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Dienstag, 28. November 1916.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 578. ♦ 64. Jahrgang.
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Der deutsche Sieg.
Herr Scheidemann rreibt es ein bißchen arg, er und der „Vorwärts". Wir geben denen, die sich daran stoßen, daß Scheidemann sich fortgesetzt als Dolrnetscher von Meinungen und Absichten des Reichskanzlers hinstellt, recht darin, daß darin etwas Fremdartiges, Unerfreuliches, Unklares, Schiefes steckt. Selbst wenn Scheidemann die Befugnis hätte, eine weitgehende Übereinstimmung mit den: Reichskanzler zu betonen, bekäme seine Handlungsweise doch erst Wert und Inhalt durch die gleichfalls in der Öffentlichkeit bekundete Z u st i m m u n g des anderen T e i l K. Daran aber fehlt es. Auch wer die Grundzüge des Scheide- mannschen Friedensprogramms billigen möchte, dem wird es einigermaßen gegen den Strich gehen, daß die Wichtigkeit des Progralnms immerfort unterstrichen wird durch die Berufung auf die Übereinstimmung mit d e ni verantwortlichen Staatsmann. Für sich und feine Partei mag und soll Herr Scheidemann sprechen, das ist sein Recht und feine Pflicht, aber was uns der Reichskanzler zu sogen bat, das wollen wir lieber selber von ihm hören. Herr Scheideinann und der „Vorwärts" müßten sich am Ende klar darüber sein, daß sie ihrer Sache geradezu schaden, wenn sie für sie den Reichskanzler engagieren, der es eines Tages vielleicht doch für unvermeidlich hält, diese von itmi schwerlich gewollte enge Verbindung vor der Öffentlichkeit als nicht vorhanden zu bezeichnen.
Der „Vorwärts" verlangt, daß mit England ein Verständigungsfriede geschlossen werde, nicht einer, der auf der Grundlage eines deutfchen Sieges beruhe. Wir sollen anerkennen, so will es der „Vorwärts", also Herr Scheidemann, daß England nicht geschlagen ist und nicht besiegt werden kann, daß unsere Behauptung schon Sieg ist, daß der Friede geschlossen werden kann, ohne daß irgendwo die Grenzpfähle verrückt werden. Gewiß, das ist eine Ansicht wie andere, die Sozialdemokratie kann sie haben, ja auch der Reichskanzler kann sie haben, jedoch wenn das der Fall ist, muß er selbst es uns sagen, nicht der „Vorwärts" und nicht Herr Scheidemann. Der Reichskanzler ist aber nicht dieser Ansicht. Daß er sie nicht hegt, das hat auch der englische Minister Bonar Law schnell herausgefunden, als er im Unterhause erklärte, der Reichskanzler habe keine Friedensbedingungen gestellt, „die nicht die Anerkennung eines deutschen Sieges zur Voraussetzung haben". Für England kommt also nur eine pax britannica in Frage, nur ein englischer Sieg. Für den „Vorwärts" und Herrn Scheidemann kommt ein Verständigungsfriede in Frage,- weder eine pax britannica noch eine pax germanica; aber wie diese Verständigung herbeigeführt werden soll, wenn England widerstrebt, das wissen unsere Sozialdemokraten auch nicht, und darum bleiben ihre Ratschläge und Vorschläge ein Luftgespinst, mit dem sie niemand einfangen können, den Reichskanzler am wenigsten.
Der Sozialdemokrat Leimpeters steht doch wohl sicherer als Herr Scheidemann auf dem Boden der Wirklichkeit, wenn er in der „Glocke" jüngst schrieb: „Dem Volke wird der Glaube suggeriert, als habe es die deutsche Regierung in der Hand, Frieden zu schließen, während in Wirklichkeit das Kriegsbarometer in London steht, nicht in Berlin . . . Kindisch, zu glauben, dieses furchtbare Ringen könnte unentschieden, vielleicht auf Kommando des Kaisers, abgebrochen werden. Entweder unterliegt die Entente oder die Mittelmächte, aber bis zur Entscheidung geht der K i i e g, ob die deutsche Regierung will oder nicht." Das ist eine Feststellung von Tatsachen, vor denen die Augen zu verschließen ein Eigensinn und ein Selbstbetrug ist. Wir müssen uns doch sagen, daß unsere Erwartung, die Feinde seien an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt, ihre scharfe Kontrolle und ihre sachliche Widerlegung durch immer neue und größere A n st r e n g n n g e n der Entente erfährt. Wir selbst halten ja mit dielen Anstrengungen Schritt, und 'nir dürfen die beginnende Hoffnung hegen, daß wir sie noch ü b e r t r e f f e n werden, aber unsere Heeresleitung wird kauin gesonnen sein, die vielfach verbreitete Vorstellung zu teilen, als seien namentlich England und Frankreich erschöpft. Nicht einmal Frankreich ist es, England erst recht nicht, und wenn den britischen Jnwln die Nahrung s- mittelkrise näherrückt, so wissen wir ans unseren eigenen Erlebnissen, daß man die Zähne zusammenbeißen und sehr Schweres ertragen kann, wenn es stin Mutz. So muß denn weitergekämpft werden, es bleibt uns keine Wahl, weil England nicht will, daß dieser Krjeg endigt, bevor wir zerschmettert sind. Was sollen uns da die Scheidemannschen Wünsche, Vorhaltungen, Programme? Sie kennen u n m ö g- 1 i ch dasselbe sein, was die Reichsleitung wünscht Und will.
