Wiesbadener Tagblatt.
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Samstag, 11. November 1916.
klbend-klusgabe.
Nr. 549. . 64. Jahrgang.
Oie Ranzlerrede.
Nur die hartnäckigste Selbstverblendung könnte nach der Rede des Reichskanzlers im Hauptausschuß noch an der Unwahrheit festhalten wollen, die L o r d G r e y jüngst wieder einmal in die Welt hinausgeschrien hat, an der Unwahrheit, daß Deutschland die Schuld an diesem Kriege trage. Kein Beweis dafür, daß der Bierverband die Verantwortung für den Weltkrieg auf seine Schultern zu nehmen hat, kann zwingender sein als der vom Reichskanzler erbrachte. Gewiß ist dieser Nachweis wiederholt schon geliefert worden, sowohl in den Reden des verantwortlichen Staatsmanns wie in den Sammlungen diplomatischer Aktenstücke, die von den Regierungen der Mittelmächte im Laufe des Krieges veröffentlicht worden sind. Aber da die falsche Darstellung aus dem feindlichen Lager immer noch und immer von neuenr aufrechterhalten wird, halb zur Betäubung des eigenen Gewissens und halb zur Bearbeitung der öffenüichen Meinung in den neutralen Ländern, war es notwendig, die Mühe einer abermaligen aktenmäßigen Geschichtserzählung nicht zu scheuen. Der Reichskanzler hat die Aufgabe gelöst, die ihm die Liebe zur Wahrheit und sodann die Pflicht auferlegte, die Neutralen vor den groben englischen Täuschungsversuchen zu bewahren. Lückenlos gelang ihm der Beweis, daß einzig und allein der zum Kriege von Anfang an entschlossen gewesene Wille Rußlands und Englands, denen sich Frankreich anschloß, diesen Krieg verschuldet hat, und daß die Mittelmachte fast bis an die Grenze der Selbstentäußerung gegangen waren, als sie das Äußerste aufboten, das furchtbare Schicksal von Europa abzuwenden. Der Reichskanzler machte eine Enthüllung, von der man es zu bedauern hat, daß sie erst jetzt vor die Öffentlichkeit gebracht wird. Man versteht es sehr gut, welch starken Eindruck die Mitglieder des Hauptausschusses und die zuhörenden übrigen Reichstagsmitglieder empfingen, als der Kanzler mitteilte, bei Ausbruch des Krieges von 1914 sei noch eine im Jahre 1912 erlassene allgemeine Anweisung der russischen Regierung für den Mobilmachungsfall in Kraft gewesen, die wörtlich folgende Stelle enthält: „Allerhöchst ist befohlen, daß die Verkündung der Mobilisation zugleich die Verkündung des Krieges gegen Deutschland ist." Das geschah im Jahre 1912! Warum ist uns das nicht schon längst gesagt worden? Me Machenschaften der Feinde zu dem Zwecke, uns als die Friedensstörer hinzustellen, würden allein schon durch diese einzige Enthüllung zuschanden werden müssen. Aber auch wenn die Anweisung der russischen Regierung nicht erfolgt wäre, würde die Darstellung des Reichskanzlers den letzten noch etwa denkbaren Zweifel daran, daß die Verantwortung für den Weltkrieg ausschließlich unseren Feinden zu fällt, voe jedem Gerichtshöfe der Erde zerstreuen müssen. Die Stimme der lautersten Wahrhaftigkeit, die aus der Kanzlerrede ertönte, mag vorübergehend durch den Lärm im feindlichen Lager erstickt werden, auf die Dauer kann das nicht gelingen. Diese Rede ist ein bleibendes Dokument der staatsmännischen Ehrlichkeit, der Friedensliebe, , der Gerechtigkeit, aber auch der Festigkeit, mit der die Staaten und Völker Mitteleuropas den ihnen aufgezwungenen Kampf nicht endigen wollen und werden, als bis sie die Sicherheit ihres Bestandes und die Bürgschaften für die Entfaltung ihrer natio- nalen, kulturellen und wirtschaftlichen Kräfte erstritten haben. Der Reichskanzler wies aber auch Wege in die Zukunft hinein, und diese seine Ausführungen müssen besonderes Interesse erwecken, weil sie ein großes fruchtbringendes Programm des Völkerfriedens mit deutlich erkennbaren Umrissen entwickeln und weil sie zugleich zwischen den Worten manchen wichtigen Teil von den Kriegszielen der Mittelmächte wahrnehmen lassen. Nach dem Willen Deutschlands wird hiernach jede ernste Bestrebung, eine prakttsche Lösung für die Verhütung der Wiederkehr einer so ungeheuren