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Freitag, 3. November 1916.

Kbend-Nusgabe.

Nr. 534. 64. Jahrgang.

Somme und Siebenbürgen.

I.

Aus dem Großen Hauptquartier wird uns ge­schrieben:

Die ungeheuerliche Ausdehnung des Weltkrieges hat alle den Kämpfen der Vergangenheit entnommenen Maßstäbe für den Umfang wie für die Bedeutung der einzelnen Kampfhandlung entwertet. In früheren Kriegen gab es Schlachten, die im Zeitraum von ein paar Stunden und auf Fronten von wenigen Kilometern über das Schicksal nicht nur eines Krieges, sondern großer Völker, ja ganzer Erdteile auf Jahrhunderte hinaus entschieden, die also wirklich die Bezeichnung Entscheidungsschlacht verdienten. Der Gegenwartskrieg hat eine Unzahl von Schlachten gebracht, die als eine einheitliche, ummterbrochene Kampfhandlung sich durch lange Monate hinzogen und hinziehen, ohne daß ihr Ausgang über den Um­fang eben dieser einzelnen Kamvfhandlung hinaus eine entscheidende Bedeutung besäße.

Diese Kennzeichnung trifft anscheinend auch für die seit vier Monaten tobende und noch längst nicht abge­schlossene Sommeschlacht zu. Von den Angreifern freilich war sie zweifellos als Entscheidungs­schlacht allergrößten Stils gedacht und ange­legt. Sie sollte nach der Absicht unserer Feinde der strategischen Gesamtlage nickt nur an der Westfront, sondern auf der Gesamtheit der Kriegsschauplätze dreier Erdteile den rettenden Umschwung bringen. Im Rahmen der eingeleiteten Gesamtoffensive der Entente sollte sie die Mittelmächte unwiderruflich in die strategi- scheDefensive drängen. Mehr noch: ihr Ziel war die end­liche Durchbrechung unserer so oft berannten und immer unerschütterlich gebliebenen Westfront. War dieses Ziel erst erreicht, so mußte nach der Rechnung der Feinde unsere Westfront, einmal durchbrochen, völlig zusannnenbrechen. Unsere Heere mußten in Hast und Unordnung zurückfluten, mußten mit jedem Schritt rückwärts einen Meter der im jähen Vorwärtssturm des Kriegsbeginns eroberten Feindeserde räumen und damit die wertvollen und für die vielberufeneKriegs- karts" so bedeutungsvolleFaustpfänder" aufgeben. Vielleicht würden wir vmfuchen, uns zunächst noch ein» mal auf Feindeserde mit verkürzter Front zu einem neuen Widerstand zu stellen. Wahrscheinlicher aber: Wir würden in einem jähen Zurückfluten bis minde­stens zur Grenzmark unserer Heimat gedrängt werden.

Daß dies der strategische Sinn der Somme­schlacht war, dürfen wir als unzweifelhaft er­wiesen ansehen. Die Gesamtkriegslage zwang unsere Feinde, einen solchen Sieg im Westen mit allen Mit­teln anzustreben. Ihre Vorbereitungen waren so riesenmäßig wie die Aufgabe. Bei allen ihren Durchbruchsversuchen hatten unsere westlichen Gegner trotz schon damals ungeheuren Einsatzes an Menschen und Kriegsmaterial recht trübe Erfahrungen machen müssen. Diesmal hatten sie sich noch weit besser vor­gesehen. Der ungeheure Umfang ihrer Vorbereitungen beweist am klarsten, daß es ihnen darum zu tun war, diesmal um jeden Pr^is die Entscheidung im Westen herbeizuführen. .

Insbesondere ist hier auf die Tatsache zu verweisen, daß Engländer wie Franzosen riesige Kavallerie­massen bereit gestellt hatten, um nach erzieltem Durchbruch sofort die Verfolgung einzuleiten, so den taktischen Sieg strategisch auszuwerten und zu einer ver­nichtenden Niederlage für unsere ganze Westfront zu gestalten. *

Heute, nach einem Riesenkampfe von vier Mona- t e tt. w-sicher an Zurüstung, Dauer und Ingrimm alles jemals von Menschen bisher Geleistete und Erlebte um ein Erhebliches übertrifft: Was ist der Er­folg?

