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Montag, 6. November *916.
Kbend-klusgabe.
Polens Autonomie.
(VonunsererBerlinerAbteilung.)
„Auch das Plötzliche ist zuweilen gut, wie sehr mau dagegen eifere" — ein Satz, der sich in Heines auch heute so lesbaren Briefen über Polen findet. Die Mittelmächte haben in einem feierlichen Erlaß den autonomen polnischen Staat ausgcrusen, einhun- dertundein Jahre nach dem Wiener Kongreß, auf dem sich Rußland das Herzogtum Warschau ein- verleibt hatte. Das, was der großen Öffentlichkeit an diesem Entschluß plötzlich erscheinen mag, überraschend und vielleicht gar unerwartet, ist dennoch aus ctründlicher Überlegung heraus gereift. ÜbereinJahr schon steht das Generalgouvernement Warschau unter deutscher, das Generalgouvernement Lublin unter österreichischer Verwaltung: noch toben
die russischen Schlachten, aber die Verkündung des un- lchhängigen polnischen Staates ist das erste praktische Friedensziel, eine geschichtliche Notwendigkeit geworden. Nach säkularem Streit sind deutsche und polnische Interessen dieselben geworden, schuf ein eisernes Gesetz diesen deutsch-pol- n i s ch e n B u n d.
„Sentimentalität haben wir verlernt", hatte Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg jüngst einmal im Reichstag getagt. Man darf es betonen, und es ist gut, daß man es in Warschau wisse: Härtester Realis
mus, keine falsche Freundschaftsvorspiegelung. diktiert den Dauervertrag, den die Mittelmächte mit dem autonomen Polen schließen, auf polnischen Wunsch und im eignen. Wozu es leugnen, daß auch die Kongreßpolen keine zarten Empfin- d'.mgen für uns hegten? „Polen liegt zwischen Ruß- land und — Frankreich. Das noch vor Frankreich liegende Deutschland will ich nicht rechnen, da ein oroßer Teil der Polen es ungerechterweise wie einen breiten Sumpf ansah, den man schnell überspringen müsse, um nach dem gebenedeiten Lande zu gelangen, wo die Sitten und Pomaden am feinsten fabriziert werden . . hieß es schon zu Heines Zeiten. Die Warschauer hatten umlern eu müssen: das hofierte Paris bezahlte den Moskowitern Milliarden unter der ausdrücklichen -Bedingung, recht viele strategische Bahnen in das mehr und mehr russifizierte Polen hineinzulegen, damit es der Kriegsschauplatz werde, der es denn auch tatsächlich geworden ist. Von Frankreich kam indirekt die Befreiung — durch die Deutschen! Leugnen wir auch nicht, daß diese Betretung zunächst keine große Annehmlichkeiten mit sich brachte. Unser Kriegsgesetz mußte herrschen, strengste Disziplin. Es wurde stellenweise ein sehr straffes Regiment eingesührt, um für Ordnlmg und nicht jedermann gewohnte Hygiene zu sorgen. Das Land litt und leidet schwer unter den unvermeidlichen wirtschaftlichen Sorgen. Aber es sah auch schon mitten in der Kriegszeit etwas wie Zukunftsverheißungen,
Was die Russen in hundertjähriger Herrschaft nicht bewilligt hatten, gewährten unsere Generalgouverneure, sobald sie das- Vertrauen hatten, daß den vielfach so hochkultivierten Polen solche Mitarbeit unter allen Umständen zugebilligt werden konnte: die Autonomie wes Gemeindewesens. Das war der Anfang auf dem Wege zur Autonomie des Staatswesens. Es freut jeden gebildeten Menschen, daß das dazwischenliegende Ereignis die mit Recht von beiden Seiten so feierlich gestaltete Eröffnung der Warschauer Universität war. Die vorhandenen rustensreuud- lichen Elemente blieben in der Minderzahl. Es fanden Kundgebungen in Warschau und an vielen anderen Orten statt, die einen ausgesprochen russenfeindlichen Charakter hatten und in ihren Entschlüssen zugleich den Wunsch nach Autonomie und nach Teilnahme an dem Kampf gegen die Unterdrücker zum Ausdruck brachten. Einflußreiche Polen sprachen bei dem deutschen Generalgouverneur in immer größerer Zahl vor und erklärten: „Gebt uns Sicherheit über Polens Zukunft, dann werden wir zu unseren Fahnen eilen, um an eurer Seite für diese Zukunft zu kämpfen." Mit Begeisterung hörten die Kongreßpolen von der außerordentlichen Tapferkeit, mit der die polnischen Legionen schon seit Monaten an der Seite der Verbündeten gegen den gemeinsamen Feind fochten.
