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Wiesbadener TsgblK

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Nr. 550. ♦ 64. Jahrgang.

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Sonntag» 12. November 1916.

Morgen-Kusaabe.

vir englischen vSlkerrechtr»«rletzungen

Botz Professor Tr Paul Laband.

Ein von allen Kulturvölkern anerkanntes, über­einstimmendes und gleiches Völkerrecht hat es hinsicht­lich des Krieges, besonders des Seekrieges, vor dem Ausbruch des Weltkrieges nickt gegeben. Es beruht dies auf einer Verschiedenheit der Anschauungen _ über den Begriff, das Wesen und den Zweck des Krieges. Seit dem 18. Jahrhundert und besonders seit den Frei­heitskriegen kam die Anschauung zur Geltung, daß der Krieg ein Kampf unter Staaten sei, der beiderseits mit staatlichen Mitteln geführt werde und auf die Nie- derzwingung der organisierten Macht des feindlichen Staates gerichtet sei. Die friedliche Bevölke­rung, die in der Regel an dem Ausbruch des Krieges nicht schuld ist und an der Kriegsführung selbst nicht teilnimmt, soll dagegen von den Leiden und Schäden, welche der Krieg ihr tatsächlich verursacht, möglichst ver- schont werden, soweit dies mit dem Wesen und Zweck des Krieges sich vereinigen lasse. Dieser humanen Auf- fassung entsprach eine Beschränkung der Mittel der Kriegführung; das Leben, die Gesundheit und das Ver- mögen der Zivilbevölkerung sollten nicht vernichtet wer­den, soweit dies nicht eine unabwendbare Folge der notwendigen militärischen Kriegshandlungen ist. In Kongressen, theoretischen Erörterungen und seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in internatio­nalen Vereinbarungen wurde diesen Rücksichten in steigendem Maße Rechnung getragen. Man versuchte durch Rechtssätze der Art und den Mitteln der Krieg­führung Schranken zu setzen; man schuf ein Kriegs­völkerrecht oder glaubte und versuchte wenigstens, es zu schaffen.

Im Gegensatz hierzu hielt aber England an dem alten Begriff des Krieges fest, nach welchem die Schädi- gung und womöglich die Vernichtung des feindlichen Volkes der Zweck des Krieges ist. Jeder Angehörige des feindlichen Volkes ist, wie in alter Zeit, der Feind Englands, der unschädlich gemacksi werben muß; er kann nicht nur ausgewiesen werden, was für ihn in den meisten Fällen weitaus das beste sein würde, sondern er kann interniert, in Gefangenenlager oder Gefäng­nisse gebracht, einer harten Behandlung unterworfen werden, und nur die Furcht vor Revresialien schützt ihn davor, daß er nicht getötet wird, wie der von der eng­lischen Regierung gebilligte „B a r a I o n g" - M o r d und die beim Untergang von „U 41" verübten Scheuß­lichkeiten beweisen.

So wie er hinsichtlich seiner Person als Feind be­handelt wird, so auch mit Rücklicht auf sein Vermögen. Niemand soll mit ihm Handel und Wandel treiben, ihm Zahlungen oder andere Leistungen machen; sein Vermögen wird beschlagnahmt und konfisziert, die ihm erteilten Patente werden für nichtig erklärt, seine Handelsniederlassungen und industriellen Betriebe wer­den geschlossen und aufgelöst, also zerstört, und selbst die Fähigkeit, zur Geltendmachung seiner Rechte vor Gericht aufzutreten und einen Prozeß zu führen, wird ihm entzogen. Er sicht außerhalb von Gesetz und Recht; er ist v o g e l f r e i.

Zur Rechtfertigung eines Krieges sind auch nicht feindselige Handlungen des anderen Staates oder poli­tische Zwistigkeiten mit seiner Regierung erforderlich. Es genügt, daß ein Volk durch seine Geisteskraft, seinen Fleiß, seine Industrie, seinen Handel, seine bewaff­nete Macht usw. dem englischen Eigennutz, der brutalen Ausbeutung und Tyrannisierung der anderen Völker, der englischen Ländergier und Eroberungssucht ein Hindernis bietet. Als Zweck des gegenwärtigen Krieges wurde von der englischen Regierung die Zerstörung des preußischen Militarismus bezeichnet, d. h. die Ver­nichtung der Widerstandskraft Deutschlands und der zu seiner Selbsterhaltung und Verteidigung dienenden Mittel. Zugleich sollten die KonkurrenzfähigkeitDeutsch- lands, seine wirtschaftliche Blüte, sein Handel und seine Industrie vernichtet werden.

