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Zreilag, 10. November 1916. Nr. 346. - 64. Jahrgang.
Die Abrechnung des Reichskanzlers mit Greg.
Neue Feststellungen und Enthüllungen.
Herr v. Bethmann-Hollweg setzt seine Rede im Haushaltsausschuß mit folgende« Ausführungen fort:
Wir unsererseits haben selbst dann noch Langmut und Geduld geübt bis zur äußersten Goenze der Rücksicht auf unsere allgemeine Existenz und der Verpflichtung gegenüber unseren Bundesgenossen. Wir hätten sa schon am 29. Juli, als Rußland gegen Österreich-Ungarn mobilisierte, auch unsererseits mobilisieren können: der Wortlaut unseres Bündnisses mit Österreich-Ungarn war bekannt. Niemand hätte unsere Mobilisation als eine aggreffive bezeichnen können. Wir haben es nicht getan. Auch die Nachricht von der russischen allgemeinen Mobilmach mg haben wir zunächst nur mit der Verkündung des Zustandes der Kriegsgefahr beantwortet, die noch nicht Mobilmachung bedeutet. Wir haben das der russischen Regierung mitgeteilt und hinzugefügt, daß die Mobilmachung folgen müsse, falls nicht Rußland binnen 13 Stunden jede Kriegsmatznahme gegen uns und Österreich-Ungarn einstelle und uns hierüber bestimmte Erklärungen abgebe. Wir haben damit Rußland selbst, als das Schicksal des Krieges bereits unabwendbar schien, noch einmal ein' e F r i st gegeben, sich zu besinnen und im letzten Augenblick den Weltfrieden noch zu retten. Wir haben auch Rußlands Verbündeten und Freunden durch diesen Aufschub im letzten Augenblick ncch einmal die weltgeschichtliche Möglichkeit gegeben, auf Rußland zugunsten des Friedens einzawirken. Es war umsonst. Rußland ließ uns ohne Antwort, England beharrte gegenüber Rußland im Schweigen, Frankreich leugnete durch den Mund seines Ministerpräsidenten gegenüber unserem Botschafter noch am Abend des 31. Juli die Tatsache der russischen Mobilmachung einfach ab und verfügte seine eigene Mobilmachung einige Stunden früher, als wir unsererseits zur Mobilmachung schritten.
Was übrigens den angeblich defensiven Charakter der russischen Gesamtmobilmachung betrifft, so will ich hier ausdrücklich feststellen, daß bei Ausbruch des Krieges 1914 noch
eine im Jahre 1912 erlaffene allgemeine Anweisung der russischen Regierung
für den Mobilmachungsfall in Kraft war, die wörtlich folgende Stelle enthält:
„Allerhöchst ist befohlen, daß die Verkündung der Mobilisation zugleich die Verkündung des Krieges gegen Deutschland ist."
Gegen Deutschland, meine Herren! 1912 gegen Deutschland!
Es ist unerfindlich, wie angesichts dieses akten- mäßigen Tatbestandes Lord Grey der Welt und seinem eigenen Lande mit der Geschichte von dem Manöver kommen kann, mit dem wir den friedfertigen Russen die Mobilmachung gegen ihren Willen durch plumpe Täuschung über unsere eigenen Maßnahmen entlockt hätten. Nein, meine Herren! Die Wahrheit ist: nie und nimmer hätte Rußland den Entschluß zu dem verhängnisvollen Schritt gefaßt, wenn es nicht von der Themse her durch Handlungen vnd Unterlassungen zu diesem Schritt ermutigt worden wäre.
Ich erinnere an die
Sachlage zu der Stunde, als Rußland den Befehl zur allgemeinen Mobilmachung erließ.
