Berliner Abteilung de« Wiesbadener TagblattS: Berlin W„ PolSd-«er Str.1S1L> Kernstzr.: »«t Lntzow 8202 a.6203.
Morgen-Kusgabe._ «»• 569 -
für die Aufnahme von Anzeigen an vorzeichrrebenen fagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Donnerstag» 23. November 191b.
64. Jahrgang.
Verlag Langgaffe 21
„Tagtlatthaus".
Ga»lter-Halle geöffnet von 8 Uöt morgens bi« 7 Mir abend«.
wöchentlich
Bezugs-Preis für beide Ausgaben: Mk. I.— monatlich. Ml. 3 — vierteljädrlich durch den Berlag “-1e 31. ohne Bringerlohn Mk 4.05 vierteljährlich durch alle dentjchen Poftanffalten. auSickließlich
vesrellgeld - Bezugs-«eftellnngen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bi»- marilrinz 19. lowic die Ausgabestellen in allen Teilen der «ladt: in Biebrich: die dortigen Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblan-Träger
13 Ausgaben.
Fernruf:
„Tagblalihaus" Nr. SSSS-SS.
Bon 8 Uhr morgens bi« 7 Uhr abends, außer Sonntag«.
Anzeigen-PreiS für die Zeile: 15 Pfg für örtliche Anzeigen im „ArbcitSmarkt" und »Kleiner Anzeiger» in einheitlicher Eatzform: 20 Big. l» davon abweichender CagauSführuna, sowie für alle übrigen örtlichen Anzeigen: 30 Psg für alle auswärtigen Anzeigen: 1 Mk. sur örtliche Reklamen: 2 Mk. iür auswärtige Reklamen- Laun, halbe, drittel und vierte! Seiten, durchlausend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederbolter Ausnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Nachlaß.
Kaiser Zranz Joseph f.
W. T B. Wien. 22. Nov. (Nichtamtlich.) Eine Extra - Ausgabe der „Kaiserlichen Wiener Zeitung" meldet, daß Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät Franz Joseph I. heute, am 21. November, 8 Uhr abends, im Schloff zu Schönbrunn sanft im Herrn entschlafen find.
Ein Regentenleben, reicher denn kaum ein anderes an geschichtlichen Ereignissen, hat seinen Abschluß gefunden. Ter Tod des greisen Herrschers der durch das ungeheure Ringen des Weltkrieges mit uns nun für immer verbundenen Donaumonarchie wird bei uns im Deutschen Reiche mit dem gleichen t i e f st e n Schmerz ausgenommen wie im Habsburger Reiche. Genoß doch Kaiser Franz Joseph auch bei uns die aufrichtigste Verehrung. Uns Deutschen war die gleich ehrwürdige, wie liebenswürdige Gestalt Franz Josephs mit derjenigen unseres Kaisers, seines Freundes, politisch die Verkörperung des B ff n d- niss.es der beiden Mittelmächte. Menschlich brachten wir ihm den Zoll der Liebe und tiefen Hochachtung dar, für die ausgezeichneten menschlichen und Herrscher- Eigenschaften, die er als ältester Monarch Europas-in einer von keinem anderen Fürsten erreichten Regierung von 68 Jahren bewährt hat. Darum geht uns der Tod dieses Fürsten so herzlich nahe. Wir halten den Atem an inrnitten all der furchtbaren Wirren und tobenden Kampfe des großen Krieges.
Die am meisten hervortretenden Charakterzüge in der Person Franz Josephs waren: seine Selbstüberwindung und sein eigenes Pflichtgefühl. Das sind Eigenschaften, die bei uns Deutschen besonders guten Kurs haben.
Kaiser Franz Joseph hat in seineni reichbewegten Leben oft, besonders bei traurigen Anlässen, Gelegenheit gefunden. Selbstüderwindüng zu üben. Rach all den furchtbaren S ch i ck s a l s s ch l ä g e n, die ihm nicht erspart wurden, hätte es nahegelegen, wenn er rn seinem fortgeschrittenen Lebensalter die Bürde seines verantwortungsvollen Amtes als erster Diener seines Staates abgeworfen und die letzten Lebensjahre in sftller Beschaulichkeit, fern vom Schauplatz der oft so stürmischen politischen Ereignisse, gelebt hätte. Aber er überwand diese Stimmung, die vielleicht auch bei ihm sich meldete, weil er sich für berufen hielt, sein Amt durchzuführen, solange ihm die Kraft blieb; und diese Selbstüberwindung hat er auch wiederholt geübt bei Regierungsmaßnahmen, die sich als notwendig erwiesen, obwohl sie seinem persönlichen Empfinden widersprechen mochten. Er war eben stets imstande, seine persönlichen Erlebnisse und Neigungen hinter die staatlichen Erfordernisse zurückzustellen, und sonnt erscheint er uns als das M u st e r e i n e s H e r r- s ch e r s, wie er sein soll.
