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Der Roman.

Morgen.Seilage der Wiesbadener Lagblatts. .-» )

Nr. 274.

Mittwoch. 22. November.

1916.

18 . ftoctfefeuna.)

Und das Glück Kam.

Bon Elisabeth FrieS.

(Nachdruck verboten.)

Als nachher die Familie beim Abendbrot versam­melt war, fragte Frau Ferber:

„Ich Wichte gar nicht, daß du noch so intim mit dem Doktor bist; habt ihr euch denn oft geschrieben?"

„Gar nicht", erwiderte Philipp, der mit jungen­haftem Appetit über das Essen herfiel. „Aber das macht auch nichts, Mutter, wenn man ko lange fort ist, schlaft das Briefschreiben nach und nach ein. Verkehrt rhr denn mit Dilles?"

„Guten Tag und guten Weg, weiter nicht. Im Sommer haben wir keine Zeit, und im Winter sind sie nicht da. Aber wir können uns nicht beklagen/ sie sind immer sehr nett, gelt, ihr Mädchen?"

„O ja, sehr", antworteten Manschen und Frieda wie aus einem Munde, ein wenig gedehnt.

„Das klingt nicht sehr begeistert", sagte Philipp, „mögt ihr die junge Frau nicht?"

„Gott, sieh mal", erwiderte Frau Ferber, „unsere Verhältnisse sind lo sehr verschieden. Die Mädchen müssen tüchtig im Hans? helfen, während Frau von Dille drei Dienstboten hat tür die drei Menschen."

„Drei?" fragte Philivp interessiert, „wer ist denn der Dritte?"

„Der Junge natürlich", lachten die Schwestern,, „ein süßer, kleiner Junge von anderthalb Jahren, wuß­test du das nülit?"

„Nein", erwiderte Philipp, „davon batte ich keine Ahnung." Es war ein ganz eigener Gedanke, sich Mix als Mutter vorzustellen, und er war froh, daß es in der Laube, wo das Abendbrot eingenommen wurde, schon dämmerig war. denn er fühlte, daß es ihm heiß in die Wangen stieg.

„Und siehst du", fing nun Marie, die ältere der Schwestern, wieder an, „wir finden es ein bißchen merk- würdia, daß Frau Doktor das Kind ganz dem Fräulein überläßt. Man sieht sie nie mit ihm, stets ist sie auf' dem Tennisplatz."

„Ach, Kinder, das wißt ihr doch nicht so genau", mischte sich nun Tante Gretchen mit ihrer tiefen, wohl­lautenden Stimme ein^ „Ich inring, man sollte nicht über andere urteilen: jeder tut. was er kann. Wie häufig bube ick schon gefunden, daß jemand bitter un­recht geschah, über den hart geurteilt wurde. Oftmals sind gerade die. über die am meisten gesprochen wird, die wertvollsten Menschen."

„Es sind die schlechtesten Früchte nicht, daran die Wespen nagen", sagte Frau Ferber, die tnt Winter viel las und zuweilen gern ihre Wissen nnbrachte.

Lächelnd sah der Bruder die beiden Schwestern an. Sie waren sehr hübsch geworden, große, schlanke Mäd­chen. Maria blond wie die Mutter, Frieda dunkel, wie der Pater gewesen war und wie Philipp. Die Schwestern waren sehr eifrig, rbm alles Mögliche zu erklären und sich erst richtig mit ihm bekannt zu machen. Sie hatten den Bruder ganz anders in der Erinne­rung, als er wirklich war. Denn vor zehn Jahren hatte er die kleinen Schwestern stets geneckt und geärgert,

ivenn er zu Hause war, während jetzt sein Auge miß warmem Strahl auf ihnen ruhte und er bereitwillig auf alles einging, was sie sagten.

„Nun erzähle du von dir", bat Tante Gretchen, alS Philipps erster Hunger gestillt schien. Sie war die Gebildetste der Familie, denn sie war Lehrerin und er­teilte außer ihren Schulstunden den Sommer über deut­sche Stunden an Ausländerinnen, die sich zur Kur in Schwalbach aufhielten.

Fräulein Margarete Lcetzen war nichts weniger als schön zu nennen. Auf einer hohen, eckigen Gestalt saß ein schmaler Kopf, der viel zu klein erschien. Die farb­losen Augen, die gelbliche Gesichtsfarbe und das stroh­blonde Haar vereinigten sich mit einer langen und spitzen Nase zu einer fast grotesken Gesanitwirkung. Wer aber Gelegenheit hatte, auch nur einmal länger mit ihr zu­sammen zu sein, mußte sich überwunden erklären von so­viel Herzensgüte und einer wahren und tiefen Frömmig­keit, die all ibr Tun gleichsam in ein höheres Licht hob.

Philipp hatte in der Tat gar nicht mehr gewußt, daß Tante Gretchen so wenig vorteilhaft von der Natur be­dacht worden war. Aber seine Liebe zu ihr wurzelte zu tief, als daß er dieser Beobachtung mehr als einen flüchtigen Gedanken hätte widmen sollen. Es fiel ihm nur auf, wie hübsch und behaglich die Mutter neben ih» aussah. Denn durch ihren Beruf, der sie zwang, be­ständig unterwegs zu sein und immer nur zu eilen, da­mit sie ihre Stunden pünktlich einhalten konnte, hatte Fräulein Leetzen ein etwas hastiges Wesen angenom­men, das allerdings zu. ihrer langen und dünnen Ge­stalt zu gehören schien.

„Was soll ick erzählen?" fragte Philipp, „ihr müßt fragen, was ihr gern wissen wollt, denn es ist schwer, aus dem Stegreif einen Anfang zu finden. Ich Habs euch immer Bilder von drüben geschickt und alles Be­sondere geschrieben, nun müßt ihr Geduld haben, nach nnd nach werden wir von allem sprechen. Vorläufig möchte ich nur immerzu fragen."

„So frage doch", sagte seine Mutter gütig, „was möchtest du wissen?"

„Alles. Zunächst mal, was Tante Gretchen jetzt für Schüblinge hat?" sagte er und sah Fräulein Leetzen lachend an.

Frau Ferber und ihre Töchter lächelten. Es war ein ewiger Streitpunkt zwischen ihnen, daß die Tante einen so großen Hang zur Wohltätigkeit hatte und die Verwandten dadurch ebenfalls immer wieder zu Aus­gaben verleitete, welch; diese oft überflüssig fanden, denn nicht alle Wohltaten wurden als solche von den Armen airerkannt.

„Hast du vorhin gesehen, wie die alte Biene sich an uns vorbeidrückte?" fragte Frau Ferber und fügte zur Erklärung für ihren Sobn hinzu: „Jahre hindurch be­kam sie, ans Tankes Veranlassung natürlich, Essen von mir für ihren Mann, der lange krank war, und jetzt grüßt sie nicht, wenn sie an mir vorübergeht."