(■— * i Morgen-Reilage der Wiesbadener Tagblatts, l-
Nr. 271.
Samstag 18. November.
191b.
Und das Glück kam.
Don Elisabeth FrieS.
(Nachdruck verboten.)
Der Dampfer „Werra" des Norddeutschen Lloyd war soeben in Bremerhaven angekommen. An Bord entwickelte sich das hastige Leben und Treiben, welches sich schon vom frühen Morgen an vorbereitet hatte, seit die zahlreichen Passagiere wußten, daß heute bestimmt noch die Ankunft erfolgen würde. Alles drängte und schob nach dem Ausgang, und die Schiffsangestellten mußten immer wieder zur Ruhe mahnen.
Ein junger Mann von etwa dreißig Jahren stand gelassen in all der Aufregung, die um ihn herrschte. Er erwartete nicht, daß er abgeholt würde, obwohl er seit zehn Jahren zum erstenmal wieder den Boden des Vaterlandes betrat. Zwar hatte er von Southampton aus seiner Mutter telegraphiert, daß er vorausßchtlich heute in Bremen eintreffen werde und hoffe, Nachrichten im „Hotel Europa" vorzufinden, mehr aber auch, nicht. Denn eine Reise nach Bremen wäre für dle alte Dame, die nie aus Langenschwalbach herausgekommen war, ein ungeheures Opfer gewesen, selbst wenn sie nicht jetzt, in der besten Jahreszeit, geschäftlich unabkömmlich gewesen wäre. Während der ganzen Reise hatte sich Philipp Herber nrit diesem Gedanken abgefunden und mußte nun zu seinem maenen Erstaunen erleben, daß ihm doch ganz eigen zumute wurde, während seine ernsten, dunklen Augen all das Grüßen und Winken, Umarmen und Küssen beobachteten, das da um ihn herum vor sich ging. Freilich, anzumerken war dem jungen Manne mit den scharfen, sozusagen amerikanischen Gesichtszügen nicht das geringste von irgend welcher Gemütsbeweaung. Mehr als einmal blitzte ein spöttischer Funke in seinen Augen auf-, oder er winkte lächelnd Reisegenossen, mit denen er während der Überfahrt bekannt geworden war, einen lebten Gruß zu. Verabschiedet hatte man sich schon vorher, um nicht in dem Dränaen und Schieben beim Berlassen des Schiffes kostbare Minuten zu verlieren. Philivp Derber hatte es nicht eilig: mochten andere, die erwartet wurden, nur ruhig zuerst abqefertigt werden: sein Hotel er
reichte er auf jeden Fall noch, und vor morgen früh wollte er nicht weiter.
Gewiß, er freute sich auf zu Hause, auf die Mutter, die Geschwister. Aber was er nie für nM^ich gehalten hätte, dies hohe Glücksgerühl, das wie miqMncr warmen Welle sein ganzes Sein durchstiömte dein: Anblick des Landes, das er vor Jahren ruhig, fast gleichgültig verlassen hatte, erfüllte ihn mit staunender Andacht, die er bewußt genoß. Das gab es also noch für ihn, den Weitgereisten, der sich längst über solche Sentimentalität erhaben geglaubt hatte? Daß der bloße Anblick deutscher Erde ihn: die Augen feuchtete? Ihm, der sich gerühmt hatte, kein .Heimweh kennen gelernt zu haben in all den langen Jahren des Fernseins! Pbjlipp sah auf sein inneres Selbst, wie wenn es ei" völlig fremder Mensch wäre, dessen Art er zu ergründen trachtete. Geringfügige Einzelheiten kamen ihm in die Erinnerung, während er ani Deck deS großen Schiffes lehnte und mit sckeinbarer Aufmerksamkeit zusah. ttne Menschen und Gepäck an Land gebracht wurden.
Eine strahlende Julisonne stand am Hinnnel im& ließ die Ankommenden ahnen, daß sie eben kommen würden, um in Deutschland die Fortsetzung der großen Hitzwelle mitzuerleben, deren Anfang sie in Amerika schon kennen gelernt harten. Aber vorläufig schien daran niemand zu denken, nran kah nur glückliche Gesichter, die sich lächelnd umsahen, ob noch alles aussähe wie bei der Abfahrt, oder auch kritische Amerikaner, die mit Überlegenheit die ersten Eindrücke, die das Land, von dem man drüben soviel sprach und hörte, auf sich wirken ließen. Einen Augenblick schenkte Philipp Herber einer solchen Gruppe Aufmerksamkeit: ein Lächeln
glitt über sein Gesicht, denn er meinte, deutlich zu erkennen, wie der Vergleich zugunsten Amerikas aussiel. Aber dann kehrten seine Gedanken lvieder zri ihm selbst zurück. -
Seine Eltern besaßen in Lanqenschwalbach eine Villa, in der sie den Sommer hindurch eine Fremdenpension betrieben, die meist gut besetzt war. Das war allerdings auch nötig, wenn die Familie den übrigen Teil deS Jahres von dem Überschuß der kurzen Sommer- monate leben wollte. So lange Philipp denken konnte, war es stets von großer Bedeutung gewesen, ob die „Kur" gut oder weniger gut gewesen war. Namentlich bei allen Wünschen der Kinder war dies ausschlaggebend gewesen. Er selbst war insofern am meisten davon betroffen, als er frühzeitig Schwalbach verlassen und das Realgymnasium in Wiesbaden beziehen mußte. Da hatte er es oft genug gehört, welch ein Opfer dies für seine Familie bedeutete. Zwar war die Pension bei den beiden Fräulein Sckiepp in Wiesbaden nicht teuer und auch dementsprechend äußerst be- scheiden, immerhin mochte es für seine Eltern schwer sein, auch dies Wenige aufzubringen. Philipps leicht verletzter Sinn litt unter diesen steten Anspielungen noch heute entsann er sich gelegentlicher Äußerungen, bei denen sich Eltern und Geschwister gewiß nichts Böses gedacht hatten — er hatte sich daher früh bemüht, sich auf das äußerste einzuschränken und durch Privatstunden etwas zu verdienen.
Sein Ordinarius hatte ihm solche gelegentlich bei den Söhnen eines Konsuls Heubach zugewiesen. Die Familie war erst kurz vorher von den hawaischen Inseln, wo der Konsul große Ländereien besaß, nach Wiesbaden gezogen, um den Kindern eine deutsche Erziehung zu geben.
Deutlich stand das geräumige schöne Landhaus der Familie Heubach, wo er die glücklichsten Stunden seiner Jugend verlebt hatte, vor seinem geistigen Auge.
Die Reihen vor Philipp Herber hatten sich gelichtet, und er konnte nun das Schiff verlassen. Sein großes Gepäck hatte er gleich weiter nach Schwalbach schicken lassen, er hatte nur eine elegante Handtasche zu tragen. Während er noch in Bremerhaven suchend am Zug entlang schritt, legte sich eine Hand auf seine Schulter:
„Hallo, alter Junge, du bist's doch, Philipp Herber?"
„Dear me — bist du das, Randolph Heubach?"
