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Vienstag» 7. November 1916.

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♦ 64. Jahrgang.

Kbend-klusgabe.

Das neue Uönigreich.

Die Errichtung eines Königreichs Polen mitten im Weltkriege ist die stärkste B etä ti gun g der Ge- x, ißheit, daß dieser Krieg nur mrt dem S leg e der Mittelmächte endigen kann. .Dre toerbunoetett Mächte können im Bewußtsein des ihnen nicht zu ent­reißenden Enderfolges an die Aufgabe Herangehen, die polnische Frage in der großzügigen Weise zu ordnen, indem sie von den verschiedenen Möglichkeiten ihrer Lösung gerade diejenige verwirklichen, die über den bisherigen Zustand am weitesten hinausgeht. Die Mittelmächte erfüllen die Sehnsucht der Polen nach einem nationalen Staat, nach freier Entfaltung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte im Vertrauen darauf, daß das künftige Königreich Polen die seit Jahrhunderten überlieferte Verbindung mit dem westeuropäischen Kulturkreise pflegen und ausbauen wird, daß es für alle Zeiten seinen Platz crtt u tt f e t e t unb bet (Seite Üftetretdj»UTt0dtti3 nehmen wirb. Je verheißungsvoller sich bie Zukunft Polens entwickeln wird, desto größer freilich wird der Zwang sein, das Verhältnis der Polen preuß i s ch - deut-

s ch e r S t a a t s a ii g e h ö r i g k e i t auf n e u e Grund- lagen zu stellen. Unsere Polenpolitik wird fortan nicht mehr die Fortsetzung der bisherigen sein dürfen, hier müssen neue Wege gefunden werden, auf denen sich unser aufrichtiges Bestreben, den Polen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mit der Einsicht unserer polnischen S t a a t s g e n o s s e n rn me ihnen erwachsenben Pflichten unb Notwenbrgkerten de- gtzgnen kann. Indessen höher als alle Bedenken die nach dieser Richtung gehegt werden dürfen, deren Über­windung ober möglich iein wird, weil sie ennoglicht werden muß, steht die Notwendigkeit, gegen Ruß­land einen f e st e n D a m m aufzurichten. Der Krieg ist nicht geführt worden und wird nicht geführt mit dem ausgesprochenen Zweck. Polen wiederherzustellen, über diese Wiederherstellung bedeutet eines der Fun- damente besseren Grenzschutzes, an deren Errichtung die Mittelmächte zu arbeiten haben, damit sich nie die Überflutung deutschen und österreichischen Reichsgebietes wiederholen kann, die in diesem Kriege nur wegen der schlecht zugeschnittenen Grenzen erfol­gen konirte. Je größer die Gefahr ist, die demMittel- mächten aus der gewaltigen russischen Volks- Vermehrung droht, desto dringender wird die Staats Notwendigkeit für uns und unsere Verbündeten, dem neuen polnischen ^taatsgebüde öte Bedingungen seines Gedeihens auch in bezug auf ferne Flächenausdehnung zu verschaffen. Es liegt rn der Natur der in Fluß befindlichen Verhältnisse, oaß tn dieser Hinsicht alles der weiteren Entwicklung der K r i c g s läge überlassen bleiben muß. Zunächst wird es die Aufgabe sein, dem Königreich Polen die Or- aane zu geben, mit denen es fern nationales Leben seine staatliche Urbeitsmöglichkert, sein kul­turelles'Gedeihen und namentlich den Ausbau ferner Wehrkraft sichern kann, die f e st e G e m e i n s a m- keit des tragenden Willens, den Deutschland „und Österreich-Ungarn in allen Vorstadien der polnischen Frage bekundet haben, bürgt dafür, daß auch diele Aus­gabe in einer sowohl unseren Interessen dienenden wie die Ansprüche der Polen befriedigenden Weise gelost werden wird. Wer die Schwierigkeiten sind a r o ß und niemand verhehlt sich, daß dre verbündeten Monarchen rind ihre Staatsmänner ernen außerordent­lich kühnen Entschluß gefaßt haben. War es zuletzt vielleicht der einzige, den sie fassen konnten,- so verrrn- aert das nicht die Fülle der ernsten Erwägungen, mit denen wir das weltgeschichtliche Ereignis zu würdigen haben Wir wollen nicht aut Dankbarkeit rechnen, wir müssen vielmehr immer bedenken, daß die. polnische Volksseele in allen drei Gebieten, wo oiev Volk wohnt, den Triebkräften der inneren Zusammengehörigkeit nachgeben wird. Noch läßt sich nicht genau uberiehen. in welchem Geiste die gleichzeitig mit der Errichtung des Königreichs Polen gewährte A u t o n o m i e G a l i- ziens verstanden werden, soll, Wenn man den un- mittelbaren Nutzen btefer im einzelnen zunächst nicht ganz klaren Neuordnung innerhalb des österreichischen Staatsverbandes zu Rate zieht, dann, scheint es, ,fls sei mit der veränderten Stellung Galiziens em wichtiger Schritt zur Lösung der österreichischen Nationalitäten- frage getan. Denn wofern diese Veränderung bedeuten soll, daß die galizischen Abgeordneten vielleicht ganz aus dem österreichischen Reichsrat ausscheiden, Ware das Ergebnis dies, daß die Deutschen im zisletthani- scheu Staatsverbande eine wesentlich einfluß­reichere Stellung erhielten, womit zugleich die böhmische Frage einer befriedigenden Neuordnung leichter entgegenzuführen wäre. Dieser Vorteil aber würde unter Umstanden ausgewogen weichen durch dre vorauszusetzende. Neigung der Polen zur V e r- wischung der Staatsgrenzen. So ist vieles in das Dunkel emer Zukrnfl emaeüuüt. die beute me-