Bekannt rst die Instruktion, die ich am 30. Juli au unseren Botschafter nach Wien gegeben habe. In dieser Instruktion habe ich der österreichisch-ungarischen Regierung eine unmittelbare Verständigung mit Rußland dringend nahegelegt und ausdrücklich ausgesprochen, daß Deutschland nicht wünsche, durch Nichtbeachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand hineingezogen zu werden. Lord Grey weiß auch genau, daß ich den von ihm unserem Botschafter am 29. Juli gemachten Vermittlungsvorschlag, der mir als eine geeignete Grundlage für die Erhaltung des Friedens schien, mit einer entschiedenen Befürwortung nach Wien weitergegeben habe. Ich habe damals nach Wien telegraphiert: „Falls die österreichisch-ungarische Regierung jede Vermittlung ablehnt, stehe ich vor einer Komplikation, bei der England gegen uns, Italien und Rumänien allen Anzeichen nach nicht mit uns gehen würden, so daß wir mit Österreich-Ungarn drei Großmächten gegenübecständen. Deutschland würde infolge der Gegnerschaft Englands das Hauptgewicht des Kampfes zufallen. Das politische Prestige Österreich- Ungarns, die Waffenehre seiner Armee sowie seine berechtigten Ansprüche gegen Serbien könnten durch die Besetzung Belgrads oder anderer Plätze hinreichend gewahrt werden. Wir müssen daher dem Wiener Kabinett dringend und nachdrücklich zur Erwägung geben, die Vermittlung zu den ange- botenen Bedingungen a n z u u.e h m e n. Die Verantwortung für die sonst eintretenden Folgen wäre für Österreich-Ungarn und uns eine ungemein schwere. Die österreichisch- ungarische Regierung entsprach unserer eindringlichen Vor
stellung, indem sie ihrem Botschafter in Berlin folgende Weisung gab: „Ich ersuche Eure Exzellenz, dem Staats
sekretär v. Jagow für die uns durch Herrn v. Tschirschky gemachten Mitteilungen verbindlichst zu danken und ihm zu erklären, daß wir trotzderÄnderung, die in der Situation durch die Mobilisierung Rußlands eingetreten sei, gerne bereit seien, dem Vorschlag Sir Edward Greys, zwischen uns und Serbien zu vermitteln, näherzutreten. Die Voraussetzung unserer Annahme sei jedoch natürlich, daß unsere militärischen Absichten gegen Serbien einstweilen ihren Fortgang nehmen und daß das englische Kabinett die russische Regierung bewege, die gegen uns gerichtete russische Mobilmachung zum Stillstand zu bringen, in welchem Falle selbstverständlich die uns durch dieselbe aufgezwungenen defenstveki militärischen Gegenmaßregeln in Galizien sofort wieder rückgängig gemacht würden.
Wie der Frieden niedcrgetreten wurde.
Ich stelle dem folgenden Schritt Lord Greys gegenüber: Am 27. Juli 1914 gab er auf die Frage des russischen Botschafters in London, in deutschen und österreichisch-ungarischen Kreisen bestehe der Eindruck, daß England ruhig bleiben werde, die Antwort: Dieser Eindruck wird durch die Befehle beseitigt, die ich der ersten Flotte gegeben habe. Am 29. Juli gab Grey von seiner vertraulichen Warnung an unseren Botschafter in London, daß Deutschland auf rasche Entschlüsse, das heißt, seine Teilnahme am Kriege gegen uns gefaßt sein müsse, sofort dem französischen Botschafter Kenntnis. Konnte Grey annehmen, daß eine solche Eröffnung an den französischen Botschafter dem Frieden dienen werde? Mußte der Franzose diese Eröffnung nicht als Zusage der Wasfenhilfr für den Kriegsfall ansehen? Mußte Frankreich dadurch nicht ermutigt werden, Rußland die seit Tagen dringend verlangte Zusage der unbedingten Kriegsgefolgschaft zu geben? Und mußte Rußland nicht durch die Sicherheit der englischen und französischen Bundesgenossenschaft in seiner Kriegsabstcht aufs äußerste bestärkt werden? Am Abend desselben Tages, des 29. Juli, beauftragte Herr Ssasonow den russischen Botschafter in Paris, der französischen Regierung die aufrichtige Dankbarkeit für die ihm von dem französischen Botschafter gemachte Erklärung auszusprechen, daß Rußland voll und ganz ans die Unterstützung des verbündeten Frankreich rechnen könne.