Bei dieser Verschiedenheit der Auf­fassung vom Wesen und Zweck des Krieges erscheint vieles vom Standpunkt Englands aus als erlaubt, was nach den bis zum Ausbruch des Weltkrieges herrschen­den Anschauunpen der anderen Kulturstaaten als ver­boten und als Bruch des Völkerrechts erschien. Dabin gehört der Aushungerungskrieg selbst, dessen Folgen viel weniger die siegreiche Armee und Kriegsflotte als die friedliche Bevölkerung, Weiber, Kinder, .Greise. Kranke und Dienstunfähige treffen. Das ganze Volk soll vernichtet werden: nicht nur die für die Kriegführung erforderlichen oder dienlichen Gegenstände, sondern alle Lebensbedürfnisse sollen ihm entzogen werden. Damit im Zusaminenhang stehen die völkerrechtswidrige Ausdehnung des Begriffs der Konterbande, die Erklärung eines Teiles des offenen Meeres als Kriegsschauplatz, die fiktive Blockade, die heimliche Bewaffnung der Handelsschiffe und ihre Ver­wendung zum Angriff gegen deutsche Kriegsschiffe, der

Flaggenbetrug und die Mißhandlung der kleinen, zum Widerstand gegen die englische Seemacht unfähigen neutralen Staaten, die ebenfalls mit Aushungerung, Blockade usw. bedroht werden, wenn sie sich nicht der eng­lischen Willkür fügen und zur Einkreisung Deutsch­lands Mitwirken. Die Aushungerung war als Kampf­mittel im Burenkrieg bereits erprobt, in welchem viele Tausende von Frauen und Kindern einem qualvollen Hungertods preisgegeben wurden durch Lord Kitchener, dessen selbst für einen Engländer unerhörte Brutalität ihn zum populärsten Manne in England machte.

Auch bei der englischen Auffassung vom Wesen und Zweck des Krieges besteht immerhin die Möglichkeit, die Art der Kriegführung mehr oder weniger den Anforde­rungen der Humanität und dem sogenannten Völker­recht anzupassen. In dieser Hinsicht besteht ein Unter­schied zwischen dem Landkrieg und dem Seekrieg. Am Landkrieg hatte England ein ge­ringes Interesse. Infolge seiner insularen Lage und der Verteidigung seiner Küsten durch seine überragende Seemacht war die Gefahr des Eindringens einer frem- den Armee kaum beachtenswert.

Andererseits war auch ein Kontinentalkrieg bei der früher geringen Militärmacht Englands unwahr­scheinlich. Es überließ daher den anderen Staaten, über den Landkrieg untereinander zu vereinbaren, was sie wollten; trat auch gelegentlich diesen Vereinbarungen bei, deren prakffsche Anwendung für England kaum in Betracht kam und die es, wenn dies wider Erwarten doch einmal der Fall sein sollte, nicht zu befolgen ent­schlossen war, wie die Erfahrung gelehrt hat. Für den Seekrieg dagegen unterwarf sich England keiner Beschränkung seiner weltbeherffchenden Macht oder setzte sich in rücksichtslosester Weise über diejenigen Vereinbarungen, die es ratifiziert hat, hinweg, z. B. über die Pariser Seerechtsdeklaration vom 16. April 1856, den Ausgangspunkt und die Grundlage aller neueren Vereinbarungen über den Seekrieg.

England ist hinsichtlich des Seekriegs auf dem Standpunkt längst vergangener Jahr­hunderte stehen geblieben, erkennt keine Beschrän­kung der Kampfmittel durch Verträge oder Rücksichten auf die Humanität an und führt den Krieg nicht nur gegen die Angehörigen des feindlichen Staates, sondern auch gegen die Neutralen mit der gleichen Schonungslosigkeit. Für England gibt es ein Völkerrecht, durch welches es sich im Kriege gebunden fühlte, überhaupt nicht; was andere Völker als Ver­letzungen des Völkerrechts empfinden, sehen die Eng­länder als erlaubten Gebrauch ihrer überragenden Macht zur See an.

Neu« Erfolg« an der rumänischen Zront.

Erstürmung mehrerer verschanzter Linien, verlustreicher Zusammenbruch russischer Angriffe.

Im Westen 10 feindliche Flugzeuge «-geschossen,

ver Tagesbericht vom 11. November.

W. T.-B. Großes Hauptquartier. 11. November. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rupprrcht.

Klares Herbstwetter begünstigte die beiderseitige Artillerie- und Fliegeriätigkeit.

Nördlich der Aue re brachte eine unserer Patrouillen aus der feindlichen Stellung 2 Maschinengewehre zurück.

Bei einem Nachtangriff gelang es den Engländern, nord­östlich von Courcelctte in geringer Breite in unseren vordersten Graben einzudringen. Den Franzosen brachten Häuserkämpfe bei der Kirche bei Saily-Saillisel kleine Vorteile, im übrigen scheiterten die dort auf breiterer Front geführten Angriffe._

Den Bombenangriffen der feindlichen Flieger gegen Ortschaften hinter unserer Front sind gestern 9 Ein­wohner des besetzten Gebietes zum Opfer gefallen. Der an­gerichtete militärische Schaden ist gering geblieben.

Im Luftkampf und durch Abwehrfeuer sind gestern wieder zehn feindliche Flugzeuge abgeschoffen worden.

östlicher Kriegsschauplatz.

Front des Generalfeldmarschalls Pristz Leopold von Bayern.

Mir starten, neu herangeführten Kräften versuchten die Russen vergeblich, uns die bei S k r o b o w a gewonnene» Stellungen zu entreißen; ihre Angriffe brachen verlustreich zusammen.

