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Mittwoch, 13. November 1916.

Kbend-Kusgabe.

Nr. 556. » 64. Iahrgang.

vir Ausgaben der deutschen jjlotte im Weltkriege.

Von Kapitän zur See Hollweg.

III.

Gewiß, die wirtschaftliche Lage Deutschlands wird durch die ungesetzliche, völkerrechtliche Fern- und P a p i e r b l o ck a d e, deren wesentlichstes Glied aber nicht die englische Flotte, sondern die englischen Inseln sind, erschwert. Die stolze, englische Flotte hat den Ruhm, durch Hinderung der Einfuhr von Kindermilch, von Nahrungsmitteln für die Frauen der tapferen, an allen Fronten für die Verteidigung ihres Vaterlandes kämpfenden Krieger, von Verbandsstoffen sür die Ver­wundeten, erhebliche B e l ä st i g u n g e n geschaffen zu haben. Die Saat, die gerade hiermit gesät wird, wird aber aufgehen. Wenn irgend etwas beitragen kann, dem deutschen Volk in allen seinen Teilen die Not­wendigkeit von dem Vorhandensein einer ausreichenden starken Flotte auch'für die Zukunft in Fleisch und Blut überzuführen, dann sind es diese englischen Völkerrechts­brüche, die Brutalität des Versuches ierner Hunger­blockade, die nicht nur Deutschland, sondern auch alle benachbarten Neutralen zu der Überzeugung brin­gen werden, daß nicht der defensive ..preußische Mili- tarismüs", sondern die offensive Seetyrannei Englands die Geißel der Völker und das größte Hindernis für einen Friedensvölkerbund ist. Als der Risikogedanke, der dem deutschen Flottengesetz zu­grunde liegt, seinerzeit bei Schaffung der neuen Flotte durchdacht wurde, hat man an niaßgebender Stelle wohl auch historische Erfahrungen über Blockade und Ab­sperrung zu Rate gezogen. Es konnte . aber damals nicht mehr angenommen werden, daß die brutalen Seeräubermethoden englischer Kriegführung aus vergangenen Jahrhunderten auch im modernen Kriege restlos wieder auileben würden, nachdem das Völkerrecht im 19. und 20. Jahrhundert durch die De­klarationen von Paris, dem Haag und von London scheinbar eine wesentliche Verbesserung erfahren hatte und die Tendenzen aller Völker gerade dahin gingen, die Rechtlosigkeit der Neutralen und Nichtkämpfer itn Kriegsfälle gegen die englische Seevergewaltigung ver­gangener Zeiten zu schützen. Freilich, was heute durch englische Vergewaltigung geschieht, die Nichtachtung der Souveränität der Neutralen in jeder Form, die Hunger­blockade, der Postdiebstahl, die willkürliche Veränderung der Konterbandelisten, die Schwarzen Listen, die Han­delsspionage, die Orgien der Presselügen, die Orckcrs in Council, die rechtlosem englischen Tun ein dürftiges Mäntelchen von Scheinrecht umzuhängen bemüht sind, das alles findet sich schon fast wörtlich in den Maß­nahmen, die England bei allen seinen früheren zahl­losen Kriegen gegen Gegner und Neutrale zur Anwen­dung brachte. Unbegreiflich bleibt nur der Langmut der geknechteten nichtenglischen Mensch­heit, die solches Handeln immer wieder ertrug. Wenn heute die Neutralen, im besonderen das seefahrende Norwegen, ihren Unmut über die im Kreuzerkrieg rechtmäßig versenkten Schisse gegen Deutschland richten, so wenden sie sich an die falsche Stelle. England ist es, das die überlebten Formen des Handelskrieges in aller Schärfe wieder hat aufwachen lassen. Deutschland er­widert nur das, was ihm von dort geschieht, und die Norweger sollten sich darüber klar werden, daß es zu den aus Selbsterhaltungstrieb gebotenen Aufgaben der deutschen Flotte gehört, dem englischen Druck Gegen­druck entgegenzuhalteo. Leiden darunter die Neutralen, so mögen sie sich vom Frachtgeschäft für Englands Rechnung fernhalten oder aber, wenn sie die hoben Reedereigewinns trotzdem erzielen wollen, so mögen sie auch das erforderliche Risiko laufen. Herr Balfour hat in seiner letzten Rede in der Guildhall von den „armen norwegischen Seeleuten" gesprochen, die ein Opfer des deutschen Kreuzerkrieges werden. Er solle eins bedenken: Der Krieg ist ein rauhes Handwerk, Deutschland kämpft um seine Eristenz. Nach dem Willen Englands sollen Millionen von deutschen Frauen und Kindern durch Hunger und Not zugrunde gehen, damit England, das militärisch nicht siegen kann, als Sieger dasteht. Jedes Mittel ist England dazu recht. Mit Schikanen aller Art zwingt es die neutrale Schiff­fahrt in seinen Dienst. Auch auf England fällt allein die Schuld, wenn so gelegentlich einmal trotz besten Willens unsere U-Kreuzerkommandanten Menschen­leben geföbrdet werden. Die Norweger aber sollten be­denken, daß sie sich wissentlich und aus Egoismils in den englischen Hungerabsperrdienst gestellt haben. Wir sind uns selbst die N a ch st e n. Herr Churchill hat auch gemeint, so vollständig sei die Abschließung Deutschlands durch die englische Flotte, daß es sich ein eigenes Fabrzeug habe bauen müssen, uni einen Brief nach Anierika zu befördern. Es ist richtig, daß die stolze enaliiche Flotte die Ansgangstore in die freie See widerrechtlich für den deutschen Handel mehr oder min­

