morgen«Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i» -=■)
Nr. 266. Sonntag. 12. November. 1916.
(0. Fortsetzung.!
Utz Himmelreichs Schlüssel.
Erzählung von HanS Grimm.
(Nachdruck verboten.)
Sie hießen einen Farbigen mitgehen und holten ihre Sachen ans den Klippen und richteten sich einen Platz zu, abseits über dein Winde der Werft. Am folgenden Morgen begannen sie mit dem Verlöten der Büchsen, denn das Wasser in der Nähe war sehr klar und gar nicht brackig. Die Männer und die Weiber und die Kinder hockten sich heran voller Neugier und schwatzten lebhaft untereinander. „Sie möchten wissen, was wir Vorhaben", sagte Niessen. Er rief oft hinüber und gab etwas Tabak her.
In der nächsten Zeit holte Niessen mit den Bastards die übrigen leeren Büchsen von den alten Wohnplätzen, die sie bei der Ankunft dort verscharrt hatten. Utz kam ihnen auf dein Rückwege entgegen. „Haben Sie's jetzt heraus? Dies ist ein dummer Ort. Wir müssen vorwärts." Niessen wischte sich den Schweiß von der Stirne. „Ihre Väter hätten etwas gewußt, aber sie hätten nie helle Steine gefunden.' Nie. Alles Reden nutzt nichts." „Diese schmutzigen, verstockten Halunken", schimpfte Utz. „Was steht ihr? Macht euch nach Haus!" rief er den wartenden Bastards zu und warf ihnen schnell und scharf zwei Steine nach. Niessen sagte:
I „Hoffmann, das hilft nun nichts. Ich glaube, daß ich ^ damals da oben lag bei den alten Plätzen, ich habe alles noch einmal genau angesehen. Es stimmt alles. Aber wo sind die drei Kerle? Die dort haben nichts mit ihnen zu tun, das ist mir jetzt sicher. Und das ist entsetzlich, Hoffinann", Niessen machte ein ganz wirres Gesicht, „der Wind und das Wasser, wenn es einmal kommt, die drehen ja hier in ein paar Jahren die ganze Welt um." Er setzte sich und zitterte am ganzen Leibe.
Utz fragte: „Waren Sie damals im Tsondabtal? Ist dies der Tsondab? Habe ich die Merkmale genau erkannt nach Ihrem Bericht? Sterben drei angefärbte Kerls nicht auch einmal?" — Niessen antwortete ja auf jede Frage. Da sagte Utz verächtlich: „Dann stehen Sie doch bitte wieder auf, denn so kommen wir nicht weiter, und lvir lvaren bereit uns zu schinden." Niessen gehorchte und entschuldigte sich: „Hoffmann, ich bekam Angst, weil ich so müde wurde, und dann — das können Sie glauben, Hoffmann, man macht eine solche Sache am Anfang richtig oder falsch."
Als es frisch wurde, bei Sonnenuntergang, straffte sich Niessen vollends. Er sagte: „Sehen Sie, Hoff
mann, darum habe ich mir einen jungen Begleiter geworben, weil's mich zuweilen anfällt. Mir ist eben so viel schief gegangen." Sie beschlossen darauf, sorgsam die Umgebung abzusuchen von der Werft aus und genau zu vergleichen, und sobald sie ihrer Sache sicher seien, vorzustoßen, und dann wenn sie von den Trink- plätzen und Löchern abkämen, an leicht wieder erkennbaren Stellen und in großen Abständen je eine verlötete Büchse einzngraben für die Not. Sie merkten auch, daß jeder allein für sich viel ungeduldiger sei, und daß sie zusammen viel vorsichtiger wären.
Mit dem Absuchen der Umgebung ging es nicht sehr schnell, denn sie mußten weit hinein in die Dünen. Es
kam dann einmal ein fremder Bastard an die Werft von Osten. Er sah aus wie ein reiner Hottentott, aber er nannte sich selbst einen Blendling. Er war ein groß- schnäutziger Bursch. Er erzählte und deutete: „Es hat „daar" ein Reiter ein Soldat gefragt: Es sind zwei weiße Menschen hier herum. Wo sind die zwei weißen Menschen? Was tun die zwei weihen Menschen?" Utz entgegnete geringschätzig: „Was heißt „daar"?" Als Niessen und Utz schlafen wollten, kam der Fremde zu ihnen. Er tippte Utz so lange an und zog an dem Lederbande, an dem der Schlüssel hing, bis Utz ihn: scharf über die Hand hieb, aber das störte ihn nicht. Er versuchte so recht kameradschaftlich zu reden: „Ihr seid lange allein. Es ist heiß Hierlands. Ihr seit weiße Menschen. Ihr braucht sicherlich eine Frau." Er lachte laut, vielleicht um sich angenehm zu machen. „Hier in der Werft. Dies ist nichts. Sie sind schmutzig und krank, sie sind voll Chochos. Ich habe ein Mädchen wie ein weißes Mädchen. Sie ist gar nicht lveit. Sie ist jung. Ihr müht nicht viel bezahlen. Sie war schon bei einem Leutnant. Sie kann jetzt etwas bei Euch bleiben." Er wollte noch weiter anpreisen, da rollte sich Utz aus seiner Decke und sprang auf und trat aus und schrie: „Du alter Schmutzfink, du, warte, warte, ich will dir etwas besorgen. Glaubst du, ich bin deshalb hergekommen, um bei euren Hurenweibern zu liegen. Warte, warte . . . ." In der Dunkelheit ging das Geschrei und die Anrufe wurden nicht feiner in der Entfernung. Als Utz zurückkam, hatte sich auch Niessen aufgesetzt imd stocherte an den. glimmenden Resten in der Asche herum.
„Hat Sie das so aufgebracht?" fragte er. Uh antwortete nicht. Niessen brachte seine Pfeife in Brand und sagte: „Hören Sie einmal, Hoffmann, mir ist die Sache mit dem Reiter von der Schutztruppe durch den Kopf gegangen. Es kann ja alles Geschwätz sein. So ne Story. Aber es kann auch wahr sein. Der Mann kann natürlich nach jemand ganz anderes gefragt haben, er kann aber auch nach uns gefragt haben. Nämlich, wo da doch die Gewehre rauf kommen ins Land zu den verdammten Gelben von der lieben britischen Bai, da wär's ja eigentlich kein Wunder, wenn man jedem hier herum, von dem man etwas Unbestimmtes hört, so ein gewisses Interesse zu zeigen versucht, nicht wahr? Na, und für uns ist doch kein Interesse immer noch besser im Augenblick. Ich glaube, wir sollten cs morgen riskieren."
Utz lag schon wieder in der Decke. Aus der dicken schwarzen Rolle knurrte es: „Los, los. Man weiß schon gar nicht mehr, was einem fehlt."
Niessen nickte: „Hm. Daher weht der Wind."
Da richtete Uh sich noch einmal auf: „Ich will endlich das, wozu ich hergekommen bin. Verstehen Sie? Daher weht der Wind."
„Ich will's um kein Quäntchen weniger", fagte Niessen, während er sich einrollte „Das können Sie glauben!" Er seufzte, aber Utz hörte ihn gleich danach schlafen. ,-
