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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i» —

Nr. 279. Mittwoch. 29. November. 191b.

[(8 Fortsetzung.)

Und das Glück kam.

Don Elisabeth FrieS.

(Nachdruck verboten.)

Philipp stand ans und trat zum Fenster. Es hatte aufgehört zu regnen, aber es tropfte noch von allen Zweigen. Endlich sah er nach der Uhr.

„Es ist gleich elf. Viktor bleibt lange/'

„Ich glaube nicht, daß er heute noch wieder zum Vorschein kommen wird", antwortete Alix stockend.

„Aber er kann uns doch nicht einfach so sitzen lassen? Das halte ich für ganz unmöglich!"

„Ich werde Nachsehen", sagte die junge Frau und stand auf.

Nach einigen Sekunden kam sie zurück.

„Viktor ist zu Bett gegangen; Sie müssen ihn ent­schuldigen."

Es war ihr offenbar sehr peinlich, denn sie war rot und verlegen.

Philipp biß sich auf die Lippen. Er fand Viktors Betragen unerhört, weniger seinetwegen als um Alix willen, die er sehr bedauerte.

„Dann will ich gehen", sagte er mit belegter Stimine. Wie gerne hatte er ihr gesagt, daß er empört sei — aber das durfte er ja nicht. So reichte er Alix die Hand zum Abschied; aber dann, als er die weiche Frauenhand in der seinen hi-stt und ihr leises Zittern spürte, neigte er sich, einem plötzlichen Impuls folgend, und drückte einen Kuß darauf. Alix zuckte zusammen, denn das war keiner von den herkömmlichen Hand­küssen gewesen, denen, wie sie wußte, Philipp durch­aus abhold war. Sie empfand, daß der Freund ihr damit mehr hatte sagen wollen, als er in Worten hätte tun können. Stumm ließ sie ihn an sich vorüber, nur der Blick rhrcr Augen verriet, daß sie ihm nicht zürnte.

Lange noch saß sie am offenen Fenster, in Nach­denken versunken. Ihre Gedanken schweiften in die sonnige Kindheit und Jugend zurück. Sie sah sich als ganz junges Mädchen nmschwärmt auf den Eymna- siastenbällen oder beim Schlittschuhlaufen auf dem Kur­hausweiher, und stets war Philipp Ferber unter dem Schwarm ihrer Verehrer. Nie hatte er gewagt, sich ihr besonders zu nähern, aber sie hatte immer das unbe­wußte Gefühl gehabt, daß sie auf seine treue Ergeben­heit rechnen könnte. Was sie heute 'n seinen Augen gelesen hatte, Pate ihr, daß er derselbe geblieben war in jeder Beziehung — auch in der Beziehung zu ihr... Sie schlug die Hände vor das Gesicht und lveinte bitterlich.

Auch Philipp Ferber stand noch lange am Fenster seines Dachstübchens und sah hinunter auf die Wipfel der Bäume in den Anlagen. Das gleichmäßige Murmeln des Baches beruhigte allmählich seine durch die mancherlei Aufregungen des Tages erregten Nerven. Nur über einen Punkt konnte er nicht hin­weg: Was sollte werden, wenn Viktor morgen nicht kam, ihn um Entschuldigung zu bitten? Dann konnte er doch überhaupt nichr wieder hinüberaehen — und, das fühlte er mit Schrecken, das würde ihm sehr schwer werden!

Solange er Alix für vollkommen zufrieden und' glücklich hatte halten können, hatte er sich über seine Empfindungen überhaupt keine Rechenschaft abgelegt. Nachdem er aber in wochenlangem täglichem Verkehr sich davon überzeugt hatte, daß sie nur bemüht war, sich mit ihrer Ehe abzusinden, so gut'es gehen wollte, hatte es nur noch eines lösten Anstoßes bedurft, uni ihm die Augen zu öffnen, daß sie nach wie vor in seinenl Herzen die erste Stelle einnahm. Die Erkenntnis überfiel ihn nicht wie ein Sturmwind, nein, förmlich kühl und leidenschaftslos machte er es sich klar, daß er von dieser Neigung wohl nie würde loskommcn können in seinem Leben. Wenn er sich die Erscheinung der holden Frau vergegenwärtigte, so schien es ihm, als sei es ganz unmöglich, daß je ein anderes Bild in seinem Herzen thronen könnte. Es hatte keinen Zweck, dagegen ankämpfen zu wollen, es war eben sein Verhängnis, sein Schicksal.

Die Wolken zogen eilig am Himmel dahin, von einem frischen Winde gejagt. Der Mond schien hell, um dann wieder zuweilen ganz hinter den Wolken zu verschwinden, so daß nur eine lichtere Stelle seinen Standort verriet. Was mochte Alir tun? Ob sie auch den Wolken sehnsüchtig zuschaute wie er? Der Ge­danke an sie fing an. ihn zu peinigen. Was gäbe er drum, wenn er, wie in der Jugend, morgen mit Viktor sich ehrlich hauen dürfte! Er fühlte, wie ihm das Blut siedend heiß in die Schläfen stieg, und be­schloß, da an Schlafen doch nicht zu denken war, leise das Haus zu verlassen, um sich tüchtig müde zu laufen.

So sehr er sich in acht nahm, die Treppe des alten Hauses knarrte fast bei jedem Schritt. Wie ein er­tappter Dieb schrak er zusammen, als sich unten im Flur eine Tür öffnete und Pins Mutter den Kopf heraussteckte. Aber statt der erwarteten Strafpredigt flüsterte sie: „Gott sei Dank, Philipp, daß du noch auf bist, du hast wohl das Tücauf- und -zuschließen gehört? Warte einen Augenblick, dann kannst du in die Apotheke gehen, Mrs. Henderson ist krank."

Nach wenigen Minuten kam Frau Ferber mit Dr. von Dille in das Wohnziminer, in welches Philipp eingetceten war. In erregtem Flüstern bestürmte sie den Arzt, ob die Krankheit schlimm sei, ob er nicht dar­auf hinwirken könne, daß die Dame in das Kranken­haus gebracht würde, und dergleichen mehr, Und wieder, wie schon einmal, mußte Philipp die gelassene Ruhe des Freundes bewundern, wie er der aufgereg­ten Frau zuredete, noch ließe sich gar nichts sagen. Es könne eine Erklältung Pin, welche die Engländerin sich durch das Sitzen auf den: keuchten Rasen, das ihr Mann, der alte Reverend, eingestanden habe, zugezogen habe. Er, Dille, würde morgen ganz früh wieder kom­men und baffe, ihr dann schon eher bestimmten Bescheid geben zu können.

Damit mußte Frau Ferber wohl oder übel fürs erste Zufrieden lein. Philipp übernahm es, in der Apotheke Eis und alles Erforderliche zu holen, und ver- ließ mit Dille das Haus. Draußen auf der Straßr