der verschlossen hat. Zn unserem Glück aber enthebt uns die eigene Volkswirtschaft in bezug, auf Nahrungs­mittel von der absoluten Ab-hängigkeit vom Auslande, in der sich England befindet, und die es an den Resultaten unseres U-Bootkreuzer- krreges immer empfindlicher bemertt. Immer lebhafter wird in der englischen Presse der Mangel an Nahrungs­mitteln, die Höhe der Lebensmittelpreise, die erfolg­reiche Arbeit unserer U-Kreuzer erörtert. Aber etwas mehr als einen „Brief" hat U-„Deutsch- land" dennoch befördert. Die 750 Tonnen schwere Ladung aus Amerika, die es auf jeder Reise mit- bringt, bereift unsere Kriegsautos neu und führt uns auch sonst mancherlei Dinge zu, die uns das Durch­halten erleichtern. Ich glaube, so etwa faßt man diese Handels-U-Boote auch in England auf. An­derenfalls wäre jenes lächerliche, operettenhafte Be­nehmen unverständlich, jenes Wutgeheul, mit dem in England und durch englische Vertreter im Auslande die Ausschließung jenes Unterwasser-Handelsschiffes von allen Menschheitsrechten gefordert worden ist. Auch diesen U-Handelsbooten, deren Frachten der Landkrieg­führung im wesentlichen zugute kommen, hält die Tätig­keit der deutschen Flotts die Wege in die sicheren deut­schen Häfen offen. Stände die englische Flotte in enger Blockade vor unseren Häfen, so wäre uns auch diese Ver­bindung mit der Außenwelt abgeschnitten. Oierade hier­in liegt der Unterschied der historischen Tätigkeit der englischen Flotte mit der heutigen: Sie kann nicht mehr durch die enge Blockade die Ausgangstore des Kreu- zerkrieges verschließen, die deutsche Hochseeflotte steht ihr hierbei im Wege. Der Einsatz ist ihr zu hoch. Sie wagt ihn nicht. In Summa: Die deutsche Flotte hat nie beansprucht, die englische Weltherrschaft im Kriege zu beseitigen. Sie hat nie behauptet die doppelt so starke englische Flotte mit leichter Mühe vernichten zu können. Sie hat sein wollen und ist ein ständiges und schweres Risiko für den Gegner. Der Ent­scheidungsschlacht geht die englische Flotte bewußt aus dem Wege. Als der Krieg begann, betrug die Größe der englischen Flotte 2 205 000 Tonnen an fertigen Schiffen. Versenkt und vernichtet durch deut- scheSeestreitkräste im Laufe des Krieges wurden bisher: 11 Linienschiffe mit . . . 181 900 Kriegsschifftonnen, 17 Panzerkreuzer mit . . 253 600 „

