Entwicklung auf alle Zeiten verbürgen wird. Die Neutralen aber werden wissen, wem die Verant­wortung für die Fortsetzung des ungeheuren Blutvergießens aufzubürden ist/

Deutscher Reichstag.

-ff Berlin, 12. Dezember.

(Fortsetzung aus der gestrigen Abend-Ausgabe.)

Abg. Dr. Spahn (Zentr.): Nach der Rede des Reichs­kanzlers beantrage ich d>e Unterbrechung der Sitzung, und zwar mit der Ermächtigung für den Präsidenten, die nächste Sitzung anzuberaumen.

Abg. Bassermann (natl.). Wir stehen vor einer h v ch b e - deutsamen Rede des Reichskanzlers und vor einer Hand­lung der Reichsregierung von einer Tragweite, die sich heute in ihrem vollen Umfang noch nicht über­sehen läßt. Meine Freunde haben den Wunsch, in eine Besprechung der Rede des Reichskanzlers einzutreten, nicht, um in langen Reden dazu Stellung zu nehmen, aber doch, um unseren Standpunkt in einer Erklärung niederlegen zu können. Es scheint uns dies der Wichtig­keit dieser Haupt- und Staatsaktion, die in oer gemein­samen Note sich verkörpert, zu entsprechen, aber auch der Stellung des Parlaments und seiner Bedeutung (Sehr richtig! bei den NationaUiberalen.), das in diesem Kriege voll seine vaterländische Pflicht getan hat. Da­her widerspreche ich dem Antrag Spahn und rege meinerseits an, entweder morgen eine Sitzung zur Besprechung der Rede des Reichskanzlers abzuhalten oder, ivenn die Herren es vorziehen, in einer Abendsitzung, etwa um 5 Uhr, diese Sitzung fortzusetzen und dann in die Besprechung einzutreten.

Abg. Westarp (kons.)' Auch meine Freunde sind der Meinung, daß Sie zu der bochbedeutsameu Kundgebung, die Sie soeben gehört haben, Stellung zu nehmen ver­pflichtet sind und wrr glauben, daß das in einer Weise geschehen kann, die dem Vaterland zum Nutzen gereichen wrrd. Ich schließe mich daher namens meiner Freunde dem Antrag Bassermann an.

Abg. Ledebour (S. A.-G.)' Namens meiner Freunde habe ich zu erklären, daß wir uns dem Antrag Bassermann anschließen (Heiterkeit.), auch dem Antrag des Grafen Westarp. Ich hofte, daß aus dem Hause genügende Zustim­mung kommen wird, damit dieser Antrag angenommen wird. Daß die Parteien verschiedener Richtung das dringende Bedürfnis haben, in dieser Situation die Stellung des deutschen Reichstags zur Geltung zu bringen, beweist, daß das wirklich notwendig ist. (Sehr richtig!) Die Reichsregierung hat ja schon früher das Versprechen abge­geben, daß, wenn die Zeit gekommen ist, das Volk volle Freiheit der Aussprache über die Kriegs- und F rie­be n s z i e l e haben müste. Da muß vor allem der deutsche Reichstag das Wort nehmen und vor dem Volke aus­sprechen, was er dazu sagen will.

Der Antrag Spahn wird angenommen. Damit sind die Anträge Bassermann und Graf Westarp erledigt.

Präsident Dr. Ka.'mpf schließt die Sitzung mit den Worten: „Ich glaube, in diesem hi st ^rischen Moment der Anschauung des Reichstags und des ganzen Volkes mit den Worten Ausdruck zu geben, die Reichsregierung wird bei ihrer weitausschau enoeit volkstümlichen und großen Politik Volk und Volksvertreter stets hinter sich haben. (Beifall.) Damit, meine Herren, schließe ich die Sitzung."

Schluß 214 Uhr._

Ein weltgeschichtlicher Tag.

iVwi unserer Berliner Abteilung.l L. Berlin, 12. Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) War es klug!? War es gut? Wird es segensreiche Früchts zeitigen? Die Fragen schwirrten in den Hallen des Reichstags umher, als sich der feierlich nnt brennender Neugier erwartete Aktus abgespielt hatte. Noch nie waren dein Volke und der Volksvertretung ein größeres Rätsel aufgegeben worden. Man begreift heute: Dieses Friedensangebot sollte wie ein Trompetenstoß hinaus­klingen über die Schlachten, daß man im letzten Win­