Es wird an Widersachern dieser Lösung in Deutsch land nicht fehlen. Sie haben die Tradition für sich, können sich auf Bismarcks Wort berufen: „Es ist ein utopischer und unter allen Umständen für Deutsch land verderblicher Gedanke, daß ein autonomer polni scher Staat wieder einmal entstehen könnte." V o r diesem Krieg mußte dies Dogma gelten, da wir au die russische Rückversicherung glaubten. Seit diesem Krieg sehen wir, daß wir unter keinen Umständen Ost- und Westpreußen wie Schlesien der alten Gefahr ansgesetzt lassen können. Polen bei Rußland belasten. 12 Millionen Menschen, die von dem jährlich um drei Millionen Köpfe anschwellenden riesigen Zarenreiche
früher oder später völlig russifiziert toerden wurden, dem Koloß ausliefern, der auch nach all fernen Niederlagen eine Bedrohung unserer Zukunft blerben wird, gehörte zu den Voraussetzungen eines für Deutschland verlorenen Krieges. Sollten wir nicht den Versuch machen, diese nach W e st e n gravitierenden Slawen dauernd dem Osten abzugewinnen? Wohlverstanden in erster Linie im deutschen Interesse, erfreut, daß es sich mit dem polnrschen Interesse deckt! Problemlöser haben bereits trotz Zensur erklärt, sie zögen es vor, wenn wir nach einer „Grenzbecrchtrgung den Hauptteil Polens wieder an Rußland Zurückgaben. Auch diese erneute Teilung des Landes wäre Deutschlands Entwickelung nicht förderlich. Einige Millionen Polen müßten von uns annektiert werden — kerne frohe Aussicht — die anderen würden mit um so glimmeren Haß gegen uns ins zarische Joch zurückkehren. Wieder andere Rätselrater überwiesen ganz Kongretzpolen Österreich, wo sich ja auch Leute fanden, die Warschau begehrten. Bei aller Hochachtung für bundesbrüderliche Tapferkeit wird man es uns nicht verargen, wenn wir unseren Ost schütz lieber selbst überwachen. Es heißt ein offenes Geheimnis verraten, wenn wir sagen, daß im Verlauf der Berlin- Wiener Verhandlungen schon einmal eine Lösung dicht bevorstand, die weitergehend als jetzt „gelöst" und vor allem dem Ding einen Namen gegeben hätte, daß aber das österreichische Bedenken in letzter Stunde uns einen Dienst geleistet hat. Bleibt auszuführen, was die einzige Lösung, die übrig blieb, bezweckt.
Der autonome Staat Polen tritt, auf das engste angeschlossen, in das Bündnis, das die Mittelmächte miteinander verbindet, Wir werden alles tun, um die wirtschaftlichen und die ideellen Jnteresien der Polen miss innigste mit den unfern zu verketten, damit in Fortfall kommt, was jetzt noch so manche Blicke nach Rußland hinzieht. Der polnische Kaufmann und Industrielle wird Anschluß bei uns finden; die polnische WisteNschast steht schon lange in Fühlung mit der unfern, wird sich der regeren Be- ziehung freuen; die polnische Kunst und Litteratur hat keine Klage über die Aufnahme, die sie bei uns findet. Das sind die Ausblicke des Friedenswerkes. Irre dentagefahren müssen wir in Kauf nehmen, er trugen sie auch vor dem Kriege. Manche erwarten gegenseitige Kolonicnabwanderungen, erhoffen vau den Kongreßpolen so aufgeklärten politischen Blick, daß sie realistisch init dem Erreichbaren zufrieden sein und selbst Reibungen entgegenwirken werden. Die Gefahren, die nmn nicht zu verkennen braucht, erscheinen jedenfalls gegenwärtig als zweiten Ranges in Anbetracht der höheren Interessen, die auf beiden Seiten verfolgt werden. Die Hauptsache ist und bleibt für Deutschland, daß wir in den Polen sichere, aus eigenstem Bedürfnis unbedingt zuverlässige Waffe n- b r ü d e r gegen die Gefahr aus dem Osten sehen kön neu. Die polnischen Truppen lverdeu im Kriegs fall mit den unseren kämpfen, also ihren Geist atmen, ihre Schulung besitzen. Absolute Waffenbrüderschaft muß den Bund besiegeln.
