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.. P-tsdamer Etr.121 K, Sernspr.: »«t Lütz-W 6202 u. 6203. Lnn»dS

Samstag, 11. November 1916.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 548. . 64. Jahrgang.

Sie Bedrückung der Neutralen.

Von Hermann vom Rath, Legationsrat a. D.

Als Lord Grey den Entschluß der britischen Kriegs­beteiligung begründete, da verstieg er sich zu der Be­hauptung, England würde als kriegführende Macht nicht in eine viel schlimmere Lage kommen, als wenn es neutral bliebe. Diese Prophezeiung hat sich insofern nicht bewahrheitet, als England im Lause der Zeit und unter dem Zwang der Verhältnisse ein sehr viel größeres Risiko auf sich nehmen mußte, als das­jenige war, zu dem es sich vertraglich verpflichtet hatte, mit dem der Minister zu Kriegsbeginn rechnen zu dürfen vermeinte. Denn zum erstenmal in seiner an Kämpfen überreichen Geschichte hat England den Kriegs­tribut im vollen Umfange mit dem Blute seiner eigenen Söhne entrichten müssen.

Aber aus den Greyschen Worten kann man die Vor- aussage herauslesen, daß die Lage der Neutralen eine sehr viel schwierigere werden würde als in früheren Kriegen. Diese Voraussage ist in vollem Maße einge­troffen, und die Prophetengabe des Ministers ist darum keine sonderlich überraschende, weil England es ist, das die Erschwerung herbeigeführt hat. Die Sorge um die Volksernährung macht sich auch bei den europäischen Neutralen geltend, und schon schreitet man in einzelnen Ländern zu Organisationen nach deutschem Muster, um den Lebensunterhalt sicher­zustellen, legt man den einzelnen den Zwang der Selbst- befchränkung auf. Die Neutralen erblicken darin ein unabwendbares Geschick, das getragen werden muß, mit dem man sich schlecht und recht abfindet.

Aber die schwerste Bedrückung für sie liegt nicht in dieser infolge des Weltkrieges unvermeidlichen Knapp­heit f>ev Lebensmittel und Entwertung des Geldes, sondern in der Tatsache, daß das System der britischen Kriegführung auch die Neutralen in seine Dienste stellt unter brutalerMißachtung ihrer eigenen Interessen und ihres Rechtes der Selbstbestimmung. England beansprucht damit die souveräne Verfügungsgewalt über alle am Kriege Nichbeteiligten, genau so, wie es innerhalb der Entente die unbedingte Führung an sich gerissen bat. Es han­delt nach dem Grundsatz: Was Englands Vorteil dient, ist gut, was ihm schadet, ist moralisch verwerflich. Dar­aus ergibt sich für jedermann in der Welt das Gesetz, sein Verhalten nach britischem Willen einzurichten. In idealer Form wird diese Pflicht dadurch erfüllt, daß die gesamte bewaffnete Macht eines jeden Landes der Verbandsführung zur Verfügung gestellt wird. Wo dies aber nicht erreichbar ist, da muß wenigstens das ganze Wirtschaftsleben auf die Unter­stützung Englands und auf die tunlichste Schädigung seiner Feinde eingestellt werden.

Wie weit die Eingriffe in Privatinteressen, die Miß­achtung der Rechts- und Staasordnung der Neutralen geht, zeigt der krasse Fall, der jüngst aus Norwegen ge- meldet wurde. „Sie haben eines Ihrer Schiffe ver­kauft, ohne vorher die Erlaubnis der englischen Regie- rung einzuholen, schrieb der britische Konsul an einen norwegischen Reeder. „Bei einer Wiederholung wer- den Sie keine.Bunkerkohle mehr erhalten." Die prompte Antwort lautete: „Da ich norwegischer Bürger bin, habe ich mit der englischen Regierung nichts zu schaf­fen. Kohle kann ich wohl auch anderswo bekommen. Im übrigen habe ich bis jetzt nicht gewußt, daß Nor­wegen eine englische Kolonie ist."

