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sein sollte, hörte inan schon von weitem lochende Stim­men. Alix blieb stehen und preßte die Hand auss Herz:

„Es scheint mir ganz unmöglich, jetzt Kasfee zu trinken und mich zu unterhalten."

Philipp verstand sie. „Ich werde hingehen und sagen —"

„Was wollen Sie sagen?"

„Ja — ivas? £>, ich werde sehen", sagte er, als ein gequälter Ausdruck in ihr süßes Gesicht trat.

Nach wenigen Augenblicken kam er zurück. „Es ist alles in Ordnung", sagte er. „ich habe gesagt, Ihnen sei kalt, und wir wollten umkehren, da Sie zn leicht nn- gezogen wären."

„Das entspricht sogar der Wahrheit."

„Ja, ich habe gemerkt, wie Sie ein paarinal zu- sammenschauerten, und hier unten im Tal ist es kühl und feucht. Nun haben wir noch den Heimweg für uns", fügte er zärtlich hinzu und legte ihren Arm in den seinen. Es war eine schmerzlich iütze Wonne, dies Wandern zu Zweien, das nicht von vielen Worten begleitet war und ihnen doch wie eine köstliche Zwie­sprache der Herzen schien. Sie waren am Bahnhof von der Chaussee abgebogen und schlugen einen Feldweg ein, der am Bergeshang hinführte. Der Pfad war so schmal, daß Alix vor Philipp hingehen mutzte. Er konnte den Blick nicht losreißen von der geliebten Ge­stalt, wie sie in den strahlenden Abend hineinwanderte. Am Himmel zog die untergehende Sonne blutrote Streifen. Unten aus dem Wiefentale stiegen feuchte Nebel herauf, die wie ein zarter Hauch über den in den leuchtenden Farben des Herbstes prangenden Wäl­dern hängen blieben. Fern aus den Dörfern läuteten die Abendglocken. Bis an das Ende der Welt hätten die beiden so weiter wandern mögen. . .

An einem der nächsten Abende kehrte Fräulein Leetzen aus Lourdes zurück. Philipp Ferber und seine Schwestern, denen sich wie von ungefähr Randolph zu­gesellte, holten sie ab und führten sie nach „Villa Friede", wo heute auch die Familien .Heubach und von Dille zum Abendbrot erwartet wurden. Das alte Fräulein wurde ganz erregt, als sie hörte, daß sie in ihrem Reiseanzug an einer förmlichen Gesellschaft teil- nehmen sollte; sie wollte sich durchaus noch umkleiden, und es war nicht ganz leicht, sie davon abzubringen.

„Du tust gerade, als hättest du dich vierzehn Tage lang nicht ordentlich gewaschen" tagte Frieda.

„Beinahe war es schon so. Allerdings die letzten Tage in Köln bei Tromdettas war es um so besser."

„Na, siehst du. Also beruhige^dich nur, Tantchen, die anderen kommen auch alle in Straßenkleidern, und abbürsten will ich dich höchstergenhändig."

Fräulein Leetzen hatte viel erlebt auf ihrer Reise und verstand, es in ihrer humorvollen Weise darzu­stellen. Als sie — was bald geschah — dahinter kam, daß Frau Konsul Heubach sich lebhaft für ihre Er­zählung interessierte, war der letzte Bann gebrochen. Sie schilderte ihre Reise bis zum letzten und verweilte natürlich ani längsten bei allem, was mit Lourdes selbst mittelbar und unmittelbar zusammenhing-, von dem Zug, der die Pilger an den Wallfahrtsort brachte, angefangen, bis zu dem Augenblick, da die so aus allen Teilen der Welt von ungefähr Zusammengelvehten sich wieder trennten. Mit ihrcin warmen Herzen hatte sie alles Leid, das da gekommen war, Hilfe zu suchen, er­faßt; nicht nur das körperliche, das in den mannig­fachsten, oft abstoßendsten Formen in die Augen ge­fallen war. Die seelischen Schmerzen hatten ihre Teil­nahme noch in weit höherem Maße erweckt, vielleicht weil sie seihst in Seelennot war. Einmal, als das Ge­spräch eine Wendung nahni, die auf den Anlaß zu der Wallfahrt hindeutete, fragte Frau Heubach:

„Und wie sind Sie selbst mit dem Erfolg Ihrer Wallfahrt zufrieden?"

Fräulein Leetzen geriet ein wenig in Verlegenheit, als der wunde Punkt beriihrt wurde, aber sie sah die gespannte Aufnierksamkeit, mit der Frau Heubach auf ihre Antwort wartete. (Fortsetzung folgt.)

Die letzten Kampftag« vor Monastir.

Von Dr. Stephan Steiner.

I.

Sofia, Ende November.