Das Werk der Autonomie wird seine Zeit zum Aus bau brauchen; manches wird erst nach dem Frieden möglich werden. Aber jetzt schon wird den Polen — eine Abordnung angesehener Polen, die in Berlin war, erbat und erhielt das Versprechen — mehr und mehr die Mitarbeit an der Verwalt u n a eröffnet werden. Eine ernste Aufgabe will,gelöst sein; möge die bewegte polnische Geschickte als Lehre dienen, daß Maßhakten und reale Politik allein die Griindlagen dieser autonomen Zukunstsentwicklung legen können
Die Proklarnationsfeier in Warschau.
W. T.-B. Warschau, 5. Nov. Seit den frühen Morgenstunden kündigte eine stetig wachsende Bewegung in den Straßen von Warschau das Vorgefühl der Bewohner der alten Königsstadt für das kommende g e- schichtliche Ereignis an. Der herrlichste Herbsttag begünstigte den Zuzug der vielen Tausende nach den Straßen, die zum Schlosse rühren, insbesondere nach der Sigismund-Säule, die der Menge zum Mittelpunkt ihrer Versaimnlung wurde.
Gencralgvuverneur v. Bescler hatte Vertreter der deutschen und polnischen Presse, sowie die zurzeit in Warschau anwesenden Mitglieder der neutralen Presse eingeladen, sich im Schloß Belvedere vorzustellen. Exzellenz v. Beseler begrüßte die kleine Versammlung herzlich und wies in einer längeren, eindrucksvollen Ansprache auf die geschichtliche Bedeutung des Tages hin. Das bevorstehende Ereignis habe sich aus den gegebenen Verhältnissen heraus mit eiper gewissen Notwendigkeit entwickelt. Es gereicht uns, bemerkte der Geueralgouverneur, zur Freude, daß dieser Schritt überhaupt einmal mit der Frage auf- räumen wird, die über hundert Jahre an Europa gezehrt hat. Wir haben das feste Vertrauen, daß
Nr. 839. . 64. Jahrgang
diese uns gewordene Fügung zu einem guten E n d e führen wird. Alle, die die Verantwortung für dresen, vielleicht von mancher Seite angefochtenen Schritt tragen, sind sich dessen voll bewußt. Wenn die Gegner sagen sollten, die Deutschen brauchten eben Soldaten, so ist uns das Nebensache, obwohl , Polen immer ein altes Soldatenland gewesen ist. Die Hauptsache ist uns das große politische Ererg- n i s, das Osteuropa in ein ganz anderes Verhältnis zu den uns vom Osten bedrohenden Mächten setzen wird. Unser Vorgehen soll nicht nur Polen zum Nutzen gereichen, sondern überhaupt der ganzen Welt ein Ber- .spiel dafür bieten, daß nicht wir die kleinen Nationen unterdrücken, und daß wir auch gewillt sind, beim Frieden die Welt auf guten und festen Boden zu stellen.
Die Verlesung des Manifestes.