An der N a r a j o w k a drangen deutsche Truppen in die russische Hauptstellung südwestlich von Folw-Krasno- lesie ein-und wiesen nachts fünfmalige heftige Gegenstöße des Feindes ab.

Heeresgruppe des Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.

Am Smotrec in de» Karpathen hatte ein B o r st o ß deutscher Jäger vollen Erfolg. Sie führten 60 Rüsten gefangen aus den gewonnenen und zerstörten Stellungen zurück.

Die Angriffe deutscher und österreiOsch-ungarischrr Truppen an der Nordostfront von Siebenbürgen sind erfolgreich weiter geführt worden.

Westlich der Straße von P r e d e a l nach S i n a i a wurden mehrere verschanzte rumänische Linien im Sturm genommen und 160 Gefangene gemacht.

An den Paßstraßen weiter westlich spielten sich gestern nur kleinere Kämpfe ab, bei denen einige Höhenstellungen von uns genommen und 200 Gefangene eingebracht wurden.

Balkan - Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe des Generalfcldmarschalls v. Mackensen.

Unverändert.

Mazedonische Front.

Südlich von Korea haben sich Gefechte unserer beiden Abteilungen mit französischen Truppen entwickelt.

Im östlichen Teile der Ebene von M o n a st i r und auf den Höhen nördlich der C e r n a haben französische und ser­bische Kräfte mehrmals Angriffe unternommen, die v e r l u st­reich scheiterten. Nur im Süden von Pvlog hat der Feind in die vordere Stellung einzudringen vermocht.

An der Struma-Front lebte die Artlllcrietütigkeit beiderseits des Butkovo-Sees auf.

Der erste Generalquartiermeister: Lndendorff.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wir», 11. Nov. (Drahtbericht.) Amtlich ver­lautet vom 11. November, mittags:

Östlicher Kriegsschauplatz.

Heeresfront des Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.

Unsere Angriffe beiderseits des A l t f l u s s e s haben weitere Fortschritte gemacht. Westlich des Predealtals erstürmten österreichisch-ungarische und deutsche Truppen sechs hintereinanderliegende rumänische Stellungen und behanp- tctcn diese gegen zwei feindliche Gegenangriffe. An diesem Frontteil wurden 2.60 Gefangene eingebracht und zwei Maschinengewehre erbeutet. Im Ghergyö-Gebirge überschritten wir nördlich Holo daS Bsttricioratal.

Am Smotrec in den Karpathen hatte ein Borstoß deutscher Jäger vollen Erfolg, wobei der Feind 60 Gefangene einbüßte. E

Heeresfront des Generalfkidmarschalls Prinz Leopold von Bayern.

Östlich der N a r a j o w k a »ahme», deutsche Truppen in schneidigem Angrifr ein 120 Meter breites Grabenstück der feindlichen Hauptstellung. Fünf russische Gegen­angriffe an dieser Stelle blieben ebenso erfolglos wie jene, die der Feind gegen die neuen deutschen Gräben bei Skrobowa richtete.

Italienischem und südöstlicher Kriegsschauplatz.

Keine Ereignisse.

Der Stellvertreter des Chefs des GeneralstabeS: v. H ö f r r, Fcldmarfchallcutnaut.

Zur Kriegslage.

(Bon unserem militärischen Mitarbeiter.)»

Die Ereignisse auf unserer östlichen Front zeigen, daß Rußland vorläufig entweder nicht gewillt oder nicht in der Lage ist, mit kräftiger Hand gegen die Eckpfeiler des jungen Königreichs Polen vorzustoßon. Das zeitweise Aufflackern russischer Angriffsstöße, welches ucch in den ersten Navem- bertagen im Luckbogen wahrzunchmen gewesen ist, wich einer völligen Untätigkeit gegen Ende der zweiten Monats- wache. An keiner Stelle machte sich auf gegnerischer Seite da? Streben bemerkbar, welches in den Sommer- und Herbst- monaten immer wieder zum Ausdruck kam„ der starre Wille, die Grundlinie unserer Brgenstellung am Oberlauf de? Stochod zu durchstoßen. Nur im Karpathengebiet er­lebte die Ostfront kleinere Vorstöße russischer Abteilungen, welche jedoch zu keineni Ergebnis führten. Anders zeichnet sich die Lage auf deutscher Seite ob. Glückliche Offensivvor­stöße hatten stets einen durchschlagenden Erfolg und brachten jedesmal ein gutes Ergebnis. Sowohl an der Front Ms österreichischen Thronfolgers wie auch bei der des Pcuizen Leopold von Bayern bewies man kein Feind, daß eine Ent- b l ö ß u n g seiner Kampfkraft z u g u n st e n Rumäniens schwere Nachteile haben müsse. Die siegreichen Vorstöße an der N a r a j o w k a und die noch beachtenswerteren Kämpfe nördlich der. Sumpfgebietes im Raum von Skrobowa, wo der Feind am ö. November in 4 Kilometer Breite mehrere Verteidigungslinien und Tausende an Gefangene embäfcbe, ohne tagsdarans die Scharte auöwetzen zu können, sind leuch-