mand durchdringen kann. Wir müssen darauf ver­trauen, daß die Polen wissen, wohin ste gehören, daß sie also den festen Willen haben, innerhalb des Bund- niskomplexes Mitteleuropas mit dem vollen Bewußt­sein ihre auf uns angewiesenen Interessen ein gleich­wertiges Element zu bilden, nicht bloß zum Nehmen, sondern auch zum Geben bereit. Wir müssen uns mit der Zuversicht erfüllen, daß die Polen den spater zweifellos kommenden Verlockungen Rußlands, das sich vermut­lich klugerweise in die neue Lage schicken wird, Wider­stand leisten werden, daß sie die Gefahr erkennen werden, sich als Sturmbock mißbrauchen zu lassen. Für jetzt und heute freilich drohen diese Gefahren wohl nicht, ber Aufbau bes polnischen Staatswesens wirb natur- gemäß eine beträchtliche Zeit etforberu. Es wirb zu- nächst die Einsetzung eines Regenten notig werden, und der Regent wird sich im engsten Einver- nehmen mit uns und Österreich-Ungarn zu halten haben. Darauf deuten auch die halbamtlichen Erläuterungen hin, mit denen die Proklamation des Herrn v. Beseler in Berlin wie in Wien begleitet wor­den ist. Die Polen werden keineswegs sich selber über­lasten bleiben, ihre Schritte zur Verwirklichung des neuen Königreichs werden unter der Führung oer Mittelmächte, nicht nur nach ihren Ratschlagen, sondern unter ihrer bestimmenden Mitwirkung er­folgen, und man wird wohl annehmen dürfest,, daß gleich im Beginn durch einen ewigen Bunonis- vertrag für die dauernde Übereinstimmung der In­teressen auf den entscheidenden Gebieten , des ^Heer­wesens und vielleicht auch des Wirtschafts­lebens gesorgt werden wird. Unseren Feind e n wird es nicht gerade leicht fallen, sogleich eine feste Stellung zu dem großen geschickstlichen Ereignis emzn- nehmen. Während die Gegner überall, wo sie mit, den angeblich von ihnen beschützten „kleinen.Nationen ist Verbindung kommen, nur zerstörend auftrmen, blieb es uns vom Schicksal Vorbehalten, eines der wichtigsten Völker Europas, das polnische, aus der russischen Knecht- schafl in die F r e i h e i t und Selbständigkeit hinüberzuführen. Eine stärkere Widerlegung oer Be- Häuptling, daß wir die brutale Herrschaft über unsere Grenzvölker anstreben, könnte schwerlich erdacht toerden. Wir und nicht die Feinde sind es, die dem nationalen Gedanken zum Siege verhelfen, und durch unsere Mäßi­gung zeigen wir, wie grundlos die Verleumdung ist, daß wir unseren eigenen nationaleil Staat durch rück­sichtslose Ausbeutung unserer militärischen Erfolgs wahllos zil einem Nationalitätenstaat zu erweitern trachten. Kein Dorf polnischen Gebiets eignen wir uns an, k e i n e ,.G r e n z r e g u l i e r n n g" an Weich­sel oder Warthe liegt in unserem Plane. Noch freilich ist nichts über das Schicksal Litauens und Kur- l a n d s entschieden, wenigstens nicht im Rahmen der 1 für die besondere polnische Frage gefundenen Lösung, aber gerade die H e r a u s s ch ä l u n g Polens aus der Gesamtheit der mit dem Kriege aufgeworfenen Probleme des Ostens, wird voraussichtlich die Auf­gabe. auch nach der zuletzt bezeichneten Seite hin eine zweckdienliche Neuordnung zu schaffen, formal wie m- balflich erleichtern. Wir dürfen und wollen nicht vergessen, daß der Reichskanzler, als er von der Befreiung aller dieser Gebiete aus den Banden der russi­schen Knechtschaft sprach, das ganze weite Land von der baltischen See bis zu den w o l h y n r s ch e n Sümpfen und neben den Polen auch die Balten, die Letten und die Litauer nannte. Aber diese weiteren Fragen und Aufgaben werden in den Rabmen der küiifttgen Friedensverhandlungen fallen, mit der Errichtung des Königreichs Polen I haben sie nichts un- mittelbar zu tun.