Also Rußland stand in der Nacht vom 30. zum 31. Juli vor der Tatsache der durch unsere Einwirkung herbeigesührten Nachgiebigkeit Österreich - Ungarns, die den Weg zur Erhaltung des Friedens freimachte; es stand gleichzeitig vor der durch die Eröffnung Lord Greys an Herrn Charles Cambon gewährleisteten Sicherheit der englischen und französischen Waffenhilfe, eine Sicherheit, die ihm überhauvt erst die Möglichkeit eines Krieges gab. Es wählte die Mobilmachung und damit den Krieg.
Wer ist nun schuldig an dieser schicksalsschweren Entscheidung?
Wir, die wir dem Wiener Kabinett mit Nachdruck die äußerste Nachgiebigkeit und die Annahme des englischen Vermittlungsvorschlages empfahlen, oder das britische Kabinett, das Frankreich und Rußland in der kritischen Stunde seine Waffenhilfe in Aussicht stellte? Lord Grey hat von diesen entscheidenden Dingen nicht gesprochen, dafür aber die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf Nebensachen abgelenkt.
Das Haager Schiedsgericht, das der Zar anbot, klingt ja äußerlich sehr bedeutungsvoll, aber es wurde ange- boten, als bereits die russischen Truppen gegen uns in Bewegung gesetzt waren. Seinen eigenen Kriegsvorschlag — ich habe das wiederholt im Reichstag ausgeführt — hatte Lord Grey selbst zugunsten unserer Vermittlung zurückgestellt.
Und Belgien!
Ehe auch nur ein einziger deutscher Soldat seinen Fuß auf belgischen Boden gesetzt hatte, hat Lord Grey dem französischen Botschafter nach dessen Bericht an seine Regierung wörtlich erklärt: Falls die deutsche Flotte in den Kanal e i n f a h r e oder die Nordsee passieren sollte, in der Absicht, die französische Küste oder die ftanzösische Kriegsflotte anzu- greifen und die französische Handelsflotte zu beunruhigen, meine Herren, würde diebritlscheFIotteeiugreifen, um der französischen Marine ihren Schutz zu gewähren, in der Art, daß von diesem Augenblick an England und Deutschland sich im Kriegszustand befinden würden. Kann derjenige, der das Auslaufen unserer Flotte als owsus belli erklärte, wirklich noch iw Ernst behaupten, einzig und allein die Verletzung der belgischen Neutralität habe England wider seinen Willen in den Krieg getrieben?
Und schließlich die Behauptung, wir hätten, um England von dem Krieg fernzuhalten, der kritischen Regierung das unwürdige Angebot gemacht, sie möge zur Verletzung der belgischen Neutralität die Augen z u d r n ck en und uns freie Hand lassen, die französischen Kvlcn-en wcgzunehmen Ich fordere Lord Grey aus, in seinem Blauduch und in seinen Akten sein Verhalten nachzuprüfen. Ich hake in dem ernsten Bestreb en, den Krieg zu l o k al i s reren. dem
britischen Botschafter in Berlin schon ain 29. Juli zuoesichert, daß wir unter Voraussetzung der Ncnrrolitcft Englands die territoriale Integrität Frankreichs gewähr l e i st e te n. Am 1. August hat der Fürst Lichnoivsly Lord Grey gesraat, ob int Falle einer Verpflichtung Teutsch- lands, die Neutralität Belgiens zu achten. England sich seinerzeit zur Neutralität verpflichten könne. Er stellte ferner irr Aussicht, daß im Falle der englischer, Neutralität die Integrität nicht nur des französischen Mutterlandes, sondern auch der ftanzäsischen Kolonien garantiert wenden könne. Er gab in meinem Auftrag die Zusicherung, daß wrr bereit seien, auf einen Angriff auf Frankreich zu verzichten, falls England die NeutraIität Frankreichs verbürgen wolle. In letzter Stunde noch machte ich die Zusage, daß, so lange England sich neutral verhalte, unsere Flotte die französische Nordküste nicht angreisen und unter Voraussetzung der Gegenseitigkeit keine feindlichen Operationen gegen die französischen Handelsschiffe vornehmen werde. Lord Grey hatte auf alles hin nur die Antwort: Cr müsse endgültig jedes Nrutralitätsversprecheir ablebnrn, und er könne nur sagen, daß England sich die Hand freizuhalteu wLnsche. Hätte England diese Neutralitätserklärung abgegeben. so wäre es nicht, wie Lord Grey meint, der Verachtung der ganzen Welt Preisgegeben worden, sondern es hätte sich damit das Verdienst erworben, den Ansbrnch des Kriegs zu verhindern.
