Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. >« -
N«. 261. Dienstag, 7. November. 1916.
21. Kortsetzung.f
Utz krimmelreichs Schlüssel.
Erzählung von Hans Grimm.
(Nachdruck verboten.)
Fra« Etta blieb lange fort bei dem Kinde. AlS sie Wiederkam, hatte Himmelreich die ganze Zeitung durch- zelesen und die Augenlider fingen an ihm zuzufallen. Zrau Etta setzte sich an den Tisch und begann ohne Um« hweife: „Jetzt weiß ich, was Utz fehlt. Mit Witzen hafft man nebenbei solche Sachen nicht aus der Welt." Jmnrelreich versuchte sich einen Ruck zu geben und auf- LUpassen. „Utz hat ein zartes Gemüt. Das merkt ein Mann natürlich nicht. Und diese Kinder, diese Kinder Haben eben alle das Glück, daß ihr Papa reicher ist." 'Himmelreich nickte, es war das erste, das er verstand aus ihrer Aufregung heraus. Er wollte zur Begütigung schnell seinerseits den gewohnten Wunsch aussprechen: „Geld, Geld, Geld, wenn ich mehr Geld schaffen könnte", und zog schon die Rechte arrs dem Ärmel. Frau Etta hob abwehrend die Hand. „Daß das bei rms anders Jetrt muß, ist nicht schön. Es ist gar nicht schön. Jedenfalls ist es sehr begreiflich, daß Utz verdüstert wird, wenn er die glänzenden Spielsackien dieser Kinder sieht. Ich meine, dazu braucht es keinen besonderen Scharfsinn." Es entstand eine Pause. Himmelreich «dachte: „Soll ich jetzt etwas sagen? Was soll ich jetzt sagen? Ich muß jetzt etwas sagen, sonst schlafe ich ein", und da verlangte es auch Frau Etta selbst: „Nun, findest du keine Antwort? Interessiert dich Utz nicht? 'Eigentlich ist doch Utz auch dein Sohn, nicht wahr?" Es 'traf Himmelreich so spitz, daß er ganz wach wurde. „Hat Utz keine Festung?" fragte er. „Hat er keine Soldaten?
Hat er-?" „Ach ja, ach ja, und en Baukasten, und
en Theater, und die Soldaten stammen noch von dir, rechne ihm nur ja alles nach, das alte Zeug!" Himmelreich blieb ruhig. „Liebe Etta, es gibt Jungens für drinnen und Jungens für draußen, und Utz ist einer für draußen, und darum sind ihm seine Spielsachen Wurscht." Frau Etta wurde giftig? „So. so, ein Junge für draußen. Mit anderen Worten ein Gassenjunge. Wie du dir alles bequem machst. Ich danke dir Hafur. Ich will dir sagen, warum Utz das alte Zeug nicht mag, weil er doch jetzt vergleichen lergt. Ja, weil 'er vergleicht und nicht nur die Spielsachen . ." Tränen
erstickten ihr die Stimme —-Himmelreich schlief
wicht leicht schlecht, aber in dieser Nacht quälte sich sein Kopf. Er suchte drei auf der Bahn verloren gegangene Milchkannen im Traum, und bald zeterte der Bauer, kdem ste gehörten, und bald stand Frau Etta an des Mauern Stelle uich erklärte: „Jawohl, da siehst du es jrwn Himmelreich, in diesen Kannen steckte das ganze Weld für Utz, und nun wo die Kannen fort sind, bleibst Hu auch nicht mehr Vorstand, und was machen wir Zdann? Ich sage dir, Utz wird ein Gassenjunge und 'nächstens läuft er bloßsüßig! Jawohl und so geht's."
Himmelreich mußte den Vormittag fortwährend an Len Lummen Traum denken. Es war ihm schließlich Unmöglich, die Verrechnungslisten weiter durchzu-
8 :beiten, da ging er in den Schuppen hinaus. Irgend n Händler hatte im Lande allerlei Urväter Hausrat -usammengekauft. Die reichhaltige und seltsame Samm
lung wurde aus einem einfachen Güterwagen ausge- laden, um mit einem anderen Transport weiter geleitet zu werden. Als man eben zwei alte wunderlich verzierte Schrankkasten ans Licht beförderte, schlüpfte Utz, aus der Schule kommend, in den Schuppen und stellt« sich neben den Vater. „Das ist fein", jubelte er auf, sobald er die Möbelstücke sah, „so ist dem Willi sein Schrank. Sind auch Spielsachen drin? Willi hat 'ne Dampfmaschine drin." Himmelreich erschrak und hielt den Jungen fest. „Laß deine Finger von den Sachen, Utz." Aber das Kind fuhr eifrig fort: „Wo stellst du den Schrank nun bei uns hin, und den Tisch, Vater, und wo sind die Schlüssel, Vater?" „Das gehört doch nicht uns", antwortete Himmelreich, „du fragst törichtes Zeug, Utz. Du kennst doch den Bahnhof." Ersah nicht auf den Sohn hinunter dabei; daß er selbst lauter und launischer redete als sonst, merkte er daran, daß die Güterarbeiter von der Arbeit weg nach ihm hiu- blickten. Da tat ihm sein Bub leid, und er überlegte, wie er ihm schnell eine Freude machen könne. Plötzlich hatte er einen Einfall. Er schien ihm lustig nach dem Ärger und den ungemütlichen Gedanken, und er lachte vor sich hin, und Utz lachte auch.
„Wir wollen erst in das Bureau und dann hinauf. Was?" Sie gingen Hand in Hand hinein. Im Bureau zog Himmelreich die Mittelschublade seines Pultes auf. Utz machte neugierige Augen. Himmelreich schob ein paar Papiere zur Seite und faßte schmunzelnd zwei alte zusammengebundene Schlüssel mit eigentümlichen Bärten und zierlichen Rauten. Sie waren vor Jahr und Tag im Schuppen gefunden worden, ohne daß der Verlierer zu ermitteln gewesen wäre. „Die sind für dich!" sagte Himmelreich.
Utz wollte fragen: „Machen sie die Schränke draußen auf?" Doch er erinnerte sich an die Zurechtweisung von vorher, da fragte er unbestimmter: „Wo sind die Kommoden?" „Das ist es eben", antwortete Himmelreich und versuchte ein sehr feierliches Gesicht zu machen, „das ist es eben. Diese Schränke, es sind gefüllte Schränke. Utz. Es sind Schränke, gefüllt mit Spielsachen, es sind
Bücher darin, auch Kleider und ein Gewehr."
„Luft?" unterbrach Utz. „Nein", sagte Himmelreich, „nein, Flobert oder Schrot. Ich glaube Schrot." „Ah", machte Utz.
„Ja", sagte Himmelreich, „wenn du nun arbeitest, Utz, feste arbeitest und ordentlich voran kommst, dann sind die Schränke eines Tages da."
„Wem gehören sie?" fragte Utz hart und kühl, wie Kinder selten sprechen.
„Wem? Ei dir." Himmelreich zog den Jungen heran, und es wurde ihm ganz warm ums Herz, als vergebe er eben wirklich ein körperliches und mit Sehnsucht erwartetes Geschenk. „Laß dir nichts weißmachen, Utz, wenn es auch lange dauert. Das Quartier, wo die Schränke stehen, ist gerade nicht bewohnt und ich kann vielleicht erst in ein paar Jahren hiniahren. Na, und von selbst kommen solche Schränke nicht die Treppe hin-
