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3 Morgen.Seilage der w'esbadener Tagblatts, c-

Nr. 269.

Donnerstag, 16. November.

1916.

(9. Fcrtsctzinig.)

Utz Himmelreichs Schlüssel.

Erzählung von Hans Grimm.

(Nachdruck verboten.)

Alle hier im Laden gaben Uh die Hand. Stubbs sagte: „Well, Bock, nun müssen Sie zu Ihrem Lands­mann sprechen!" Stubbs und Brown und Browns Kommis und die zwei anderen Storehalter und Smart und Archibald vor dem Fenster sahen Bock an. Bock räusperte sich und sagte ein wenig steif und mit einer ehr kurzen und eckigen Verbeugung- „Ich heiße — Bock, ch bin hier der Landungsagent." Ütz riß die schimmern­den Augen in dem verbrannten Gesicht weit auf, viel­eicht wunderten ihn die deutschen Worte. „Sie sind ehr lange in der Namib gewesen?" fuhr Bock fort. „Ja", sagte Utz, „so um die zwei Jahre niüssen es sein." „Die Herren interessieren sich sehr", sagte Bock, „es hat sich nie jemand so lange in den Dünen aufhalten kön­nen. Man nimmt doch an, daß es eigentlich fast nir­gends Wasser gibt. — Nicht wahr? — Und dann fand man, von einigen Narrastellen abgesehen, doch nirgends eine Vegetation —" „Es ist sehr interessant", sagte Utz. Bock meinte irgend etwas berauszulesen aus Utzens Augen und um Utzens Mund und auch heruuszuhören aus Utzens Stimme, dazu störten ihn die forschenden Blicke der Umstehenden. Er versuchte noch einmal: „Trotz der Wildspuren, die vom Kuisib aus allerdings häufig verfolgt wurden, kann sich ja iin Sande mitten drin eigentlich auch kein Wild aufhalteu. — Denn ohne Wasser und Gras . . . wennschon bekannt ist, daß ge­wisse Antilopen eine Woche ohne Wasser zieheil!" — — „Tie haben ganz recht", sagte Utz lächelnd. Da spürte Bock, dloser Fremde spottet mich aus, und was hat er überhaupt für ein höhnisches Gesicht, und warum soll ich immer den guten Kerl machen? Trotzdem wollte er noch sprechen, es fiel ihm aber gar nichts ein, und Utz schien immer mehr zu lachen hinter dem harten Ges'cht. Alle erstaunten über die Stockung, und Stubbs fragte höflich: „Nun, mein lieber Bock, was sagt Ihr Freund?" Dann wandte Bock erleichtert deni Fremden den Rücken und setzte sich wie Stubbs auf die Theke und erzählte englisch den Inhalt des Gesprächs, um sich wieder ein Ansehen zu geben, und als dann alle hin und her rede- tcn, sagte er leise zu Stubbs: „Dieser Kerl ist nicht

eben angenehm, und ist tiefer, als er scheint." Brown gab sofo't acht und war sofort neben ihm auf der an­deren Seite: „Was ist das?" Bock drehte sich hhni zu lind flüsterte: „Ich sagte, Ihr Gast sei wohl so ein wenig komisch, aber der weiß gewiß sehr viel mehr, als er alejch mitteilen will."

Stubbs 'Fog das Ziga'-renkistchen he-vor Bock übersetzte: „Die Zigarren sind für Sie. Ich hosie, sie werden Ihnen schmecken, jetzt wo sie zurück sind in un- serem kleinen Stückchen englischer Zivilisation hier. Wenn Sie gestatten, reichen wir das Kistchen einmal herum!" Uh nickte. Während jeder zugriff, sagte Stubbs: „Jetzt, wie wäre es mit einem Drink? — Wenn Sie zu meinem Hause henübersclncken wollten, Brown?!" Brown saate: „CH—, das habe ich hier." Der Kommis brachte Flaschen und Gläser. „Auf das Wohl Ihres Gastes", sagte Stubbs, und er fing an zu

erzählen von den vielen, die versucht hätten, cinzudrin- gen in das wahrhaftig tote Land im Laufe der Geschichte und in seiner Zeit. Es wurde eine sehr lebhafte Unter­haltung. Jeder trug etwas bei. Brown und Utz hiel­ten sich allein zurück. Uh blieb ganz still und trank und rauchte. Brown sagte: „Mr. Stubbs es ist kein Zwei- fel. Sie sind eine Autorität in dieser Sache." 'stubbs erwiderte: „Ich sollte es wohl sein", und dann hob er die Stimme: „Ja, Gentlemen, ja, viele Länder hält der Schöpfer verschlossen, bis, bis eines Tages er einen mutigen Mann bei der Hand nimmt und ihm sagt, wohlan dir will ich's eröffnen, du sollst finden!" —

Alle schwiegen auf einmal. Aber der Eintritt Sen- sens lenkte die Aufmerksamkeit wieder ab. Stubbs rief: „Ah, Sense, wollen Sie auch Ihren Landsmann sehen?" „Wenn Mr. Brown mich nicht hinauswirftI" sagte Sense. Brown hätte dergleichen gewiß nicht ungern getan. Er sagte: „Ich fürchte, ich zöge den kürzeren." Sense ging stracks auf Utz zu. Brown hielt sich neben Bock: „Nun bitte genau, was die beiden sagen."

„Mich interessiert's ebenfalls", murmelte Stubbs. Aber Sense wechselte nur einen Gruß mit dem Fremden. Dann trat er zu Brown und sah hin und wieder scharf zu Utz hinüber. „Ich habe diesen Mann auch schon ein­mal gesehen", sagte er zu Brown. Brown überlegte: „Was bedeutet das? Will er mich ausholen?"

Schon hing ein dicker Rauchschwaden im Store. Stubbs begann wieder zu sprechen von den verschiede­nen Versuchen, die gemacht worden seien, die ganze Küstenwüste zu erkunden, und trachtete Sense und Brown mit in das Gespräch zu ziehen. Es gelang nicht recht. Jeder fühlte, die anderen oder ein anderer sei ihm im Wege, und keiner hatte einen Plan fertig. Da brach Sunshine herein. „Wo ist der Mann?" rief er. Browns Kommis wies auf Utz. Brown rief: „Warurp?" Sunshine kehrte sich nicht daran. Halb englisch, halb kapholländisch sprach er auf Utz ein, es sollte scherzend klingen, aber der aufgespeicherte Ärger kam deutlich heraus: „You are a nice one, Sir! Ich ritt Ihnen entgegen, um Sie einzuladen. Und was tun Sie? Auf dem Pferde eines meiner Leute kommen Sic her. Und reiten um mich heruni. Habe ich Ihnen etwas getan?" — Smart hatte von draußen das Fenster aufgeschoben. Er rief in den Raum: „Vielleicht hat dieser Bursch die Polizei nicht gern, Kävten!" — Einige lachten. Alle drängten sich näher an Utz, um zu sehen, uni zu hören. Smart und Archibald waren mtf einmal auch drinnen und dabei. Und ihre Plätze an den Fenstern nahmen Farbige ein, und die Topnaars auf dem Kirchgänge mit ihren speckigen Röcken und ihren Gesangbüchern fingen zu laufen an, wie schwarze Hübner zu einer Futterstelle, -und reihten sich hinter und stießen sich mit den Haus- bambusen. —

Es war ein wildes und unverständliches Hin- und Hergercde drinnen. Brown wurde grob, Sunshine wollte erklären, Stubbs wollte beruhigen, lind Smart und Archibald wollten stören. Utz, der allein noch saß.