Lin englisches Urteil über die Aussichten des Krieges.
„Die Aussichten sind heute sicher nicht so gut, als sie bei Eintritt Rumäniens in den Krieg vielleicht schienen", so meint der Leitartikel des „Manchester Guardian" vom 13. November. „Rußland »stand damals in den Karpathen im Begriff, in Ungarn einzufallen; cä schien, als ob die neue halbe Million Männer auf unserer Seite die Wage mit einem Schlag zum Sinken bringen würde. Nichts von alledem hat sich ereignet. Mit Unrecht wird jetzt Rumänien getadelt, weil eS in Siebenbürgen einfiel, statt Bulgarien und den „Korridor durch Serbien" anzugreifen. Der springende Punkt war vielmehr, daß der russische Vormarsch mit kurzem Ruck anhielt; dann kam Mackensens großer Einfall in die Dobrudscha. Nur hierdurch erschien die Überflutung Siebenbürgens wie ein verrückter Druckfehler der Kriegsgeschichte. Es wäre ungerecht, zu sagen, daß die Verbandsmäckste sich ohne einen Plan überraschen ließen. Der Plan war' Rußland sollte die Karpathen überschreiten, Rumänien in Ungarn eindringen, russisch-rumänische Truppen über Bulgarien herfallen und den kleinen Widerstand überwinden, den die Bulgaren nach Sarrails Angriffen noch leisten konnten. Der Plan war also gut genug. Aber er wurde nicht mit genügend Truppen und zu langsam ausgeführt. Sarrail hatte gerade genug Leute, um auf die ungeheuer starken bulgarischen Stellungen etwas Eindruck zu machen. Rußland bewegte sich zu langsam und nicht in genügender Stärke. Die Organisation und Ausrüstung der rumänischen Armee war in keiner Weise vollendet. Mackensen ist ein außergewöhnlich geschickter Stratege. Die gegenwärtigen Leiter Deutschlands be- • sitzen, was auch sonst ihre Fehler sein mögen, die höchste Kriegstugend: sie sehen den Tatsachen ins Gesicht und handeln ihnen entsprechend kräftig und schnell. So darf man sich denn über dir Ereignisse der letzten zehn Wcchen nicht wundern. Rumäniens Eingreifen gab Deutschland die härteste Nutz zu knacken; aber Deutschland hat sie geknackt. Hindenburg steht im ganzen mit dem Reichskanzler sehr gut. Politik und Strategie dürften daher in Zukunft gut übereinstimmen. Beide sehen ihre Ziele im Osten. Dem Kanzler macht es nichts, zehn, zwanzig oder gar dreißig Meilen französischen odrr belgischen Gebiets zu verlieren, wenn nur die Front im Westen hält, und wenn die Verluste nicht gar zu schwer werden. Dagegen würden die Hauptkriegsziele de? Kanzlers Gefahr laufen, wenn die polnischen Erwerbungen oder gar der „Korridor" nach dem Osten fallen. Hier darf kein Zoll Boden verloren gehen. Trotzdem Hindenburg während der Somme-Offensive sein Amt antrat, verminderte er zuerst die Zahl der Divisionen an der Westfront, um veu Osten sicherzustellen. Deusiustand hatte nicht genug Truppen, um gleichzeitig die russische Offensive und den Einmarsch der Rumänen in Siebenbürgen zum Stehen zu bringen. Sie sahen richtig, daß die Rumänen nichts ausrichten würden, wenn' nur die Russen aufgehalten wurden. Aller Wahrscheinlichkeit nach plant Hindenburg i m nächsten Frühjahr eine größere Anstrengung, um^bine Entscheidung in Rußland zu erzwingen. Unsere Sieges Möglichkeiten hängen davon ab, daß wir unsere höchste Kraft so früh als möglich in 1917 einsetzen. Deutschland wird seinerseits die ganze Offensivmacht des Reiches sc früh als möglich in 1917 gegen die Ostfront werfen, wie 1914 gegen Frankreich. Es wäre zwecklos, wenn wir den Höhepunkt unserer Kraft im Juli oder August nächsten Jahres erreichten. Denn um diese Zeit wird bft größte Angriff, dem Rußland jemals ausgcsetzt war, längst im Gange sein. Es ist zweifelhaft, ob Erfolge, die wir dann erzielen, das Ergebnis im Osten noch wirksam beeinflussen können. Wir müssen unsere Angriffe während des Winters aufrechterhalten und sofort bei Beginn des guten Wetters im nächsten Jahre den letzten Mann und das letzte Geschütz fertig haben. Äußerste Eile tut not."
