i Der Roman. 1
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§==^1 Morgen-Seilage der Wiesbadener Tagblattr. t»
Nr. 264.
Freitag, 10. November.
1916.
[4. Fortsetzung.)
Utz Himmelreichs Schlüssel.
Erzählung von HanS Grimm.
lNachdruck verboten.)
Die dritte Klasse hatte damals nicht viele Bewohner. Niesten, der Gesell, horchte gleich zu Beginn der Ausfahrt nach allen Seiten. Er ging auch rückwärts zur zweiten Klasse und stieg zur zlveiten hinauf. „Es ist hier nichts von Bedeutung", berichtete er dem seekranken Utz, „sie sind alle neu und grün. In der zweiten ist ein Farmer ans dem Süden, und in der ersten sind zwei Offiziere, die waren schon draußen, als ich auch noch dabei war. Ich griißte und sie erkannten mich nicht. Nli machen Sie aber ein bißchen zu! Wenn Sie so wenig aushalten können?!" Utz antwortete: „Ach ivas, mir ist ganz wohl", und obgleich ihm in Wahrheit elend zumute war, stapfte er mit dem älteren Kameraden an Deck auf und ab an den Luken vorbei und zwang sich verächtlich hinauszusehen über die Reling auf die unruhige graue Biskayasee, als könne sie ihm wirklich nichts mehr anhaben. Wie das Wetter besser und wärmer wurde, kamen auch die wenigen anderen heraus, und dieser und jener versuchte sich ihnen anzuhängen. Sie ermunterten aber niemand, und einige Zudringliche knurrten sie an gleich Hunden, die einen tüchtigen Happen beiseite geschafft haben und nicht gestört sein wollen. Wenn sie dann hinter Madeira tagsüber ganz vorn, wo die Ankerketten vorbei gehen, unter dem Göschstock beieinander lagen, machte ihnen niemand den Platz streitig, und niemand wagte sich so nahe, daß er ihr eifriges und vorsichtiges Reden je verstanden hätte.
Niesten unterbrach die vielen Erklärungen, die er dort abgab, und die Beratungen, die sie pflogen, häufig mit dem Satze: „Hoffmann", es war Utzens aufgelesener Name, „Hoffmann, es ist eine tödlichere Sache, wenn Sie nur aushalten können. Ich glaube Sie können's, Hofsinann, sonst hätte ich Ihnen nichts gesagt. Davon hängt nämlich alles ab. Sonst ist's eine todsichere Sache."
Utz freute sich jedesmal über die Bekräftigung und ärgerte sich zugleich über den Zweifel. Er übte sich längst im stillen im Durste. Der Gesell, während er predigte und warnte und gelegentlich groß tat, trank ein Glas Bier nach dein anderen herunter und setzte gegen Abend den heimlich mitgeführten Schnaps darauf. . Das warf ihn freilich nie völlig um, aber beim Ausziehen lallte er doch nicht letten, und sobald er schlief, grunzte und schnarchte und schmatzte es aus ihm. Utz lag dann mit seiner ausgedörrten Kehle und mit weit offenen Augen im oberen Bette gegeniiber und horchte zu, und sein Mund wurde rund wie ein überspannter Flitzbogen. „Er redet und redet immer. Wenn er's man selbst aushält." Ein anderes Mal fiel ihm ein: „Es macht gar nichts, wenn er's nicht aushält. Solange er mich hinbringt. Einbringen nmß er mich."
Er kain kaum zur Ruhe in jener Nacht. Am Morgen hielt er sich zurück auf seinem Lager und starrte auf den Kameraden. „Mensch, sind Sie geck?" fragte Niessen nach einer Weile, als er den harten Blick zu merken anfing: „Ich sehe zu, wie Ihre Hand zittert", sagte Utz
böse, „und einen Schnaps haben Sie auch schon wieder runter." „Ach, wirklich?" sagte Nielsen, „also ineine Hand zittert, da kieck doch mal einer." „Ihre beiden Hände zittern, und Sie haben im Schlafe die ganze Geschichte ausgeschwätzt vor lauter Betrunkenheit. Wenn einer nebenan gewesen wäre . . ." Erst jetzt spürte Niessen den bösen Ton. „Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe", sagte er, „aber -wenn einer so was unternehmen will, dann muß er nicht empfindlich sein." Da richtete Utz sich rasch auf und warf die Beine über die Bettkante und ließ die Füßei herunterhängen und stach mit dem Finger durch die Lust: „Sic trinken. Sie kommen nicht hin. Das ist mir heute nacht eingefallen. Ich aber, ich will den Weg nicht durch Sie verlieren." Er sprach leise trotz seines Zornes. Niesten antwortete lanoe nicht. Er stand bewegungslos und sah durch das Bullauge hinaus. Endlich fragte er: „Hoffmann, Hoffmann, was bringt Sie darauf? Warum soll ich nicht hinkommen?" „Muß ich es Ihnen wiederholen?" entgeznete Utz höhnisch. Niesten wehrte ab mit der Hand ohne sich umzuwenden. „Bst, Hoffmann, bst. Es hat mir das nämlich schon jemand anders gesagt. Und heute Nacht ... na ja, man hört doch manchmal so Stimmen in der Nacht . . ., also gerade beute Nacht habe ich die Stimme gehört. „Niesten", hat die Stimme gesagt", er flüsterte, „Niessen, du kommst nie hin!" Utz ärgerte sich noch mehr. „Ich höre keine Stimme in der Nacht!"
Niessen trat vom Fenster fort und setzte sich auf f-ciit Bett. „Hoffmann, kommen Sie herunter, ziehen Sie sich an. Ich will Ihnen inzwischen etwas erzählen." Als Utz störrisch nicht gleich gehorchte, hob Niessen den Kopf. Utz dachte: „Was hat der Schnaps ihm unkluge Augen gemacht." Niesten sagte: „Bitte, ziehen Sie sich an. Es geht dann besser." Utz zuckte mit den Achseln: „Wenn Ihnen soviel daran liegt!" Er sprang herunter und goß lärmend Wasser in das Becken.
„Ich werde Ihnen alles ganz genau zeigen", sagte Niesten, „es soll nicht so viel", er knrpste mrt den Nägeln des Daumens und kleinen Fingers, „es soll nicht so viel sein, das Sie nicht wissen, von dem, das. ich weiß. Wenn Sie wollen, schwöre ich es Ihnen. Sie sollen hinkommen!" Utz bewegte sich leiser. „Aber — was mein ist, das ist mein." „Halbpart ist die Abmachung", unterbrach Utz scharf. „Jawohl", sagte Niessen, „halbpart aber auch, wenn ich also —, also vielleicht nicht hinkäme." Utz zog ratternd den Blechkoffer unter Niessens Bett vor. „Wenn ich vorher verrecke, ich schenke Ihnen meinen Teil heute." Es klang häßlich, aber Niesten horchte jetzt nicht auf den Ton. „Wissen Sie", sagte er, „wissen Sie, das ist ganz selbstverständlich, dag jeder erst für sich selbst reich sein will. Man schafft ja natürlich zuerst für sich. Aber dann, dann möchte man doch noch immer auch anderes in Ordnung bringen. Zum Beispiel also, wie ich da zuerst rüber gegangen bin. Na ja, da war doch jemand .,. . na das Buschmannö- paradieS, wie Ihnen nn, Hab' ich damals nicht ver-
