Wiesbadener Taglilaü.
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Mittwoch, 8. November 1916.
Kbend-Kusgabe.
Nr. 343. . 64. Jahrgang.
Die Präsidentenwahl in Amerika.
Der Sieg Hughes'.
Das Ergebnis in New 2)orf.
W. T.-B. Amsterdam, 8. Nov. (Drahtbericht.) Reuter ineldet aus New Dork: Der demokratische (republikanische?)
Kandidat Hughes siegte im Staat New Uork, der für den Wahlausgang als wesentlich betrachtet wird.
Die Entscheidung.
W. T.-B. Amsterdam, 8. Nov. (Drabtbericht.) DeS Renter- sche Bureau meldet aus New Aork: Hughes ist gewählt!
Ungewöhnlich große Beteiligung an der Wahl.
W. T.-B. New York, 8. Nob. (Drahtbericht.) Reuter meldet: DaS jetzige kalte Winterwetter, das im ganzen Lande herrscht, und das sehr große Interesse, das der Präsidentenwahl entgegengebracht wurde, hatten zur Folge, daß eine ungewöhnlich große Zahl Stimmen abgegeben wurde. Dazu kam noch, daß viele Millionen Frauen iit etwa zwölf Staaten des Westens, wo sie Wahlrecht haben, stimmten.
Der Kampf zwischen Wilson, dem Demokraten, und Hughes, dem Republikaner, ist entschieden: Wilson
muß das Weiße Haus in Washington, das er so gerne noch vier Jahre als Amtswohnung behalten hätte, verlassen.
Es ist ganz natürlich, daß wir in Deutschland das Ergebnis der Wahl, die das amerikanische Volk getroffen hat, zunächst von: Standpunkt unserer eigenen Interessen ansehen. Wilson ist für uns eine bekannte Größe, Hughes, der jetzt Sieger wurde, ist für uns noch ein Buch mit sieben Siegeln. Gewiß, einige Kenntnis von dem Wesen des neuen Mannes konnten wir im Laufe der Jahre immerhin erlangen, hat doch Hughes als Mitglied des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten und vorher als Gouverneur des Staates New Uork genug von sich reden gemacht. Er wird als aufrechter, willensstarker, verständiger Mann geschildert. Die Amerikaner bekommen also auf alle Fälle einen Präsidenten, der eine Persönlichkeit von nicht zu unterschätzenden Vorzügen ist. Daß für die innere Poli- tik der Union der Übergang der höchsten Staatsgewalt aus den Händen der demokratischen Partei in die der republikanischen Partei von ganz besonderer Bedeutung ist, das braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Es liegt auch auf der Hand, daß die Parteirichtung des neuen Präsidenten für die künftige Handelspolitik der Vereinigten Staaten, die doch als Teil der äußeren Politik angesehen werden muß, nicht gleichgiiltig ist, obwohl in den Fragen des Freihandels oder des Schutz- izolls die Grenzlinie, die früher zwischen Republikanern und Demokraten bestand, sich mehr und mehr verwischt hat. Das sind Dinge, die an und für sich auch vom europäischen und speziell voin deutschen Standpunkt aus großen Interesses nicht entbehren, aber im Vordergrund aller Fragen steht für uns doch die: Wird Hughes eine ehrliche neutrale Politik inmitten des großen Krieges betreiben? In dieser Hinsicht haben wir eine Sphinx vor uns, die Rätsil aufgibt. Es sind Äußerungen genug von dem Besieger Wilsons bekannt geworden, aus denen hervorzugehen scheint, daß er ebenso proenglisch ist wie letzterer, daß er in der Frage der Munitionsausfuhr und in anderen Fragen, bei denen wir uns bisher bitter über die amerikanische Auffassung der Neutralität zu beschweren hatten, kaum von den Pfaden seines Vorgängers ab- wgichen wird, aber eine sehr beachtenswerte Tatsache ist es doch, daß der überwiegende Teil der Deutsch- Amerikaner auf ihn trotz allem und allein die Hoffnung sitzt, er werde, obwohl von prodeutscher Politik bei ihm so wenig wie bei jedem anderen amerikanischen Staatsoberhaupt die Rede sein könne, iveisintlich objektiver sein als Wilson. Es bleibt uns also nur übrig abzu- warten, wie Hughes in Wahrheit handeln wird. Wenn er die Politik der Union lediglich unter dem Gesichtspunkt der amerikanischen Interessen leitet, so handelt er pflichtgemäß, aber er möge wohl überlegen, daß dre Interessen des amerikanischen Volks nicht schlechthin identisch sind mit den Interessen der amerikanischen Geld- und Stahlmaqnaten. Zn seinen Pflichten als Oberhaupt eines neutralen Staates gehört es jedenfalls auch der wahren Neutralität zu ihrem Recht zu verhelfen!