Drei Monate rumänischer Urieg.
Am 28. November sind drei Monate verflossen, seitdem Rumänien zu der verräterischen Kriegserklärung gegen Äster- rich-Ungarn schritt, die sofort unsere eigene Kriegserklärung auslöste. Ein Rückblick auf die bisherigen Ergebnisse des Feldzuges gegen den neuen Feind wird deshalb am heutigen Tage nicht unangebracht erscheinen. Unsere Heeresleitung war vor eine äußerst schwierige Aufgabe gestellt, die nur durch eine ungewöhnliche Feldhecrnkunst und durch den heldenmütigen Geist unserer Truppen gelöst werden konnte. Es wurde anfänglich bekanntlich in Siebenbürgen unter Räumung eines Stückchen Landes eine verkürzte verbündete Front geschaffen, die dem ersten Anprall der' rumänischrussischen Armee standhalten mußte. Zu gleicher Zeit überschritt unser verbündetes Heer die Dobrudschagrenze zur Donau, nahm S i l i >t r : a und T u t r a k a n und rückte langsam, aber unwiderstehlich, gegen den Trajanswall vor. Am 19. Oktober begann nun hier nach einer kurzen Ruhepause der Vormarsch gegen die wichtige Eisenbahnlinie C e r n a - voda - Constanha und am 23. Oktober fiel M e d j i d i a und rzi'.r wenige Tage später oie ganze Linie Eernavada- Constantza in die Hände unserer Truppen. Deutsche, bulgarische und türkische Truppen waren an diesem unerhört schnellen Siegeslauf beteiligt, in dem unsere verbündete Armee weit über diese wichtige Eisenbahnlinie hinaus in die Norddobrudscha verstieß, wo es nun wiederum zum Stellungs
krieg kam. Während hier die Lage in der Dobrudscha eine ungewöhnliche Festigung erhielt, hatte unsere Heeresleitung auch in Siebenbürgen alle notwendigen Vorbereitungen getroffen, uni den Feind aus Siebenbürgen zu werfen und den Krieg nach Rumänien auch auf diesem Teil des Kriegsschauplatzes hineinzutragen. Am 20. September ging der große Angriff der deutsch-österceichisch-ungaxischen Truppen unter den Generalen v. Falkenhayn und Arz vor sich. Während Falkenhayn an der siebenbürgischen Grenze operierte, fand Arz sein Betätigungsfeld an der Ostgrenze. Hermann st adt und K r o n st a d t wurden in gewaltigen Kämpfen befreit und am 127 Oktober war durch den Sieg Falkenhayns bei Kronstadt die Kriegslage so weit günstig gediehen, daß eine österreichi'ch-ungarische Brigade die Süd- orenze Siebenbürgens überschreiten konnte. Gleichzeff'g wurden die Russen gegen die Ostgrenze Siebenbürgens geworfen. Am 23. Oktober konnte bereits P r e d e a l genommen werden. Gleichzeitig gingen unsere Truppen am Czurduk-Paß vor und errangen auf der ganzen 600 Kilometer langen Front beträchtliche Erfolge, die besonders in Richtung auf Targu-Jiu und auf Campolung eine günstige Kriegslage vorbereitete. Die Schlacht bei Targu-Jiu zerschmetterte nach einem langwierigen Ringen im befestigten rumänischen Gebirge die rumänischen Streitkräste, deren Linien durchbrochen wurden. Der wichtige Eisenbahnknotenpunkt Craiova wurde am 2l. NcveMber erobert, wodurch den bei Orsova und Turn-Scverin kämpfenden rumänischen Truppen die Verbindung mit dem eigenen Heer und die natürliche Rückzugsstraße abgeschnitten wurde. Es konnte darum nicht ausbleiben, daß bereits am 23. November Orsova und Turn-Severin in die Hände unserer Truvpen fielen. Die Armee Falkenhahn wandte sich nun gegen Osten und strebte dem A l t f l u ß zu, den sie am 25. November erreichte. Nun erfolgte ' der Zusammenschluß der beiden getrennt kämpfenden Armeen Falkenhabn und Mackensen. Mackensen iiberschritt nämlich an mehreren Stellen die Donau, wodurch ein Zusammenarbeiten der beiden Heere möglich wurde. Das Ergebnis dieses ersten Kriegsvierteljahres ist gewaltig. Die Dobrudscha und Walachei, die Kornkanimer Rumäniens, ist in unserer Hand und der beste Teil des rumänischen Heeres ist außer Gefecht gesetzt, das zum Teil gefangen, größtenteils auf dem Schlachtfeld verblutete. Schneller, als man erwarten konnte, hat die Strafe dieses verräterische Land ereilt.
