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1 Der Roman, f

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^ »J Morgen-Seilage -er Wiesbadener Tagblatts, i» »i

Nr. 259.

Samstag. 4. November.

1916.

/

(Schluß.»

Wenn die Vlälter fallen.

Roman von Hans von Belgard.

(Nachdruck verboten.)

Paris im Mai!

Müde schlendert ein großer nltramodern gekleideter Mann, an dem nur der riesige Schlapphut den Kunst- ler markiert, rm Morgengrauen durch das Bois.

Sein schmales, vornehmes Gesicht trägt deutlich die Spuren einer wild durchwachten Nacht, seine Haltung ist gebeugt, wie kraftlos von einem entnervenden Lebenswandel, der die Nächte zum Tage macht.

Keinen Blick hat er für die taufrische Schönheit dieses Fruhlmgsmorgens, für das Duften und Blühen rrngs umher, für die jubelnden, zwitschernden Vogel- stimmen, die jauchzend das Licht grüßen. Müde blin­zelt er in den strahlenden Sonnenschein, und in seiner rn einer der vornehmen Straßen in der Nähe des Bois gelegenen eleganten Junggesellenwohnung angekommen, zieht er die schweren Vorhänge vor die Fenster seines mit raffiniertestem Luxus eingerichteten Schlaf- zimmers, um dem Hellen Tageslichte zu wehren.

Bleiern legt sich der Schlaf auf seine schweren Augenlider, auf die überreizten Nerven, und mit einem Fluche empfängt er den Diener, der ihn aus diesem unerquicklichen Schlummer mit einem eingeschriebenen Briefe weckt.

Zornig greift er nach dem Zettel, um den Empfang zu bestätigen aber plötzlich verstuinmcn seine ärger- lrchen Verwünschungen, er wird ganz still und ein Goldstück gleitet mit der Bescheinigung zugleich in die Hände des erstaunten Dieners mit dem Befehl, dieses dem Postboten zu übergeben und ihn dann die nächsten Stunden nicht zu stören.

Dann hält er den Brief in seiner Hand, lange, lange.

Brenne« starren die weitgeöffneten Augen auf den Poststempel, ans die Schriftzüge des Schreibens, wie lange ist es doch her, daß er beides nicht mehr gesehen.

Gleich einer Fata morgana steht sie da plötzlich vor ihm, die geliebte Heimat jenseits der Weichsel, das kleine Postgebäude, umgeben von duftenden Flieder- sträuchern und blühenden Obstbäumen und dem alten Posthalter, der stets init so lächerlicher Wichtigkeit den Ortsstempel auf die Briefe drückte. Jetzt wird wohl schon lange ein anderer, ein Jüngerer das Szepter in dem Postgebäude führen.

Zwanzig Jahre ist es ja her, daß er zuletzt den ge- liebten Namen gelesen.

Zwanzig Jahre, und dennoch unverändert groß und kräftig sind die Schriftzüge seines Bruders Claus, seines einzigen Bruders.

So schrieb d?r schon als Schüler und dann als lunger Offizier, so charakterfest, so unverändert wie sein Wesen war auch seine Schrift.

Zwanzig Jahre hat er nichts von dem Bruder ge­hört, mit dem er früher Freud und Leid geteilt, der stets so treu die Bruderhand über ihm gehalten.

... Wie dieser nur so plötzlich seine Spur gefunden, die er doch so sorgfältig verwischte.

Wild klopft sein Herz, und seine erschlafften Nerven werden stark, als er den Brief öffnet.

Em geschlossenes Schreiben ohne Adresse-fällt ihm entgegen und ein Briefbogen, bedeckt mit den charak- teristischen Schriftzllgen seines Bruders.

, „Lieber Werner", schreibt dieser ihm. „nach zwan­zig Jahren endlich habe ich Dich gefunden, nach zwan­zig Jahren kann ich Dir wieder einen Gruß aus der Heimat, einen Gruß brüderlicher Liebe senden. Wie habe ich Deine Spur gesucht, Jahre und Jahre, und immer vergeblich, und jetzt, nachdem ich lange die Hoff- nung aufqegeben, da wird mir die Erfüllung meines heißesten Wunsches,, und ich bin dankbar, so traurig auch die Umstände sind, die zur Erfüllung geführt.

Durch Erika wissen wir, daß Du der berühmt« Maler W. bist, sie sendet Dir durch Hans Magnus ein- liegenden Brief, sie selbst kann es nicht mehr tun, denn sie weilt nicht mehr unter den Lebenden.

Erst jetzt habe ich erfahren, daß Ihr Euch wieder­gesehen in Rothenburg: denn niemals sprach sie da­von. Da wird Dir ihr Lebenslauf bis zu Eurer zwei- ten Trennung ja bekannt sein. Vielleicht weißt Du auch, daß sie bald nach ihrer Heimkehr von Rothenburg die Braut ihres Schwagers Albrecht ward. Wir haben lenen Entschluß nie verstanden und noch unbegreiflicher wäre er uns gewesen, hätten wir etwas von Eurem Wiederfinden geahnt.

Erika selbst muß aber wohl bald das Unmögliche ihrer Handlung eingesehen haben, denn sie löste die Verlobung wieder und begab sich nach Südwestafrika zu Hans Magnus, dem sie, als er als Scbutztruppen- ofsizier schwer verwundet und selddienstunfähig gewor- den, die Mittel zum Ankauf einer Farm gegeben. Sie scheint sich dort Wohl gefühlt zu haben als fleißige Mit- arbelterin in den deutschen Kolonien, ihre Briefe sprachen befriedigt von einem tätigen, ausgefüllten Leben, und immer wieder verschob sie ihre Heimreise.

Dann raffte sie ein typhöses Fieber in wenigen Tagen dahin; vielleicht war es ihr Kismet, wie Ihr beide stdts zu sagen pflegtet, daß sie dort, fern der Hermat, die letzte Ruhe finden sollte.

In den schweren Fieberträumen ist Dein Name stets auf ihren Lippen gewesen, wie Hans Magnus schreibt: doch auch die letzten klaren Worte haben Dir gegolten. Dir, den, sie doch wohl mehr geliebt als wir geahnt — ja. Du, ihr Jugendglück, warst ihr letzter Gedanke und nicht ihr Sohn.

Den Brief hat sie in fieberfreien Stiinden an Dich geschrieben, er enthält wohl ihre letzten Grüße.

Und nun, Werner, reiche ich Dir treuen Herzens dia Bruderhand. Laß sie ausgelöscht sein, die langen trennenden Jahre, denke der Zeiten, da wir Freud und Leid miteinander geteilt. Du gingst mit Zorn und Trotz im Herzen aus der Heimat und hast zwanzig Jahre den Heimatweg nicht gefunden. Jetzt aber, da der Tod Dir Dein Liebstes auf Erden genommen, bitte ich Dich, vergiß und vergib, was Dir vielleicht als Un- recht erscheint. Der Tod löscht alle Flammen der Feindschaft und des Zorns, ec ebnet die Wege zur Heim,