Wilson sehen wir ohne Bedauern von dem Platze scheiden dessen Zierde einst der weise Washington war. Er hat uns reichlich Anlaß zu schweren: Zorn gegeben. Seine auswärtige Politik während des Krieges lief durchaus auf unbestreitbare Begünstigung der Eng
länder und der Entente hinaus. Es hätte in seiner Macht gestanden, ein Munitionsausfnhrverbot zu erlassen und damit ini Sinne echter Neutralität zu handeln, zugleich auch einer Verlängerung des Krieges entgegenzuwirken: er tat es nicht. _ Er hätte die Warnung aussprechen können, kein amerikanischer Bürger möchte bei Gefahr, des Schutzes seiner heiniatlichen Staatsgewalt verlustig zu gehen, Schisse der Kriegführenden zu Fahrten über den Ozean benutzen: er tat es nicht. Statt dessen fiel er aus Anlaß des „Lusitanra"- und des „Essex"-Falls unserer Kriegführung dermaßen in den Arm, daß eine schwere Lähmung für uns entstand. England konnte die Schiffahrt der Neutralen vergewaltigen, wie es wollte, konnte in seiner Seetyrannei die empörendsten Handlungen begehen, konnte jedem von den kleinen Staaten, der sich seinen auf Abschnürung Deutschlands von aller Auslandszufuhr gerichteten Geboten nicht fügte, mit Füßen treten und eigener Not an Lebensmitteln überliefern: das alles rührte den
biederen Herrn Wilson nicht. Auch dre Posträuberei, die sich die freche Beherrscherin der Meere systematisch aus Gründen der Handelsspionage leistete, entlockten ihm nur einen zahmen Protest, über den England hohnlächelnd hinwegging. Und als er nicht umhin konnte, dem schweren Unwillen amerikanischer Handelskreise scher das Systeni der englischen Schwarzen Listen nachzugeben und ein Gesetz zu sanktionieren, das als heilsame Abwehrmaßregel gedacht war, da ließ er es bei der Verkündigung dieses Gesetzes bewenden. Nicht in einem einzigen Falle ist es bisher zur Anwendung gelangt. Seitdem er Deuffchland zürn Nachgeben in der Frage des rücksichtslosen U-BootskriegS gezwungen hatte, also seit dem Mai dieses Jahres, sind direkte Konflikte zwischen uns und Amerika nicht mehr eingetreten, aber indem Wilson sich während des Wahlkampfs drüben sehr energisch gegen die Bindestrich-Amerikaner wandte, also gegen unsere Landsleute drüben, die sich trotz ihres amerikanischen Bürgertums die Liebe zur alten Heimat bewahrt haben, zeigte er doch iinmer wieder, welch ein englandsreundliches Herz ibrn int Busen schlägt. Mag auch seine Haltung gegenüber unserem Handcls-U-Boot „Deutschland" und gegenüber unserem U°Bootskrieg an der amerikanischen Küste den Wünschen der Entente nicht entsprochen und Anspruch darauf haben, von uns als endlicher Durchbruch von Objektivität gewürdigt zu werden, so bleibt der Gesamteindruck, den wir von Wilsons Präsidentschaft behalten, doch ein durchaus unerfreulicher. Möge Hughes dem Weltfrieden bessere Dienst leisten! Aber )ver weiß, ob nicht statt des Teufels der Beelzebub ans Ruder kommt.