16 sonstige Kreuzer mit . 66 050 „

60 Torpedofahrzeuge mit 41 500

26 Unterseeboote m ft.. . 20 000_. „ _

in Summa: . 563 050 Kriegsschifftonnen, wobei Sie Hilfskreuzer in der Zahl von 21 und sonstige der Handelsmarine entnommene Schiffe, Fischdampfer und ähnliche Fahrzeuge nicht mitgerechnet worden sind. Demnach sind bisher allein an reinen Krieg s- schiffen 26,5 Prozent der englischen Flotte, ge­rechnet in der Stärke bei Krieasbeqinn, vernichtet worden. Jeder, der di?'? Zahlen liest, wird zugeben müssen, daß der Krieg ein Risiko, und zwar ein nicht unbeträchtliches für die größte Seemacht der Welt be­deutet. Dabei soll auch nicht vergessen werden, daß 35- mal die englischen Inseln durch deutsche Marine­luft s ch i s f e mit Erfolg angearisfen worden sind. Daß diese Angriffe — trotz der diskreten Zurückhaltung der amtlichen Berichte — großen Schaden anrich­teten, dauernd bedrückend auf die englische Volkspsyche einwirken und der Landkrieaiührung beträchtliche Mit­tel und große Mengen an Waffen und Menschen ent­ziehen. Auf dem Wasser, über dem Wasser und unter dem Wasser drückt die deutsche Risikoflotte auf England. Die Ungestörtheit des Ostseehandels ist oben schon erwähnt worden. Darüber hinaus schützt die deutsche Flotte bezw. die Marine von Flandern aus die Nordwestecke der Front der deutschen Armee und sichert im Osten die Transportstraßen und die Häfen, die der Ostarmee die regelmäßigen Zufuhren bringen. Ohne Pause, mit immer wachsenden Ergebnissen, stört und beunruhigt der deutsche Handelskrieg die Quelle der englischen Kraft, den Seehandel, mindestens 2fst M i l- lionen Tonnen an Handelsschiffen sind schon versenkt worden. 2 Millionen Tonnen sind neulich von einem Redner im englischen Parlament zu­gegeben. Der kostspielige Schutzapvarat, der von der Gesamtheit der Alliierten, insbesondere von England, aufgeboten werden muß, um die Verbindung mit dem Mittelmeer und den anderen Kriegsschauplätzen aufrecht zu erhalten, genügt nicht, um vor schweren Verlusten zu schützen. So löste bisher die deutsche Flott? als Risikoftotte, als „fleet in heilig'', ihre mili­tärischen Aufgaben.

Aber über diese rein militärischen Schutz- und Trutz­aufgaben hinaus löste sie schweigend noch eine andere. Sie ist der stille Bundesgenosse der nordi­schen Neutralen, die, das Schicksal Griechenlands — von dem Herr Asquith in Guildhall saate, daß er tiefe, aufrichtige „Freundschaft" für das Land habe — vor Augen, in ihr das Schutzmittel ftben, das sie vor direkter Vergewaltigung, vor der Landung englischer

Söldner, vor einer Wiederholung der Ereignisse, die sich vor Kopenhagen vor mehr denn 100 Jahren ab­spielten, bewahrt. Gegen die englische Gewinnsucht, gegen die geschäftliche Täftgkeit der britischen Handels­agenten, die in den Kontoren freier nordischer Kauf­leute, mit den verderblichsten und verwerflichsten Mit­teln wirken und walten, reicht ihr direkter Einfluß allerdings nicht aus. Aber die Allgemeinheit dieser Neutralen, einschließlich der Profitjäger, empfindet dennoch das Vorhandensein der deutschen „fleet in being" als eine Art Schutz ihres Landes, ihrer Inter­essen. Wäre dieser Druck nicht da, so brauchte England ja diesen durch die Gewinnsucht Geblendeten nicht ein­mal diese Kriegsgewinste zu belassen. Es könnte ban­deln, wie es in Griechenland handelte, roh. gewaltsam, ohne jede Rücksicht auf das persönliche Empfinden des einzelnen oder des ganzen Volkes. Könnte handeln, wie es gehandelt hat zu allen Zeiten unter Marren ; Hastings in Indien, gegen die Buren, wie es heute noch handelt im eigenen Land? gegen di? unglücklichen Iren. Als Herr Asquith letzthin in der Guildhall von den unter „deutschem Beifall vorgenommenen arme­nischen Metzeleien sprach, hätte er sich zweckmäßig dieser historischen Tatsachen erinnern sollen. Diese Rolle der deutschen Flotte, die vielleicht schon manches Kalkül, der Engländer in diesem Kriege über den Haufen ge- ' it‘ o r f e n hat, wird erst ganz klar in die Erscheinung treten, wenn einmal, nachdem das Deutsche Reich sieg­reich seine Eristenz behauptet hat, die politische und militärische Geschichte dieses größten aller Kriege ge­schrieben werden kann. Di? ganze Größe der Aufgabe der deutschen Flotte wird dann erst eine gerechte Wür­digung finden. ' Ob die deutsche Flotte ihre Aufgabe g e l ö st hat und mit welchem Erfolge, wird die Ge- Mchtsschreibung, nicht aber Herr Churchill entscheiden- Die Konsequenzen wird das deutsche Volk dann selber ziehen: Einstimmig wird es die Ansicht vertreten, daß ein zukünfftges neues Deutschland ohne eine seiner Machtstellung entsprechende Flotte völlig undenk­bar ist. _

