Morgen.Veilage der Wiesbadener Tagblatts, i-—= ä)
Nr. 272. Sonntag, 19. November. 1916.
(1. Fortsetzung.!
Und das Glück kam.
Von Elisabeth Fries.
(Nachdruck verboten.)
Philipp nahm sich zusammen. Er ahnte nicht, daß der Freund ihn beobachtet hatte.
„Nun erzähle von dir", bat er herzlich. „Was tust du ,lnd was planst du? Ich hoffte immer, dir würdest nach den Inseln kommen."
„Das will ich auch. Wer weiß, vielleichr fahre ich im Herbst mit dir. Vater will, daß ich mich noch mehr im Kaufmännischen ausbilde, darum bin ich jetzt hier in Großvaters Bank. Dann bin ich aber nachher mit deutscher Gründlichkeit ausgebildet — so etwas haben die hawaiischen Inseln nicht zum zweitennral. gesehen: Abitur, Jura studiert — sogar den Dr. Hab' ich in der Tasche — ein halbes Jahr Zuckerfabrik in Magdeburg und nun noch Kaufmann! Du mußt selbst sagen, wenn ich es nun nicht zu Millionen bringe, dann ist es der Fehler meines fürsorglichen alten Herrn sicher nicht."
Philipp nickte. „Wie geht es deinen Eltern? Und was machen deine Geschwister?"
Der Zug hielt. Randolph nahm Philipps Handtasche und sagte gelassen: „Da? wollen wir alles nachher beim Essen besprechen. Es ist dir doch recht, wenn ich zu dir komme? In deinem Hotel ißt man ganz leidlich. Die weitere Führung übernehme ich."
Er setzte Philipp Herber im Hotel ab und versprach um acht Uhr wieder zir kommen. Der Enkel des Senators Heubach schien im „Hotel Europa" wohl bekannt zu sein, er wurde respektvoll gegrüßt und der Gast, den er brachte, wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt. Philipp lächelte in sich hinein, als er in ein elegantes Zimmer im ersten Stock geleitet wurde. Der Umstand, daß Randolph ihn hier abgeliefert hatte, würde seine Hotelrechnung erheblich verteuern, aber das schadete nichts. Flüchtig dachte er daran, wie er vor zehn Jahren hier in Bremen nach einer durchfahrenen Nacht angekommen und gleich nach Bremerhaven weitergereist war.- Er meinte, sich vor sich zu sehen in seiner bescheidenen Ausrüstung, ängstlich und unsicher und doch voll unbestimmter Ertwartungen von einer reichen und glücklichen Zukunft.
Während er sich umkleidete, kamen die Erinnerun- en, in denen er vorher unterbrochen worden war und ie nun durch das Erscheinen Randolphs lebhafter angeregt waren, in verstärktem Maße wieder. Durch Herrn Konsul Heubach war Philipp Herber seinerzeit auf den Gedanken, nach Hawaii zu gehen, gebracht worden. Er hatte die um einige Jahre jüngeren Söhne des reichen Mannes, die bei der Übersiedelung der Eltern nach Wiesbaden nicht viel Deutsch gekonnt hatten, sehr gefördert und Jahre hindurch ihre Schularbeiten überwacht. Sein bescheidenes und doch frisches Auftreten hatte dem Konsul gefallen, und er hatte sich gelegentlich nach Philipps Plänen für die Zukunft erkundigt. Dabei hatte es sich herausgestellt, Laß dieser noch gar nicht so recht wußte, was er werden sollte. Er hatte im letzten Jahre den Vater verloren; aber es lockte ihn nicht, sein Leben in der Enge des
kleinen Taunusbades zu verbringen, wie dieser und vor ihm schon der Großvater es getan hatte. Ohne es sich klar zu machen, hatte der begabte Junge es wohl stets als unbegreiflich einpfunden, daß der Vater sich mit dem untätigen Leben, wie es sein Beruf nsit sich brachte, abgefunden hatte. Denn selbst in den Sommermonaten, wenn das Haus voller Gäste war, blieb die eigentliche Arbeit der Mutter Vorbehalten. Der Vorschlag des Konsuls, sich für einen Beruf auf den Inseln, von denen in dem reichen Hause soviel die Rede war, vorzubereiten, rief begeisterten Widerhall in der Seele des Jünglings hervor. Überall hingen in Villa Luginsland Bilder aus dem „Lande des Sonnenscheins", wie Hawai hier und da in Büchern, welche die Freunde ihm geborgt hatten, genannt war. Die kostbare Einrichtung des Hauses hatte durch alle möglichen besonderen Gegenstände, welche von den Inseln mitgebracht waren, ein fremdartiges Gepräge. Ein? alte Dienerin der Frau Heubach, die mit „drüben" geweien war, sang zur Laute Lieder von seltsamer Schwermut. So war Philipps Phantasie von jeher mächtig angeregt worden, und es war, als habe der Gedanke, selbst dahin zu fahren, wo das Leben so leicht und angenehm dahinfloß, längst in ihnl geschlafen. und sei nur durch den Konsul geweckt worden.
Die Mutter, Frmi Johanna Herber, war fast sofort einverstanden gewesen, als Philipp ihr bei seinem nächsten Besuche in Schwalbach von seinen Plänen sprach. Sie hatte seit Jahren nur mit Menschen zu tun, die viel reisten — in „Villa Friede" wohnten sehr viele Engländerinnen undAmerikanerinnen —, und di? weiteEntfernung besaß keine Schrecken für sie. Hätte der Junge studieren wollen, so hätte das noch Jahre hinaus große Opfer von ihr vorausgesetzt. Und hatte er darauf gerechnet, „Villa Friede" einmal zu übernehmen, was hätte dann aus Mariechen und Frieda werden sollen? So aber sollte er auf Herrn Heubachs Rat nur ein Jahr bei Fresenius Chemie studieren und dann ein halbes Jahr nach Magdeburg in die Zuckerfabrik, ehe er abreiste. Die Reisekosten wollte der Konsul vorstrecken, die Mutter hatte also nur für Kleidung zu sorgen.
Philipp Herber empfand noch heute deutlich das schmerzliche Gefühl, das ihm bei den praktischen Erwägungen, die seine Mutter damals <o naiv vor ihm anstellte, das Herz zusammengeschnürt hatte. —
Er war jetzt mit Umziehen fertig und setzte sich, da noch fast eine Stunde Zeit war, bis Randolph wteder- kommen würde, auf den Balkon, der einen hübschen Blick auf die Stadt gewährte. Langsam zündete er sich eine Zigarre an, aber seine Gedanken schweiften immer weiter in die Vergangenheit zurück. Wie eigentümlich war das doch: Dinge, an die er seit Jahren nicht ge« dacht hatte, stiegen aus der Erinnerung herauf, sowie er den Fuß auf deutschen Boden gesetzt hatte! ES war nur gut, daß Randolph ihm heute abend Gesellschaft leisten würde, sonst würde ihn wohl die Ungeduld, endlich nach Hause zu kommen, packen, deren Fehlen ihm