Katastrophe zu finden, wie sie dieser Krieg bedeutet, unterstützt und ihrer Verwirklichung zuqeführt werden. Lord Grey kann in dieser Beziehung keine Forderung aufstellen, die, wofern sie nur ehrlich gemeint wäre, nicht von uns und, wie man hinzufüqeu darf, auch von unseren Verbündeten aufrichtig gebilligt werden würde; aber dieser von Deutschland und Österreich-Ungarn ersehnte Zustand der Sicherung von Reckt, freier Entfaltung, wird wesentlich anders aussehen als derjenige, den die englischen Staatsmänner mit ihren volltönenden heuchlerischen Verheißungen verhüllten; er wird auch die Freiheit der Meere verwirklichen, von dew Lordd Grey begreiflicherweise nicht sprach, und er wrrd dafür sorgen, daß Rußland nicht Konstanfinopel und dre Meerengen erobert, daß Klein- crfien nicht von brn Vierverbandsmächten aufgeteilt wird, daß Elsaß-Lothringen nicht von unserem Reichs- körper abgerissen wird, daß England nicht nach dem Kriege unser Wirtschaftsleben vernichte« kapp S8«r»
der Reichskanzler wiederholt betonte, daß der Krieg für uns ein Verteidigungskrieg sei, ivenn er rm Zusammenhänge damit erklärte, daß er die A n n e x i o n Belgiens niemals als Absicht bezeichnet habe, wenn er mit starrem Nachdruck verkündete, daß wir bereit seien, uns an die Spitze eines Völkerbundes zu stellen, der Friedensstörer im Zaume halten solle, so sind das Bürgschaften des Weltfriedens, wie sie fester und dauerhafter nicht gedacht werden können. Der Widerhall aus dem neuttalen Auslande auf diese kluge und inhaltsschwere Rede kann nicht anders als zustimmend sein, wenn man draußen bereit ist, die Stimme der Vernunft und der Ehrlichkeit zu vernehmen. Begreiflicherweise wird es den tiefsten Eindruck machen, was der Reichskanzler über Belgien sagte. Aber wir möchten dringend davor warnen, seinen Worten eine Auslegung zu geben, wie sie mehrere Redner im Hauptausschuß für gut befanden, und zwar in dem Sinne, daß wir durch diese Erklärung des leitenden Staatsmanns gewissermaßen unseren Rückzug aus Belgien angekündigt hätten. Diese Auslegung ist darum unstatthast, weil es zwischen der abgelehnten Annexion und den anderweiten Möglichkeiten, Belgien politisch, militärisch,und wirtschaftlich in unserer Hand zu behalten, viele Zwischenstufen gibt, von denen der Reichskanzler weder gesagt oder auch nur angedeutet hat, daß er sie ebenfalls aus dem Bereiche der Erwägungen ausschließe. Wenn der Kanzler erklärte, daß die Annexion Belgiens nicht in Frage komme, so darf man, um falsche Folgerungen zu verhüten, doch wohl betonen, daß bis auf einige wenige übereifrige Leute, niemand in Deutschland jemals die Einverleibung dieses Landes in das Reichsgebiet gefordert hat. Stets ist nur verlangt worden, daß Belgien aufhören müßte, ein englisches Einfallstor zu sein, und diese Forderung muß notwendigerweise auch die unserer Reichsleitung sein und bleiben, wenn das in Geltung befindliche Wort des Reichskanzlers vom 5. April 1916, wonach wir auch im Westen „reale Garantien" bekommen müssen, einen Sinn haben soll. Mit der größten Schärfe ist es deshalb zurückzuweisen, wenn heute der „Vorwärts" schreibt: ,L8as die deutsche Regierung will, ist jetzt ziemlich klar, was französisch ist, soll fianzösisch, was belgisch ist, soll belgisch, was deutsch ist, soll deutsch bleiben, das hat der Reichskanzler mit anderen Worten als Scheidemann, aber nicht weniger deutlich gesagt." Wir erwidern darauf: Das hat er nicht gesagt, und wenn der „Vorwärts" es anders behauptet, so legt er nicht aus, sondern unter. Es ist zu erwarten, daß die Darstellung des aus mancherlei bekanntenGründen so wichtig gewordenen sozialdemokratischen Blattes nur neue Verwirrung anstifien wird, schon weil die bekannten Gruppen, die man nicht näher zu bezeichnen braucht, den Anlaß begierig aufgreifen werden, Mißtrauen zu säen. Wir unsererseits halten es für vollkommen ausgeschlossen, daß der vom Reichskanzler formulierte Satz den Verzicht auf jede Einfiußnabme nach der belgischen Seite hin in Aussicht stellen sollte.