Weitere Fteudenkundgebnngeu in Warschau.

W. T.-B. Warschau, 6. Nov. Die gestrigen Abendvor­stellungen in den Theatern gaben überall zu patriotischen Kundgebungen Veranlassung. Im Großen Theater wurde die Oper „Halka" von Momiusko aufgeführt. Bor Beginn erhob sich die gesamte, festlich gekleidete Zuhörerschaft, darun­ter der B ü r g e r m e i st e r, die Stadträte und Mit­glieder des Magistrats nnt dem Präsidenten Fürsten L u b o m i r s k i. und hörte stehend die von den Künstlern des Theaters.und dem Chor vorgetrogene Nationalhymne an st mm er wieder mußte der ergreifende Gesang wiederholt werden bis die Vorstellung nach der Beruhigung beginnen konnte. — Im Palais de Glace wurde ein« Versammlung te® Zentral - Rational komitceS abgehakten, in der ver­schiedene Redner die Bedeutung der Unabhängigkeit Polens hervorhoben und auf die L e i d e n der polnischen BeboSerung unter dem russischen Regiment hinwiesen. Sie besprachen die Notwendigkeit der Einberufung eines polnischen Landtags und der Errichtung einer polnischen Armee. Die Versammlung nahm einen sehr eindrucksvolle Verlauf. Sie wurde unter nicht endenwollenden Rufen: ..Es lebe Polen!" geschlossen. worauf die Teilnehmer sich an Um­zügen durch die Straßen der Stadt beteiligten.

Huldigungsdepefchen an die beiden Kaiser.

W. T.-B. Warschau, 5. Nov. Nachstehende Depesche ist in -iner großen politischen Versammlung in der Philharmome unter dem Rufe: „Es lebe Kaiser Wilhelm!" und unter mcht endendem Beffall angenommen worden: ^ _ ,

„Großer Monarch! An diesem für das polnische Volt so ftöhlichen Tage, wo es erfahrt, daß es ftei sein und einen selbständigen Staat mit eigenem König, erge- n e m Heer und eigener Regierung erhalten wewe, durchdringt die Brust eines jeden fteiheitlichen Polen das Ge­fühl der Dankbarkeit gegen diejenigen, die es mrt chrem Blut beftest haben und es zur Erneuerung eines selbständgen Leben? berufen. Die Siege Deines unbe- biegbaren Heeres haben zwei Städten bie Freiheit ge­bracht, die dem polnischen Herzen gleich teuer sind, nmnlicy Warschau und Wilna. Das heutige Überemkourmen zwischen Deuffchland und Österreich-Ungarn in der.polnischen Frage verleiht uns ein selbständiges staatliches Dasein, -das höchste Gut, das mn Volk besitzt, ein Gut, das wir zu schätzen wiffen, da wir die Bitterkeit der Knechtschaft gekostet haben. u,rd zu dessen Verteidigung wir bereit sind, wenn uns dre Möglichkeit gegeben wird, gegen unseren _ Erbfeind, den Atoskowiter/mit allen Anstrengungen unserer Kraft in den Kirrnps zu ziehen. Wir wissen, daß hinter all diesem Dem Wille steht, Erlauchtster, und daß die Kraft Deines Geistes em Faktor dieser geschichtlichen Tatsache ist. Daher senden wir Dir, Erlauchtester, den Ausdruck unserer Dankbarkest und die Versicherung, daß das polnische Volk fernem Bu-ndesge- noffen die Treue zu wahren imstande sein wird.

