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Dienstag, 14. November 1916.

DK Ausgaben der deutschen Astte im Weltkriege.

Von Kapitän zur See Hollweg.

(Fortsetzung,)

Der Grundgedanke des deutschen Flottenbaues war das sogenannte Rist ko Prinzip? Niemand ^zu­leide, ebenso wenig wie die deutschen Armeen ern In­strument des räuberischen Angriffs auf die Nachbm- möchte, sollte die deutsche Flotte nur durch dre Tatsache ihres Vorhandenseins in genügender starte jeden neidischen Gegner unseres Aufschwunges von einem Eingriff in unsere Rechte abhalten. Wenn aber dennoch ein Angriff des Stärkeren erfolgte, so sollte sie ihn für den Angreifer so gefährlich gestalten, daß auch die Existenz des Angreifers als überlegene Well­feemacht in Frage gestellt würde. Erngeichlossen rn diese Gedankengänge des Risikoprinzrps war natürlich auch die für jetzt und alle Zukunft werter bestehende Absicht, ausschlreßenzu wollen, datz England, das „aus­erwählte Volk", Derllschland gegenüber dank ferner maritimen Überlegenheit dauernd rn der Lage bleibt, durch ein Stirnrunzeln, durch eine Banket,.rede — tote *. B. die des taktvollen Sportsmannes Ltoyd George geleaentlich der Marokkokrise durch den einfachen Hinweis auf die brutale Methode ferner Hungerab- sperrungen — wie jetzt Griechenland und den nordischen Neutralen gegenüber — jede Freiheit der Politischen Entschließungen eines der Völker Europas zu beseitigen. Gerade dieser in dem Risikogedanken elngesästossene Unabhängigkeitswille des deutschen Volkes, der nichts Aggressives, sondern nur berechtigte Selb st Verteidigung bedeutet, ist es Wohl ge­wesen, der den deutschen Flottenausbau rn England so besonders unbeliebt gemacht hat. Im Sinne dieses Ge- dankenganges kämpft aber die deutsche Flotte heute nicht nur für die Interessen des eigenen Vaterlandes, sondern für die Freiheit der Meere für alle Völker, di? großen und die kleinen. Die KriegsEg- nisse, die willkürliche B e u g u n g des V d bk e r rechts durch England, die Vergewaltigung aller kleinen, see­fahrenden Nationen werden, wenn erst einmal dreier Krieg beendet ist, wenn bei den einzelnen Völkern dre ruhige Überlegung an die Stelle geldgieriger Augen- blickswünsche stark interetz rerter Machthaber und Schiffsreeder tritt, wenn deutsche Ansichten klarer und besser in der Welt zu Worte kommen können, wie dies heute der Fall ist, überall die Überzeugung schaffen, datz die deutsche Flotte neben der Verteidigung des Vaterlandes der S 'r der ganzen Menschh eit diente, der wahren .eiheit eine Gaste bereitete. Auch in diesem Sinne -.<wen wir, wie der Reichskanzler m seiner letzten Rede sagte, „kein Tribunal zu scheuen .

Dieses Risikoprinzip war vom rein militärischen Standpunkt ans vielleicht nur ein Notbehelf, aber ein wenigstens anscheinend zureichender, durch die Finanz­lage Deutschlands und seine Friedensliebe gebotem Wie notwendig ein Schutz wichllger Handels- und schiss- sahrtsinteressen sür jede seefahrende Nation, besonders für Deutschland mrt einem jährlichen Außenhandel von 20 Milliarden Mark war und rst, beweist die geradezu traurige Lage der Neutralen in diesem Kriege, die jeder für sich und nicht geeint durch einen starken Bund wie seinerzeit durch die bewaffnete Neutralität, hilflos den unerhörten Druck der engllschen Faust erdulden und froh sein müssen, datz ihnen durch Einrichtung erzwun­gener Handelsabkommen wenigstens eine dürftige Exr- stenzmöglichkeit belassen wird, ohne datz, sie in den Kriegsstrudel hineingerissen werden., Dre wtzlge Lage der Neutralen wirkt geradezu wie eine Karikatur aus die Souveränität und die Freiheit der kleinen Volker, besonders dann, wenn die angebliche engwche Ruckstcht- nahme auf sie durch die Reden englischer Staatsmänner noch hervorgehoben wird. Gesetzt den Fall, England befände sick^mit Rußland im Kriege und, Deutschland besäße als Neutraler keine Flotte, so wurde stcy das große Deutsche Reich dieselbe Behandlung gefallen lassen müssen, wie sie heute Griechenland, Holland, Schweden und Dänemark zuteil wird. .