Und zu historischer Größe wächst die Person dieses Kaisers durch das wunderbare Pflichtgefühl empor, das ihn voni Anbeginn seiner Regierungszeit an, als 18jähriger Jüngling, bis jetzt zu seinem Tode beseelt und in all seinen Regierunqshandlungen geleitet hat. Der kategorische Imperativ der Pflicht hat ihn über alles Schwere in seinem Leben und in seiner Regierungstätigkeit hinweggehoben und hat wohl auch mit dazu bergetragen, ihm durch ein strenggeregeltes, ungemein maßvolles und bescheidenes Leben die feste Gesundheit zu verleihen, die es ihn: ermöglichte, bis zu seinem letzten Leoenstage in voller geistiger und körperlicher Frische die Geschäfte des Landes zu führen.
. Über all' dem Verrat und der Tücke, der Unzulässig, kert und der Untreue, die wir in der Vorgeschichte des Krieges, bei seiner Entstehung und während desselben erlebt haben, ist die feste und treue, zuverlässige und charakterstarke Haltung des nun dahingegangenen österreichisch-ungarischen Kaisers ein herzerfrischendes Moment in der Weltgeschichte gewesen. Erst spater, wenn dre uns jetzt noch zu nahe liegenden Ereig- niffe eine ruhigere Betrachtung ermöglichen werden, wird man so recht und voll ermessen können, welche hohe
poliftsche und staatserhaltende Bedeutung die Regierung Kaiser Franz Josephs für ftin Land gehabt hat. War Kaiser Franz Joseph doch in der von Nationalitätenkämpfen durchwühlten Donaumonarchie die eigentliche Verkörperung des Staatsgedankens,, die Grundlage des Zusammenhalts. Auf seinen Tod setzten die Feinde, die es auf ein Auseinanderfallen des Habsburgischen Reiches abgesehen hatten, schon vor dem Kriege ihre Hoffnungen. Sie sind schon jetzt durch die bisherigen Ergebnisse des Krieges, nach denen den Mittelmächten der Sieg nicht mehr entrissen werden kann, zuschanden geworden. Denn mag der Tod des greisenBewohners des Schönbrunner Schlosses auch eine gewaltige Lücke reißen, auf den Bestand des tu den Nöten des Krieges neugefestigten Donaureiches, auf den Ausgang des Krieges, dessen endgültige, uns sichere siegreiche Beendigung er nun leider nicht mehr hat erleben können, wird er ohne Einfluß sein.
• .
*
Als ältester Sohn des Erzherzogs Franz Karl und der Prinzessin Sophie von Bayern am 18. August 1880 geboren, bestieg Franz Joseph infolge freiwilligen Rücktrittes seines Oheims, des regierenden Kaisers Ferdinand I., uild der Verzichtleistung seines Paters am 2. Dezember 1848, also achtzehnjährig, den Thron. Die Verhältnisse, die der jugendliche Herrscher in dem vielsprachigen Reiche vorfand, waren die denkbar ungünstigsten. Vor allem war es Ungarn, das der kaiserlichen Regierung viel Kopfzer- 1 rechen verursachte und erst durch den bekannten „Ausgleich' dom Jahre 1867 in ein engeres Verhältnis zum Kaisecstaate an der Donau trat. Nickt minder schwierig gestaltete sich rm Anfang die äußere Politik Österreichs. Der itali- i! i s ch e K r i e g (1859) hatte den Verlust Venetiens zur Folge, und durch die Ereignisse von 186-1 und 1866 wurde Österreichs Einfluß auf Deutschland, der bis dahin maßgebend ge- wesen war, lahmgelegt und zuletzt ausgeschaltet. Wegen seiner Nackbarschaft mit dem europäischen Orient (Balkan) geriet Österreich auch in ein schiefes Verhältnis zu R u tz - land. Es ist vielleicht der geniajste Zug in Bismarcks auswärtiger Politik gewesen, daß es ihm, trotz 1864 und 1866, gelang, im Jahre 1870 das innige Verhältnis zwischen dem Teutscken Reiche und Österreich-Ungarn herzustellen, das jetzt 'o glänzend die Feuerprobe besteht. Die Verhältnisse im nahen Orient wurden 1878 durch den Berliner Kongreß geregelt, wobei der österreichisch-ungarischen Monarchie die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina zugestanden wurde. In aller Erinnerung ist noch, wie in jüngster Zeit aus der Okkopation die Annexion wurde, wobei sich die Bündnistreue Deutschlands in glänzendstem Lichte zeigte und den ,chon damals drohender! europäischen Brand verhütete. Er ist denn 1914 doch gekommen. (Auf die weitere Vorgeschichte die Weltkrieges wie auf die Geschichte der innerpolitischen Entwicklung Österreich-Ungarns einzugehen, fehlt uns heute hier der Raum.)
