/jEEE
\ Der Roman. <
W
Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, » ssa
Nr. 268.
Mittwoch» 15. November.
1916.
' [(8 Fortsetzung.)
Utz f)imntelreid)$ Schlüssel.
Erzählung von Hans Grimm.
(Nachdruck verboten.)
Als Sunshine von Stubbs zurückkam und Order gab, daß sein Pferd gesattelt werde, und daß sich ein Mann bereit halte mit einem ledigen Gaul, stieg der Rauch aus den Kaminen sämtlicher Wohngebäude der Bai, und in mindestens fünf Läufern war von Utzens Erscheinen die Rede gewesen. Gleich der Konstabler selber von Sandfontein hatte, sobald Sunshine aus dem Wege war, Browns Hottentott-Groom ausfindig _ gemacht. Er verlangte Sixvence für eine sehr schöne Nachricht. Brown sparte bei seinen Geschäften mit kleinen Münzen nicht, und da sich eine vertrauliche Mitteilung besser ausschmücken läßt als ein dienstlicher Rapport, und die Geschichte noch durch den zweiten Hottentottenmund zu Brown kam, erfuhr Brown recht viel mehr als Sunshine.-
Bei Sense, der an Alltagen der Früheste war in der Bai, sich aber am Sonntag zwei fromme Stunden, wie er es nannte, gestattete, klopfte die Haushälterin. „Herr Sense, Herr Sense, der Jeremias ist da!" Sense gähnte laut. „Was will er?" „Es wür' einer in Sandfontein, der hätte das Buschmannsparadies gefunden." „Denn soll er mir doch man gleich Adam und Eva aus dem Paradiese vorführen", sagte Sense. Die Haushälterin fühlte sich gekränkt und ging und weckte Senfes drei junge Leute, und diese fragten Jeremias aus, und die zwei älteren machten sehr ernste Gesichter, und der eine sagte: „Ich reite jedenfalls noch heute nach Swakopinnnd und verschaffe mir vor allem mal einen Schürfschein." — Aber auch Sense schlief nicht mehr ein, und als er nach einer kurzen Weile Sunshine im Schlafanzug mit dem Ölzeugmantel bei Stubbs heraustreten sah, murmelte er: „Aha, aha!" und zog sich an.
Stubbs schickte noch vor dem Frühstück zu Bock. Er möchte sich einen Augenblick herüberbemühen. Stubbs empfing ihn mit Entschuldigungen, aber Bock möge ihm einen sehr großen Gefallen tun. Es käme nämlich bald ein Deutscher zu Sunshine ins Haus, und sie möchten einiges mit dem Deutschen besprechen. Könne Bock ihm eine Stunde seines Sonntagvormittags und vielleicht auch seines Sonntagsnachmittags opfern? Er werde sich in jeder Hinsicht erkenntlich erweisen, und um was es sich handele, das werde am besten ans der Unterhaltung hervorgehen. Nur uni eines bäte er: „Ilon't teil anythlng to Sense." Sense sei ein ausgezeichneter Herr, aber Bock wisse ja. . . Stubbs zwinkerte dazu mit den Augen.
Bock wußte gar nichts und dachte zunächst nur: „Donnerwetter, das ist eine Gelegenheit. Wenn der Resident der Agentur verpflichtet ist. Alle Scherereien werden aufhören." Er zwinkerte und lächelte wie Stubbs und versprach den ganzen Tag auf ein Wort hin zur Verfügung zu stehen. —
Frau Bock machte ihren Mann zu Hause darauf aufmerksam, daß doch etwas Eigentümliches an der Sache sei. Als sie über den Frühstückstisch noch hin-und her- rieten, kam Brown herein. Eigentlich war sein Besuch
verwunderlich, aber Bock und Frau sagten zu gleicher Zeit: „Wir können Brown fragen, Brown sagt gewiß nichts weiter an Sense", und sobald der Grus; ausgetauscht war, schoß Bock die Fragen heraus: „Jetzt sagen Sie mir, kann bei Sense etwas los sein? Ist ihm etwas gestohlen worden? Oder? Das ist doch eine ganz sonderbare Geschichte, ich soll nachher bei Sunshine den Dolmetsch machen, wenn dort ein Deutscher ansgefragt wird. Aber Sensen soll ich nichts davon sagen. Im übrigen frage ich Sie natürlich in jeder Hinsicht im Vertrauen." „Ich bin verschlossen wie eine Auster", sagte Brown, „aber leider kann ich kein Licht in dieses drollige Dunkel bringen. — Ich erwarte ja auch einen fremden deutschen Herrn!"
„Am Sonntag kommt wohl immer jemand von Swakopmund herüber?" sagte Frau Bock, die nicht sehr lange im Lande war. „Meistens", bestätigte ihr Mann, und Brown sagte: „Ich erwarte, daß er Englisch kann. Es sprechen doch alle Deutschen wenigstens etwas Englisch, nicht wahr?" „Gewiß", sagte Bock. Brown berührte schnell noch ein paar Gemeinplätze, dann zog er die Uhr und sprang auf. „Ich muß fort, ich wollte nur Guten Morgen sagen, weil ich Sie gerade sprechen hörte."
Frau Bock sagte: „Was hat er wirklich gewollt?" Bock hatte schon seine Heimatszeitung in der Hand und die Zigarre in Brand. Er antwortete: „Ach, warum? Nichts Besonderes."
In den nächsten Dreiviertelstunden sagte Brown in allen Wohnhäusern der Bai Gntenmoraen, außer beim Missionar, mit dem er sich nicht stand, außer bei Stubbs und bei Sunshine und außer bei Sense. Mit einem jungen Mann Senfes wechselte er ein paar Worte auf der Straße. Am längsten hielt er sich in dem Hause auf, wo Smart und Archibald ohne erkennbare Eristcnz- mittel zu leben verstanden, wenn sic nicht auf einer Namibexpedition waren oder tsir Brown ein kleines Vermittlungsgeschäft mit den Stämmen besorgten. —
Sunshine brachte den ledigen Gaul umsonst nach Sandfontein. Er war lehr ungehalten. Dreimal nannte er den farbiaen Polizeikorporal „tba greatest blockliead ont." Er schrie so laut, daß die ganzen Topnaars in ihren speckigen Kirchenanzügen zusammenliefen, um zuzuhören. Als der Korporal zu Worte kommen konnte, begriff Sunshine, daß ein anderer ihm einen Marsch abgewonnen hatte. Er riet zuerst auf Sense, aber ans den Erklärungen und Entschuldigungen des Korporals ging deutlich hervor, daß Brown seine Finger in der Angelegenheit habe. Das schien Sunshine die Sache noch wertvoller zu machen und er wetterte noch heftiger. Der Korporal suchte fortwährend zu beweisen daß er einen Weißen Mann doch nicht fest- halten dürfte, und daß er verstanden habe, BrownS Hottentott käme mit des Polizeihauptmanns Wissen und Willen, und nur deshalb habe er auch ein Polizeipferd hergegeben für den weißen Mann, sein eigenes Dienst-