Dem obigen Prinzip entsprechend war es nie der Zweck oder die Aufgabe der deutschen Flotte, weder rm Krieg noch im Frieden, die S e e h e r r s ch a s t Eng­lands in allen Teilen der Welt zu beanstanden oder gar zu gewinnen. Dazu fehlte es uns in der Welt an vielen Dingen, die neben der Kriegsflotte die Elemente der Seemacht bilden. Diese Aufgabe konnte ste daher rn dem jetzigen Kriege um so weniger sich vorsetzen und lösen als den Engländern nicht nur die eigenen Hasen, Stützpunkte, Kohlenstationen und Kabel, sondern auch die aller Vasallenstaaten Frankreichs, Portugals, Ita­liens, Japans usw., zur Verfügung stehen,. Soweit sich Deutschlands Kriegsschiffe bei Kriegsbeginn rni Aus­lände befunden haben, haben sie ihre Kreuzerpslichten aufs beste erfiillt. Daß ihre Laufbahn nur kurzfristig sein hnutte, war ohnr'weiteres klar. Datz es aber

Morgen-Kusgabe.

dem deutschen Kreuzergeschwader trotz alledem gelang, nachdem ihm durch den Eintritt Japans m den Krieg die einzige überseeische deutsche Basis verschlossen war, das englische gleich starke Kreuzergeschwader fast ohne eigene Verluste zu vernichten, war doch,immer ein un­erwartet großer Erfolg, der nicht tvt ^§rgessenheit geraten soll. Unerwartet, in Ansehung der Kräfte und Hilfsmtttel, die den Alliierten zur Verfügung standen.

Die Rolle der deuttchen Heimatsflotte wah­rend des Krieges war durch die allgemeine pottttsch- strategische Lage und durch die Geographie des Krregs- theaters gegeben: eine moderne Flotts kann sich nur beschränkte Zeit von ihren Stützpunkten entfernen. Außerhalb der Ost- und Nordsee gab es kerne solche für die deutsche Flotte. Die Bestreitung der unbe­schränkten Seeherrschaft der englischen Flotte m Ost- und Nordsee war also die gegebene Hauptauf­gabe. In die Ostsee einzudrurgen und dort, wie Rußland wohl mit Recht erwarten durste, dre „ fett Kriegsbeginn ununterbrochen öestebeilde imbeschrank.e deutsche Seeherrschaft zu bestreiten, hat dre große eng- lisch? Flotte überhaupt nicht gewagt. Daraus braucht man nicht gefaßt zu sein, nachdem — während der Marokkokrisis - im Jahre 1905 die englische Flotte ostentativ die Ostsee besucht und sich dort orientiert hatte. Kaum gestört durch einzelneU-Baote, hat sich der deutsche skandinavische Handel während des ganzen Kriegesrn der Ostsee bewegt und ausgedehnt. In der Nordsee besitzt die englische Flotte keineswegs dre, angemaßte unbestrittene Seeherrschast. Sie hat es nicht verhrn- dern können, daß die englische Küste mehrfach wrr- kungsvoll von deutschen Hochseestrertkrästen beschosten wurde, daß vielfach unmittelbar vor den englischen Häfen und Flußmündungen englische Seestrertträste vernichtet wurden. Noch kürzlich sind deutsche Torpedo­boote im Kanal bis Dover vorgestoßen und haben dort erhebliche Erfolge errungen. Diwch von deutschen See- strertkräften vor den englischen Häfen ausgcstreute Minen sind an den englischen Küsten mehrere Groß- kanrpffchiffe vernichtet worden. Lord Krtcheuer rst bei einer solchen Gelegenheit mit in di? Tiefe gesunken. Und wenn Lord Balsour beweglich, darüber klagt, daß wir ihm nach seinem Geschmack zu viel Mrnen gelegt hätten, so möge er sich ins Gedächtnis zurückrufen, daß es England war, das zuerst mitten in die Nordsee ern Minenfeld auslegte. Überall vor den engllschen Häfen ist der Handel erheblich gestört worden. Frei und ungestört bewegen sich unsere Uber- wasserschiffe und U-Boote aus den deutschen Basis- punkten heraus und setzen von dort ihren vernichtenden Kreuzerkrieg an. Me schwächlichen englischen Versuche, durch Fliegerangriffe unsere 51 üstenWerke zu schädr- gen, sind auf das kläglichste g e s cb e i t e r t. Ern ernst- Hafter Angriff auf die deutschen Stützpunkte, von dein

w oft prahlend in England gesprochen wurde, ist über­haupt nicht erfolgt. Die Rücksicht ans die deutschen See- treitkräfte verbietet ihn der englischen Flotte. Kern Verband starker englischer Schiffe wagt sich in dre Nahe unserer Küsten und in die Helgolands.

