Morgen-Seilagt der Wiesbadener Tagblatts. ts==^ä)
Nr. 285. Mittwoch, 6. Dezember. t916.
(14. Fortsetzung.)
Und das Glück kam.
von Elisabeth Frie».
(Nachdruck verboten.)
„Ich Hoffe, daß ich nun wieder zur Ruhe komme", sagte sie, „ich fühle, daß es das Rechte für mich war."
„Es wird dich auch beruhigen, zu hören, daß der Gegenstand deines Kummers, das kleine Judenkind, von hrer fortgebracht worden ist", sagte Frau Ferber m ihrer mütterlichen Art. „Die Großmutter hat es Mitgenommen."
„Weil Sie fürchtete, Sie könnten noch weiter versuchen, das Kin- für Ihre Kirche zu gewinnen", sagte Viktor von Dille, der neben ihr saß, leise und ernst. „Das sage ich Ihnen als Arzt, um Ihnen zu helfen, diese Sache zu überwinden; und ich denke, wenn es Ihnen auch im Augenblick vielleicht weh tut, so werden Sre doch eher darüber hinaus kommen, wenn Sie wissen, daß die Leute Ihre Einmischung sehr übel aufnahmen."
Ein weltentrückter Ausdruck lag über dem unschönen Gesicht des alten Fräuleins. Das war das Werk der gnadenreichen Mutter, daß sie ihr den Stein des Anstoßes aus dem Weg geräumt hatte — Gott und alle Heiligen seien gepriesen!
Das Gespräch wandte sich wieder den wunderbaren Heilungen in Lourdes zu. Fräulein Leetzen erzählte von Krücken, die in der Grotte hingen, die die Leidenden nach denr Bade in der heiligen Quelle nicht mehr gebraucht hatten, schilderte allerlei Leiden, von deren Heilung sie überzeugt war, und malte die Stiinmung, die über dem kleinen Ort lag, aus bis ins kleinste.
So lange das gute Wetter anhielt, blieben Konsul Heubach und seine Familie in Schwalbach. Aber als die ersten Oktoberstürme einsetzten und heftige Regengüsse mit sich brachten, flüchteten die verwöhnten Menschen in ihre schöne und behagliche Villa nach Wiesbaden. Auch Dr. von Dille sprach mit seiner Frau von -er Übersiedelung, die in der Regel schon Anfang Oktober vorgenommen wurde. In diesem Jahre hatte der ungewöhnlich warme und 'chöne Herbst sowie der Besuch der Verwandten den Grund zum längeren Bleiben gegeben. Denn mit dem ersten Oktober hörte die Kurmusik auf, was für Schwalbach den Schluß der Saison bedeutete. Dr. von Dille verlegte dann seine Praxis nach Wiesbaden.
Alix zögerte mit ihrer Zustimmung zur Abreise.
„Es ist jetzt so lange unruhig bei uns gewesen, könnten wir nicht noch ein paar ruhige Wochen hier verleben?" fragte sie.
„Seit wann bist du denn so ruhebedürftig? Und gleich „Wochen" sagst du? Wir können doch nrcht über Weihnachten hier bleiben?"
„Warum nicht? Mir wäre es recht", erwiderte Mix müde. Wie ein Hauch von Schwermut lag es Uber ihrem ganzen Wesen- ihr Mann sah es wohl, aber er hiitete sich, eine Andeutung zu machen, woraus seine Frau hätte schließen können, daß er sich irgend etwas dabei dachte. Viktors Vertrauen in Philipp Ferber war grenzenlos: er erinnerte sich einzelner Begebenheiten aus ihrer gemeinsam verlebten Jugend, Ars denen er die Gewißheit schöpfte, daß der Freund
einer unehrenhaften Handlung nicht fähig sei. So skeptisch Viktor von Dille veranlagt war, an diesen, seinen einzigen Jugendfreund glaubte er unbedingt. Er sah daher auch keinen Grund, einzuschreiten, als er merkte, daß seine Frau sich sehr an Philipp ange- schlossen batte.
Seit dem Vorfall im Sommer, als Philipp den Freund darauf aufmerksam gemacht hatte, daß dieser seine junge Frau nicht richtig behandelte, waren wohl die offenen Streitereien vermieden worden, aber ivirk- lich näher gekommen waren sich die Gatten nicht. Viktor hoffte das Beste von der Zeit. Er liebte seine junge Frau noch ebenso sehr, als in der Brautzeit, aber noch fehlte ihm der Schlüssel zu ihrem innersten Wesen. Er wußte genau, daß er mit seiner Heftigkeit alles verdarb, und doch verlor er immer wieder die Geduld, mit der allein er bei ihr hätte weiterkommen können. Ganz im stillen hoffte er, daß Philipp für ihn bei Alix sprechen würde!-—
Die junge Frau hatte lange überlegt. Nun sagte sie offen, wie es ihrem Charakter entsprach: „Ich habe geglaubt, wir würden bis zur Abreise deines Freundes hier bleiben?"
„Das ist doch ein Wort!" rief er, erfreut über ihre Aufrichtigkeit. „Aber Randolph? Den sehen wir ja dann gar nicht mehr?"
„Ach, hast du eine Ahnung! Der hat seinen beiden Freundinnen drüben versprochen, noch ein paarmal zu kommen!" lachte sie glücklich.
„Ich dachte wirklich, diesmal hätte er sich dis Flügel verbrannt, der Schmetterling."
„Hat er wohl auch: er ist sich »ur noch nicht ganz einig, wer von den Mädels es ihm angetan hat, sie sind ja auch beide reizend, jede in ihrer Art."
„Ich würde Maria vorziehen, das weiß ich bestimmt. Wie das Mädchen sich als Pflegerin bewährt hat, das war einfach großartig."
„Du — höre mal!" lächelte Alix, „du wirst dich doch nicht in sie verliebt haben?"
„Bist du eifersüchtig? Ja?" Er faßte sie uur die Taille und sah ihr in das erglühende Gesicht, das sich plötzlich veränderte und müde und traurig aussah. Sofort ließ er sie los. Aber sein Ton war nickit heftig wie sonst itt ähnlichen Fällen, sondern trotz der Enttäuschung, die in seinen Worten mitschwang, freundlich und nachsichtig, als er sagte:
„Das wird ein Freudentag, wenn ich erlebe, daß du einmal eifersüchtig bist!"
* * *
Nie eilt die Zeit rascher, als wenn wir jede Stunde festhalten möchten, wer hat es noch nicht an sich selbst erfahren? So ging es auch mit der letzten Zeit, die Philipp in Schwalbach verbrachte. Es gab plötzlich noch eine Unmenge zu tun. Einige Male mußte er nach Wiesbaden fahren, um Besorgungen zu machen; er mußte zuni Schneider und andere notwendige Ein^