Etwa sieben Monate sind es her, seit ich zuletzt in Monastir weilte. Wenige Tage vor meiner Abreise sprach ich noch mit dem damaligen kommandierenden General der bulgarischen Armee und verabschiedete mich von ihm. „Warum fahren Sie denn so schnell von hier ab?", fragte er mich, wohl wissend, daß der eigentliche Zweck meiner Moncftirfahrt ein längerer Aufenthalt an der Front war, die sich damals einige Kilometer vor der Stadt erstreckte. „Was soll ich hier machen, Herr General? Die Stadt kenne ich bis in die ent­legensten Straßen hinein, und der Krieg, den ich sehen wollte, meidet diesen Abschnitt der Front, wie wenn es Absicht vom Schicksal wäre, daß ich nichts sehe." Wirklich war damals wenig Wahrscheinlichkeit vorbanden, „daß diese Stadt in dem großen Schlachrengetümmel der Welt nochmals eine Rolle spielen würde. Wohl kamen hie und da Gerüchte, die von einem französischen Vormarsch aus der Richtung von Vodene gegen Ekst Su und Florina zu melden wußten, einmal sogar waren die französischen Patrouillen bis an die griechisch- lulgarische Grenze bei Negocani vorgedrungen, aber auf diesem 2 Kilometer breiten neutralen Streifen, der Griechen­land von Bulgarien trennte und der von keinem der beiden Nachbarn besetzt werden durfte, trauten sie sich nicht mehr hinaus. Zwei Tag? lang blieben sie in Florina und ver­schwanden dann ebenso plötzlich und geräuschlos, wie sie kamen. Der General dachte einige Sekunden nach und fuhr dann fort- „Sie baben eigentlich recht. Kriegerisches hier zu sehen haben S>e wenigstens einstweilen keine Hoffnung. Und es ist auch besser so, denn wir kämen hier, wenn die Fran­zosen ««griffen, in eine sehr schwierige Lage. Monastir liegt offen und ungeschützt da, der Weg von Griechenland fiihrt schnurstracks nach Monastir ohne irgendwelche natürlichen Hindernisse entlang dieser grünen pelagonischen Ebene. Wie schön diese Stadt von der Ferne fürs Auge auch sein mag, mit dem schneebedeckten breiten Rücken des Peristeriberges, den grünen Hainen auf den vielen Hügeln der weitläufigen Stadt, in dem sich die weißen Türme der Minaretts in die Höhe strecken, zur Verteidigung ist sie nicht eingerichtet, und des Soldaten Auge muß wehmütig auf dieser Stadt ruhen, wenn er daran denkt, daß man hier einem Stoß des Feindes einst begegnen müßte. Aber zum Glück brauchen wir uns von dieser Möglichkeit einstweilen nicht zu fürchten, denn wenn die Stadt zur Verteidigung auch schwach ist, so ist der Feind zum Angriff noch schwächer, und darin liegt, soweit man die Lage übersehen kann, unsere Sicherheit."

Ich fuhr damals von Monastir fort und hörte mehrere Monate nichts von dieser Stadt, aber als ich dann nach der ersten bulgarischen Offensive, die bis über Florina hinaus­führte. von der Gegenoffensive Sarrails Nachrichten bekam und nach den erbitterten Kämpfen um den Kajmaktschlalan-, der die Eingangspforte in die pelagonische Ebene beherrscht, die französisch-serbischen Truppen im Besitz dieses Schlüssel­punktes der Ebene wußte, da wurde mir bang um diese Stadt, die so wenig zum Kampf geboren war und deren Schicksal es durch drei Kriege so wollte, daß sie inmitten des heißesten Kampfgewühles stand. Nur wer die Situation unserer Trup­pen in der Tschernabiegung von Monastir kennt, kann die Größe dieser Leistungen beucteilen, die oort um die Vertei­digung der Stadt vollbracht wurden. Was jetzt bei Monastir seinen Abschluß fand, ist das Resultat dreimonatiger er­bitterter Kämpfe, in denen die Angreifer und Verteidiger Wunder der Tapferkeit und Aufopferung geleistet haben, Wohl wäre es den bulgarischen Truppen möglich gewesen, durch die Preisgabe Monastics sofort nach dem Einsetzen der Sarrailoffensive weitaus günstiger gelegene Stellungen ein­zunehmen, die. sich auf das Babunagebirge stützend, als ein ron der Natur aus gegebenes Bollwerk gegen feindliche An­griffe wie geschaffen waren, aber man zog es dock vor, in Er­wägung dieser großen nationalen Ideale, die mit Monastir verknüpft waren, die Stadt, soweit die Möglichkeit reichte, zu halten, auch wenn es den Verteidigern große Opfer auferlegte.

Mit dem großen Einsatz der feindlichen Kräfte mußte man bereits im Laufe der ersten Offensive im Monate Oktober rechnen, denn die Absichten und Ursachen der Sarrail- offensive waren im deutsch-bulgarischen Lager wohlbekannt.