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Morgen-Beilage -er Wiesbadener Tagblatts. i*====*)

Nr. 278. Dienstag, 28. November. 1916.

(7. Fortsetzung.)

Und das Glück kam.

Von Elisabeth FrirS.

(Nachdruck verboten.)

Philipp antwortete nicht. Es erschütterte ihn, bei der überaus klugen Tante Anschauungen zu finden, die er kindlich nannte, und die ihm dennoch durch das hohe Pflichtbewußtsein, welches aus ihren Worten heraus­klang, einen ehrlichen Relpekt einflößten.

Sie hatten die ersten Häuser des armen Dörfchens erreicht, welches das Ziel ihrer Wanderung bildete. Bald standen sie vor dem Häuschen, wo die Kranke wohnte. Fräulein Leehen ging zuerst allein hinein, um Philipps Besuch anzumelden. Während er in der glühenden Sonnenhitze in der schattenlosen Dorfstraße langsam auf und ab ging, dachte ec über Tante Gretels Bekenntnis nach.

„Es muß doch etwas Köstliches sein um solchen festen Glauben; Tante ist zu beneiden trotz aller augenblick­lichen Not, die sie davon hat", sagte er sich. „Ich muß ste aber doch fraaen, warum sie mir das alles erzählt hat."

Er wurde ins Haus gerufen. In einer kleinen, sehr tauberen Stube zu ebener Erde lag ein abgezehrtes Geschöpf, an dem nur noch dir Augen zu leben schienen; aber nein, da streckte sich Philipp eine knochige Hand entgegen, die er mit einem Gefühl inneren Schauderns prgrnff. Er besann sich vergeblich, was er sagen könne,

6 ine ganze sichere Heiterkeit verließ ihn angesichts der tcrbenden. Aber Tante Gretchen half. Sie redete so munter auf die Kranke ein, packte die Stärkungsmittel, die sie mitgebracht hatte, aus und erzählte, wer ihr das alles schicke, bis Philipp sich wiedergefunden hatte, und auf Fräulein Leetzens Ton eingehend, schilderte, wie Keiß der Weg sei, und wie es dort, wo er lebe, in Hawai, noch viel heißer sei im Sommer und dergleichen mehr.

Gierig hingen die Augen der Kranken an seinem Munde. Mühsam quälte sie mit einer heiseren Stimme Hie Worte heraus: „Der ganze Vater!" Philipp durch­fuhr es in jähem Schreck. Er ließ die heißen Knochens- Finger los, daß sie wie leblos auf das Deckbett fielen. Mls ob die wenigen Worte schon, zu viel für ihre schwache Kraft gewesen seien, so 'chüttelte ein Hustenanfall den elenden Körper und Fräulein Leetzen sagte:

„Sie soll nicht sprechen — geh hinaus, Philipp, sie

t at dich ja nun gesehen." Sie selbst mühte sich um ie Kranke, stützte den Oberkörper und flößte ihr Tropfen ein. Philipp wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dies war ja entsetzlich! Wozu war er hierher- jgeschleppt worden? Heißer Zorn wallte in ihm auf gegen Tante Gretchen, während er :>or dem erbärmlichen ^äuschen auf und ab ging; aber als sie nach längerer eit kam, das Gesicht voll Güte und Mitleid, da war ein Zorn wie weggeölasen. An der ersten Bank in dem dürftigen Wäldchen, durch welches sie kamen, machte er "alt.

xr fk sam.

„Nun ruhst du dich gefälligst erst mal aus", sagte sehr energisch, und Fräulein Leetzen setzte sich gehor-

„Der Gang wird dir gut tun", sagte sie überzeugt zu Philipp, der sich neben sie gesetzt hatte. „Wenn man solches Elend steht, vergißt inan seinen eigenen Kunnner und alle Not."

Philipp-widersprach nicht. Er war zwar noch vor kurzem durchaus der Meinung gewesen, Tante Gretchen hätte ihm diele Eindrücke ersparen sollen, aber ihre Auf­fassung rührte ihn wider Willen.

„Wie kommt die Kranke eigentlich hierher?" fragte er ablenkend.

„Sie war Schauspielerin — drunten im Kurtheater, weißt du das?"

Er nickte nur.

„Sie — sie hatte ein Kind." Er nickte wieder zum Zeichen, daß es ihm bekannt sei. „Von meinem Vater" — schrie es in seiner Seele, aber er sprach zunächst kein Wort.

Nach einer langen Weile fragte er: „Wo ist das Kind geblieben?"

„Deine Mutter hat es zu sich genommen, sie läßt es erziehen", sagte Fräulein Leetzen fast andächtig. „Sie verdient sich den Himmel an ihr", fuhr sie fort, „aber freilich, das Kind ginge für sie durchs Feuer."

Philipp war tief erschüttert. Lange konnte er nicht sprechen vor Bewegung. Endlich nahm Fräulein Leetzen den Faden wieder auf.

„Als sie krank wurde, merkte der Arzt bald, daß es lange dauern könne, und man brachte sie hier herauf, weil es hier billiger ist als in Schwalbach, denn ihre Mittel waren ganz gering. Daß der schwache Körper so lange aushalten könne, dachte niemand.' Nun lebt sie, schon lange nur von Wohltaten."

„Aber es muß doch eine ganze Menge dazu ge­hören", sagte Philipp, „beschaffst du das alles?"

„Ja, das meiste. Deine gute Mutter gibt mir ganz regelmäßig. Ich wundere mich oft, denn bei allen ande­ren murrt sie, wenn ich etwas haben will. Nur mit herauf zu kommen, habe ich sie noch nicht bewegen können."

„Rede ihr auch nicht mehr zu", sagte Philipp so hastig, daß Fräulein Leetzen ihn verwundert anfah.

„Hat es dich w angegriffen?" fragte sie mitleidig, als sie sah, daß siin Gesicht tief erblaßt war. Er be­jahte kurz. „Armes Mütterchen, das fehlte auch noch, daß du dir das'ansähest!" dachte er. '

Was waren es doch für seltene Frauen, die alt« Jungfer, die da neben ihm ging und es für selbstver­ständlich hielt, daß sie sich marterte, ihr Versprechen an einer Toten halten zu können, und seine Mutter, die es für ebenso selbstverständlich hielt, daß ste von dem Wenigen, was sie sich saner genug erwarb, hergab, um die nicht darben zu lassen, die durch ihren Mann inS Unglück gekommen war!

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Am Abend bei Dilles war es Philipp nicht möglich, auf Viktors leichten scherzenden Ton einzugehen, so daß dieser es endlich merkte.