Das Privatleben des Kaisers zeigt uns einen Herrscher, in dessen Person echte Ritterlichkeit und edelstes Menschentum verbunden waren. Kaiser Franz Joseph !var als Katholik von tiefer Frömmigkeit. Vermählt war der Kaiser seit dem Jahre 1854 mit der bayerischen Prinzessin Elisa- leth, die 1898 in Genf dem ruchlose» Attentat eines anarchistischen Mordgesellen zum Opfer fiel. Der Ehe des Kaisers entsprossen Erzherzogin Marie Anna, Erzherzogin Gisela, vermählt mit Prinz Leopold von Bayern. Kronprinz Rudolf und Erzherzogin Marie Valerie, die jetzt in den letzten Stunden am Bette ihres Vaters geweilt hat.
Der einst so vielberl-idete Thronerbe, Kronprinz Rudolf, vermählt mit Stephanie, Tochter des Königs Leopold von Belgien, erlag einem dlinklen, tragischen Geschick und machte jeinem Leben auf seinem Jagdschlösse Meherling bei Baden ein Ende. Des Kaisers ritterlicher Bruder Erzherzog Maximilian ließ sich durch Napoleon III. verleiten, dis Kaiserkrone von Mexiko anzunebmen, wurde aber, nachdem die Franzosen, trotz eures Fuß solle?-, den seine Gemahlin vor dem Franzosenkaiser gemacht hatte, sich aus Mexiko zurückgezogen hatten, durch die Republikaner bei Gueretrro (18671 erschossen.
Doch wir wollen die geradezu sprichwörtlich gewordene „Unglückschronik des Hauses Habsburg" nicht weiter vervollständigen. ^Jedenfalls steht das eine fest, daß die zahlreichen schweren -schicksalsschläge. die gerade das Herz des ehrwürdigen Kaisers Franz Joseph trafen, ihn, wenn es noch möglich war. auch unseren Herzen menschlich näher gebracht laben.
Aus dem Sterbezimmer.
1V.T.-L. Wie«, 22. Nov. Der Kaiser entschlief in fernem kleinen Arbeitszimmer, im Lehnstuhl sitzeick. Unmittelbar nach dem Eintritt der Katastrophe zelebrierte Pfarrer Seidel in der Schloßkapelle in Totenmesse. Wie im
sanften Schlummerlagder Monarch da, die Hände wie im Gebet gefaltet. Nachdewi die Mitglieder des Kaiserhauses das Sterbcz-immer verlassen hatten, traten zwei Flügel- aidjutanten vom Dienst die Ehrenwache bei dem toten Monarchen an. Im Nebenraume beteten zwei Geistliche.
Die Mitteilung von dem Tode des Kaisers Franz Joseph wurde unverzüglich Kaiser Wilhelm ins Große Haupt- quartier gemeldet. Das Zeremoniell und der Zeitpunkt der Leichenfeier stehen noch nickt genau fest, doch dürste die Leiche heute nacht zur Aufbahrung in die Hofburg ütber- gaführt werden. Die Beisetzung in der Kapuzinergrust wird wahrscheinlich Freitag oder Samstag stattfinden. In der Gruft wird der Sarg des Kaisers Franz Joseph neben dem der Kaiserin Elisabeth Ausstellung finden.
Die letzten Tage und Stunden.