Solche Fälle unbeugsamen Widerstandes beobachten wir selten. Die Regel ist, daß der brutale englische Zwang sein Ziel erreicht, mag dabei auch die Existenz des Neutralen in die Brüche gehen. So wurde kürz­lich einem neutralen Schiffer die Ausfahrt aus einem englischen Hafen verboten, wenn er sich nicht verpflich­tete, Bannware in Gestalt von Kohlen nach Italien zu verfrachten. Der Schiffer weigerte sich und blieb im Hafen liegen. Als aber sein Geld ausgezehrt war und der Hunger sich meldete, unterwarf er sich dem britischen Zwange. Die Folge war, daß sein Bannwarenschiff von einem deutschen U-Boote torpediert und er ruiniert wurde.

Die Bedrückung der Neutralen erfolgt nicht nur in Einzelfällen, wo man sich unmittelbaren Vorteil davon verspricht, sondern allgemein, systematisch und unter zynischem Eingeständnis der Mißachtung der davon be- troffenen Länder in breitester -Öffentlichkeit. Tie eng­lisch-russische „Nowoje Wremja" verkündete kürzlich eine programmatische Begründung für die Bedrängung der Neutralen: „Bei der Bekämpfung Deutschlands auf seiner nördlichen Front werden allerdings die Interessen lener kleinen neutralen Mächte leiden. Diese Interessen erscheinen aber so unbedeutend, daß man sie recht wohl außer acht lassen kann." Das ist die V e r k ü n d i- g u n g des k r a s s e st e n F a u st r e ch t s und die For­derung seiner Anerkennung durch die g ä n z l i ch am Kriege Unbeteiligten. Das ist hie Wblam-

npng der durch Herkommen wie durch zahllose Über­einkommen geschaffenen Grundlage für die Beziehun­gen zivilisierter Völker untereinander. Fürderhin sollen nicht Recht und Gesetz, sondern allein bru­tale Gewalt sie bestimmen. Wir fragen Lord Grey, wie diese Praxis sich zu der von ihm so emphatisch verkündeten Theorie stellt, in Zukunft das Verhält­nis der Nationen durch schiedsrichterliche Vereinbarun­gen zu regeln, wir fragen, wo sind die Garantien dafür, daß England selber sich an solche Abmachungen hält?!

Einzeln ohnmächtig, haben die Neutralen es ver­säumt, sich zu wirksamem Widerstand gegen die briti­sche Bedrückung zusammenzuschließen. Nur allmählich, mit kaum bemerkbarer Steigerung hat England den Druck verstärkt. Durch diese vorsichtige Taktik im Verein mit Manipulationen, die einzelnen reiche Ge­winne brachte, gelang es ihm, ein Zusammenfließen des Widerstandes zu einem wirksamen Strome zu verhin­dern. Mit dem steigenden britisihen Druck wächst natür­lich auch die Energie unseres Widerstandes gegen seine Folgen für uns. Wenn dadurch gleichzeitig auch die Verlegenheit der Neutralen zunimmt, " unsere Schuld i st es nicht. Nicht um die Neutralen zu schädigen, sondern um Englands Schläge zu parieren, ^ühren wir die unsrigen. Noch lange nicht sind wir an der Grenze unserer Hilfsmittel angelangt.

Gsterreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 10. Nov. (Drahtbericht.) Amtlich ver­lautet vom 10. November, mittags:

Östlicher Kriegsschauplatz.

Heeresfront des Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.

Westlich der Bulkanpaß st raste blieben rumänische Angriffe erfolglos. Beiderseits des Alttales und südwestlich von Predeal gewannen die verbündeten Truppen erneut Gelände, warfen den Feind in Stürmen aus seinen Stellungen und behaupteten diese gegen feindliche Gegenangriffe. 188 Gefangene und 4 Maschinen­gewehre blieben in unserer Hand. Auch im G y e r g y ö- Gebirge macht unser Angriff günstige Fortschritte.

Heeresfront des Generalfrldmarschalls Prinz Leopold von Bayern.

Bei Skrobowa stürmten deutsche Bataillone in etwa 4 Kilometer Breite mehrere russische Verteidigungslinien und warfen den Feind über die Niederung zurück. Außer großen blutigen Verlusten verloren die Russen 49 Offiziere, 3380 Mann an Gefangenen; 27 Maschinengewehre und 12 Minen­werfer wurden erbeutet.