Zwar ist die Schlacht noch keineswegs abgeschlossen. Im Gegenteil kann es nicht zweifelhaft sein, daß unsere Feinde ihre Anstrengungen fortzusetzen, ja noch zu steigern gedenken. Dennoch gibt es einen Umstand, der zu einem vergleichenden Rückblick auf das von unseren Feinde Erstrebte und Erreichte geradezu herausfordert. Dieser Umstand ist die Tatsache, daß während des Monats Oktober die feindliche Offensive trotz wütender Anstürme nur noch Teil erfolge erzielt hat, im ganzen aber seit der Riesenschlacht vom 25. bis 27. September zum zweiten Maleins Stocken geraten ist.

Die gewaltige Anstrengung dieses letzten verhält­nismäßig erfolgreichen Großkampfes hat den Feinden ihren letzten nennenswerten Geländegewinn gebracht. Rach Hinzurechnung der keineswegs bedeutungsvollen Fortscchntte des Oktober ergibt sich ein im wesentlichen unverändertes Gesamtbild des feindlichen Erfolges. Er besteht in einer Errungenschaft von etwa 300 Geviert­kilometern eines Geländes, das keinerlei Ortschaft von Bedeutung einschließt, keinen strategischen Stützpunkt. Nicht einmal der Besit der beiden KlsrnLtädte, deren

Name früheren deutschen Siegen einen gewissen Klang verdankt, der Städtchen P 4 r o n n e und Bapaume, ist den Feinden vergönnt worden. Von den entfernte­ren Zielen St. Quentin und Cambrai ganz zu geschweigen. Ihr Besitz hätte zwar auch noch entfernt nicht eine Entscheidung bedeutet. Immerhin würde er das allernächste Ziel der Feinde, die Zurückdrängung unserer Front über eine ernsthaft in Betracht kommende Strecke feindlichen Landes, in erreichbare Nähe gerückt haben. Nichts von all dem ist erreicht. Das Gesamt­ergebnis ist eine auf Karten etwa vom Maßstabe selbst unserer größten Atlanten kaum erkennbare Ein» b u ch t u n g unserer unerschütterten Front.

Wenn wir uns fragen, mit welchen Opfern der Feind diesen Erfolg hat erkaufen müssen, so sind wir naturgemäß auf Schätzungen angewiesen. Wir wissen, daß die Engländer ihre eingesetzten Divisionen erst herausziehen, wenn sie etwa 4000 Mann eingebüßt haben. Da die Engländer unter doppelter bezw. drei­facher Anrechnung derjenigen Divisionen, die zwei- bezw. dreimal eingesetzt wurden, an der Somme rund 100 Divisionseinheiten eingesetzt haben, so kommen wir zu einer Verlustziffer von 400 000 Mann allein für die Engländer. Daß diese Schätzungsmethode zutrifft, ergibt sich aus dem Umstande, daß die Eng­länder selber in ihren Verlustlisten bis Ende September einen Gesamtverlust von 372 000 Mann zugegeben haben. Bei der Annahme, daß die Franzosen ihre Divisionen schon nach Verlust von 3000 Mann heraus­ziehen, kommen wir für sie auf einen Verlust von 180 000 Mann. So kommen wir zu einer feindlichen Gesamtverlu st Ziffer von rund 600 000 Mann, d. h. 2000 Mann auf den Quadratkilometer zwar zurück­erkämpften, aber in eine grauenvolle Wüste verwandel­ten französischen Bodens!

Die Erkenntnis, daß diese Opfer zu den bisher er­reichten Ergebnissen in einem schreienden Mißver­hältnis stehen, hat unsere Feinds schon seit geraumer Zeit veranlaßt, ihre Anfangsabsichten in der Öffentlichkeit zu verleugnen und dafür ein wesentlich bescheideneres Endziel unterzu- schieben. Als solches wird neuerdings die doppelte Absicht hingestellt, einmal auf unserer Westfront so­viel Kräfte zu binden, daß es unmöglich sein würde, die uns vorübergehend scheinbar entrissene Angriffs­kraft unserer Gesamtkriegführnng wiederum voll einzu­setzen und gegen den neuen Feind zu wenden, den man uns inzwischen auf den Hals gehetzt hat. Zum minde­sten aberdurchdieZusammenballungdergesamtenAngriffs- macht zweier großer Völler und den Einsatz der Waffen- und Munitions-Industrie des Erdballs den hier ge­bundenen Bruchteil unserer Kräfte völlig aufzureiben und damit den Zusammenbruch unserer Widerstands­kraft herbeizuführen.