W. T.-B. Wien, 22. Nov. Die außerordentliche Widerstandskraft, welche der Kaiser schon als betagter Greis bei den wiederholten, ziemlich schweren Erkrankungen der Atmungsorgane im letzten Jahrzehnt bewies, und die Hingebung, Sorge und Kunst der behandelnden Ärzte hatten in der Umgebung des Kaisers, sowie in der ganzen Bevölkerung der Monarchie die Hoffnung genährt, daß auch die letzte Erkrankung des Monarchen, die in der ersten Novemberdekadc bekannt wurde, vorübergehen werde. Wie aus den Bulletins, lvelche ungeschminkt den wahren Zustand des Kaisers darstellten, bekannt ist, hielt der Kaiser die gewohnte Lebensweise und Beschäftigung bis gestern ein. Er mutete sich allerdings am letzten Tage zu viel zu. indem er trotz erhöhter Temperatur und Hustenreizes neben den gewöhnlichen Vorträgen auch längere Audienzen ert-eilte, bei denen -der Kaiser viel sprach.' Seit dem 18. November nahm der Appetit ab. An diesem Tage trank der Kaiser zur Belebung seiner Kräfte ein Glos Champagner. Er rauchte immer noch die gewohnte Zigarre. Die letzten Nächte waren zumeist durch Hustenreiz etwas gestört, indessen berühre ine gute Herztättgkeit und die gleichmäßig gute Atmung die Arzte auch noch am 19. November. Auch gestern arbeitete der Kaiser tagsüber, wenn auch müde und mehr abgespannt als sonst, unid empfing bekanntlich den Armeeoberkommandanten Erzherzog Friedrich in dreiviertelistümdiger Audienz. In der engsten Umgebung flößte jedoch der Zustand des Monarchen ernste Besorgnisse ein. Die Erzherzogin Marie Valerie war in den letzten Tagen stets um den Kaiser. .Fetzt trafen auch die ältere Tochter Pcinzessiri Gisela von Bayern und ihre Schwägerin Herzogin Karl Theodor in Wien ein. Der Thronfolger blieb ständig in Wien. Am Montag abend begab sich der Kaiser zum ersten Male zeitiger zur Ruhe als sonst. Der erste Teil der Nacht verlief bis 1 Uhr ohne Störung. Erst später stellten sich Hustenanfälle ciu und Fieber, welches nicht zurückging; es zeigte am 21. November tagsüber ein -bedrohliches Ansteigen. In den Nach- mittagsstunden ttat dann eine Verschlimmerung ein, welche den Tod herbeiführte. Die Erzherzogin Marie Valerie, welche ununterbrochen am Sterbebette des kaiserlicken Vaters weilte, fuhr vor 8 Uhr abends aus den Westbahnhof, um die aus Wallsee eirttreffende Tochter zu erwarten. Sie wurde jedoch von den Hofbeamten des Schönbrunner Schlosses zurückoerufeu, da inzwischen die Hoffnung aus ErhaAung des Löbens des Monarchen geschwunden war. Kurze Zeit nach der Rückkehr der Erzherzogin hauchte der Kaiser seine Seele aus.
In den ersten Abendstunden war die Bevölkerung durch die böfovgniserregende Meldung über das Ansteigen des Fiebers wegen des .Zustandes des Monarchen ernstlich beunruhigt. Das Mendbulletin ließ leider keinen .Zweifel mehr an der Schwere der Erkrankung. Trotzdem erhielt sich der feste Glaube au die Widerstandsfähigkeit des Kaisers, für dessen Genesung in allen Kirchen während des Abends von einer ungewöhnlich großen Menschenmenge heißeste Gebete verrichtet wurden. Die Nachricht von dem Hinscheiden des Monarchen verbreitete sich erst gegen 11 Uhr in den öffentlichen Lokalen und wirkte geradezu I ä h me n d aus das Publikum, welches dos Unfaßbare kaum zu glauben vermochte. Augenblicklich verstuMmteu überall Sviel und Gesang. Die Todesnachricht weckte tiefste Ergriffenheit. Das Ereignis war inzwischen gegen Mitternacht auch durch Extra-Ausgaben der Blätter öffentlich l>e- kaumt gegeben worden.
W. T.-B. Wien, 22. N»v. Die Morgenvifite am Dienstag gab den Ärzten bereits wenig Hoffnung. Trotzdem verließ der Kaiser das Bett und -begab sich in sein Arbeitszimmer, suhlte sich jedoch immer matter; auch machte sich bei ihui ein Frosrgefühl bemerKiar. Auch der Puls und die Atmung wurden besorgniserregend. Um 1 Uhr trat dann unerwartet ein Kräfteverfall ein. Gegen 2 Uhr nachmittag erfolgte der erste Anfall von Herzschwäche, den die Ärzte jedoch wieder beheben konnten.' Diese scheinbare Besserung hielt aber nicht lange cm und im weiteren BerÄause nahm der