Die Bezwingung des Altflutz-Defiles.
Nr. Berlin, 27. Nov. (Eig. Dvahtbericht. zb.) Der Berichterstatter des „L -A." meldet aus dem Standort einer K. und K. Gebirgsbrigabe im A l t t a 1 über die Durchbrechung der dortigen rumänischen Stellungen. Die Lage war am 17. November derart, daß die veNbürcheten Truppen aus dem Ostufer des Alt erheblich weiter vorgSdrungen waren, als aus dem Westufer, wo die Rumänen die Höhen des südlich von West nach Ost gegen den Alt vorgelagerten breiten Lotrurals kielten. Ihr wichtigster Stützpunkt war die Frorfeca im Winkel südlich vom Vereinigungspunkt beider Täler, von wo aus sie Straße und Bahn beherrschten und ein weiteres Vordringen ins Däl binderten. In dev Donnerstagnacht gegen 3 Uhr morgens legten die deuffchen Batterien überraschend ein schweres Feuer aus diese Höhen. Die Rumänen hielten nur kurze Zeit stand und ergriffen daun die Flucht längs der Straße nach Süden, die aber durch das Feuer, der auf den linksufriyen Althüheu liegenden Truppen einer K. und K. Gebirgsbatterie gesperrt waren. Ein Entkommen in dieser Richtung war unmöglich. Die Rumänen ergaben sich zu Hunderten. Durch diese taktisch glänzend durchgefüihrte, für den Angreifer völlig verlustlose Operation ist nun der Durchmarsch durch die engste Stellung des ganzen Roten-Turmpasses erzwungen und der Feind auch aus dem Westuser des Alt zum Weichen gebracht. Damit darf man die unmöglich scheinende Bezwingung des A I t - D e f i l e s, mit der der Vormarsch entlang der Perauer Straße uNd dem Argestal Hand in Hand geht, als gelöst betrachten.
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Die „Kriegserklärung" der Venizelisten in italienischer Bewertung.
Sr. Lugano, 27. Nov. zEig. Drahtbericht, zb.) Wie aus Saloniki gemeldet wird, becanlaßte die Kriegserklärung Venizelos' an Deutschland und Bulgarien den „Corriere della Sera" zu folgender offiziöser Abschüttelung Venizelos': Die Ententemächte erkennen diplomatisch nur das Lambros-Kabinett in Athen an. Die Ententemächte betrachten Venizelos nur als eine Person, die befugt sei. Freiwillige anzuwerben für die Zwecke der Entente. Die Kriegserklärung könne daher höchstens die Bedeutung haben, daß dadurch die angeworbeneu Griechen die Stellung als reguläre Kämpfer erhielten.
König Konstantin behält seinen eigenen Willen.
Haag, 27. Nov. (zb.) „Daily Telegraph" meldet aus Athen: Die Kriegserklärung der Regierung in Saloniki cm Deutschland und Bulgarien verursachte in Athen einige Erregung. In einigen Kreisei glaubt man, hieraus ub- leiteu zu sollen, daß König K o n st a n t i n ein- für allemal beschlossen hat, eine ähnliche Maßregel nicht ergehen zu lassen. DeM» obgleich der König vielleicht dazu gebracht werden könnte, Bulgarien den Krieg zu erklären, so werde er doch
