Einzelbild herunterladen
 

UsktzssGeSM Ser MrAMMr ZKOIM« \*==m

Nr. 267. Dienstag, 14. November.1916.

(7, Fortsetzung.)

Utz Himmelreichs Schlüssel.

Erzählung von HanS Grimm.

(Nachdruck verboten.)

Aber es ging in den Winter, und es wurde kühl, und die Nacht wurde langsam, und die Gedanken, dre sie ausbrütete in den ungelüfteten Seelen, jagten den Schlaf aus den langen Nächten. Utz zitterte oft fo sehr vor Kühle in seiner Decke wie Niesten. Da berieten sie wieder und faßten ihren neuen Entschluß.

Sie nahmen die Richtung genau seewärts, um dann nach Nordwesten zu biegen. Sie fanden nirgends Wasser, aber Wildspuren waren fortwährend vor ihnen. Das ließ ihnen die große Anstrengung kleiner erscheinen, und es blieb eine gewisse Freudigkeit an ihnen. Am vier­ten Nachmittage verlor Utz beim Stöbern Niessen aus dem Gesicht, doch war die Fährte im Sande deutlich ab- gezeichnet. Nach Sonnenuntergang folgte er ihr schnel­ler. Er merkte, daß Niessen ungewöhnlich rasch gegan- gen war. Einem möglichen Grunde dachte er nicht groß nach. Vor dem völligen Verdämmern sah er zwischen fernen Dünen voraus einen leichten Rauch. Da wun­derte er sich und eilte noch mehr, zuweilen pfiff er. Es antwortete ihm zwei Stunden hindurch niemand, und ohne den frühen Mond hätte er die Fährte nicht halten können. Um neun Uhr meinte er Niessens Stimme zu hören. Es schien ihm auch die Stimme wolle etwas Besonderes ankündigen. Schließlich hörte er die Rufe deutlich, und dann rückte das kleine Feuer in sein Ge­sichtsfeld. Es waren zwei Personen am Feuer. Utz fühlte plötzlich seinen Hunger und kam mürrisch heran. Niessen zerriß die Stauden von Buschmaniiskerzen und warf viel mehr auf die gierigen Flammen als nötig war. Er lachte dazu so töricht, daß Utzens Ärger wuchs. Aber Niessen blickte gar nicht auf. Er sagte zwischen seinem Lachen: „Ich habe ihn endlich gefunden, ^ch habe ihn endlich gefunden. Es ist einer von den Alten. Ja, ja, ja." Utz sah den elenden vertrockneten Farbigen an und sah die paar Lumpen und einen^ Haufen zu­sammengeschleppter Stauden und einen Fellsack. Da höhnte er: „Wenn dies alles ist ..." ,

In der Nacht begann Niessen das Fieber zir schüt­teln. Der Farbige quacksalberte an ihm herum und mischte irgend einen Staub aus seinem Fellsack mit dem schmutzigen Naß aus einer alten Straußeneierschale. Aber der Erfolg blieb aus. Niessen murmelte unauf­hörlich, er lachte auch immer noch so ein lallendes, leeres Betrunkencn-Lachen. Es ging durch den Vormittag. Danach wurde er richiger. Um sieben Uhr schlief Utz schon. Niessens Stimme weckte ihn. Niessen sagte schwächlich: „Hoffmann, Hoffmann, wenn Sie's also

finden, Sie haben es ja versprochen . . ." Utz antwor­tete hierüber: „Finden? Als der Winter aufhörte,

kamen wir in dies Affenland, jetzt ist es wieder Winter, und wir wissen heute weniger. Oder wissen Sie mehr?" Niessen versuchte sich zu verteidigen, aber er kam me weiter als: „Hoffmann, der Farbige, der Farbige . . . Hofsmann, der Farbige . . und als Utz mchts mehr antwortete, versuchte er noch ein paarmal zu rufen: „Hoffmann? Hoffmann! Hoffmann!" Aber es hörte ihst niemand mehr. Der Bastard rührte sich nicht, denn

er hatte den Bauch zum Bersten voll frischen Fleische-, und Utz hatte sich weggewälzt. Am Morgen lag Niesten weit aus den Decken heraus, vielleicht hatte er noch kriechen wollen. Der Morgen war sehr kühl, und der Leib war schon etwas starr.-

Utz und der Bastard taten das Nötige. Danach setzte sich Utz und überlegte. Der Farbige merkte, daß der schweigsame, Weiße Mann ihn zuweilen starr ansah. Er versuchte dann behutsam nach seinem Fellsack zu greifen, um aufzuspringen und in die Dünen hinein zu laufen. Aber jedesmal, wenn seine dunklen, langen Finger sich über den Weißen getastet hatten, bis an das Bündel, erkannte er, daß die Augen sehr drohend wurden, da wagte er es nicht. In seiner großen Angst klagte er: „Wovon soll ich Feuer machen? He? Wovon soll ich Feuer machen? Dieser tote Mann hat so viel ver­brannt." Vielleicht meinte er, er werde litz auf diese Weise endlich bewegen, ihn fortzulassen. Uh saß über Mittag. Als er aufstand, sprang auch der Bastard in die Höhe. Aber weil der Alte erst noch Utzens Be­wegungen verstehen wollte, hielt ihn Utz am Arm, vor­dem er flüchtig werden konnte. Der Bastard tat einen schrillen Wehruf. Utz sagte:

„Halt's Maul, Brauner! Wo ist das Paradies? ES geschieht dir nichts, wenn du es zeigst. Es wird auch dein Schade nicht sein."

Der Alte antwortete gar nichts, und Utz glaubte selbst, daß er ihn nicht verstand. Da band Utz nnt zwei rohen Fellriemen ihm die Hände hinter dem Rücken und die Füße vorn, und huckte sich vor den Alten nieder und gab sich große Mühe mit freundlichen Worten und groben Worten, mit Versprechungen und Drohungen und vor allem mit deutlichen Gesten und Erklärungen. Es war seine längste und mühseligste Rede in seinem Leben.

Der Alte faßte jetzt dies und das. Er antwortete, er habe den Toten nie gekannt, und er wisse gar nichts. Uh sagte: „Wohl, wohl, ich kann noch länger warten." Und er fütterte den Farbigen mit ein paar Bissen und einem Trünke. Es kam indessen auch in den nächsten Tagen nichts heraus, und der Sack enthielt keine edlen Steine. Da verringerte Utz die Nationen immer mehr. Aber es dauerte lange, bis der Alte zu betteln anfing. Doch verstand er nun besser, und gab zu, er könne den Toten vielleicht gekannt haben, und versprach, er wolle für den weißen Mann helle Steine suchen, aber wo sie lägen, das wisse er gewiß nicht, obgleich es sein Leben gelte.

Utz sagte: „Wenn ich dich alten, vertrockneten Affen länger behalte, werde ich morgen oder übermorgen denn Mörder. Auch kann ich das Geplärr nicht mehr hören. Ganz und gar nicht mehr. So. Hier. Hoch. Und zum Teufel!" ' .

Es war ein Wunder, wie wohl sich der ausgedorrts Alte noch bewegen konnte.-

Aber sie sahen sich nicht zum letzten Mal. Utz merkte schon nach wenigen Tagen, daß etwas um ihn herum fet in den Dünen." Es störte ihn allmählich, weil es so un-