der Wiesbadener Tagblatts, i » 1
Nr. 258.
Lreitag, 3. November.
1916.
114. Fortsetzung.)
wenn die Blätter falten.
Roman von HanS von Belgard.
(Nachdruck derbsten.)
. Erschauernd in Seligkeit überläßt die Gräfin sich willenlos seinen leidenschaftlichen Liebkosungen.
Die reife Süße vollbewußter Leidenschaft liegt in der heißen Umarmung, Küsse, rot wie Blut und heiß wre Flammen, lodern über sie hin, und süß und selig «egt die warme Luft in ihren Gliedern.
Sie sind der Welt entrückt, sind frei von Zeit und Stunde. Ein lautes Peitschenknallen schreckt sie empor, wie aus tiefem, seligem Traum erwachend, schauen sie ernander an. Die Wirklichkeit tritt in ihre Rechte und mit einem schweren, langsamen Lächeln löst sich die Gräfin aus der Umarmung des Geliebten.
Weich, aber bestimmt wehrt sie seinen sie umschlin- genden Arm ab und ihre Stimme bittet: „Nicht vor den Menschen, bitte nicht."
. Er fügt sich dem Wunsche der geliebten Frau, aber heiß pocht jeder Nerv in flammender Liebe und voll Begehren.
Allein dann, in dem stillen Honoratiorenstübchen des Gasthauses zu Creylingen, da flutet seine Liebe wieder über sie hin, in tausend zärtlichen Worten, in stürmrschen Liebkosungen, und, wunschlos glücklich, ganz dem Zauber der Stunde hingegeben, lehnt sie in seinem Arm, an seinem Herzen, und auch sie findet Worte heißer Liebe, tiefen Glücks.
Dann aber bittet sie leise: „Quäl mich nicht. Lieb, daß ich schon heute dir den Tag bestimmen soll, da ich dein Weib werde. — Laß mir Zeit. — Sieh, ich habe dich heute lieb wie vor achtzehn Jahren. — Was du einst unter Blüten gewonnen, mein Herz und meine Lrebe, das hat dir gehört und wird dein bleiben immer, in alle Ewigkeit. Aber es ist etwas anderes, ob ein junges Mädchen, das Herz voll seligen Glückes und leuchtender Hoffnungen, sich dem Geliebten für immer gelobt, als wenn eine reife Frau den ernsten Schritt zum zweiten Male tut, eine Frau, die das Leben kennt, die stch nicht mehr alleine gehört, die nicht nur Weib fern darf, die Pflichten hat, heilige Pflichten als Mutter. — Laß ,nir Zeit, nur vierundzwanzig Stunden. — Schon lange planen wir den- Ausflug nach Schlllingsfürst, unternimm ihn morgen ohne mich. Ich muß alleine mit mir zu Rate gehen, nicht der Zauber deiner Gegenwart darf meinen Entschluß beeinflussen."
Schweren Herzens verspricht der Maler die Er- fullung der harten Forderung, -aber als sie Abschied nehmen in dem schmalen Korridor, an desseii verschiede- neu Enden ihre Zimmer liegen, da zieht er sie noch Einmal in seine Arme, und heiß flüstern seine zuckenden Lippen: „Achtzehn Jahre habe ich dich entbehren .müssen, achtzehn Jahre auf dich gehofft, dich ersehnt und nun scheint e§ mir unmöglich, nur vierundzwanzig stunden von dir ferne zu sein", iind warm und herz- lich, als gäbe der stolze Mann sich ihr ganz mit diesem "Kusse, preßt er seine Lippen noch einmal abschiednehmend auf ihren weichen Mund. —
Müde »und dennoch in nervöser Erregung seine
Schritte beschleunigend, kehrt Werner Olden von seinem Ausfluge nach Schillingsfürst in das Hotel zurück.
. Hoffen und Sehnen, Zweifel und Fürchten ließen rhn den Schlaf nicht finden.
Immer wieder durchlebte er noch einmal jene Stunden auf dem alten Friedhof, all die heiße Seligkeit, da dem Sehnen von achtzehn langen Jahren end- lich Erfüllung ward, all die Enttäuschung, als das geliebte Weib sich ihm nicht bedingungslos zu eigen gab.
Er hat nichts gehabt von seinem Ausflug, blind und uninteressiert ist er den ganzen Tag gewesen, mit erleichtertem Aufatmen hat er das erste purpurne Rot auf dunklen Abendwolken begrüßt.
Ein Zittern überkommt ihn, je näher er dem Ziele zustrebt, es ist ihm fast, als ginge ein stilles Zittern auch über die Erde, die Sehnsucht macht io bange.
Als er am Eingang des Hotels steht, da überkommt es rhn plötzlich wie ein Schwindel, ein jähes Angstgefübl krampst ihm das Herz zusammen, er lehnt sich einen Augenblick, wie Halt suchend, gegen die Türe, und hier empfängt er mit einem Lächeln das wie eingefroren auf seinen harten, bleichen Zügen liegt, den Brief, den der Oberkellner für ihn aufbewahrte.
Mechanisch durchschreitet er die breite, mit Gästen besetzte Diele, keinen Blick wirft er auf das leichte Kuvert, das doch mit bleierner Schwere in seiner Hand zu liegen scheint.
Er weiß ja so genau, wer diese Zeilen geschrieben, er kennt die großen Schriftzüge, das feine Leinenpapier mrt der Grafenkrone, und er kennt den feinen, weichen, entnervenden Duft, der all ihren Sachen entströmt.
Lange hält er den Brief uneröffnet in der Hand, soll er ihn überhaupt noch lesen? — Er weiß ja so genau, was diese Zeilen ihm bringen, weiß, daß sein Glück ihm zum zweiten Male und nun für immer ent- schwunden ist.
Dann aber überkommt ihn ein vages Hoffen, vielleicht, daß er dennoch eines Glückes Rest darin findet.
Mit fieberndem Blick und zuckender Hand durch- liest er die langen Seiten, die die Beichte sind einer unglücklichen, irregeführten Frauenseele.
„Mein lieber Werner! Wenn dieser Brief in Deine Hände gelangt, bann bin ich schon weit von Rothenburg entfernt. — Kaum kann ich es erwarten, Meilen und Meilen zwischen uns zu legen — ich fliehe vor Dir in bitterer Herzensnot und weiß dennoch, daß ich niemals meiner heißen Liebe, dem verzweifelten Sehnen meines Herzens entfliehen kann.
Doch muß es sein, denn ich kann, ich darf Dein Weih nicht werden.
Stände ich Dir aber gegenüber, blickten Deine ge« liebten dunklen Augen mich zärtlich an, dann fände ich nicht den Mut, nicht die Kraft, von Dir zu gehen, für immer auf das so lange ersehnte Glück zu verzichten.
Schlaflose Nächte, in denen die Gedanken wander- tcn, hoffnungslos, liegen hinter mir.