Balkan - Kriegsschauplatz.

Monitore der K. und K. D o n a u f l o t t i l l e erbeute­ten bei Giurgiu zwei rumänische mit Petroleum beladene Schlepper.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Lage ist unverändert.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

An der Bojusa-Front gesteigerte feindliche Artillcrietätigkeit.

Der Stellvertreter des 6Hess des Generalstabes: v, Hofer, Fcldmarschallcutnant.

Oie russische Mobilmachung zugleich die Kriegserklärung an Deutschland!

W. T.-B. Berlin, 10. Nov. (Drcchtbericht.) Die „Nordd. Allg. Ztg. schreibt unter diesem Titel: Die gestern in der Rede des Reichskanzlers erwähnte russische Mobilmachungsan­weisung vom Jahre 1912 verdient in ihren Hauptpunkten im Wortlaut bekannt zu werden, da sie die seit langem gehegten Angriffsabsichten Rußlands gegen Deutsch­land enthüllt. Die Behauptung Grehs, daß die russische Mobilmachung lediglich eine Berteidigungsmaßncchm« ge­wesen sei, ist schlagend widerlegt worden.

Geheim! Eilt!

Chef des Stabes des Warschauer Militärbezirks, Sektion des Generalquartiermeisters. Mobilisationsabteilung.

3 0. September 1912, Nr. 24k>0, Stadt Warschau.

An den Kommandeur des 4. Armeekorps.

In Abänderung aller früher erfolgten Anordnungen be­züglich des operativen Teils teile ich Ihnen aüf Befehl des kommandierenden Generals der Truppen nachstehende leiten­den Gesichtspunkte mit:

Allerhöchst ist befohlen, daß die Verkündigung der Mobilisation auch die Verkündung des Kriegs gegen Deutschland ist. Die deutsche Armee kann bet völliger Kriegsbereitschaft ihren Auftnarsch im Raum der Masurischen Seen am 13. Tage der Mobilmachung beenden. Allerdings ist eine Überschreitung der Grenze durch die vorde- ren deutschen Korps schon am 10. Tage vollkommen möglich. Di« bewaffneten Kräfte Rußlands toerden in einige Armeen zerlegt, die vorher bestimmt sind zu Operationen, gleichzeitig sowohl gegen Deutschland wie ««ch g«gen Qsterreich-llugarn.

Die Armeen, die vorher bestimmt sind für die Operationen gegen Deutschland, wevden zu einer Gruppe zusammengefaßt unter dem Kommando des Oberbefeblsbabers der Gruppe der Armeen gegenüber der deutschen Front. Die zweite Armee, i}U deren Bestand das sechste Korps gehöri, tritt zu der Gruppe oer Armeen der Nordwestftont. Der Stab des Ober­befehlshabers der zweiten Armee befindet sich bis zum 7. Tage der Mobilisation in Warschau, darauf in Wolkowisk. Die all- genieine Aufgabe der Truppen der Nordwestftont ist: Nach Beendigung der Konzentrierung Übergang zum Vormarsch gegen die bewaffneten Kräfte Teutscblands mit dem Ziel, den Krieg in dessen Gebiet hinüberzutragen. Die Aufgabe der ziveiten Armee ist: Verdeckung der Mobilisation und der all­gemeinen Konzentrierung der Armee. Den Raum Bialostok- Grodno muß die Armee auf jeden Fall in ihren Händen be­bakten. Zur Erfüllung dieser Aufgabe versammelt sich di« zweite Armee an der Front Sopockini-LomSza. (Es folgen einzelne Anordnungen über den Auftnarsch und die Auf­stellung der Divisionen, Transporte usw.) Zum Schluß wird auf die gewichtige. hochpolitische Bedeutung der Anord­nungen hingewiesen mit den Worten: Der Inhalt dieser An­weisungen bildet strenges Staatsgeheimnis. ES folgen die Unterschriften: Ger «wallen in an t Kiinjew, General­major Postowski, Sldjutant Oberst Daler.

