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Der Roman.
e" —a Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.
t916.
(8. Fortsetzung.)
Utz Himmelreichs Schlüssel.
Erzählung von Hans Grimm.
(Nachdruck verboten.)
Einmal fiel Frau Himmelreich ein fremder größerer Bursch auf in ihres Sohnes Gefolge. Als sich der gewohnte Kreis um Utz bilden wollte, stieß sich der fremde heraus, und nach kurzem hrn und her lief ihm ein Teil der Landhauskinder nach. „Wer ist der fragte sie Utz. „Der Neue! erwiderte Utz. Frau Etta erkannte unschwer, daß zwischen dem Neum und ihrem Sohne etwas nicht tn Ordnung sei, und dl« Bestätigung ließ nicht auf sich warten Von ihrem Wohnzlinmer- fenster nahm Frau Himmelreich am Ende einer Schlacht teil die Utz und was den Güterbahnhof besuchte, sich lieferte mit dem Neuen und den Jungen die ernst Utzens Freunde waren. Da der Kamvs sich unzweifelhaft zu ihres Sohnes und seiner Anhänger Gunsten wandte, und diese in der Überzahl waren, schien Frau Etta die Angelegenheit nickt durchaus rn Unordnung, und sie blieb ein wenig schadenfroh m Reserve. Als Utz endlich angerufen gehorchte und d-e Treppe heraufstapfte, tadelte sie mehr, um einigen Pädagogischen Grundsätzen treu zu bleiben: „Du wirst ia wirklich
selbst ein rechtem Katzenjunge. Utz' Utz nahm den Tadel nicht ernst. Er sagte sehr befriedigt: „Wir haben fte verhauen." Am Abend vor dom Einschlafen richtete er sich noch einmal auf: „Glaubst du auch, daß er starker ist?" „Wer?" sagte die Mutter. „Der Neue! sagte Utz. Da faßte Frau Himmelreich erne unerklärliche Angst, und sie kam zurück und setzte sich auf den Bettrand. „Utzchen. da darfst kein Katzeniunge werden. Nur die Katzenjungen balgen sich so häßlich tn den Straßen herum, und der Nene ist viel großer als du, und er ist sicher älter, und er ist gewiß schon sitzen geblieben, darum ist er jetzt in deiner Klasse. Du mutzt artiger sein. Utzchen." Die Worte machten einen sehr- geringen Eindruck auf Uh. Mit geschlossenen Lidern redete er vor sich hin: „Welche sagen, er ist der Stärkste, und welche sagen, ich bin der Stärkste." ,
Anr anderen Vormittag hatte Utz ferne Prügel weg von dem Neiieir. Frau Etta quälte sich mit einer unan- genehmen Vorahnnng, und, als es zwölfeinvrcrtel wurde, ging sie bis an die Schranke. Nach einer Weile sah sie die Landhauskinder heranzrehcn. Der Neue ragte aus ihnen heraus. Sie sah Utz nirgends. Sie dachte: „Soll ich die Buben fragen?" Aver sie mochte es doch nicht. Die Kinder kamen vorüber. Ern paar sahen verlegen aus, ein paar grüßten. Der Neue machte ein nröglichst freches Gesicht, doch rückte er deut- lich nach dein Fahrdamm hin. Da sie Utz immer noch nicht bemerkte, drehte sie sich um, den Kindern nachzublicken. Die Kinder standen alle an der nächsten Ecke und starrten entweder auf sie oder die Straße hinunter. Das fiel ihr auf. Unruhig wandte sie sich wieder und erkannte jetzt Utz in der Ferne, ganz allein und an- scheinend zögernd. Ganz allein war er noch me ge- kommen. Frau Etta fühlte es heiß im Halse aufstelgen, doch hielt sie sich zurück, und sie ging nicht Utz entgegen, sondern hinauf auf die Kinder zu. Das batten d,e Buben nicht erwartet. Sie drückten sich scheu und eifrig
und sich häufig umschauend in ihre, besonderen Wege. Der Neue marschierte plötzlich so allem vor ihr her wrs Utz hinter ihr, nur um vieles schneller.
Utz schlüpfte in das Haus, als die Mutter die Schranke durchschritt. Frau Etta erschrak noch mchr. „Ja, er erkannte mich doch!" Sie war oben im Nu. -ver Bub stand vor dem Tisch und rieb die Handflacheii an den Kanten, daß die Politur schrie, und brütete vor sich hin. Er blickte nicht auf. Wäre er nicht ihr einziger gewesen, sie hätte ihm gesagt: „Du, wie siehst du giftig aus'" Aber auch so war er ihr fremd und entwachsen, und sie stand eine ganze Weile auf der anderen Seite des Tisches und atmete kurz von dem Treppenspringen und vor lauter Unsicherheit. Plötzlich aber war sie neben ihm und redete hastig auf ihn ein: „Du hast ;a Blut nn Gesicht!" „Es war nur die Nase", murmelte Utz. „Und die Strümpfe sind hin!" „Ja", sagte Utz. „Und die Jacke ist zerrissen!" „Auch der Ranzen', sagte Utz. „Ach du lieber Himmel, ach dir lieber Himmel, du kannst einem wahrhaftig Sorge machen, du!" stöhnte Frau Himmelreich, aber sie half ihm nun gleich. Wahrend sie das tat, merkte sie, daß der Bub wirklich arg zuge- richtet war und mit Anstrengung feineil Schmerz verbiß. Da zog sie ihn an sich und schluchzte leste: „Dieser scheußliche große, gemeine Bengel!" „Er hat gesagt, flüsterte Utz stockend, „er hat gesagt . . . „Nun? bat
Frau Himmelreich, „nun? Sprich dock. „Er hat ge
sagt, uns gehört überhaupt der Bahnhof nicht, uiid ivcnn die Bahn Vater hier raus schmeißt, dann muß er raus, und das braucht gar nicht mehr lange zii dauern. Ta Hab' ich angefangen'." Frau Himmelreich hob den Kopf ganz in die Höhe, das Kind hörte sie laut auflachen. In feiner Beschämung und seinem Ärger spurte es nicht, daß das Lachen ein Zwang war, den sich die ratlose Mutter auferlegte. Plötzlich brach Syrern ab und rief: „Giddegidde—giddegrd, und der Kerl hat doch keine Schlüssel nicht!" ..Es haben ihni noch welche geholfen", flüsterte Utz weiter. .„Haben die denn Schlüssel?" fragte Frau Himmelreich. Ta antwortete Uh nachdenklich und langsam, aber wieder laut und frei: „Nein, die Schlüssel haben sie alle nicht! „Siehst du, siehst du, Utz!" Frau Himmelreich atmete auf. „Das mußt du imnler denken, wenn jemand so vatzig tut und Unsinn schwatzt, und wenn dir einer bist, und die an- deren sind viele. Das mußt du immer denken, sie haben doch die Schlüssel nicht." Jetzt lachte der Bub, es klang ihm aus deni Herzen, und er ahmte die Mutter nach: „Giddegiddeqiddegid, ilird der Kerl hat doch keine
Schlüssel nicht." . w , _ r „
Bei Frau Etta kam immer alles nach. Daran batte sie sich gewöhnt. Schließlich mußte sie doch mit ihrem Mann über das Gemeinsame sprechen, und ihr Mann war kaum in Bewegung zu bringen. Man brauchte schweres Geschütz, und das kostete Kraft iind Fassung, wie jeder weiß. Diesmal wilrde Himmelreich aber wirklich kreidebleich. „Das bat jener Junge nicht an» sich selbst", sagte er tonlos. „Das hat kern vLMge auS