kel Kenntnis davon erlangen würde, Deutschland habe die Hand zum Frieden angeboten! Die Schallwirkung ist zum mindesten erreicht worden; noch nie zuvor, auch nicht am denkwürdigen 4. August 1914, verspürte man inr menschenüberfüllten. Reichstagsgebäude d i e Macht der Parlamentstribüne, deren Be­deutung so oft verkannt 'wird und die der Kaiserlichen Regierung im Kriege unschätzbare Dienste leistete. Was seine Früchte sein werden? — nur diese Frage bleibt offen. Zunächst wird man innerhalb Deutschlands und den ihm Verbündeten Ländern die doppelte Gewißheit haben, daß wir trotz des Gefühls unserer Stärke selbst nicht die Ursachen sind, wenn der fürchterliche, schiner- zensreiche Kampf weiterqeht, bei dem Europas Wohl­stand vernichtet wird. Präsident Dr. Kaempf traf das Richtige, als er sagte, daß die Reichsregierung für ihre weitausholende volkstümliche und große Politik Volk und Volksvertretung jetzt einmütig hinter sich haben wird. Je länger der Kanzler sprach, je mebr . empfand man wohltuend, daß hier nicht nur staats- männifche Kunst, sondern Herz und Seele mit beim Werke waren und es wird den übelwollendsten Fein­den nicht gelingen, dies hinwegzzffeuqnen. Eines wissen wir: Im. deutschen P 0 l ke wird die Aufnahme gut sein, da man die Töne anfchlug, die es versteht.

Bleibt die Bewertung als diplomatischer Sch ach zu g! Wie der Feind antworten mag? Mit einem glatten Nein! Dann trägt er die schwere Ver­antwortung, die ihm der Kanzler vor Augen hält. Wahrscheinlicher ist es, daß er, um über seine aussichts­lose Kriegslage hinwegzutäuschen, mit der u n a n- nehmbaren trotzigen Forderung antwortet, daß wir zunächst die besetzten Gebiete, unsere Pfänder, heraus­geben sollen — in der offiziösen Pariser, Londoner und Petersburger Presse war dies oft als Vorbedingung für die Aufnahme von Friedensverhandlungen gesagt worden. Hier kann es Sache der Neutralen sein, ohne Anfrage bei Deuffchland klar zu machen, daß eine solche unsinnige Forderrurg gleichbedeutend mit „Nein" wäre. Man darf nun^tzber einen sehr wich­tigen Punkt der Note, die unseren erwählten Vermitt­lern überreicht wurde, nicht übersehen. Es heißt darin ausdrücklich, daß die vier Verbündeten zu den Frie­densverhandlungen Vorschläge mitbringen. Nur angedeutet wird, welche Ziele sie verfolgen, Dasein, Ehre und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker zu fördern, aber doch noch hinzugefügt, daß diese Vor­schläge nach ihrer Überzeugung eine geeignete Grund­lage für die Herstellung eines dauerhaften Friedens Hilden. Wird es den Neutralen schwer fallen, dem Feind klar zu machen, daß es ihn nichts kostet, Näheres über solche Vorschläge zu erfahren? Allerdings unter der Voraussetzung, daß auch er seine Vorschläge macht! Dann kann zunächst die Meinung der Welt das Schieds­gericht bilden, wo die Überhebung und die Schuld am Kriegsfortgang liegt, beim Sieger oder bei denen, die nicht siegen konnten.

Das waren die Meinungen und Ansichten, die man von nicht wenigen Abgeordneten nach der Sitzung hören konnte. Einige 'prachen. die feste Über­zeugung aus, daß das.Friedensangebot ein Meister­stück sei, weil es auf keinen Fall zu schaden vermöge und den Feind zwinge, Farbe zu bekennen. Unver­hohlen sei, daß d r e i P a r t e i e n des Reichstags stark w i d e r st r e b t e n, das Friedensmanifest ins Land hinausgeheu zu lassen, ohne ihre eigene Stellung­nahme dazu begründet zu haben. Sie wollten nicht in die debattelose Vertagung einwilligen. Als Kanzler im Verborgenen soll von. allem der Abgeordnete Bassermann mit den selffam verschiedenen Flügel­männern Graf Westarp und Ledebour im Seniorenkonvent. Opposition gegen den Regie­rungswunsch gemacht haben, daß mall nach der Kanzler­rede auseinandergehc. Die Sitzung mußte sogar um eine halbe Stunde hinausgeschoben werden wegen des Widerstandes. Die Konservativen und die Alldeutschen wünschten, genau ävie daS revolutionäre Häuflein, dem Friedensmanifest das Anhängsel ihrer Parteifriedens- bestrebnnqen zu geben. Sie übersahen, daß das Frie­densangebot der Rcichscegiernng und ihrer Verbünde­ten keine Friedensbedinqungen aufzählt, daß mau also die alldeutschen oder revolutionären Bedingungen noch missen kann. Man will zunächst erst einmal die Ver? Handlungen eröffnet sehen — dann kann ein jeder kommen und seine Wünsche Vorbringen.

Man braucht, lveil in «»der heutigen Kundgebung keine unserer Friedensbedingungen angegeben wird, nicht anzunehmen, daß der Hinweis, wir hätten Vor­schläge zu machen, nicht ernst aufzufassen wäre. Bei den vielfachen Verhandlungen, die zwischen den ver­bündeten Regierungen und dem Kaiserlichen Haupt­quartier gepflogen wurden, sind solche Bedingungen oft erwogen worden. Die Gerüchte, die zuletzt umgingen über aufsehenerregende Mitteilungen, die in der Kanz­lererklärung gemacht werden sollten, sind zum Tml darauf zurückzuführen, daß einiges von den SBerpn*