Einzelbild herunterladen
 

igU

!! Der Roman. ^

m =.~" »i Morgen-Beilage der Wiesbadener Cagblatts.=)

Nr. 275.

$r eitag, 24. November.

1916.

( 4 . Fortsetzung.)

Und das Glück kam.

Bon Elisabeth FrieS.

(Nachdruck verboten.)

Wie gefallen dir deine Schwestern?" fragte Frau Ferner mit einem ganz leisen Anflug von Stolz.

Ich bin überrascht, wie hübsch sie sind. Und sehr nett scheinen sie auch zu sein?"

Es sind gute Kinder, fleißig, bescheiden und immer vergnügt. Maria ist ernster "

Sie" Philipp stockte und wußte nicht, wie er es ausdrücken sollte, daß sie ihm >>esonderS gefallen hatte, ohne der jüngeren Schwester zu nahe zu treten.

Sie gefällt dir noch bester als Frieda?" fragte Frau Ferber lächelnd, da sie es geinerkt hatte.

Ja so »veit ick- n,ir bis jetzt ein Urteil erlauben darf", erwiderte Philipp.

Du Haft recht, dick, so vorsichtig auszudrücken", sagte die Mutter,denn Frieda hat auch ihre guten Seiten, und ihr goldener Frohsinn ist nicht gering zu achten. Er hat mir über manche schwere Stunde hin­weggeholfen", fügte sie leise hinzu.

Philipp legte seinen Arm um die Mutter.Ja", sagte er herzlich,davon laß uns sprechen, Mutter. Ich weiß so tvenig von dir. Ich bin zu früh von hier fort- gekommen, und ich habe oft gedacht, daß ich wohl gar nicht richtig Bescheid weiß. Du wägst alles still für dich mir wenigsten? hast dn nie einen Einblick ge­währt in dein Denken und Empfinden. Es wäre aber ganz anders für rnich da draußen, wenn ich in allem klarer sähe."

Wirklich? Wäre es das? Ich habe immer gedacht, wie gut es sei, daß du von -o manchem, was uns hier bedrückte, keine Ahnung hättest."

Du kennst mich eben auch zu wenig, Mutter, sonst würdest du das nicht gedacht haben. Hast du Sorgen?"

Er suchte im Dunkel die Züge der Mutter zu er­kennen. Sie drückte seine Hand fest und zärtlich und sagte:Zuweilen. Du weißt ja, wie sehr wir von der Kur abhängen."

Aber warum hast du mir das nie geschrieben?" fragte Philipp fast heftig.

Du hättest es wisien können", meinte Frau Ferber gelassen,und außerdem hast du uns stets so reich be­schenkt zu Weihnachten und "

Ach, davon ist gar nicht zu reden", sagte der Sohn immer noch ungehalten.Ich bin der Meinung ge- ' wesen, durch die Lebensversichcrunassumme, die du bei Katers Tode erhieltest, sei dein Leben leichter ge­worden."

Frau Ferber antwortete nicht sogleich. Aber Philipp sah ihr unentwegt in die Augen, so daß sie endlich herausbrachte:Die habe ich gar nicht in die Hände be­kommen."

Was sagst du da? Ich erinnere mich deutlich, daß Vater oft davon sprach in dem Sinne, als ob dadurch gewissermaßen für dich gesorgt sei."

Frau Ferber sah wohl ein, daß Ausflüchte hier nicht am Platze waren. So sagte sie denn zögernd:Es stellte sich nachher heraus, daß das Geld verpfändet war."

Aber wofür denn? Wie war cs möglich, das nie­mand davon wußte?" Philipp war außer sich vor Er­staunen.

Vielleicht erinnerst du dich. Wir hatten eine Reihe von schlechten Jahren; ihr wuchst heran und kostetet immer mehr, und die Einnahmen wurden geringer. Das Haus war reparaturbedürftig, wenn es nicht ganz zu­rückgehen sollte, da so viele neue Villen entstanden, die alle Bequemlichkeiten der Neuzeit hatten."

Und ich kostete Geld" Ein Gedanke blitzte in dem jungen Manne auf, dem er sofort Ausdruck lieh. Mutter, das Geld hat Vater wohl nieinetwegcn aus­genommen? Um die Kosten für mich zu bezahlen?"

Frau Ferber schüttelte den Kopf. Es war ihr furcht­bar leid, daß das Gespräch diese Wendung genommen hatte.Nein", sagte sie bestimmt,deinetwegen hätte Vater es nicht aufzunehm.-n brauchen. Er war Lcbens- künstler und konnte sich doch nicht bescheiden. Es war gewiß nicht gut für ihn und ruckst richtig, daß er sein Leben hier in der Enge leben mußte, aber als cs noch Zeit gewesen wäre, dies zu ändern, hat er es nicht ge­tan. Nachher wurde es ihm furchtbar schwer, im Herbste, wenn alle, die es sich leisten konnten, in die Großstadt eilten, hier bleiben zu müssen. So stichte er sich denn liier sein Vergnügen . . ." Sie schwieg, wie erschöpft. Aber der Sohn wollte nun auch alles wissen, die ganze Wahrheit.

Wie meinst du das? Was verstehst du darunter?' fragte er dringend.

Es ist mir entsetzlich, den Schleier von der Ver­gangenheit ziehen zn sollen. Ich hatte mir vorgenom- men. euch Kindern nie davon zu sagen, und du mußt mir versprechen, daß deine Schwestern nie davon erfahren. Vater" sie setzte ein vaarmal zum Sprechen an, ebe es ihr gelang, die Worte zu formen,spielte im Gol­denen Löwen mit einigen Gleichgesinnten. Es konnte mir natürlich nicht verborgen bleiben, daß er nachts spät nach Hause kam. und ich habe ihm zuweilen Vor­würfe gemacht heftige, wie es nieine Art ist. Da­durch wurden wir uns ganz entfremdet. Du mußt dich doch noch erinnern können, daß wir nur sehr kühl mit­einander verkehrten." Philipp nickte. Er dachte tief beschämt daran, daß er die Auffassung hatte haben kön­nen, die Mutter ließe den Vater rühlen, daß sie allein alle Arbeit zu leisten habe . , . Mit leiser Stimme fing Frau Ferber nach einer Weile wieder an:Ich war ge­wiß nicht ohne Schuld, Vater liebte frohe Gesichter über alles, und ich mag zeitweise nicht oft froh ausgesehen haben. So wandte er sich von mir ab und sing ein Ver­hältnis an mit einer jungen Schauspielerin, die im Kurtbeater spielte. Es blieb nicht ohne Folgen, aber da? Mädchen büßt schwer es ist das arme Lieschen in Hettenhain. Sie hat, wie du weißt, zuerst ein Hüft-- leiden gehabt, das langsam immer weiter vorschreitet: seit Jabr und Tag ist sie ganz hilflos und von der Wohltätigkeit der Menschen abhängig."