Ungestört hat die deutsche Flotts zu Dutzenden von Malen die Nordsee dnrchauert, um der englrschen Flotte Gelegenheit zu einem Waffengange zu geben. Scheu und klug, zuletzt am 19. August 1916, als unsere U-Boote zwei moderne kleine englische Kreuzer in ,der Nähe ihrer Häsen versenkten, haben sich in See benntz- liche englische Geschwader in die sichere Nähe ihrer Küsten zurückgezoaen. Die deutsche Hochseeflotte rst durch die Fernblockade der Engländer nicht verrottet, wie demaleinst die Geschwader Napoleons, vor 100 Jahren in den französischen Häfen. Die freie See war und ist ihr Übnngsfeld geblieben. Tsie rjt noch rmmer, da, wie zu Kriegsbeginn, ein ständiges Rrstko für den über­legenen Gegner. Zerr Chiirchill brüstet sich dann rn seinem Aufsätze, die Skaqerrakschlacht habe erwrestn, daß Schiff gegen Schiff die englrsche Flotte rhre Über- legenheit bewiesen habe. Wenn etwas unwahr rst, so rst es dieses. Und hier erwächst uns sogar in der Person des Herrn Bywater ein Helfer. Er beweist Herrn Chur­chill das völlig Unzutreffende seiner Behauptung. , Dre einzige Periode der Skagerrakschlacht, in der von ernem Gegenriberstehen Schiss'gegen Schiff, also von einer wenigstens annähernden Stärkegleichheit, dre Rede sein kann, ist i»r erste Kampfabschnitt. Hrer stmiden auf enalischer Seite 4 Schlachtkreuzer der „Lion"-Klasse und zwei der „Jndefatigable"-KIasse,-mrt rn Summa 48 schweren Geschiitzen (34- und M,5-Zentrmetcr) fünf deutschen Schlachtkreuzern gegenüber (mrt einer Be­waffnung von 41- bis 30,5- und 28-Zentrmeter). Nach 15 Minuten Artilleriekampf flog die „Jndefattgable" rn die Lust. Dann griffen auf enalischer Seite noch fünf schnelle Linienschisre der „Queen Elizabetn -Klasse m den Kampf ein. Kurz darauf, und ehe das oeuffche Gros auch nur einen einzigen Schuß gefeuert hatte, sank auch der enalische Schlachtkreuzer „Queen Marp zerschmettert in die Tiefe. In keiner anderen Phase der Schlacht kann von einer Stärkegleichheit auf beiden Seiten überbaript aesprochen werden. Der vo.rerwahnte

Nr. 553. ♦ 64. Jahrgang.

Herr John Leyland kann sich nicht enthalten zu bemer­

ken, daß es lächerlich wäre zu leugnen, daß dre deutsche Flotte ein Wunder von Leistungsfähigkeri und Kraft sei. Herr Churchill hat auch besonders hervorheben müssen, daß die Stehkraft und Widerstandssährgkert unserer Panzerkreuzer in der Skagerrakschlacht geradezu erstaunlich gewesen sei. An dieser Kritik, die der deut- schen^ Flotte wenigstens in einigen Punkten gerecht zu werden sich bemüht, kann nichts ändern, wenn Herr Leyland an anderer Stelle sagt, „den Deutschen fehle der wahre seemännische Gei st". Solche lächer­lichen unbewiesenen Behauptungen zerfallen rn Nichts und werden auch auf die Neutralen wirkungslos blei­ben, wenn sie in Betracht ziehen, welche seemännischen Leistungen unsere Auslandskreuzer und unsere U-Boote bei ihren Fernfahrten, die die Bewunderung der ganzen Welt erregten, aufzuweisen haben. Wir haben „es nicht mehr nötig, uns gegen solche Anwürfe, die übrigens nicht einmal originell sind, zu verteidigen.