Ch. E. Hughes.
Charles EvanS Hughes wurde im Jahre 1862 im Staate New Dork als Sohn eines baptistischen Geistlichen geboren. Seine Muttec war eine Jrländerin namens Conollh. Nach Erledigung oer notwendigen Studien promo- inerte er 1884 an der Columbia-Universität zu New Dork als Jurist und wurde Rechtsanwalt. In der Zeit von 1893 Ins 1900 las er nebenher auch als Rechtslehrer an der Columbia- Universität.
Erst seit dem Jahre 1906 trat Hughes in der Öffentlich- tcit hervor. Das Geschäftsgebaren der amerikanischen Lebens- Versicherungsanstalten war damals Gegenstand der allgemeinen Entrüstung in den Vereinigten Staaten. Zu ihrem Anwalt machte sich Hughes und es gelang ihm unter großen Schwierigkeiten durchzusetzen, daß nunmehr, wie in anderen zivilisierten Staate», auch in Amerika die Rechte der Policenbesitzer durch das Gesetz geschützt wurden. Dieser Erfclg machte Hughes so volkstümlich, daß die republikanische Partei des Staates New Dork sich gegen ihren eigenen Willen von der Volksmeinung gezwungen sah, Hughes als Gcuverneurs- kandidat aufzustellen. Er wurde glanzend gewählt und ging am 1. Januar 1907 als Gouverneur nach Albany. Dort, auf dem Kavitol des Staates New Dork, setzte Hughes nunmehr in amtlicher Eigenschaft seine Reformpolitik kräftig fort. Darum kam er schon 1908 als Präsidentschaftskandidat in Betracht. Jedoch lehnte ec ab und zog vor, sich für einen zweiten Termin zum Gouverneur des Staates New Dork wählen zu lassen, da er seine Aufgabe dort noch nicht fiir beendet ansah. Den Pacteigewaltigen wurde er so immer unbequemer. Als sein zweiter Termin als Gouverneur sich dem Ende näherte, ernannte ihn der neue Präsident Taft im Mai >910 zum Mitglied des Obersten B u n d e s g e r i ch t s. Diese Stellung, die er im Oktober 1910 antrat, ist für jeden amerikanischen Juristen die Erfüllung des höchsten Ehrgeizes. Sie war aber auch politisch eine Kaltstellung. Hughes persönlich war mit dieser Wendung durchaus zufrieden. Er war, wie eine schriftliche Äußerung von ihm bezeugt, entschlossen, der neuen Arbeit den Rest seines Lebens zu widmen. So hielt er auck stand, als er 1912 abermals als Präsiocntschafts-
kandidat in Betracht kam, weil, wie er erklärte, „das Bundesgericht nicht in die Politik hineingezerrt werden darf". Zum drittenmal trat die Frage im Juni 1916 an ihn heran. Diesmal entschloß er sich angesichts der besonders schwierigen Lage während des Weltkrieges, dem Rufe der Partei Folge zu leisten. Er ließ zu, daß er als Kandidat ausgestellt wurde. Als dann in Chicago oer republikanische Parteikonveut ihn mit 919 Stimmen nominierte, nahm er <nt. Gleichzeitig legte er, seinen Grundsätzen getreu, sein Amt als Bundesrichter nieder.
