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Morgen-Verlage der Wiesbadener Tagblatts. >» ■m

ITr. 277. Sonntag, 26. November. 1916.

(S. Fortsetzung.)

Und das Glück kam.

von Elisabeth Friev,

(Nachdruck verbot«»^

„Aber Tante!" Erschrocken faßte Philipp die Hand des alten Fräuleins. „Sieh mal, es ist in dieser ersten Zeit soviel auf mich eingestürmt, daß ich gar nicht ourchfinden konnte. Der Verkehr mit Dilles nimmt meine Zeit sehr in Anspruch."

„Nun, das ist aber doch auch sehr nett sür dich."

„Gewiß — nur dürft ihr mir nicht alle Vorwürfe darüber machen."

Nun war es an Fräulein Leetzen, sich zu entrüsten.

„Davon ist gar keine Rede", sagte sie eifrig, „im Gegenteil, ich halte Jugendfreundschaft für etwas so Köstliches, daß ich nur jeden mahnen möchte, sie zu pflegen. So wie man sich in der Jugend anschließt, ist es im späteren Leben nie mehr möglich. Da fragt man noch nicht: Was bist du? oder gar: Was hast du?, son­dern man folgt nur dem Zug des Herzens."

„Na, Tante, ich weiß nicht. Die Verhältnisse sprechen doch auch viel mit. Wenn unsere Elternhäuser nicht nebeneinander lägen, wer weiß, ob ich da je mit Viktor befreundet geworden wäre."

„Es gibt auch da natürlich allerlei Unterschiede. Ihr seid eben beinahe wie Geschwister aufgewachsen. Oder glaubst du, daß nicht auch Brüder sehr verschieden sein können?"

„Ganz sicher. Denk doch nur an Frau von Dilles Brüder, Randolph und Georg Heubach. Doch wir kom­men ganz von deiner Geschichte ab; was hast du auf dem Herzen, Tante?"

Fräulein Leetzen antwortete nicht gleich. Es wurde ihr schwer, einen Anfang zu finden, weil sie sehr wohl empfand, daß die Angelegenheit, die ihr seit Wochen viel Sorgen verursachte, nicht ganz der Koinik ent­behrte. Nichts nb"r scheute sie so sehr, als den Fluch der Lächerlichkeit auf sich zu laden.

Fräulein Margarete Leetzen war überzeugte Katho­likin. Das hatte sie jedoch nicht gehindert, stets im besten Einvernehmen mit ihrer gutprotestantischen Cousine zu leben. Die Mütter waren Schwestern ge­wesen, und es hatte schwere Kämpfe gekostet, bis es Herrn Balthasar Leetzen gelungen war, alle Hemmnisse zu überwinden, die sich seiner Verbindung mit einem evangelischen Mädchen entgegenstellten. Mit der Zeit hatten die beiderseitigen Familien sich aber gut mit der Tatsache abgefunden. Jedenfalls hatte sich in dem sehr innigen Verhältnis der Schwestern zueinander nichts geändert. Als dann Gretchen geboren wurde, hatte Frau Ferbers Mutter sich doppelt bemüht, der kleinen Nichte eine gute Tante zu sein, was ihr von dem Kinde mit dankbarer Zuneigung gelohnt wurde.

In diesem Sinne waren auch die Ferberschen Kinder erzogen worden, und sie hätten sich um io weniger er­laubt, eine andere Meinung zu haben, als „Tante Gretel" in ihrem Hause eine- Art Respektsperson war. In der Tat besah sie Eigenschaften des Charakters und des Herzens, die rhr die Liebe und Verehrung von allen, die sie näher kannten, sicherten. Mit dem rhr eigenen Herzenstakt vermochte sie es, ihren Verwandten gegen­

über ihren streng katholischen Standpunkt zu wahren., ohne im geringsten darüber zu sprechen. Um so schwerer wurde es ihr allerdings jetzt, näher auf dies Thema einzugehen, was jedoch nicht zu vermeiden war, wenn Philipp einen richtigen Einblick in ihre Lage haben sollte. Endlich begann sie zu erzählen.

„Wie du weißt, wohnt über mir im Hause eine ein­fache jüdische Familie. Der Mann ist bei Hirschsohn angestellt, wo die Frau früher als Verkäuferin tätig war. Vor einigen Wochen wurde ihnen ein Kindchen geboren, das so elend und schwach war, daß man fürch­ten mußte, es würde nicht lange leben. Ich sah natür­lich oft nach der Frau, die sich gar nicht erholen konnte. Eines Nachts klopfte mich der Mann heraus, ich möchte um Gottes willen zu seiner Frau gehen, die einen schweren Anfall von Herzschwäche habe, er wolle den Arzt holen."

Fräulein Leetzen blieb stehen, um Atem zu schöpfen, da der Weg steil bergauf führte. Philipp sah sie er­wartungsvoll an, aber er sagte nichts.

„Ich warf mir einen Schlafrock über und eilte nach oben. Die junge Frau lag lo elend da, daß ich genau Hinsehen mußte, ob sie noch lebte. Sie deutete matt auf die Wiege, wo zu meinem Schrecken das arme kleine Würmchen sich in Krämpfen wand. Ich riß es aus den Kissen rieb und klopfte es und netzte ihm die Stirn mit Wasser, bis es wieder zu sich kam.

Die Mutter verfolgte alles mit angstvoll aufgerisse- nen Augen und machte mir ein Zeichen, daß sie etwas sagen wolle. Ich neigte mich zu ihr und sie hauchte: „Was soll aus dem Kinde werden, wenn ich sterbe?" Ohne zu überlegen, sagte ich: „Ich werde es erziehen lasten." Die arme Frau seufzte tief ans, wie erleichtert und schloß die Augen — für immer. Das Kind lebt." Fräulein Leetzen hatte die letzten Worte gequält hervor­gestoßen. Sie tupfte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirne.

„Dallü ist es ja schön", erwiderte Philipp, der den Kern der Sache nicht erfaßt hatte. Nun aber wurde seine Tante ungehalten.

„Schön, sagst du?" rief sie beinahe heftig, „mach dir doch meine Lage klar: Ich habe versprochen, das Kind erziehen zu lassen, habe also eine ganz bestimmte Ver- antwortung übernommen, und das erste, was der Vater tat, war, daß er sich jede Einmischung verbat."

„Ja, Tante, erlaube nial, wieso quälst du dich dann: Du kannst doch nicht irgend einen Menschen zwingen, fein Kind von dir erziehen zu lassen?"

„Irgend einen natürlich nicht. Aber, einen, dessen sterbender Frau ich das Versprechen gegeben habe!" rief Fräulein Leetzen gereizt.

„Sie meinte gewiß überhaupt nur, wer für den Augenblick die Sorge für das Kind übernehmen würde", suchte Philipp zu trösten.

Philipp lächelte ein unmerkliches Lächeln. Seiner- freieren Auffassung erschloß Tante Gretchen da einen Blick in Gedankengänge, die ihm ganz fremd waren und