Gez.- Makowicki, Studnicki, Diplomingenieur Professor Hnmnicki, Schriftsteller Gruschewski, Rechtsanwalt Szymanski, Großgrundbesitzer Suski aus Grojec, Industrieller Luksen- bura. Industrieller Krzyskiswicz, Industrieller Jawrolkowski, Arzt Paul Rowski, Landbesitzer und Veteran von 1888

Kiaglinski." ^ ,

An den Kaiser und König Franz Joseph ist eine gleich­lautende Kundgebung abgesandt worden.

Die Begeisterung auf dem Presfeabend in Warschau.

W. T.-B. Warschau, 7. Nov. (Drahtbericht.) Am Mon­tag, dem Tag nach der Feier der Erklärung Polens zum Königreiche, waren im Hotel B r i st o l in Warschau auf Ern- , laduug des Generalgouverneurs von Beseler und des Chefs der Ziviloevwaltung Kries die Vertreter _ der deutschen, ver­bündeten, neutralen und jüdischen Presse versammelt. Be­sondere Bedeutung erhielt der Abend durch die Anwesenheit der Führer des polnischen Volkes und zahlreicher Vertreter der poInischen Presse. In Rede und Gegen­rede spielte sich die große Begeisterung wieder, die seit gestern ganz Warschau erfüllt. Der Botschaftsrat vo n M u t i u s be­grüßte die Anwesenden und drückte die Hoffnung aus. dag die Presse ihre P e r ft ä nd ig u ng s a rb e i t auch nach dem neu ins Leben getretenen Bund, gebildet aus den Mitte. - m ä ch t e n und P o l e n, widmen möge. Namens des General­gouverneurs sprach Major Schitte und führte aus: An die

Stelle des Wortes „finis poloniae" sdaS Ende Polens) iei nunmehr die Parole „Uesurrsetio poloniae" (der Wiederauf­erstehung Polens) getreten. Sein begeistert aufgenommenes Hoch galt der siebten Großmacht, der Presse. Besondere polit,- sche Bedeutung gewann der Abend durch Ansprachen der Ver­treter der neiltraten Presse und Polens. Von polnischer Seite wurde immer wieder dem Gedanken der treuen Waffenbrüderschaft mit den Mittelmächten und des unauslöschlichen Dankes für die endliche Befreiung Polens von d-m demoralisierenden Joche Rußlands, wie ihn der prn- bere Dumaabgeordnete von Lempicki formulierte, Ausdruck ge­geben Herr Zawacki gedachte vor allem der deutschen und polnischen Kämpfer, die für die Beffeiung Polens gefallen sind. Fürst Radziwill drückte das Vertrauen der polni­schen Bevölkerung zu dem Generalgouverneur aus und jchlotz mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Exzellenz v o n Beseler. Unter :ieson>derer Auftiierksamkeit hob der Ver­treter Schwedens hervor, wie das Schicksal Polens dem Schwedens geschichtlich gleiche, die Richtung ge^n den gemeinsamen russischen Feind zeige. Der Ver­treter der Türke, zerpflückte in packender Ansprache die Lügenmärchen der Ententemächte, die behaupteten, die Be- freiet der kleinen Völker Europas zu sein. Graf Hutten- Cravski b'uchte ein brausend aufgenommenes -goch auf die kommende polnische Armee aus. Was alle zündenden Reden, von denen wir nur einen kleinen ^.e,l auf- geführt haben, noch gesagt hatten, das wurde durch die herz­liche Aussprache von Mund zu Mund im Laufe dev Abends wieder und wieder bekräftigt. Man tremite sich in dem Ge­fühle daß dieser Abend, der die Pressevertreter vereinte. c,n würdiger A u s k l a n g des denkwürdigen Ereignisses d» Proklaniation Polens zum selbständigen Königreiche war.

Eine neue Verordnung Befelers.

Bv. Warschau, 7. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) General­gouverneur v. B e s e l e r hat durch eine soeben erlaß enc Ver­ordnung allen Städten aber 20000 Eina,ohner„ rine der Warschauer Wahlordnung fast völlig gleichende Wahlord- nu„ a verlieben. Ferner hat der Generalgmverneur von Beseler jetzt fleu Kreiskommunalverbänden ein Kreistags­wahlrecht verliehen.