Auch hier frage ich: Wer hat den Krieg gewollt? Wir, die wir England jede erdenkliche Sicherheit nicht nvr für unmittelbare englische Interessen, sondern auch für Frankreich und Belgien zu geben bereit waren? oder England, das jeden unserer Vorschläge ablehnte und sich weigerte, seinerseits irgend einen Weg zur Erhaltung deS Friedens zwischen unseren beiden Ländern auch nur anzndeuten?
Meine Herren! Ich wiederhole: Me diese Dinge sind von der deutschen Regierung teils -hi meinen Reden, teils in amtlichen Publikationen so oft dargcstellt worden. daß es mir, nachdem der Krieg nun über 2 Jahre wütet, im Grunde widerstrebt, diese retrospekliven Betrochtungeu zu erneuern. Aber es handelt sich nicht um Polemik. Wir olle haben da? größte Interesse daran, den immer wieder künstlich genährten Glauben, als 'ei Deutschland der Angreifer, so gründlich als möglich zu zerstören
Die Zeit nach dem Kriege.
Trifft vollends Lovd Greys Ansicht zu daß die Erkenntnis über die wahre Ursache des Kriegs- für seine Beendigung und für die Friedensbedinguiigen von großer Bedeutung ist, sc weisen meine Worte doch auch auf die Zukunft hin. Lord Grey hat sich endlich ausführlich mit der Zeit n a ch d e m Krieg, mit der Gründung eines internationalen Bundes zur Wahrung des Friedens beschäftigt. 'Auch dazu will ich einige Worte sogen. Wir haben niemals ein Hehl aus unseren Zweifeln gemocht, ob der Friede durch internationale Organisationen, wie Schiedsgerichte, dauerhaft gesichert werden könne. Die theoretische Notwendigkeit des Programms will ick, nicht erörtern, aber praktijch werden wir jetzt und im Frieden zu der Frage Stellung nehmen müssen. Wenn bei und nach Beendigung des Krieges seine entsetzlichen Verwüstungen an Gut und B l u t der Welt erst zum vollen Bewußtsein kommen ftverden, dann wird durch die ganze Menschheit ein Schrei nach Abmachungen und Verständigungeii gehen, um, so weit es irgend in Menschenmacht liegt, die Wiederkehr einer so ungeheuerlichen Katastrophe zu verhüten. Dieser Schrei wird so stark und so berechtigt sein, daß er zu einem Ergebnis- führen muß. Deutschland wird jeden Versuch eine praktische Losung zu nnden, ehrlich mitprüfen und an seiner möglichen Verwirklichung Mitarbeiten, dos um so mehr, wenn der Krieg, >vie wir zuversichtlich erwarte», politische Zustände hervorbringt, die der fre'en Entwicklung aller Nationen, großer wie kleiner, gerecht werden. Dabei wird das Prinzip des Rechtsder freien Entwicklung nicht bloß auf dem Festland, sondern auch a u f d e m Meer zur Geltung zu bringen sein. Davon bat Lord Grey allerdings nicht gesprochen. Die internationale F r ie den sdü rg scha ft, die ihm vorichwebt, scheint überhaupt einen eigenartigen, auf die speziellen englischen Wünsche zugeschnittenen Charakter zu haben. Während des Krieges haben riach seinem Willen die Neutralen zu schweigen und jeden Zwang der englischen Weltherrschaft auf der». Meer geduldig hinzunehmen. Nach dem Krieg wenn England, wie es meint, uns aufs Haupt geschlagen und über die Welt nach seinein Willen neu disponiert haben wird, dann sollen sich die Neutralen zu Garanten der n eu en englischen Weltordnung zu s a m m e n schl >. e ß en. Zu dieser Weltordnung wird auch folgendes gehören: Aus zuverlässiger Quelle wissen wir, daß England und Frankreich bereits im Jahre 1915 Rußland die territoriale Herrschaft über Konstantinopel, den Bosporus und bas Westufer bC?
