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fe =' 1 »> Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. > -

Nr. 263. Donnerstag. 9. November. . 1916.

3 Fortsetzung.)

Utz Himmelreichs Schlüssel.

Erzählung von Hans Grimm.

(Nachdruck verboten.)

Um Vier Uhr schloß die Schule. Utz eilte sich nicht, er merkte, daß etwas um ihn im Gange war, er fühlte, er sei es seiner Ehre schuldig, nicht aus dem Wege zu gehen. Dem Moses war die Sache unheimlich gewor­den, er hielt sich neben Utz. Er dachte wohl, bin ich selbst bei ihm, so verklatscht mich nicht gleich ein anderer vor ihm. Er war sehr freundlich zu Utz, er schenkte ihm fünf Marken, eine echte gestempelte Hamburg, kein Neudruck. Aber Utz blieb an jedem Laden stehen, sogar vor dem Spitzengeschäft und dem L-chneiderfenstcr. End­lich mußte Moses abschwenken, seine Elternwohnung lag in der entgegengesetzten Richtung, er wäre zu spät nach Hause gekommen. Schon an der nächsten Straßenecke ge­sellte sich ein anderer Klassenkamerad zir Utz. Er klopfte nicht lange auf dem Busch herum. Er fragte: „Du,

Himmelreich, hast du die Schlüssel noch?" Er wollte dann eigentlich sagen: „Du hast die Schlüssel, aber die Schränke hast du nicht!" Im letzten Augenblick besann er sich und drückte sich vorsichtiger aus, genau wie Moses das erwartet hatte. Er sagte: „Du, Himmelreich, der Moses sagt, das ist doch alles Schwindel. Du bekommst die Schränke nicht." „Dummer Kerl", antwortete Utz, ungerührt und fast belustigt. Was gilt e8 einem Neichen, wenn ein Hergelaufener ihn armer Schlucker nennt! Aber die Sache ging weiter. Einer aus der Quinta überholte Utz, sie waren entfernt verwandt und nann­ten sich beim Vornamen. Der Quintaner erzählte: „Du, Utz, die anderen aus deiner Klasse sind da vorn, die schwätzen alle: Das mit Himmelreich winen Schlüsseln ist nur Mumpitz." — Utz erwiderte: „Ach, die wissen doch nix!" Als der Quintaner von seiner Seite war, dachte Utz nach, und er paßte auf, ob er die anderen sähe, und irgendeine ganz ungewohnte Stimme in seinem Indern erinnerte ihn einen Augenblick daran, daß er auch von hinten über die Schienen in den Güterbahnhof hinein könne. Da warf er die Oberlippe in die Höhe, wie er sich angewöhnt hatte, wenn er etwas nützt hören wollte. Einer von den Villenjungen war der Nächste, den er erblickte. Der Bub wartete. Er war vorgeschoben und fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. Er ließ Utz bis auf drei Schritte herankommen, dann rief er mit seiner guieksigen Stimme: „Himmelreich, wo sind

deine Schränke? Du kriegst keine Schränke, Himmel­reich!", und wollte davon laufen. Utz war schneller. Ein paar Damen empörten sich über Utz: „Pfui, was bist du für ein Gassenjunge! Du bist doch viel stärker und wirfst ihn in den Schmutz. Laß den Bub in Ruh." Da jagte der andere davon. Nun erkannte Utz die übri­gen an der Schranke. Der Flüchtige lief auf sie zu. Utz verstand wohl, daß sie auf ihn warteten. Er ging schneller, er hatte die beiden Fäuste geballt. Je näher­er kam, desto mehr zog sich der Haufe oon der Schranke zurück. Alle riefen: „Er hat die Schlüssel, aber die Schränke hat er nicht. Er hat die Schlüssel, aber die Schränke hat er nicht." Sie wiederholten es immer­fort und kamen näher und wurden lauter, als Utz durch die Schranke hineinging. Uh drehte sich einmal um, sehr

verächtlich. Er rief: „Ihr seid jetzt zu viele!", dann ver« schwand er im Hause. Die draußen setzten ihr Geschrei fort, so unsinnig es war, sie steckten sich gegenseitig an, sie glaubten nicht mit Unrecht, daß lltz hinter den roten Scheiben der Haustür noch lauschend stände. Sie ließen erst ab, als der Schreiber drohend aus dem Bureau her­auskam.

Von dem Schreiber und von der eigenen Frau, die der Lärm sehr schnell an das Fenster gezogen hatte, er­fuhr Vorstand Himmelreich ziemlich genau, um was es sich handle. Ihrem Jungen hatte Frau Hinimelreich nichts gefragt: sie setzte sich niit verweinten Augen zuin Abendessen. Auch Himmelreich hatte ein verlegenes Ge­sicht, obgleich er anfangs gar nicht hatte begreifen wol­len, was das Genecke der Schuljungen eigentlich ihn anginge. Durch. die anhaltenden Klagen von Frau Etta war er.allmählich unsicher geworden. Er wiinschte sich selbst hin, wo der Pfeffer wächst, und ganz gewiß weit fort von seinem Familientische. Der verdammte Bengel half ihm auch gar nicht. Er schwieg, er schwieg, er schwieg, und sie warteten doch beide, daß es heraus- bräche. . . . . „Es wird herausbrechen", hatte Frau Etta erklärt.

Als das Abendessen fast fertig war, faßte Himmel­reich angenehme Hoffnung. Er dachte: „Nun, sie.hat sich einmal wieder angestellt, aber gekommen isi nichts danach. Ich könnte jetzt etwas erzählen." „Mir fällt eben eine sehr lustige Geschichte ein", sagte er, im vor­aus lächelnd. Da blickte ihn der Junge so eigentümlich an; Himmelreich schwieg erschreckt still. „Aha, also doch, na ja!" _ Utz zögerte noch ein Weilchen, dann /egte er den Löffel hin und rückte den Stuhl noch etwas zurück. Es brach nicht heraus; er erkundigte sich ganz kurz: „Wann kommen die Schränke?"

__ Frau Himmelreich hob den Kopf und runzelte dir Stirn und stach ihren Mann ordentlich mit den Augen. Himmelreich rieb sich ganz schnell die Hände. Mit Jovialität, fiel ihm ein, mit Jovialität geht's wohl am besten, und etwas energisch abschließen.

Er lachte. Frau Etta hatte das Lachen so ungern. Er lehnte sich vorwärts. Er klovfte Utz auf die Schulter. „Utzchen, Utzchen, Utzchen! Du bist doch schon so groß, nicht wahr? Na ja, also das ist doch nicht so gemeint. Na ja. Die Schränke, ach Gott natürlich. Du be» komnist doch auch jetzt mehr Taschengeld. Na, und so geht das immer weiter. Du weißt ja auch, daß Frau Holle die Betten nicht wirklich schüttelt, wenn es im Winter schneit. Na ja, so was erzählt man eben den Kindern. Aber das muß ich dir doch sagen, als Gym­nasiast fragt man nach so etwas überhaupt nicht mehr. Nein, wirklich nicht!"

„Wie kannst du nur! Wie kannst du nur!" rief Frau Himmelreich empört. Da wandte sich Utz ihr zu und sagte im gleichen Tonfalle wie vorher: „Du hast es mir noch viel öfter erzählt als Vater!"

Frau Himmelreich sprach in den nächsten Tagen stundenlang auf ihren Jungen ein. Sie konnte nichts