■! Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. >» —m
Ur. 265. Samstag- II. November. 1916.
(6. Fortsetzung.)
Utz Himmelreichs Schlüssel.
Erzählung von HanS Grimm.
(Nachdruck verboten.)
Als sie endlich in Swakopmnnd landeten, war Utzen alles so vertraut, daß er sich über gar nichts wunderte. In der Bar in Swakopmund sprach niemand über das Buschmannsparadies. Die Menschen hatten näher liegende Vorteile und Sorgen. Der Zufall wollte es auch, daß Niessen dort von niemand wiedererkannt wurde. Einige Herumhänger fragten die Neuange- kommenen Wohl, was sie denn in dem Asfenlande vorhätten? Utz reckte die Nase in die Luft und erwiderte mit seinem höhnischen Lächeln: „Geld verlieren."
Niessen war schnell und freundlich mit einer kleinen Geschichte bei der Hand: Sie hätten beide eine runde Summe geerbt und beabsichtigten das Schutzgebiet gehörig auszukundschaften, um das Rechte zu treffen. Man müsse sich heutzutage sehr in acht nehmen. Wenn einer Hierlands für „stief" Geld eine Kuh verhandeln wolle, sei sie entweder von der Milch oder weit und breit säße niemand, der die Milch kaufen könne. So ginge es mit allem. Ein Mann unter den Zuhörern mit grauen Haaren im ungepflegten Barte meinte: „Der junge Frechdachs hat aber doch recht. Ihr werdet euer Geld verlieren. Das ist nämlich das einzige, was man in dem Affenlands tun kann." Ein Jude, der laut erklärt hatte, er käme vom Kap, und er fei britisch, schlug vor, die Neuen möchten mit ihm nackter Spatz spielen, die Chancen sei-m immer noch besser als die anderen Gelegenheit in einer deutschen Kolonie.
Schon am folgenden Tage trabten Uh und Niessen auf gemieteten Gäulen nach Walfischbai. Niessen riet: „Hoffmann, seien Sie freundlicher mit den Leuten." In Walfischbai war man gewohnt, daß häufig ein paar Feiernde oder Geschäftige vom neuen deutschen Hasenort herüberkanten, und ihnen forschte niemand nach. Zu gleicher Zeit mit Niessen und Iltz erschienen zwei Reiter und drei Mann fuhren in der Karre heran. Niessen nahm Utz in Senfes. Store.' hinein. Noch vordem sie jemand sahen, rief es: „Haha, Sie sind wieder im Lande, Nressen!" Niessen sah sich rundum' und sagte ehrerbietig: „Herr Sense, ich wollte Ihnen guten Tag breten dürfen." Sie mußten einen Augenblick hinter die Teke in das Privatkontor kommen und sich setzen. Niessen erzählte gleich seine Geschichte wie tags vorher in der Bar, nur etwas ausführlicher. Sense nickte fortwährend mit dem Kopfe: „Es rst gut, wenn jeniand
kommt, die Sache geht zu langsam. Menschen niüssen rm. Aus nichts wird nichts'' „Wenn man einer Gold fände bei uns", entgegnete Niessen, „was- Das ist der Speck, der uns eben noch fehlt! Haben d-mn Sie nicht irgend so ein kleines Geheimnis im Tabakbeutel, Herr Sense?" Sense wehrte ab mit beiden Händen: „Ne, Nressen, ne: ich rauche zwar Transvaal-Tabak und hier ist der Beutel. Aber ich bin für die reellen Betätigun- gen. Oder sind Sie etwa deshalb herausgekommen?" Nressen beeilte sich, die Frage zu verneinen, aber Sense neckte ihn und erklärte, er erinnere sich wohl, daß Niesten schon vor Jahren zu den heimlichenSchatzgräbern gehört habe, und das seien auch bei dieser Leidenschaft
die Schlimmsten. Als Rede urrd Gegenrede in solcher Art schnell hin und her gegangen waren, sagte Niessen lachend: „Wenn ich hier in Walfischbui wohnte, wür's wirklich kein Wunder, bei Ihnen sucht eigentlich jeder nach dem Buschmannsparadies, so müde sind sie alle den Sand!" Sense antwortete: „Sand ist freilich in Swakopmund auch nicht viel weniger, aber Sie haben recht. Das Märchen stirbt hier nicht aus. Und die Geschäfte sind nicht mehr das, was sie waren, und wenn einer Zeit hat, und wenn's ihnr Vergnügen macht..." Die anderen Swakopmunder liegen sich melden, da gingen Niesten und Utz hinaus. Niessen zeigte Utz das
* aus mit der Kanone davor: „Da wohnt der Resident tubbs . . ." Sie begegneten einem langen hageren Menschen und einem kurzen dunklen. Beide sahen hungrig aus. Niessen grüßte den ersten. „Das eine ist Sunshine, der Polizeikapitän, und der da, ich habe den Namen vergessen, der war schon oft draußen, sie haben ihn schon halb verdurstet gefunden, vielleicht war der am nächsten dran. Aber der Resident und der Kapitän meinen innner, sie wüßten alles, wenn die eine Ahnung hätten. . ." Niessen war sehr vergnügt, der ersehnte Sandboden unter den Füßen tat ihm Wohl, und auch Utz wurde lebhaft und fast wie berauscht. Auf dem glitzernden harten Strande wanderten sie hin auf die Lagune zu. Rechts von ihnen lief der weiße Streifen der Brandung. Als sie eine ansehnliche Strecke von den farbigen Holzhäusern der Niederlassung entfernt waren, wies Niessen landein auf die gewaltigen Sand- dunen und die darüber flimmernde Luft: „Dahinter liegt's! Da ziehen die armen Esel hinein, aber dann hört ihre Kunst auf!" Utz starrte und starrte. „Was ist?" fragte Niessen. „Ob wir es nicht doch gleich von hier versuchen könnten?" murmelte Utz. Niessen fing zu tanzen an wie ein Schulmädchen. „Hurra, hurra. Sie habend gefunden, Hoffmann. Wir nehmen gleich vom Platze weg ein Billett erster Klas'e hin!" Utz tat nicht beleidigt, sondern lachte mit, dann bockten beide auf dem vom Seewasser angefeuchteten Boden, und Utz riß emsig arbeitend mit dem Messer eine Skizze hinein nnd baute die Dünengebirge auf und grub die Reviere aus und zeigte, daß er dennoch alles richtig festgehalten habe. Niessen fand wenig auszustellen und wunderte sich. „Sie haben einen scharfen Kopf, Hoffmann". sagte er, „und diesmal ist das Glück mit uns, wo der Kuisib wirklich angekommen ist. Das trifft nur alle Jubeljahre. Sie haben es ja selbst gehört, wenn die Hottentotten sogar mit einen: Wagen den Knisibweg bis hierher heruntergefahren sind, um sich bei Brown Gewehre zu holen, dann ist mehr Wasser im ganzen Sande da als jemals. Und vielleicht ginge es zur Not wahrhaftig von hier. Mer wir wollen's uns nicht verbiestern." Sie trampelten beide vorsichtig auf der Skizze herum, als könnten die Striche und Häufchen und Furchen, vordem sie das Meer fortwüsche, noch laut nach dem Orte hinüber zu reden anfangen. Utz bekam böse Augen dabei: „Daß eS bisher niemand gefunden haben soll! Wenn jetzt doch