Auf die Skagerrakschlacht selbst, die im Mittelpunkt der Churchillschen Angriffe steht, muß noch imt einigen weiteren Worten zurückgekommen Zierden, der

Tagschlacht selbst verlor die deutscheFlotte kem einziges grobes Schiff. Nur der Kleine Kreuzer „Wiesbaden" sank im Feuer der ganzen englischen Linie, mst dem letz­ten Geschütz kämpfend bis zum richmreichen Ende. Ein deutscher Panzerkreuzer S. M. S. „LMow" verließ die Linie. Bei der englischen Flotte sanken drei Schlacht­kreuzer und zwei Panzerkreuzer. Ein dritter kurz dar­aus. Zwei englische Linienschiffe mußten die „Linie verlassen. Zwei englische Admirale sanken mit m die Tiefe. S. M. S. „Lützow", die während der ganzen Schlacht an exponierter Stelle gestanden hatte, verließ das Schlachffeld noch mit einer Geschwindigkeit von 15 Seemesten und wurde erst später, am nächsi«i Morgen, als große Wassereinbrüchs die Schwimmfähigkeit in Frage stellten, durch dis eigens Besatziing. die restlos geborgen wurde, verlassen und geferengt. Wenn „ es in der englischen Presse als z w e ck l o s bezeichnet wird, daß die englische Flotte sich überhaupt zum Kampf stellte, weil sie ihren Kriegszweck auch ohne dies Risiko erreicht, wie sinnlos würde es, hieran gemessen, ge­wesen sein, wenn die deuffche Flotte nach ihrem großen taktischen Erfolge zwecklos in See geblieben wäre! Welch anderer Erfolg kann überhaupt von dem um die Hälfte Unterlegenen erwartet werden, als daß er den stärkeren Gegner im Angriff schwer schädigte und sich dann — trotz der überlegenen Geschwindigkeit seines Feindes — im Vollgefühl seliges Erfolges in die eigenen Häfen begibt? Wie groß der deutsche Erfolg in der Skagerrak­schlacht war, stellt sich am klarsten und einfachsten dar, wenn die Verlustziffern mif beiden Seiten hier noch­mals gegenübergestellt werden:

Gesamtverluste in der Schlacht und auf deni Nacht-

| Marsche. Eng'onü Deutschland

Großkampflinienschiffe . • •• • • 1 —

Schlachtkreuzer

Ältere Linienschiffe .••••• » • 1

Panzerkreuzer i • 4 4

Kleine Kreuzer und Zerstörer

Fuhrerschiffe. 4 4 • • " £

Zerstörer (Torpedoboote) • • • • t • 1“ 5

*) darunter 2 Admiralschiffe ^

Gesaintännengebaltiierlust . • 163 2GC 60 <20

Gesamtmenschenverluft . . • etwa 9000 Mann 2863 Freilich muß man bei solchen Betrachtnngeil die tat- sächlichen Zahlen zugrunde legen, und darf nicht die frei erfundenen Berichte, wie sie sich nicht nur in dem amtlichen Bericht des Admirals Jellicoe, sondern z. B. auch in dem Buch des Geschichtschreibers C. Sandford Terry von der Universität Aberdeen über die Skagerrak­schlacht befinden, zu seinen Schlutzsobgernngen be­nutzen. Hier wird von mehreren deutschen Schlacht­schiffen gesprochen, die gesunken sem sollen, und von anderen, die als Wrack gesehen seien und nach der Schlacht auf den Sttand, gesetzt waren. Wer diese Falschmeldungen glaubt, deni ist nicht zu helfen. Selbstverständlich ist es der feindlichen Presse ebensogut möglich, die schwere Schädigung der engli­schen Flotte in der Skagerrakschlacht in „den größten Sieg aller Zeiten" u m z n l ü g e n, wie es möglich war, den feigen Verrat Rumäniens als „edle

Tat" hinzustellen. . . . ~

Es genüge aber, bier festznstellen, daß der für Eng- land so verlustreiche Ausgang der Skagerrakfchlocht aus- oereicht hat, um die „grand fleet ut &te absolute Defensive zu nötigen. Der englische Admiral a. D. Morsty faßt seine Sorgen im „Vtanchester Guardian am 28. Oktober 1916 in die charakteristischen Worte zu­sammen: „Müssen wir uns noch einmal oer^fürch­terlichen Gefahr aussetzen? Verlangt das An­sehen unserer Flotte noch einen weiteren Berveis? >>>ch denke, nein! Der Feind muß uns in uwi.et 1 *em Ge­wässern aufsuchen, wenn er schlagen will."

Ist dies nicht ein volles E rmg ers^n l^n^L des Sieges der deutschen Flotte? " " ' ^ v '