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g -> Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatls. >»-* )
Nr. 284.
Dienstag, 5. Dezember.
1916.
(18. Fortsetzung.!
Und das Glück kam.
von Elisabeth Arte».
(Nachdruck verboten.)
Er bemühte sich, seine Gnade vollkommen gleich zu verteilen, und hätte wohl anfänglich selbst nicht entscheiden können, welches der Mädchen ihm besser gefiel. War er mit Maria allein, io entzückte ihn ihr ruhiger Ernst, der weit entfernt war von langweiligem oder gar geschraubtem Wesen. Der reine Schnitt ihres edlen Gesichts und ihr herrliches Blondhaar ließen ihn immer wieder denken: die Blonden sind doch mehr nach meinem Herzen! Kam dann aber Frieda mit ihrer unverwüstlichen Heiterkeit und verwickelte ihn in eine Neckerei, so mußte er rasch seine Meinung wieder ändern, denn „das Rackerchen" war zu famos. Es ging jedoch alles in Frieden ab, von den Schwestern schien keine neidisch auf die andere zu sein, was Randolph als Frauenkenner eigentlich in Erstaunen setzte. Ein ganz klein wenig in ihn verliebt mußten sie doch beide sein, oder er hätte nicht Randolph Heubach heißen müssen!
An einem Nachmittag zu Anfang Oktober waren die jungen Leute gleich nach Tisch aufgebrochen, um nach Adolfseck zu wandern. Viktor von Dille wollte die älteren Herrschaften, auch Frau Ferber, in keinem Auto auf einem großen Umweg über Schloß Hohenstein ebenfalls dahin bringen. So gingen Randolph und die jungen Mädchen voraus, und Philipp Ferber mit Alrx folgte. Als man am Bahnhof vorüber war, wo die Landstraße links nach Adolfseck abzweigt, sahen die beiden Nachzügler, wie Randolph bei Maria und Frieda unterhakte, während Nellie vorausging und einen Herbststrauß zu pflücken schien.
Unwillkürlich verlangsamten die beiden ihre Schritte.
Es war so köstlich, unverhofft einmal wieder allein zu sein nach allem Trubel der letzten Wochen, daß sie bestrebt waren, dies Zusammensein möglichst zu verlängern.
Es war ein wunderschöner Herbsttag, fast sommerlich warm, aber trotz Sonnenschein und blauem Himmel lag es wie die Ahnung des nahenden Winters in der Luft. Die bunten Wälder ringsum, die abgeernteten Felder, die Scharen von südwärts fliegenden Vögeln, alles deutete darauf hin, daß diese Pracht nicht lange mehr Vorhalten würde, und erzeugte eine tiefe Traurigkeit bei den beiden Menschen, die den Abschied, der ihnen in wenigen Wochen bcvorstand, vorausfühlten. Philipp gab diesem Gefühl Worte:
„In vier Wochen bin ich nicht mehr hier", sagte er und ließ seinen Blick umherschweifen, als wolle er das Bild in sich aufnehmen, um es nie wieder zu vergessen. Endlich sah er auf die junge Frau an seiner Gerte, die ganz still geblieben war. Lautlos schluchzte sie in sich hinein, während schwere Tränen über ihre Wangen rannen. Philipp nahm ihre herabhängende Hand und drückte seine Lippen darauf. Sie waren am Eingang eines kleinen Gehölzes, wenige Schritte weiter stand eine Bank. Hier waren sie vor neugierigen -Blicken geborgen, denn es war ganz still auf dem Wege. >
kein Mensch weit ,md breit: nur in der Ferne hörte man das Lachen der jungen Mädchen.
Philipp setzte sich zu Alix, die sich einen Augenblick ganz ihrem Schmerz überließ. Langsam hob er ihren Kopf, um ihr tief in die tränenüöerströmten Augen zu sehen. Dann neigte er sich zu ihr und küßte sie lang und innig und doch so zart, daß Alix empfand, so gewiß es ein Kuß der Liebe war, so war er doch frei von Un- recht, wie er frei von Begehren war. Wie linder Balsam legte sich dies Bewußtsein auf das wunde Herz der jungen Frau.
Als sie in die Ehe trat, hatten ihre Sinne noch geschlafen, und Viktors ungestüme Art hatte nur dazu beigetragen, daß sie sich ganz in sich selbst zurückzog. Eine rein geistige Liebe war das Ideal, das ihr als höchstes Glück vorschwebte, und zu fühlen, daß Philipps Gefühl für sie nichts Irdisches an sich hatte, bedeutete die Erfüllung wundervollster Träume.
So wunschlos, wie sie dachte, war Philipp nun allerdings keineswegs. Was hätte er darum gegeben, die geliebte Frau nur einmal in die Arme nehmen und lhr sagen zu dürfen, wie heiß er sie liebte! Aber gerade Viktors argloses Vertrauen, das er ihm in diesen langen Wochen täglich aufs neue bewiesen hatte, legte ihm die heilige Ehrenpflicht auf, zu schweigen, obwohl er sah und fühlte, wie das Herz der Geliebten sich ihm immer mehr entgegenneigte. Der Kampf gegen sich selbst wurde ihm unsäglich schwer, so daß selbst die Schwestern anfinqen, ihm die' schlechten Nächte anzusehen, von der Mutter gar nicht zu reden, deren Herz brechen wollte, da sie den fast übermenschlichen Zwang, den Philipp sich antun mußte, um in denk fröhlichen Kreise seine Stimmung zu verbergen, mit ahnendem Herzen mitempfand.
Lange Zeit saßen Philipp und Alix in dem stillen Herbstwald wortlos Hand in Hand. In Philipp wogten die schmerzlichsten Gedanken auf und nieder — würde Alix verstehen, daß er nicht zum Räuber an Viktor werden konnte?
Würde sie nicht für Feigheit und Unmännlichkeit halten, was einmal die hohe Achtung, die der Freund ihm abnötiate, dann die Freundschaft selbst und nicht zuletzt die Liebe zu ihr ihm zur Pflicht machte?
„Sie wissen, wie mir zumute ist?" fragte er endlich weich.
Alix sah zu ihm auf mit einem Blick, so voll von verstehender Liebe, daß Philipp über diesen Punkt völlig beruhigt sein konnte.
„Es wird noch alles gut werden", tröstete er, dann saßen sie wieder schweigend. Endlich sagte Alix: „Ich glaube, wir müssen gehen."
Philipp drehte sanft ihren Kopf, und noch einmal fanden sich ihre Lippen in einem langen Kuß.
Dann schritten sie weiter, den Weg, den die anderen gegangen waren. Als sie sich dem kleinen Wirtshaus Xtn^ Adolfseck näherten, das das Ziel^dep WazdMwg