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Der Eindruck der nmerikunischen Kolonie in Berlin.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
X. Berlin, 8. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Man kann sagen, daß in oer hiesigen amerikanischen Kolonie die Nachricht von dem Wahlausgang mit übergroßer Spannung erwartet wurde, und daß sich beim Eintreffen der Meldung tom Sieg Hughes' Enttäuschung oder Freude in besonderem Maße kund getan hätte. In einen, großen Hotel Unter den Linden, wo die amerikanischen Zeitungsberichter- stattec ihr Kriegspressequartier aufgeschlagen haben, und w» auch die Mitglieder der amerikanischen Botschaft und Kolonie auf und ab zu gehen pflegen, erwartete man heute früh recht zahlreich die Entscheidung. Der Wahlausfall überraschte nicht. Wilson, so erklärte man, war 1912 nur gewählt worden, wer! die Republikaner unter sich uneinig waren und zwei Kandidaten aufgestellt hatten. Die großen Parteien hatten diesmal um so mehr Aussicht, als Wilson sich dre Deutsch- Amerikaner und Iren entfremdet hatte, Wenn diese auch zuletzt zweifeln wollten, ob Hughes um Roofe- velt Willen nicht eine noch ententefteundlichere Politik treiben würde, so ließ sich doch ihre Wahlagitation nicht mehr umstellen. „Was soll sich geändert haben!" meinte ein einflußreicher Kaufmann der Berliner Kolonie auf meine Frage, „nichts Wesentliches", e? war diesmal kein Unterschied im Programm der beiden Kandidaten zu entdecken. W'lso'i wie Hughes proklamierten strengste Fortsetzung der Neutralität, aber kein AuSfuhrve r - l o t in Waffen und Munition. ES wird also alles beim alten bleiben. Zunächst residiert im Weißen Saus noch Wilson, aber die Freunde des Botschafters Gerar-d werden hier den Ausgang des Wahlkampfes beklagen, da mit einem Präsidentenwechsel auch der BotschaftSWechsel verknüpft ist. Aach hier ändert die Wahl Hughes nichts. Boffckafter Gerard, der bald in Berlin eintrefsen soll, wird bleiben, so lange Wilson noch amtiert. Eine längere Zeit wäre er doch kaum auf seinem Berliner Posten geblieben, da cr schon früher seinen Wunsch zu erkennen gab, nach den Vereinigten Staaten zurückzuikehren. Als Freund Wilsons wird :hm natürlich die Niederlage nahe gehen; und die Rückwirkung der Wahl auf die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Deutschland? Praktisch« leichNull. Vielleicht aber geioinut Taft, der auch zu Hughes' Wahlmachern gehörte, mehr an Einfluß, was bedauerlich ist, da er eine sogenannte Schiedsgerichtsgruvpe der Neutralen begründet hat, die unter dem Vorwand, Frieden stiften zu wollen, eine stark deutschfeindliche Tendenz hat und zugunsten der Entente eine neue Kampagne - in Amerika ein, leitet. __
Ereignisse zur Lee.
Eine Ergänzung der englischen Adrniralitäts-Meldung.
Angeblich zwei deutsche Schlachtschiffe getroffen.
Vf. T.-B- London, 8. Nov. (Drahtbericht.) Die Admiralität teilt zu deni gestrigen Kommunique mit, daß noch eine weitere Meldung des Kommandanten des U-Bootes eingelaufen ist. Er sagt jetzt, daß er zw er Dreadnoughtschlachtschiffe der Kaiserklaste getroffen habe.
Neue Versenkungen.
W.T.-B. London, 7. Nov. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Besatzung des Dampfers »Sanao" ist am Montag in Barry mit den-, norwegischen Dampfer „Tramp" ongekommen. „Lanao" war am 2. November von einem deutschen Unterseeboot in der Nähe der portugiesischen Küß» in den Grund gebohrt worden. Nach der Erklärung des Offiziers bestand die Ladung aus Reis. Das Schiff war von einem chinesischen Hafen nach Le Havre unterwegs. Der Dampfer war 27 Meilen von der portugiesischen Küste entfernt, als er in der Dunkelheit von einem Unterseeboot ungehalten wurde, das Schüsse auf den Bug abfeuerte. Der erste Offizier ging an Bord des Unterseebootes, das später die ganze Besatzung aufnahm. Ein deutscher Offizier mit einigen Matrosen legte B o m b e n in den Raschinenramu des „Lanao". Obwohl man die Explosion hörte, konnten dre