Ereignisse zur §ee.
Die lebhafte Tätigkeit unserer U-Boote in der Ostsee.
Zerstörungsarbeit im Hafen von Helsingfors.
Br. Karlsruhe, 11. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Schweizer Blätter melden aus Stockholm, daß die deutschen Unterseeboote in der Ostsee fortwährend eine sehr rege Tätigkeit entfalten. Die von den Russen wiederholt angelegten Minenfelder hätten bis jetzt überhaupt keine Wirkung auf die Tätigkeit der deutschen Unterseeboote ausgeübt. Eines der Unterseeboote ist vlötzlich zweimal zur größten Überraschung der Festungsbesatzunq im Hafen von Helsingfors erschienen und es ist ihm gelungen, eine Anzahl größerer und kleinerer Schiffe vor den Augen des russischen Kommandanten der FesMng Sveaborg bei der Einfahrt von Helsingfors zu versenken.
Italienische Unzufriedenheit mit der Kriegssührung der Engländer zur See.
Br. Lugano, 11. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der „Mattino" richtet in einem von der Zensur stark gestrichenen Leitartikel heftige Angrifi« gegen die englische Kriegsführung zur See. Das Neapeler Blatt sagt: Wenn die ganze italienische Presse auf das eigene Denken verzichtet habe, so wolle er, der „Mattino", den Italienern einmal die Wahrheit sagen. England halte seine Flotte beständig zurück. Es greife nie an und dulde lieber gefährliche deutsche Vorstöße, ehe es seine Schiffe einer Gefahr aussetze. Seine einzige Sorge sei die Durchführung der Blockade und die Vernichtung des deutschen Handels, aus sei aber nur für England ein Vorteil. Die Folge der Blockade dagegen sei der deutsche Unterfeebvotskrieg, der durch unaufhörliche Vernichtung des Schiffsraums alle Verbündete sehr schwer schädigt. Die Verbündeten, darunter Italien, haben von der Mitwirkung der englischen Flotte, die weit über Gebühr gerMnt wurde, viel »ehr Schapen al& Lutz«;«.
Der Krieg gegen England.
Die Einseifung der Neutralen durch Asquith.
W. T.-B. Amsterdam, 11. Nov. (Drahtbericht.) Aus von dem Reuterfchen Bureau hierher telegraphierte« liberalen Blätterstimmen über die Rede Asquiths geht klar hervor, daß sie hauptsächlich an die Neutralen, vor allem an Amerika, gerichtet ist. — „Daily Chronicle" schreibt: Wer die amerikanischen Blätter
liest, weiß, wie genau der Premierminister den Nagel auf den Kopf traf. Die Deutschen benützen mit Vorliebe das Schreckbild von der Tyrannei der Alliierten über den Handel. Es ist unnötig, darauf hinzuweisen, wie diese deutsche Propaganda durch Reden in England, wie die soeben von Carson und seinen Freunden in der Debatte über Nigerien gehaltene gefördert wird. Es wäre zu wünschen, daß die A b l e u g- n u n g des Planes, der den Alliierten durch die deutsche Propaganda zugeschrieben wird, in der ganzes neuttalen Welt zur Kenntnis genommen würde. — ,',Daily News" sagt: In Amerika war die deutsche Behauptung, die Alliierten würden sich nach dem Kriege gegen den Handel der Neutralen wenden, das Hauptargument der republikanischen Partei bei der Präsidentenwahl. Man dürfe hoffen, daß Asquiths nachdrückliche Erklärung das durch die deufiche Propaganda in den neuttalen Ländern angerichtete Unheil beseitige.
Eine Salfoursche Hetzrede.