Die Lage trn westen.

Die schwere Schlacht bei Veaumont- ksamel.

Zu dem jüngsten Generalstabsbericht über die Zurück­nahme unserer Front in eine Riegelstellung bei B e a u - mont-Hamel wird uns geschrieben: Ans dem Frontab­schnitt östlich Hrbntecne-Gcandcmrt haben die Engländer erneut einen der schwersten Angriffe unter­nommen, der jemals an der Somme dnrchgeführt worden ist. Um die Bedeutung des ganzen Vorgrnges zu, erkennen, mutz man sich den in Betracht kommenden Frontabschnitt und seinen Verlauf vergegenwärtigen. Unsere Front geht von Hebuterne nach Süden, springt bei Beaumont-Hamel nach Südwesten vor, geht von hier ab wiederum nach Südosten bis St. Pierre-Divion, und von hier in flacher Richtung nach Nordosten bei Grandconrt in einem Winkel ab. Diese Winkel st ellnng war für unsere Truppen recht un­günstig, da sie von dem Feinde unter konzentrisches Feuer flankierend angegriffen werden konnte. Zugleich erforderte sie eine starke Besatzung, um nach zwei Seiten hin die Siche­rung aufrecht zu erhalten. Es war von vornherein unter diesen Umständen klar, daß ein zielbewutzter und mit sehr starken Kräften unternommener englischer Angriff durch das hier ermöglichte konzentrische Feuer auch dem gröhten Heldcn- mute unserer Truppen gegenüber früher oder später einen Erfolg würde erreichen können. An diesem Abschnitt setzte nun der starke englische Angriff ein. Wir erfahren aus dem Generalstabsbericht, dah ans den gröhten Geschützen ein ge­waltiges konzentrisches Feuer gegen unsere Stellungen eröffnet worden ist, die unter diesen Umständen lasieren Truppen nur noch geringen Schutz bieten konnten. Trotzdem verteidigten unsere heldenmütigen Feldgrauen den ganzen Abschnitt mit dem längstbekannten Mute, der auch in der schwierigsten Lage ein Zn rückweichen nicht kennt. In richtiger Würdigung der gesamten Sachlage wurde unsere. Linie aber auf eine vorber vorbereitete Riegel st ellnng zurückgenommen, deren Verlauf nicht angegeben wird. Aus der Bezeichnung Riegelstellung aber können wir andererseits eikennen, datz es sich um eine Verkürzung und zugleich um eine Verbesserung der früheren Stellung han­delt, die weniger Beiatzungstrnvpen erfordert und auch ein nicht so günstiges Ziel dem feindlichen Artilleriefeuer bietet. Durch die Riegelstellung erhält der Feind ein frontales Ziel, das bekanntlich für die Actillsciewnlnng verhältnismähig ungünstig ist. Auf anderen Stellen des Frontabschnittes, der oben bezeichnet worden ist, östlich Hebuterne und bei Grand­court, bis auf den beiden Flügeln der in Betracht kommen­den Kampflinien, konnten die Engländer Erfolge nicht er­zielen. Von der Wildheit des Kampfes und der Zähigkeit des Widerstandes unserer Truppen unter den schwie­rigsten Verhältnissen zeugt die Tatsache, datz - auf beiden Seiten die Verluste sehr beträchtlich sind. Die Eng­länder haben hier wohl einen unbestreitbaren Erfolg er­rungen, wichtig ist aber auch hier wiederum die Tatsache, daß er nur von rein örtlicher Bedeutung ohne Wirkung auf i>je