Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. ;«===■]
Nr. 270. Krektag, 17. November. 1916.
(Schluß.)
Utz k)immelreich§ Schlüssel.
Erzählung von HanS Grimm.
(Nachdruck verboten.)
Da fiel Utz in seiner Not Frau Etta ein. Er hörte sie ganz deutlich sagen: „Wenn jemand so patzig tut und Unsinn schwatzt, und wenn sie viele sind und du einer. . . . . Das mußt du immer denken, sie haben doch die Schlüssel nicht . . . ." Er lachte. Er tat einen Ruck und warf den Stuhl zurück und sprang auf. Alle waren sofort still bis auf Sunshine. Ihn, liefen noch ein paar Worte fort. Mit beiden Zeigefingern, daß der überraschte Mann auf Brown und Smart zurnckstieß, tippte Utz auf Sunshines Brust: „Giddegiddegiddegid, und der Kerl hat doch keine Schlüssel nichts" sagte er langsam und klar. —
Die Engländer blickten Sense und Bock an. Sense zuckte mit den Achseln. Bock stand der Mund offen. Sunshine überlegte: „Was heißt das? Soll ich ihm ein paar über die Nase geben oder wäre das doch unklug?" Utz allein lächelte und blickte rundum und hob lein Glas und trank es aus. Vielleicht dauerte die Panse sehr kurz. Vielleicht dauerte sie sehr -, lang. Sie schien allen sehr lang.
Sunshine redete zuerst wieder. - Er wollte sich jedenfalls nichts vergeben haben, deshalb sagte er über das Kinn herunter zu Utz: „Warum reden Sie nicht Englisch?"
Smart riet: „Finch lYim!" Brown trat neben Utz: „dla, von ckon't, rau leave that man alone now!" Auch Stubbs warnte mit erhobener Hand und fügte hinzu: „Aber was hat er eigentlich gesagt?" Bock glaubte, es sei nun doch an ihm, Aufklärung zu schaffen.
„Was meinten Sie?" fragte er Utz. „Mir ist das wirklich auch nicht klar." Utz sah ihn an und sah fort und sah ihn wieder an, und mit einem merklich verächtlichen Ton sprach er vor sich hin, als beurteile er Bock vor einem Dritten.
„Nein, nein, er hat auch keinen Schlüssel!" — —
Da übersetzte Bock: ..Er erzählt etwas von eritzem Schlüssel", und ging gekränkt zur Türe. Sense folgte ihm. Jemand rief:, „Ja, wir wollen hinaus an die frische Luft." Und einer nach dem anderen trat hinaus. Archibald war der Letzte an der Tür, er rief Brown zu, daß alle draußen es chörte«: „Wahrhaftig! — Sehen Sie doch Ihren Gast an, Mr. Brown. Hat er nicht wirklich einen Schlüssel am Haste hängen? Well, ich wünsche Ihnen Glück. Wer weiß? Es mag der Schlüssel sein zum Paradiese!"-
Sie standen draußen noch eine Weile in zwei Gruppen, Smart und Archibald und die Storehalter und Stubbs und Sunshine und Sense, nur Bock eilte ge- radeswegs nach Hause.
Sense sagte: „Entweder ist der Mann ein Narr, oder er hält uns zum Narren!" Er sprach gleich danach von den Nachrichten in den neuen europäischen Zeitungen.
Der eine Storehalter deutete auf Bock und bemerkte: „Allem Anscheine nach hat Bock eine Antwort bekommen, die keine Schmeichelei war." Niemand lachte. Smart sagte: „Das Lange und Breite der Geschichte ist, daß Brown den Vogel in der Hand hat." Und darin
stimmten alle vier überein, und Stubbs und Sunshine. so interessiert sie scheinbar Senfes politischen Anssnhrun- gen zuhörten, dachten an rrichts anderes.
Im geschlossenen Store stellten Brown und sein Kommis die Gläser beiseite. Brown pfiff leise zwischen den Zähnen. Der Chef und der Kommis hatten das Gefühl eines kleinen Triumphes. Vor Tisch machte Brown dem Gaste verständlich, ein schönes Zimmer erwarte ihn im Wohnhause, es sei nur am Morgen noch nicht bereit gewesen. Brown erklärte dem Kommis: „Man kann sich so leicht irren bei den Deutschen, sie sind oft an viel Besseres gewöhnt, als sic aussehen!" \
Gleich nach dem Mittagessen schlief Utz, wie er ging und stand, auf dem wohlausgestatteten Bette ein. Das ungewohnte Trinken und das Geschwätz batten ihn müder gemacht als alle Anstrengungen des Herweges. Schon bei der Mahlzeit sah und hörte und dachte er nichts mehr, sondern aß nur herein wie ein Tier, das die Nahrung nimmt, wenn sie sich bietet. Während lttz schlief, sprachen sie in der Stille aller Häuser von ihm und gönnten ihren planenden und scharwenkenden Ge- danken keine Sonntagsruhe. Nur Brown und Sense saßen ohne Rock mit der Vfeife und den Zeitungen in bequemen Stühlen und schienen zu rasten, freilich, was hinter ihren Stirnen vorging, vertrauten sie mtdj niemand an. Senfes junger Mann hatte die unbequemste Arbeit gewählt, er ritt auf einem geliehenen unwilligen Gaule mach Swakopmund, sich den Schürfschein zu verschaffen; es war ein drückend heißer Nachmittag, an dem lange nicht mehr benutzten Saitel stach der Stahl des Gerüstes heraus, und von der Bai bis Swakopmund sind drei Reitstunden unter gewöhnlichen Verhältnissen.
Als Browns Hausbambuse Utz zur Vesper nicht wecken konnte, kam Brown selbst. Aber Utz brummte nur unwillig und stieß mit dem Arm, da ließ ihm Brown Bier und Brot und Butter und eine geöffncre Büchse mit Wurst auf den Tisch stellen. Er meinte, Utz werde um so frischer und bereiter am nächsten Morgen sein, und es werde sich dann von selbst ergeben, wie man ihm am besten beikomme. —-
Gegen ein Uhr nachts stand der Mond so, daß helles Licht in das Schlafzimmer fiel Utz öffnete die Angen und tastete rechts und tmks das Leinenzeng und die Decke und setzdß sich ans und erinnerte sich. Er lachte fast lautlos und reckte sich, und er verschmähte den Imbiß nicht. Was überblied von dem Frühstück, packte er ein. Niemand im Hanse merkte, wie er es verließ. Die ganze Bai schlief. Ein einziger Hund kläffte bei Smart und Archibald drüben, aber Hunde bellen oft in Mondscheinnächten, wenn ein Vogel schreit oder dergleichen. Utz ließ die Siedelimg schnell hinter sich. Es schreitet sich leicht aus in den Frühmorgen, und wenn einem der weite Raum vertrant ist, und vor allem, wenneinem die Seele lacht: denn die Seele kann immer wieder lachew, ob sie eine Kinderseele geblieben oder krau» und merkwürdig geworden ist. Die Seele lernt so btel in ihren Nöten, einem Menschen nur das Leben zu erhalten.