Dieser Befehl vom Jahre 19,2 ist nicht aufgehoben wor­den, und war mithin bei Ausbruch des Krieges im Juli 1914 nochgültig. Er -war zweifellos bei dem engen Zusammen­arbeiten zwischen dem russischen und dem französischen Gene­ralstab auch der französischen Regierung und durch diese auch der englischen bekannt, -da während der letzten Jahre vor dem Krieg eine dauernde Verbindung zwischen dem französischen und dem englischen Generalstab bestand, was durch die häufigen Reisen des Generals French nach Frankreich auch neuerlich zum Ausdruck gekommen ist.

Russische Entrüstung über „frechen Unfugs der antideutschen Liga.

Buchanans Umtriebe.

(Drahtbericht unseres ^-Sonderberichterstatters.)

8. Stockholm, 10. Nov. (zb.) Die antideutsche Liga begegnet in allen politischen Kreisen Rußlands wach­sendem W i d e r ft a n d. Ein „Verband des russischen Volkes" will eine Versammlung einbecufen, um die Massen über den .frechen Unfug" aufzukläreu, den die unter ausländisch«-! Einfluß stehende Gesellschaft unter dem Deckmantel des Patriotismus treibt. Sensationelle Enthüllungen über Um­triebe des englischen Botschafters B u ch a n a n werden ange­kündigt. Auch die äußerste Linke rückt jetzt von der englischen Propagandagesellschaft ab. De- ProgreMenführer Jeffv^- moff, der wegen seiner Zugehörigkeit zu der Gesellschaft von seiner Partei ausgeschboffen werden soll, erklärt, daß er ohne sein Wissen in den vorgenannten „Ehrenvorstand" ausge­nommen und trotz seines Protestes hiergegen in den Listen weitergeführt würde.

Protopopoffs Ernennung zum Versorgungs-Diktator.

(Drahtbericht unseres 8.-SonderberichterstatterS.)

8. Stockholm, 10. Nov. (zb.) Die Rückkehr des Zaren aus dem Hauptquartier nach Petersburg, die vor einigen Tagen gemeldet wurde, diente Beratungen in der Ber- sorgungsfrage. Während seines viertägigen Aufent­haltes in Zarskoje-Sselo war der Kaiser den ganzen Tag über von den Ministern belagert. Die sogenannte „Lösung", die mit ungeheurem Arbeitsaufwand schließlich erzielt wurde, war die feierliche Übertragung sämllicher Versorgungsange­legenheiten durch den Zaren an Protopopoff. Der Minister des Innern erhält damit fast diktatorische Be­fugnisse. Er trägt nun die alleinige Verantwortung für alle Maßnahmen. Darin liegt gleichzeitig eine Billigung des von Protopopoff vertretenen Systems, das in dem Satz zusammen­gefaßt werden kann: es liegt nichts daran, daß die arme Be­völkerung hungert, wenn die besitzenden Klaffen versorgt siud. Die Absichten Protopopoffs werden weiter durch seine Kriegs­erklärung an die Duma, die ihm kürzlich in der Budgetkom- miffion ein Vertrauensvotum erteilen ließ, gekennzeichnet. Seine Diktatur wird begünstigt durch die täglich zunehmende Verschlimmerung des Zustandes Stürmers. Der Minister. Präsident leidet an einer gefährlichen Beinentzündrrng und wird vor Ablauf einiger Monate kaum arbeitsfähig sein.

Oer ttrieg gegen England.

Die Teuerung in England.

W. T.-B. London, 10. Nov. (Drahtbericht.) Die Preise für Weizen, Mehl und Brot sind weiter gestiegen. Man halt es für wahrscheinlich, daß die Anbaufläche für Weizen infolge des Arbeitermangels weiter zurückgehen wird. Auch die Preise für H a s e r, M a i s und F u t t e r m i t t e l weisen eine Steigerung auf. Die Preise für Kartoffeln sind infolge starker Zufuhr etwas gesunken. Der'Berichterstatter der „Daily Mail" schreibt: Die Lage ist besorgniserregend. Der Ausdrusch des Korns ist 6 bis 7 Wochen zurück, die Ge- treidemieten sind trotz schlechten Wetters nicht zugedeckt. Ein anderer Berichterstatter schreibt aus Südlinkhalmshir«, wenn der Krieg noch einen weiteren Winter dauern würde, so sei eine Hungersnot unausbleiblich.