Nach Beendigung des Empfanges begaben sich die Herren nach dem Schloß, wo schon von 11 Uhr an die Gäste zu der auf Mittag ange'etztest Festlichkeit einzutreffen begannen. Immer dichter wurde die Menge auf den Zufahrtsstraßen. Vereine und studentische Korporationen zogen mit Fahnen nach dem Innern des Schlosses, das allmählich völlig von Menschen erfüllt war. Die farbigen Trachten, zusammen mit den wehenden Bannern in der leuchtenden Sonne schufen ein prächtiges abwechselungsvolles Bild, das auch von den Fenstern des Schlosses aus gesehen, einen packenden Eindruck von der gehobenen Stimmung gab, in der sich die Bevölkerung befand. Inzwischen versammelten sich im Kolonnen-Saal des Schlosses, wo der eigentliche Festakt stattfinden sollte, allmählich die geladenen Ehrengäste. Eine Estrade war rechts und links von Bannerträgern der Warschauer Hochschulen flau- kiert.
Punkt 12 Uhr erschien der Generalaouvevneur imt den Offizieren seines engsten Stabes, betrat nach der Begrüßung derVersammlung dieEstiade und nahm aus der Hand seines persönlichen Adjutanten Hauptmann v. Heinitz die Proklamation entgegen, die er sodann unter dem ehrerbietigen Stillschweigen der Versammlung mit lauter und oft bewegter Stimme verlas. Hierauf übergab er Oberstleutnant Erzellenz Gras Hutten-Czapski den polnischen Terf zur Verlesung. Die Versammlung brach zum Schluß in wiederholte Niech Zije-Rufe und andauerndes Händeklatschen aus.
Die Dankrede des Rektors v. Brudzynski. Stadtverordnetenvorsteher und Universitätsrektor Dr. v. Brudzynski sprach den Dank Polens in folgender Rede aus: Wir empfangen diese feierliche
Kundgebung der beiden Verbündeten Monarchen, durch welche unsere niemals verjährten Rechte aus eine imabhängige staatliche Existenz anerkannt und bestätigt werden, in der festen Überzeugung, daß deren Inhalt Von aufrichtigstem Wohlwollen getragen ist und bald und zielbewußt vexwirklicht wird. Die wesentlichste Gewähr dieser Verwirklichung würden wir in der Berufung eines Regenten,als des Symbols der polnischen Staatlichkeit sowie eines vorläufigen Staatsrates erblicken, bis zu dern Augenblick, in welchem der.König von Polen an die Spitze des endgültig organisierten und in seinen Grenzen festgelegten polnischen Staates treten wird. Wir sind davon überzeugt, daß die Gemeinschaft der staatlichen Interessen, welche die Zentralmächte und das "Königreich Polen verbinden, zwischen ihnen beste f r e u n d n a ch b a »l i ch e Beziehungen begründen und aus diese Weise allen Angehörigen unseres Staates günstige Bedinqrmgen für die Entwickelung unseres nationalen Lebens schaffen wird. Eure Exzellenz bitten wir nunmehr, den beiden hochherzrgen Monarchen den Ausdruck unseres festen Glaubens an die gedeih liche Verwirklichung ihres Willens zu übermitteln und ihnen unsere tiefgefühlte Dankbarkeit auszudrücken. Es lebe ein freies und unabhängiges Polen!
Die Rede rief erneute begeisterte .Kundgebungen hervor. Man sah alte Männer Tränen vergießen. Einzelne Personen brachten in ununterbrochener Folge Hochrufe auf das freie Polen und die verbündeten Monarchen aus. — Nach wieder eingetretener Ruhe hielt Exzellenz v. Beseler folgende Ansprache, an die anschließend die Gouvernementskapelle die alte polnische Nationalhymne: „Gott, der so Polen erhalten hat!" spielte:
„Mitten im Toben des Weltkrieges führt der hochherzige Entschluß der verbündeten Monarchen den langgehegten Wunsch nach einem selbständigen polnischen Staate der Verwirklichung entgegen. Der trübe Zweifel, was soll aus uns werden, findet keinen Raum mehr in den polnischen Herzen; ein neues großes Ziel ist ihnen gesteckt. Es gilt den Ausbau Ihres künf- figen Staates. Noch blutet das Land aus tausend Wunden, noch verlangt täglich auch von rhm der Kampf gegen
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