Diese wesentlich bescheidener gefaßten Ziele hat die Sommeschlacht im viermonatigen Riesenkampf sie auch nur zu einem winzigen Teil ihrer Verwirklichung entgegengeführt? (Schluß folgt.)

Der Krieg auf dem Balkan.

Der amtliche bulgarische Bericht.

W. T.-B. Sofia, 2. Nov. Amtlicher Bericht des General­stabs vom 2. November:

Mazedonische Front: Schwache feindliche Ab­

teilungen, die nördlich des Maliksees vorgedrungen waren, sind durch unsere braven Truppen in östlicher Richtung v e r - trieben.

Im Cernabogen haben wir cknen schwachen An­griff des Feindes zurückgeschlagen.

Am Fuß der B e l a s i c a Planina und an der Struma­front geringe Artillcrietätigkeit. Während des Kampfes am 31. Oktober hat der Feind im Strumatal schwere Verluste er­litten. Im Abschnitt zwischen den Dörfern C h i r i st o s und Barakli Ts ch u m a haben wir über 500 unbeerdigte Leichen, viele frische Gräber und zerstreut eine beträchtliche Menge von Ausrüstungsgegenständen und Waffen gefunden.

An der Küste des Ägäischen Meeres beschoß ein feind­licher Monitor ohne Ergebnis unsere Stellung bei O r f a n o.

Rumänische Front: Die Lage ist unverändert. Bier feindliche Kriegsschiffe bombardierten 20 Minuten lang die Stadt Constantza. Unsere Küstenbatterien zwan­gen die Schiffe, sich zu entfernen. Das Bombardement hat weder Opfer gefordert, noch Schaden verursacht.

An der Donau bei R u st s ch u k und S w i st o w beider­seits Artilleriefeuer.

Die Offensive gegen Rumänien.

Br. Kriegsbericht unseres Sonderberichterstatters vom 30. Okt. (Verspätet eingetrosten.)

Auf der gesamten rumänischen Front dauert die Offen­sive in allen Abschnitten fort. Während die Armee Mackensen dem nach Norden zurückgehenden abgesprengten linken Flügel der rumänischen Dobrudscha-Armee dicht auf Len Fersen folgt und ihn über die Linie Harsova-Cartal- Carnasuf zurückdrängt, dringe» die Acattn Falkeu-

hayn und A r z aus den Gebirgspässen vor. Nach harten Kämpfen gegen die wiederholt zum Gegenstoß vorgehenden Rumänen erzwang die Armee Arz den Ghmes-Patz und nahm bereits das auf rumänischem Gebiet liegende Städtchen A g a z o n, während andere Kolonnen durch das Becken vou Kerchrssareale, längs der großen Straße über den Oitoc-Patz vorstoßend, diese Operationen flankieren und unterstützen. Gleichzeitig wurde auch im Norden der starke Angriff gegen Len im Ghre-Györ-Gebirge gelegenen Tolghes-Paß durch- geführt. An zahlreichen Punkten ist die r u m ä n i s che Grenze dabei überschritten und dabei wurde fcffc» gfftellt, daß die Rumänen auf der ganzen und großen 300 Kilometer langen Front das rumänstche Gebiet in einer Breite von mehreren Kilometer geräumt hatten, so daß unsere Truppen in völlig ausgestorbene Dörfer kamen. In­folge der schwierigen Geländeverhältnisse sowie der Witte­rungsungunst vollziehen sich die Operationen im Gebirge naturgemäß langsam. Auch leisten die Rumänen stellenweise zähen Widerstand, werden aber allerdings stets unter schweren Verlusten geworfen. Die blutigen Ver­luste der Rumänen sind außerordentlich hoch; sie werden oft r.och wegen der Unerfahrenheit der rumänstchen Führung wesentlich und ganz zwecklos gesteigert. Die rrimänischen Generale trieben wiederholt ihre Infanterie gegen völlig un­erschütterte, durch weit überlegene Artillerie besetzte Positioner» über absolut eingesehenes Gelände zum Sturnr vor.