W. T.-B. London, 10. Nov, (Meldung des Reuterfchen Bureaus.) Bei dem Bankett in der Guildhall hielt B a l - f o u r folgende Rede: Die Engländer und ihre Bundesgenossen haben die unbestrittene Herrschaft auf der See. Vom britischen Standpunkt aus betrachtet weist diese Stellung aber ejinige Unzulänglichkeiten auf. Wenn der Handel des Feindes von der See vertrieben wird, können keine Schifffe mehr zu Prisen gemacht weiden, wenn die feindliche Flotte in der Nähe ihrer verstärkten Operationsbasen bleibt, können keine Siege errungen werden. Einige Kritiker denken deshalb, daß die englische Flotte zn einer positiven Rolle verurteilt ist. Das ist unrichtig. Sie hat eine viel schwierigere Aufgabe als die bloße Verteidigung der Küsten. Sie bat für die Sicherheit der Verbindungslinien der Armeen über See zu sorgen, die cn allen Punkten Europas kämpfen. Sie muß bei gutem und schlechtem Wetter die Blockade aufrechterhalten, die die Hilfsquellen des Feindes verstopft. Ich kann versprechen, daß die Pflichten, die auf der Flotte ruhen, sowohl was den Angriff als die Verteidigung betrifft, zukünftig ebenso erfolgreich erfüllt werden wie in der Vergangenheit. Aber ich will nicht versprechen, daß die Sorgfalt in der Wachsamkeit eine Zusammenziehung der Kampfmittel und vorübergehende, allerdings vergebliche Angriffe unmöglich macht, wie den jüngsten Angriffim Kanal, der übrigens keinerlei militärisch oder maritim ins Gewicht fallende Ergebnisse hatte. Ich glaube nicht, daß der Angriff wiederholt wird, da er die große Gefahr, die der Feind in einem solchen Falle liefe, nicht rechtfettigen würde. Derartige Überfälle haben mit dem großen Problem der Beherr- ichung der See nichts zu tun. Deutschland hat jetzt die Hoffnung aufgegeben,' unsere Seeherrschaft durch eine Flottenaktion anzufechten und ist zu erbärmlicheren, verbrecherischen Methoden übergegongen. Balfour verlas sodann folgenden Auszug aus der deutschen Prisenordnung, die ani Tage vor der Kriegserklärung neu ausgefertigt worden sei: „Beim Anhalten und Durchsuchen eines Schiffes unter neutraler Flagge
muß der Kommandant so viel wie möglich zu vermeide» trachten, daß es den Kurs verändern muß. Er muß ttachteu, es so wenig wie möglich zu belästigen." Vor einigen Tagen wurde der norwegische Dampfer „Ravn" während eines heftigen Sturmes angegriffen und versenkt. Die Besatzung er- bielt fünf Minuten Zeit, um in die Boote zu gehen. Von einem dieser Boote wurde seither nichts mehr gehört. Ein anderes erreichte die Küste, aber von den zehn Insassen waren zwei infolge der Anstrengungen gestorben. Zwei gingen auf Felsen zugrunde. Eine glückliche Illustration der Vorschrift so viel wie möglich zu vermeiden, daß Schiffe aus Kurs gebracht werden lindem man sie versenkt), eine glückliche Illustration der Bemühungen, so wenig wie möglich lästig zu fallen. Sodann verlas Balfour Auszüge aus einer Rede, die Baron M a r s ch a l l auf einer Haager Konferenz gehalten lat. Der Konferenz lag die Frage vor, wie mit Minen zu verfahren sei. Die Briten erhoben Einspruch gegen die deutschen Methoden mit oec Begründung, daß sie für die Re», tralen zu hart sein würden. Der deutsche Vertreter sprach wie folgt: Militärische Aktionen werden allein durch das Völkerrecht beherrscht. Daneben gibt es andere Faktoren, wie das Gewiffen, das Gerechtigkeitsgefühl (wöttlich: Mock sense) und das Gefühl für die Pflichten, die durch die Grundsätze der Menschlichkeit auferlegt werden. Sie werden der sicherste Führer für das Verhalten der Seeleute sein. Die wirksamste Gewähr gegen einen Mißbrauch bieten die Offiziere der deutschen Flotte. Ich verkünde laut: Sie werden die Pflichten» die das ungeschriebene Gesetz der Menschlichkeit und Zivilisation auferlegt, immer genau erfüllen. (Heiterkeit.) Was sollen wir von einer Nation sagen, die durch den Mund tDre^ auserkorenen Vertreters diese Rede hält und schon zwei Jahr» später M e du i*x düg »LusfiLa utu" (,?J) prägen