Graf v. Bieberstein.

Immer mehr Ähnlichkeit mit dem serbischen Feldzug."

Russische Geftändniffe.

(Drahtbericht unseres 8.-Sonderberichterstatters.)

8. Stockholm, 3. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der mnt- liche russische .^Invalid" schreibt zur Lage an der rumänischen Front: Die Operationen gewinnen immer mehr Ähnlichkeit mi-t dem serbischen Feldzug von 1916, doch sind die Schwierigkeiten der rumänischen Heeresleitung wesentlich größer, weil sie nicht die Erfahrungen früherer Kriege ver­werten kann. Die Heeresentlastungsoffensiv-« an der südlichen Front der russischen Truppen hat einstweilen geringe Aussichten auf Erfolg, denn die österreichisch- ungarischen Heere stehen, dort so f e st, daß ein Durchbruch durch ihre Stellungen gründlicher Vorbereitung bedürfte. Wir werden also dort schwerlich in der nächsten Zukunft größere Operationen zu erwarten haben. Desto erbitterter werden voraussichtlich die Kämpfe auf dem rumänischen Kriegsschau­platz. Die rumänische Armee kann nicht ihre Stellungen arrf- geben, ohne gleichzertig die Ha u p t ft a d t dem Feinde preis zu geben. Das aber wäre gleichbedeutend mit dem Unter.» gange des Landes. Wir können zu unserer Beruhigung je» doch festftellen, daß die Zähigkeit und Widerstandskräfte der rumänischen Truppen, seit dem der Kampf auf rumänisches Gebiet hineingetragrn wurde, wesentlich zugenvmmen haben.

Englische Anerkennung für Mackensens Erfolge.

W. T.-B. Manchffter, 2. Nov.Manchester Guardian* schreibt in einem Leitartikel über Rumänien: Die Wahrhefi ist, daß die verbündeten Mächte die Fähigkeit des Feindes vollständig unterschätzt haben, zu gleicher Zeit dem russischen Angriff Widerstand zu leisten und eine Offen­sivbewegung gegen Rumänien zu beginnen. Von den viele« Fällen in diesem Kriege, wo sich die Deutschen wieder er­bosten, ist dies der bemerkenswerteste, von den vielen strate» gischen Gewinnen in diesem Kriege ist der von Mackensen in der Dobrudscha vielleicht der bemerkenswerteste nach der Schlacht an der Marne.

Die Rückwirkung unseres Vordringens in Rumänien auf Frankreich.

W. T.-B. Bern 3. Nov. (Drahtbcricht.) Zur inilitäri schon Lage führt General La Croix imTemps" aus, die Ereig­nisse in der Dobrudscha, die Räumung von Siebenbürgen und die Leistungen Mackensens entnervten die öffent­liche Meinung. Zweifellos seien die Mißerfolgs, die sich die rumänischen Truppen in den letzten Wochen zu gezogen, für die Franzosen um so empfindlicher, als diese wieder ge­wohnheitsgemäß voreilige Hoffnungen gehabt hätte«. Der neue Beweis militärischer Kraft Deutschlands habe die Öffentlichkeit beunruhigt. Man frage sich, ob die Deut­schen ins Ungemessene neue Heere aufftellen könnten und öS es nicht entmutigend sein müsse, zu sehen, wie sie allen neuen Anforderungen die Stirn bieten. Tatsächlich, meint Croix, muß dieses Schauspiel lebhaften Eindruck machen.

Ereignisse zur §ee.

Ein deutscher Torpedobootsvorstosi von der flandrischen Küste.

W. T.-B. Berlin, 2. Nov. (Amtlich) In der Nacht vom 1. zum 2. November stießen leichte deutsche Streitkräfte a«S den flandrischen Stützpunkten gegen die Handelsstraße Themse und Holland vor, hielten mehrere Dampfer zur Un­tersuchung an und brachten zwei von ihnen, die verdächtig waren, in den Hafen ein. Ein dritter Dampfer, der eben­falls dorthin folgen sollte, ist noch nicht eingetroffen. Beim Rückmarsch wurden einige unserer Torpedoboote kurze Zeitt